ninasofie 04.04.2007, 07:27 Uhr 4 5

Das Mädchen mit dem Cello

Und sie spielt Cello. Cello in drei Orchestern, Cello zu Hause und Cello im Kopf.

Ich sehe sie noch deutlich vor mir: Das aschblonde, zierliche Mädchen mit dem großen, zu schweren Ranzen auf dem Rücken. Der Zufall hatte uns zusammengebracht. Beide entschieden wir uns nach der Grundschule für das selbe Gymnasium, den selben Zweig, landeten in der selben Klasse und sollten es fast sieben Jahre bleiben. Alles war so neu damals. Die Schulkameraden, die Lehrer, die Atmosphäre. Ganz anders als bei uns auf der Grundschule im Dorf, ganz anders.

Als die dreiundzwanzigköpfige Herde aus aufgeregten Neulingen am ersten Tag ihrer geplanten Gymnasiumskarriere das Klassenzimmer betrat, herrschte wildes Treiben. Niemand wollte alleine sitzen, jeder wollte schnell einen Sitznachbarn ergattern um am Ende nicht als Überbleibsel dazustehen. Schnell huschte ich auf den freien Platz neben einem Mädchen, welches ich noch aus Grundschulzeiten kannte. Glück gehabt, Platz ergattert.

Nur die kleine Blonde stand alleine im Türrahmen. Ihre hilflosen Blicke durchwanderten den Raum, suchten nach einem freien Platz und fanden nur die leere Zweierbank ganz vorne beim Lehrerpult. „Setz dich doch, Mädchen! Hier ist noch Platz.“, forderte sie unser neuer Lehrer auf. Als hätte sie den Platz nicht selbst gesehen.

Da stand es nun also, das einzelne Häufchen. Ganz einsam und all unsren Blicken ausgeliefert stand sie vor uns und es scheint mir so, als wäre dieser Moment der Vorgeschmack auf all die folgenden Jahre gewesen. Schließlich bewegte sie sich schüchtern auf den freien Platz zu, stellte die Tasche ab, verrückte den Stuhl ein Stückchen und setzte sich.

Wie im Flug verging der erste Tag am Gymnasium. Schulregeln wurden vorgelesen, Stundenpläne ausgeteilt und Kennenlernspiele gespielt. „Oh, eine kleine Musikerin“, freute sich der Lehrer als sie an die Reihe kam und sich vorstellen sollte. „Eigentlich nur Cello spielen.“, war ihre Antwort auf die Frage, was sie so machte. Nach der Schule, in den Ferien, an Wochenenden. Unterdrücktes Kichern machte sich breit und den Mitschülern. Cello spielen? Nur Cello spielen?

Tage, Wochen, Monate vergingen. Der wirre Haufen fremder, kleiner Menschen gruppierte sich allmählich. Freundschaften wurden geknüpft, Banden gegründet, Plätze getauscht. Nur sie blieb still sitzen, verharrte auf ihrem Platz und neben ihr saß nur ihr Ranzen.

In den Pausen wusste jeder, wo man sie finden konnte. Einsam stand sie Tag für Tag in der großen Aula neben den Mädchentoiletten, biss langsam von ihrem Butterbrot und wartete sehnlichst auf den Gong, der sie zurückbrachte an ihren Platz. Weg von all dem Lärm, dem Kinderlachen, dem Trubel ihrer Mitschüler. Nie wollte sie mitspielen, ging nie mit auf den Hof, spaßte und lachte nicht mit uns, versuchte allein zu sein. Nur für sich.
Sie erschien uns so fremd, so anders. Ja, so fremd und ernst, gefangen in ihrer Welt. Wenn wir sie ansprachen, senkte sie den Blick, suchte nach einem Ausweg und war verschwunden.

Kein einziges mal erschien sie zu einer Geburtstagsfeier, sagte immer kurz vorher ab. Immer kam ihr etwas dazwischen. Sie hätte viel Stress, müsste viel üben. Cello. Sie spielte Cello in drei Orchestern, Cello zu Hause und Cello im Kopf.

