Das erste Mal: berufliche Ratschläge geben
Was rät man jemandem, der dabei ist, sich in schwierigen Zeiten für ein sicheres Karrierestudium zu entscheiden? Ein offener Brief.
»Cousinchen!«, schreibe ich, »habe deine Mutter getroffen, die mir erzählt hat von tausend Wegen, die du nach dem Abitur einzuschlagen erwägst, als Managerin von Jonas’ Rotzcore- Band oder Galeristin oder stramme BWL-Studentin an dieser französischen Superuniversität, was du laut deiner Erzeugerin aufgrund des sogenannten Jobgarantieaspekts favorisierst. Verdammt, dachte ich da, diese junge Dame ist gerade dabei, eine verhängnisvolle Entscheidung gegen ihre Leidenschaften zu fällen – und ich tendiere dazu, ihr meine Bekräftigung auszurichten. Weil ich es doch nicht getan habe, schreibe ich dir jetzt.
Dein Sicherheitsbedürfnis kann ich gut nachvollziehen. Auch ich schrecke manchmal von einer Kugel Eis hoch mit dem edanken: Wie würde ich eigentlich von Arbeitslosengeld II leben – und könnte es eines Tages mich treffen? Viele Menschen, die ich kenne, reagieren auf derartige Angstblitze mit reichlich lebenslauffixiertem Fleiß: Sie sammeln Berufserfahrung, Auslandserfahrung und Handynummern von Typen mit noch mehr Handynummern, die man mal zwecks Berufserfahrung kontaktieren könnte. Je häufiger im Radio gesagt wird, dass wir Jungen in Zukunft statistisch weniger Geld haben werden als unsere Eltern, desto mehr schuften die meisten, um in der Statistik der Ausreißer nach oben zu werden. Das Problem ist bloß dieses: Arbeitslosigkeit als mehr oder weniger logische Folge aus Faulheit, Krankheit oder Selbstverschuldung (Geisteswissenschaft studiert) gehört wie so vieles zu den Geschichten von früher. Oder findest du hinter Hartz IV, AEG, dem Rumgefingere am Kündigungsschutz usw. eine schlüssige Logik von Mühen und Lohn? Was, wenn unsere Lebensversicherungen verpuffen, wie es die Renten taten? Und wer kann widerlegen, dass die zahllosen Praktikanten, befristet Beschäftigten und Paare in berufsbedingt entzweiten Fernbeziehungen nicht Wasser in Sieben tragen, in der Hoffnung, dass es sich lohnt? Diese Hoffnung hat doch längst ein Loch. Aber eigentlich schreibe ich dir nicht, um dir den Tag zu verderben. Erstenswollte ich dir mitteilen, dass diemeisten mir bekanntenBerufstätigen nach einem Abgleich mit der üblichen Liste der arbeitsmarktqualifizierenden Fähigkeiten (Fremdsprachenkenntnisse, Kritikfähigkeit, seriöses Auftreten usw.) längst tot sein müssten, es aber nicht sind. Scheinbar kommt man auch ohne Talente an ganz gute Jobs ran, also dürfte es auch kein Hindernis sein, wenn man trotz der schlechten Zeiten Würde bewahrt und im Abendkurs ›Servilität‹ nur eine Zweiplus bekommen hat. Vor allem aber glaube ich, dass du dich fragen solltest: Worauf möchte ich wirklich hoffen? Auch, aber nicht nur in beruflich-finanzieller Hinsicht. Trotz der düsteren Zukunftsprognosen – und gerade wegen ihnen. Nun gut, man muss jetzt also ›Rücklagen‹ in den Sparstrumpf stecken für allerlei Fälle der Fälle (Zahnarztbesuch, AEG, Freunde in Not). Langsam könnte man doch mal nachdenken, was einen außer dem vergoldeten Bidet im Gästehaus glücklich machen könnte: mehr Familie, mehr Geist, mehr anderer Staat? Wenn du die Eliteschule antrittst, tu es nicht allein der angeblichen Sicherheit wegen. Und schick mir ab und zu ›Carambar‹-Bonbons. Deine F.«





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