Das Zimmer im Benjamini
eine Kindheitserinnerung
Im Wohnzimmer, hinter dem 3-Sitzer Sofa, direkt am Fenster, steht der Benjamini. Er lebt in einem großen Topf denn er ist schon sehr alt. Aber robust. Nicht so wie alte Leute, die immer irgendwie krank sind. Der Benjamini verliert zwar immer wieder Blätter, aber die werden aufgesammelt und es wachsen neue. Die herabfallenden Blätter sind oft gelb und ganz weich. Sie sehen nicht mehr sehr lebendig aus und deswegen ist es auch in Ordnung wenn sie eingesammelt werden.
Mama sammelt sie einmal in der Woche ein. Sie geht dann mit einem kleinen Körbchen und einer Schere durch das Haus und kümmert sich um alle Pflanzen. Mit der Schere schneidet sie nicht mehr so schöne Stellen ab, sie sagt, man muss Pflanzen beschneiden, damit sie noch besser und gesünder wachsen können. Im Haus stehen überall Gießkannen. Dann muss Mama sie nicht durch das ganze Haus tragen. Wenn sie nämlich mit einer Gießkanne, zum Beispiel mit der roten aus Blech, eine Blume gegossen hat dann holt sie neues Wasser und das bleibt dann da drin bis sie nächste Woche wieder die Runde mit dem Körbchen und der Schere macht. Abgestandes Wasser ist besser für Pflanzen, sagt sie.
Der Benjamini ist nicht so schön wie andere Pflanzen. Es gibt nämlich noch viele andere Pflanzen im Haus, von den meisten kenne ich den Namen nicht. Einige blühen nur einmal im Jahr für eine ganz kurze Zeit, trotzdem werden sie einmal in der Woche besucht. Es ist auch sehr wichtig, dass sie immer wieder so hingestellt werden wie sie es kennen. Wenn Mama den Topf von der Fensterbank nimmt, dann stellt sie ihn genauso zurück. Damit die Blumen nicht ihre Hälse verdrehen müssen wenn sie zur Sonne gucken wollen.
Obwohl der Benjamini gar nicht schön blüht oder irgendwas Tolles kann außer gelbe Blätter auf den Teppich zu werfen ist er sehr wichtig, das glaube ich jedenfalls. Denn er ist ja immer noch da und manchmal hat Mama schon Blumen weggeworfen. Sie redet dann mit ihnen und schimpft, sagt, dass sie ihnen noch einmal eine Chance geben will. Dann beschneidet sie, düngt, stellt die Blume an einen Platz wo sie immer ran kommt und schaut jeden Tag nach. Wenn die dann immer noch rumzickt, dann kommt sie auf den Kompost. Meistens muss ich Sachen auf den Kompost bringen und das macht nicht wirklich Spaß weil der ganz hinten im Garten ist und es meistens schon abends ist wenn Mama irgendwas auf den Kompost gebracht haben will.
Mama hat den Benjamini noch aus ihrer ersten Wohnung mit Papa. Darum schmeißt sie ihn auch nicht weg. Außerdem hat sie mal gesagt, dass der Benjamini lebt und man nicht einfach lebende Pflanzen wegwerfen kann.
Wenn sie die Blumen gießt, dann macht sie häufig Musik an und überall im Haus ist Licht. Das ist irgendwie schön. Auf der anderen Seite kann man Mama dann auch nicht stören weil sie sehr beschäftigt ist. Sie plant immer viel Zeit ein für die Blumen.
2 Sachen finde ich auch gut am Benjamini. Die Blätter krümeln nicht. Andere Pflanzen werfen einfach mit den Blättern um sich und die zerkrümeln dann auf dem Teppich, das muss dann weggesaugt werden. Eigentlich würden sie nicht unbedingt zerkrümeln wenn man nicht den Daumen draufdrücken würde oder drauftritt. Aber das knuspert und sieht spannend aus. Neben den weichen Blättern hat der Benjamini noch etwas Tolles und das ist ein Geheimnis.
