LudwigMartin 23.07.2008, 12:42 Uhr 5 3

Das Märchen über dem Leben

Es schwebt einen Hauch breit über Alltag und Festtag. Manch einer sagt: Träum nicht, sondern leb', was bedeutet es aber, traumlos zu leben?

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Es schwebt einen Hauch breit über Alltag und Festtag, über Erlebtem, Geplanten und Erhofftem: das Märchen über dem Leben.

Dünn kreist es, kaum greifbar. Denn das, was Du sehen kannst, ist es nicht. Das, was Du konkret beschreiben kannst, ist es nicht. Es ist kein Ort und keine Gegebenheit, aber es ist mehr als nur Traum. Es ist der Blick durch ein Kaleidoskop auf Dein Leben und das Leben der anderen.

Manch einer sagt: Träum nicht, sondern leb' lieber!

Und er hat recht, wenn er meint: Leb'! Und träum nicht nur von Feen und Gespenstern aus Geschichten, die nicht Deine eigenen sind. Das meint: Hab weder übersteigerte, unerfüllbare - und zum Unglück als Lösung verdammte - Hoffnung. Hab keine irren Ängste. Ängste, die die Einsamkeit schürt. Ängste, die Mächtigen schüren. Ängste, die Fremde schüren. Ängste, die die Masse schürt. - Leb'!

Was aber ist ein märchenloses Leben?

Ein Leben ohne Märchen ist nicht Dein Leben. Denn Dein eigenes Märchen ist eine Dimension Deines Lebens. Wenn Du Deine Nase nie in den Hauchbreit über Dein Leben stecktst, siehst Du nur Funktion und Abhängigkeiten. Und Du stellst fest: das bist nicht Du. Deine Gefühle: ein Hormonhaushalt. Deine Wille: eine Folge. Deine Wünsche: Körperfunktionen. Sublimierungen. Neurosen.

Du kannst sagen: das ist wahr.

Du wirst zur Funktion, Du wirst nihilistisch. Die Kraft geht Dir verloren, denn Lebenskraft hat eine Bestimmung: die Gestaltung Deines Lebens. Wenn Dein Leben nicht Du bist - was sollst und kannst Du gestalten?

Du kannst sagen: das darf nicht sein.

Du kannst aufbegehren. Stürz Dich in einen Lebensgestaltungswahn: alles wird Kunstwerk von Deiner Meisterhand. Im Rausch der Möglichkeiten und auf der Grundlage des Selbstbestimmungrechts gestaltest Du wie Sartre einst vor dem Hintergrund des Nichts. Du entwirfst Dich, setzt Dich um und setzt Dich durch. Aber es bleibt im Hinterkopf doch der Gedanke: Das bist nicht Du. Du enstcheidest alles und glaubst doch nicht an einen unabhängigen Willen. Du kontrollierst Gefühle und weißt doch, daß die Chemie Dich auch in der Kontrollsucht steuert. Du planst und wünschst und setzt um - und es gibt Augenblicke, wo Du ein kleines Rädchen im Getriebe neben Deiner ausgefeilten Lebensmaschine siehst und keinen Unterschied erkennst. Du glaubst Dir selbst letztendlich nicht und Dein Tun und Argumentieren und Durchsetzen ist nur Ablenkung.

Da kannst auch sagen: das ist nicht wahr.

Welch bodenlose Anmaßung. Du negierst die Wahrheit? Was ist Wahrheit?
Nun, jede Wahrheit ist nur Teil und hat ihre Seiten, Sichten und Facetten. Denk an Deine Träume: sind die wahr oder nicht?

Denk an das, was ist - und das, was sein könnte. Was davon ist mehr wahr?

Der Inhalt eines Gedanken ist nicht irreal. Wäre er irreal, dann wäre er nicht. Nicht denkbar. Nichtdenkbares kann wiederum nie Gedanke sein.

Du kannst also sagen: Märchenloses Leben ist nicht wahr.

Manch einer sagt: Setz doch mal die rosarote Brille ab!

Warum? Nun, es gibt Gründe. Beispielsweise könnte man ja mal die grüne aufsetzen. Insofern: warum also nicht?

