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Der Ernst des Lebens

Dreizehn Jahre Schule oder die Frage: Wer ist eigentlich Ernst?

Ich bin fast sieben. Meine Haare sind kurz und blond und ich trage einen Matrosenanzug. Meinen Schulranzen habe ich in den letzten Tagen voller Stolz bestimmt hundertmal ein – und ausgeräumt. Blau ist er, mit Piraten drauf und dem passenden Federmäppchen, Turnbeutel, Schwimmtasche. Einmal Grundausstattung Erstklässler, bitte.
„Jetzt fängt für dich der Ernst des Lebens an“, hat mein Opa gesagt. Na ja, zuerst einmal ist es ein großer Spaß, mit dem neuen Ranzen zuhause im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. Meine Schwester ist neidisch. Aber die ist ja auch erst fünf. Ich bin jetzt ein Schulkind. Ich laufe mit klopfendem Herzen und einer riesigen Schultüte durch die Aula der Grundschule, die in meinen Augen unsagbar groß und unübersichtlich wirkt.
Ich fahre mit dem Bus zur Schule und mittags zurück und schaue spöttisch auf die Kindergartenkinder herab, die keinen Ranzen haben, nur Butterbrotstaschen. Sie wissen nicht, dass in der Schule die Großen aus der Vierten einen anrempeln, wenn man zum Bus rennt. Dass man nur essen darf, wenn Frühstückpause ist und nicht reden und rumlaufen. Dass Hausaufgaben einem auf die Nerven gehen, wenn draußen das Wetter schön ist. Dass Mathe langweilig ist und wir in Religion immer so doofe Lieder singen müssen. Sie sind ja nur Kindergartenkinder. Ihr Leben ist bisher vom Ernst verschont geblieben

Ich bin elf. Meine Haar sind noch ein Stück kürzer und ich trage jetzt eine Brille. Ich habe mich von meinem Ranzen trennen müssen, schweren Herzens. Zu uncool. Genau wie von dem Turnbeutel, dem Federmäppchen, der Schwimmtasche. Jetzt stattdessen alles von 4You, blau und mehr wie ein Rucksack geschnitten. Einmal Grundausstattung Fünftklässler, bitte.
„Jetzt wird es aber ein bisschen ernster zugehen in der Schule“, sagt meine Patentante.
Das Gymnasium ist riesig, finde ich. Wir sind fünf fünfte Klassen, 150 Schüler aus allen umliegenden Dörfern. Zum Glück haben sie die Klassen nach Grundschulen sortiert, da hat man zumindest jemandem, mit dem man sich gemeinsam verlaufen kann. Hauptgebäude, Fachklassentrakt, Neubau, LWS…ein Labyrinth. Unsagbar groß und unübersichtlich.
Im Bus schaue ich spöttisch auf die Grundschüler herab. Die haben ja nicht mal Englisch. Und Ranzen statt Rucksäcken. Mit passenden Turnbeuteln! Die Kindergartenkinder sind außerhalb meiner Sichtweite.
Sie wissen nicht, dass wir uns in Geschichte mit den Ägyptern beschäftigen müssen und der Steinzeit. Sie haben keine Ahnung von dem Kampf, der am Busbahnhof um die Plätze herrscht. Bei ihnen kommt der Bus erst wieder halb leer an. Sie kennen keine Vertretungsstunden, Projektwochen und Methodentraining. Und wenn wir todmüde nach Hause kommen, haben sie schon zwei Stunden im Garten gespielt. Ernst sind bei ihnen höchstens mal die Lehrer und nicht die Großen aus der Oberstufe, die rauchend hinter der Hecke stehen.