Ich kann mich hinter dem Sofa verstecken. Es ist braun und plüschig. Mit kleinen, schwarzen Punkten. Ich kann zwischen Sofa und Heizung kriechen, da ist ein Spalt weil ja der Benjamini in seinem Topf dort steht.
Wenn ich da sitze, dann kann mich keiner sehen, das ist sehr praktisch. Ich kann aber alles hören. Manchmal habe ich mich dann verraten weil ich hinter dem Sofa gesessen habe und gelacht habe. Aber eigentlich habe ich da meine Ruhe. Zum Beispiel wenn ich ein Würstchen aus dem Kühlschrank gemopst habe und Mama plötzlich aus dem Keller hochkommt. Sie soll das nicht wissen weil sie dann sagt, dass es bald Essen gibt und ich nicht noch vorher ein Würstchen essen soll. Ich konnte aber bisher immer noch genug Abendbrot essen, egal ob ich vorher Würstchen gegessen habe oder nicht.
Wenn ich da hinter dem Sofa sitze und ganz angespannt auf den großen Topf vom Benjamini schaue, so richtig doll, dann kann ich so Umrisse sehen. Und wenn ich dann noch genauer hinschaue und nichts weiter höre als die Dunstabzugshaube und das Topfgeklapper aus der Küche, dann wird daraus eine Tür.
Man muss schon sehr genau hinsehen und an nichts anderes denken und dann merkt man plötzlich wie man immer kleiner wird. Es ist ein Gefühl wie wenn man auf dem Sofa liegt und den Kopf über die Lehne hängen lässt für lange Zeit. Es dreht sich und es rauscht zwischen den Ohren. Aber mir wird davon nie schwindelig. Irgendwann hört man auf zu schrumpfen und ist so groß, dass man durch die Tür gehen kann. Am besten schließt man die Tür hinter sich, denn wenn man das nicht tun würde, dann würde ja die ganze Erde aus dem Benjamini Topf auf den Teppich bröseln.
Wenn man aber einmal im Benjamini ist, dann ist da keine Erde mehr, sondern ein großer, schöner Raum. Er ist rund, so wie der Topf. Und es gibt dort einen großen Sessel mit einer Stehlampe daneben. Sie Lampe hat ganz weiche Fransen am Schirm, daraus kann man Zöpfe flechten. Und es gibt eine Schnur, wenn man daran zieht dann geht das Licht aus. Wenn man rechts rum geht, dann gibt es dort eine Treppe. Am Anfang sieht die Treppe aus wie alles im Raum, einfach nur schwarz und aus Plastik. So wie der Topf eben. Aber wenn man die Treppe weiter nach oben geht, dann kommt man in den Benjamini Stamm, dann ist die Treppe aus hellem Holz und eingedreht. Ich bin noch nie weiter nach oben gegangen weil es so aussieht als könnte der Benjamini da einen zerquetschen wenn er das will. Und unten ist es auch viel schöner. Es gibt nur den Sessel und die Lampe. Sonst gar nichts. Auch keinen Fernseher oder irgendwas zum spielen. Nur der große Sessel, so groß, dass man mit den Füssen nicht auf den Boden kommt wenn man auf ihm sitzt.
Meistens bleibe ich nicht sehr lange im Benjamini. Wenn die Küchentür nämlich aufgeht und Mama durchs Haus ruft „Essen ist fertig!“ dann weiß ich, dass ich schnell da raus muss. Ich will nicht, dass sie weiß, dass es im Benjamini eine Tür gibt. Vielleicht gibt es auch deshalb nichts im Benjamini Zimmer außer dem Sessel und der Lampe. Ich hätte ja nie Zeit aufzuräumen wenn ich immer so schnell weg muss.
Wenn ich dann am Tisch sitze, beim Essen, und alle sich was erzählen, dann denke ich häufig an das Zimmer im Benjamini und freue mich schon auf das nächste Mal wenn ich dahin zurückkann. Das ist mein Geheimnis, das Zimmer im Benjamini und ich.





Kommentare