robert_suydam 15.05.2012, 21:42 Uhr 2 4

das pfeifpelzchen

* tüt *






wenn man so weit nach norden wandert, bis man die phantasie aus dem süden wehen spürt, befindet man sich nicht mehr weit von den morgentauhügeln entfernt.

 dort lebt in einem verlassenen dachsbau eine merkwürdige kreatur, verwandt mit dem mantikor und der chimäre, doch weder mit majestätischen noch mit furchteinflößenden eigenschaften versehen:

kaum so groß wie eine kleine maus, hat sie den kopf eines mylopisapischen erdferkels, die vorderhufe eines zwergrehs, ein beinpaar wie der gestiefelte kater und außerdem einen dicken hintern.

 ihr leben ist ein wenig traurig, denn wo die große und prominente verwandtschaft angst, schrecken, ehrfurcht und respekt erntet, sich gar die pforten der mythologie aufgeschlossen hat, da bleibt für die kreatur aus den hügeln nur ein etwas am rande des nichts, ein leben im übersehensein.

sie zog in den dachsbau und lebt in heimlichkeit.

nur in klaren nächten kommt sie für längere zeit nach draußen, um vom höchsten der hügel aus die sterne zu betrachten. dann hätte sie gern flügel, schaut sich auch manchmal verstohlen über die schultern, aber dort scheint nur der mond auf einen samtigen pelz, nicht unähnlich dem eines maulwurfs. kein gefieder, keine flügel.

 .......

 in einer solchen nacht wurde das kleine ding einst von polternden streitstimmen aufgeschreckt. ein biber und ein fuchs tauchten von den auwiesen her auf und schimpften aufeinander ein. die kreatur drückte sich flach in das gras und lauschte dem gezeter:

"hab ich nicht !"

"hast du wohl !"

"nein, auf keinen fall."

"doch."

"nein !!"

"die elster hat es aber gesehen!"

"was !?? die lügt doch, die lügt andauernd."

"das sag ich ihr !"

"mach doch, ist mir egal."

"ach, verpfeif dich !!"

"das könnte dir so passen! ich geh nach hause. so."

"stumpfpelziger feigling !"

"kraftloser schmalschwanz !",

theaterten sie herum und stapften schließlich wutschnaufig in verschiedene richtungen davon.

 

die kleine hügelkreatur blieb aufgeregt zurück.

was hatte der biber zum fuchs gesagt ?

verpfeif dich doch ?

ob das wirklich möglich war ? könnte man sich fortpfeifen ? einfach so, mit dem richtigen ton, die lippen gespitzt, ein tüt, hup oder pfüt getönt und schon wäre man unterwegs ? am ende noch dahin, wohin man gern möchte ?

 in dieser nacht schlief die kreatur nicht für die dauer eines atemzuges. mit großen augen starrte sie in die dunkelheit der muffigen dachshöhle und überlegte hin und her und hoch und runter, ob man wirklich auf einem pfiff verreisen kann.

am ende kam sie zu dem schluß, ohnehin nichts zu verlieren zu haben und deshalb den versuch auch ebensogut wagen zu können.

 .......

 seither läuft sie am ende jeder nacht, immer wenn der morgenstern über den horizont steigt, zu einem verkrüppelten baum in der nähe der hügel, klettert dort auf einen zweig und versucht, den richtigen ton zum verpfeifen zu finden. sie spruzt, fruzt, flietscht und pfüzt versunken vor sich hin, denn ein erdferkelmund ist nicht gerade das tollste geschenk für einen pfeiflehrling.

 .......

 all die sonderbaren töne im zwielicht haben dann etwas eigenwilliges bewirkt:

die frühaufstehertiere spitzten die ohren, erzählten es den nachzüglern, diese wieder den faulpelzen, und wenn die mal zeit hatten, flüsterten sie es auch den langschläfern -

ein neuer ist im land, ein schrägpfeifer, den keiner kennt, mancher schon mal gehört, aber noch nie einer gesehen hat.

so kam die kreatur, ohne etwas davon zu merken, zu einem namen.

denn die tiere wußten sich natürlich nicht anders zu helfen, als das neue einer taufe zu unterziehen. und weil die nerze darauf bestanden, daß jemand, der alle töne kennt, wenn auch verschieft und chaotisch, zumindest doch einen hübschen pelz haben müßte, und die uhus sagten, das neue tier müßte außerdem sehr klein sein, denn sonst hätten sie es längst entdeckt, nannten sie ihren rätselhaften nachbarn:

das pfeifpelzchen.




Tags: Robert, Suydam
4

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    ich kann nicht glauben, dass hier keine meiner silbe spuren hinterließ?!

    das kleine teil muss echt mehr futtern und nicht nur töne ver-pfeifen.
    wenn es etwas zulegen wollte, kämen evtl bald kräftigere töne aus ihm hervor: eher zwutschen zutschen, mupseln und schnorksen.
    und ich find, es ist allein.
    :(

    14.06.2012, 23:24 von zehnmomente
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich ♥ das Pfeifpelzchen! Sehr liebenswerte Geschichte, vielleicht sogar eine etwas andere Gute-Nacht-Geschichte. Und einige putzige Worte, in die ich mich verlieben könnte.

    16.05.2012, 05:40 von Mrs.McH
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
15. Juli 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android