An ihre Ausreden gewöhnten wir uns in den nächsten Jahren, sie wurden zur Routine. Immer häufiger bekamen wir davon zu hören und verstanden nicht, wie sie auf alles andere verzichten konnte. War sie glücklich? So einsam und nur umgeben von der Musik, den Klängen ihres Cellos?

Viel hatte sich seit dem Neubeginn verändert. Wir waren nicht mehr die kleinen, zierlichen, manchmal auch pummeligen und pausbackigen Kinder. Unsere Körper formten sich, reiften, wurden schmäler oder breiter, schöner oder hässlicher, in allen Fällen erwachsener. Nur sie behielt ihre knabenhafte Figur, die kindlichen Züge.
Ja, der wilde Haufen wurde älter, die Interessen wandelten sich. Wir machten Erfahrungen, genossen die Jugend. Auch dabei machte sie nicht mit. Sie verharrte auf ihrem Platz, schloss sich der Gruppe nie wirklich an, spielte Cello in drei Orchestern, Cello zu Hause und Cello im Kopf. Doch, ja, ihr gehe es gut, sie sei zufrieden. Doch, klar, alles in Ordnung.

Das Cellospielen wurde zu mehr als einer Leidenschaft. Stunden konnte sie damit verbringen. Wenn sie nicht spielte schrieb sie Noten, überlegte sich neue Melodien, lernte ganze Sonaten auswendig und wurde ein richtiges kleines Talent. Ein einsames Genie.

Nicht viel Einblick gewährte sie uns in ihr Leben. Die knappen, seltenen Gespräche verrieten kaum etwas von ihrem Zuhause. Doch was wir erfuhren, machte uns jedes Mal sprachlos. Das eingesperrte Fernsehgerät im Wohnzimmerschrank, die verschlossene Tür zum Computerzimmer, das Verbot für Filme ab zwölf, und das im Alter von siebzehn Jahren. Bettruhe um halb zehn und wehe das Licht geht noch einmal an. Was zählt ist die Musik, und zwar nur die Musik.

Dass Freundschaften, Schule und Spaß darunter leideten, schien allen egal zu sein. Und ihr, ihr auch? Oft fehlte die Mathematikhausaufgabe oder der Deutschaufsatz, nicht nur einmal verschwitzte sie ihren Referattermin, verplante die Schularbeit, verpasste den Bus oder erschien überhaupt nicht zum Unterricht. Alle wussten wir den Grund für ihr Verhalten, wussten wie wichtig ihr sie Musik ist, dass sie dafür lebt. Dafür leben muss.

Doch noch nie war es so schlimm wie jetzt. Das fahle Mädchen scheint immer mehr zu verblassen. Über drei Wochen schon habe ich sie nicht mehr gesehen. Bei Anrufen gibt sie den Kopfschmerzen die Schuld, mal ist es die Grippe, dann wieder Übelkeit. Die Liste ist lang. Die Lehrer merken es, tun ihre Pflicht, kontrollieren die Atteste und Entschuldigungen, nicken und fahren mit dem Unterricht fort.

Jetzt bleibt der Platz im Klassenzimmer leer. Ob sie wohl wieder kommt? Nach Ostern vielleicht? Nächstes Jahr? Wo ist das Mädchen mit dem Cello, die ihren Platz nie richtig eingenommen hatte? Nur besetzt war er, aber eingenommen nicht, nein. Ihr leben opfert sie der Musik. Spielt noch immer Cello in drei Orchestern, Cello zu Hause und Cello im Kopf.

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4 Antworten

Kommentare

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    vielleicht ist es dieses Mädchen hier..

    14.11.2013, 20:45 von Tora
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    Das arme Mädel!!!
    Da sind es wohl die Eltern, die mal ins Erziehungscamp müssten... Ich kenne leider viele von diesen "getrimmten" Jugendlichen... Vielleicht studiert sie ja mal Cello, wenn sie gut ist, kann sie da vielleicht endlich mehr Spaß haben. Ist dann auch eher "unter ihresgleichen"...

    11.04.2007, 16:14 von Doktorarbeit
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