Honigmelone 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 26

Der Daniel

Das Problem war gar nicht, dass Daniel schwer war. Eine gewisse Gravität war normal für einen Dompfaff.

Es galt sogar als schick, rund und rotbäuchig auf Nadelbäumen herumzusitzen - dafür liebte die Welt Dompfaffen ja. Nein, das Problem war ein anderes: der Ast. Und die Flügel.

Schuld an allem war diese dumme Marille. Daniel hatte sie vor gut drei Wochen aufgepickt und erst zu spät gemerkt, dass sie vergoren war. Leicht beschickert war er zu seinem Schlafbaum geflogen und war froh gewesen, als er im dritten Anflug überhaupt einen Ast erwischt hatte. Dort war er sofort eingeschlafen.

Am nächsten Tag hatte er gemerkt, dass der Ast viel zu dünn war. Er hatte wegfliegen wollen, aber schon beim Versuch, die Flügel auszustrecken hatte er vor Schmerz aufgekrächzt. Irgendetwas stimmte nicht. Vielleicht hatte sich einen Flügelknochen angebrochen, vielleicht einen kleineren Muskel gezerrt, vielleicht waren auch nur seine Federn gereizt. Eigentlich war es egal, denn es lief alles auf dasselbe hinaus: Es tat weh und er konnte nicht mehr fliegen.

Als er das verstanden hatte, hatte Daniel Angst bekommen. Er hatte sich an den Ast gekrallt und geschluckt. Plötzlich war unter Daniel eine große Leere. Erst nach Stunden hatte er sich getraut, kurz Richtung Erde zu linsen und noch einmal geschluckt. In der Nacht träumte Daniel von einem Haufen mit toten Flügeln und einem roten Bauch. Nach dem Aufwachen merkte er, dass er nicht allein war.

Er konnte nun immer noch nicht fliegen, aber alle wussten es jetzt. Eine ganze Schar Vögel war gekommen, um sich das Spektakel anzuschauen. Dass ein fetter, blasierter Dompfaff vom Baum krachte, sah man schließlich nicht alle Tage. Es wurden Wetten abgeschlossen, wann es so weit wäre und wie Daniel wohl auf den Boden auftreffen würde. Wenn Wind aufkam, wurde gejohlt. Ein großer Erfolg war auch der Seidenschwanz, der über Daniel hinwegflog und ihm auf den Kopf kackte.

Daniel wusste nicht, was er tun sollte. Er krallte sich nur fest und guckte nach oben, manchmal auch von links nach rechts. Er ärgerte sich, dass er sich für die Nacht mit der Marille extra eine Eichelhäherfeder über den Kopf gezogen hatte und so eine billige Angriffsfläche für den Vogelmob bot. Jetzt wollten sie ihm die Feder mit Steinchen vom Kopf schießen. Alles sollte aufhören, bitte.

Aber das tat es nicht: Die nächsten Tage waren alle so. Schließlich hatte keiner damit gerechnet, dass der Ast so lange hielt. Daniel selbst am wenigsten. Es war ihm aber auch egal. Je länger es ging, umso egaler wurde ihm alles. Apathisch saß er seine Stunden ab, guckte, plusterte sich, wenn es regnete, schloss die Augen, wenn er müde war. Alles war Reflex.

Eines Nachts wachte Daniel auf und sah keinen Grund mehr. Es gab keinen Grund, warum er seinem Publikum nicht das geben sollte, was es wollte. Es würde seinen Spaß haben und für ihn war es mittlerweile eh schon egal.  Er würde sich fallen lassen. Es würde nur wenige Sekunden dauern, ein paar Sekunden Angst im freien Fall, dann war es vorbei. Genau. So war es, so würde es sein. Endlich keine Angst mehr. Wie schön. Juhu. Ungeduldig stieg Daniel von einem Fuß auf den anderen, er hüpfte fast. Endlich!

Der Ast brach. Daniel flog davon.

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19 Antworten

Kommentare

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    Ich hatte gehofft, gehofft bis zum Schluss, dass ihm geh

    20.05.2014, 09:37 von Cat.
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      Olfen wird. Das er wach wird und jemand liebes neben ihm wach wird. Schön das er es von alleine geschafft hat. Der mutige. 

      20.05.2014, 09:46 von Cat.
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    Stark!

    19.05.2014, 14:16 von ChaTalie
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    Den Text mag ich so wie er ist, Ausdrücklich inklusive des letzten Satzes.

    18.05.2014, 22:16 von Cyro
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    Ist wohl ein bisschen wie mit der Hummel...

    18.05.2014, 21:02 von Mamalina
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    Ich find's putzig.

    16.05.2014, 19:05 von Marvbaer
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    gefällt mir- den schluss hatte ich noch spannender erwartet:)

    16.05.2014, 19:03 von livinggoldair
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    hab ich doch echt für einen ganz kurzen Moment gedacht, die anderen kommen um zu helfen :-)

    16.05.2014, 18:50 von grins
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  • 0

    unnötig nerviger und auch sehr langweiliger text. hör ab jetzt auch mit so einem blödsinn.

    16.05.2014, 17:17 von Junger_Faust
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  • 2

    ich bin nich schwer! aber fliegen kann ich leider auch nich.

    16.05.2014, 17:16 von IceIceFriedhelm
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