Ich bin siebzehn. Meine Haare sind kurz und auch meine Brille ist noch da. Seit längerem trage ich meine Schulsachen in einem Eastpack und meine Turnschuhe nach Möglichkeit unterm Arm mit mir herum.
„Na, nach den Ferien wird es dann ja wohl mal ernst, oder nicht?“ Nach den Ferien bin ich in England, an einer Schule, die komisch klein wirkt, mit Schülern, die komisch jung wirken.
Als ich zurück komme, ist alles anders und alles wie immer. Man sammelt seine Sachen jetzt in einem großen Ordner statt in Mappen und hat Kurse statt Klassen. Man darf vor der Schule rauchen und in der Freistunde das Gelände verlassen. Ansonsten seid ihr ja freiwillig hier und könnt zu nichts gezwungen werden. Einmal Grundausstattung Oberstufe, bitte.
Mit dem Bus fahre ich nur noch im Notfall, irgendwer wird schon mit dem Auto da sein und bald habe ich auch meinen Führerschein.
Es gibt kaum noch Gelegenheit, spöttisch auf die Mittelstufe herabzuschauen. Aber sie wissen ja auch nicht, dass das Kurssystem unübersichtlich und ungewohnt ist, dass man bei der Kurswahl tausend Sachen beachten muss, dass Freistunden langweilig sind und Nachmittagsunterricht anstrengend ist, besonders, wenn man danach noch eine Facharbeit schrieben muss. Dass es lange dauert, sich die Namen all derer zu merken, die man zu seinen Stufenkollegen zählen kann und dass es viel teurer ist, ständig mit dem Auto zu fahren als mit dem Bus. Freiwillig ist außerdem bei vielen eine Frage der Definition, ein ernstzunehmende.

Ich bin neunzehn. Meine Haare sehen aus wie immer und ohne meine Brille geh ich sowieso nirgendwo hin. Ansonsten habe ich jetzt eine Umhängetasche. Und eine Sporttasche mit Piraten drauf, die früher mal groß genug war für mein Schwimmzeug. Meine Turnschuhe trage ich trotzdem weiterhin unterm Arm.
„Jetzt fängt für euch der Ernst des Lebens an!“ sagen unsere Lehrer nach den Abiturprüfungen. Die Schule scheint geschrumpft beim letzten Gang durch die Gebäude. Ich kenne jeden Stein auf dem Schulhof, jede Tür und jeden Raum dahinter. Nur die Fünftklässler, die kenne ich nicht mehr. Wehmütig schau ich auf sie herab. Sie wissen nicht, dass man sich bald um alles selber kümmern muss. Dass einem an der Uni keiner mehr sagt, wo’s lang geht. Dass die Professoren oft nicht einmal wissen, wenn sie da vor sich haben, anstatt im Lehrerzimmer Witze über die Techtelmechtel ihrer Schüler zu machen. Dass Latein und Französisch harmlos sind im Gegensatz zu VWL und dass es wohl kaum eine größere Freiheit gibt als die, sich außer um seine Hausaufgaben um nichts kümmern zu müssen.

Ich drehe mich beim Gehen ein letztes Mal nach meinen dreizehn Jahren Schule um und denke bei mir: „Wer ist eigentlich dieser Ernst, von dem alle immer reden?“

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6 Antworten

Kommentare

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    es gibt ein Kinderbuch, das den gleichen Titel trägt, wie dein Text. eine ganz süß verpackte Erkläung genau dessen, was du beschrieben hast, nur für Kinderohren und -augen.
    dein Text ist mindestens genauso gut ... nur für große Augen und Köpfe.

    08.08.2007, 16:04 von ImBoredEntertainMe
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    hahaha... sehr treffend formuliert.

    irgendwann sitzt man dann in irgendeinem Büro und denkt sich: hm, welcher von denen war denn jetzt Ernst?
    ich habe Ernst mal gegoogelt und fand heraus: er trägt entweder Uniform oder ein Gewand aus Hungertuch.
    gruseliger Typ. Möchte ich nicht treffen.

    03.06.2007, 18:45 von Sofie_Amundsen
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    Sehr schön :-))
    Kenn ich aber auch, man denkt immer: Man jetzt hab ich es gepackt und dann kommt noch was dolles hinterher!
    LG

    20.04.2007, 16:23 von Unikat
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    Wunderschöner Text.
    Ich hoffe, der Ernst findet mich nicht an der Uni...

    20.04.2007, 14:56 von Ceresia
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    Ernst ist ein kleiner Mnn, der sich immer wieder versteckt und noch nie gesehn worden ist. So ähnlich wie Jeti (:

    Aber ist ein toller Text,in dem sich sicher fast jeder wiederfinden kann...

    20.04.2007, 13:44 von rockstar
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  • 0

    schön :)

    20.04.2007, 13:34 von FrauMueller_XIV
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