Probier also die grüne oder weiße oder gelbe. Und schon schwebst Du bewußt im Märchen - eine Hauchbreit über dem Leben. Und im Probieren der Brillen lernst Du das Märchen kennen. Es ist nicht so oder so. Es kann Dein eigenes Märchen werden: das Märchen, welches einen Hauchbreit über Deinem eigenen Leben schwebt. Denn nicht nur, was Du tust, ist Dein Leben, und was Du erlebst. Sondern auch - und vor allem das Märchen über dem, was Du tust und erlebst.

Du kannst Menschen, Gegebenheiten und Dinge beim Namen nennen - und sie werden sich verändern. Ein Name ist nicht nur Konzession. Ein Name ist auch märchenhafte Verbindung zwischen Namensträgern. Ein Name entsteht in der Märchenwelt zwischen Namensgeber und Namensträger. Ich nenne Dich auf eine Art und Weise, und Du erfähsrt, welchen Platz Du in meinem Märchen einnimmst.

Das Märchen über dem Leben ist aber auch gemeinsames Märchen in Geschichten und Reflektionen, Mythen. Es verbindet und läßt Freiheit für eigene Märchen im Rahmen des Gemeinsamen. Gemeinsam Erlebtes wirkt für den Augenblick und verblaßt. In der Erinnerung sagst Du: derjenige war da, sie hat dieses gesagt und in etwas so hast du empfunden. Du siehst zurück, aber erlebst nicht - weil Du ja im Jetzt lebst und nicht im Damals. Oder Du verfällst der Nostalgie und erlebst das Jetzt nicht. Im Märchen aber zieht sich Damaliges und Heute zusammen: Du gibst neue Namen für erlebte Menschen und Orte, Du fügst Dimensionen hinzu, die Dir damals nicht bekannt waren: Du erlebst neu.

Im Märchen über Deinem Leben findest Du im gemeinsamen Märchen zum Anderen und Du findest im Heute zum Gestern, ohne das Heute zu verlieren. Du findest Ganzheit im Märchen, der Schatten, der einen Hauchbreit über Deinem Leben schwebt, zeichnet neue Konturen auf verblassende Bilder. Es kaschiert aber nicht, sondern es zeichnet um, denn nicht die Vergangenheit zählt in ihrer Genauigkeit, sondern Dein Leben und Märchen.

Im Märchen über Deinem Leben findest Du zu Dir, ohne Dich oder die Welt zu verlassen.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ja, lieber die Trugbilder der Subjektivität, als den Schwindel der Objektivität!

    27.08.2008, 21:24 von M_Kleemann
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  • 0

    - Interessante Gedanken, gefaellt mir gut.
    "Dreams are the narratives of your life ..."

    - Ich denke, das falsche Traueme (die man sich selber erzaehlt) oder "Luegenmaerchen" (die man anderen erzaehlt), durch ihre Starrheit und Lebensfeindlichkeit irgendwann auffallen.
    (Hast die Folgen ja schon unter "Manch einer sagt: Träum nicht, sondern leb' lieber!" beschrieben)
    Das "richtige" Maerchen kann dein Leben eigentlich nur bejahen und bereichern.

    - "Und schon schwebst Du bewußt im Märchen - eine Hauchbreit über dem Leben"
    !!!
    Das Bild werd' ich schamlos kopieren & als meins ausgeben ...

    17.08.2008, 17:58 von hellerBARde1789
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      @hellerBARde1789
      Gestatten, Ghostwriter, der Mann ohne Namen.

      Honorarrechnung und Kontoverbindung per PN.

      17.08.2008, 22:29 von LudwigMartin
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    Und deswegen kann ich mich ewig aufregen über Menschen, die den Unterschied zwischen Märchen und Lüge nicht begreifen.

    11.08.2008, 16:43 von sohalt
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      @sohalt
      Dank Dir für Deinen Kommentar.

      Ich glaube, das Märchen wurde oft zum Zwecke der Lüge mißbraucht. Es wurde ein Märchen erdacht - für andere und zu irgend einem Zwecke. Und dieses zerstörte Vertrauen führt zur Skepsis gegenüber dem Märchen an sich. Traurig.

      11.08.2008, 21:21 von LudwigMartin
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      @LudwigMartin Ja, das ist wohl auch das Problem mit Träumen.

      Soviel Leute wollen einem welche andrehen -
      nie kann man ganz sicher sein, ob es auch wirklich die eigenen sind.

      12.08.2008, 08:51 von sohalt
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  • 0

    neben quantenphysik, paralleluniversen etc. eine schöne sicht. romantischer. gefällt mir. lg

    23.07.2008, 13:31 von TNT
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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