taetschbuesi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 38 168

Damit ein Stern entsteht

Also schäme dich nicht, kollabiere, brich zusammen, zerfalle in deine Einzelteile, bevor du sie wieder zusammenfügst.

Damit ein Stern entsteht, muss ein Nebel kollabieren. Also schäme dich nicht, kollabiere, brich zusammen, zerfalle in deine Einzelteile bevor du sie wieder zusammenfügst. So wie sie gehören, so wie sie sein sollen. Du darfst am Boden liegen. Du darfst dich fühlen, als würdest du in der ganzen Welt zerstreut sein. Als wären deine Partikel von dir weggeschleudert worden, als klebten sie noch an Orten, Erinnerungen, Menschen fest und würden nicht mehr zurückkommen zu dir.

Du darfst dich fühlen, als wenn alles zu Ende ist. Als ob du aufhörst zu existieren, nicht mal mehr bist. Wie eine Wolke von kleinsten Teilchen, eine zufällige Ansammlung von Materie. Nicht viel mehr als ein Schatten am Himmel.

Du darfst weinen und du darfst trauern. Um die kleinen Dinge, die dummen Dinge. Um Dinge, die dir eigentlich gar nicht soviel bedeuten sollten und von denen deine Gedanken doch nie die Finger lassen konnten. Du darfst weinen um Menschen, die das eigentlich gar nicht verdient haben.
Und du darfst um dich selber weinen. Um das was du warst, um das, was du sein wolltest. Um das, was andere aus dir gemacht haben. Um verlorene Chancen, verpasste Momente, verflüchtigte Gefühle. Um Glück, um Liebe, um Zuneigung, um Freunde, um die Leichtigkeit.  Darfst an ihrem Grab stehen, sie mit Blumen überschütten, niederknien, schreien, leiden.  Sie mit Erde bedecken und ihnen ihren Frieden schenken.
Denn jeder verdient eine Beerdigung.

Du darfst liegen. Einfach nur liegen. Ohne zu denken oder zu tun. Ohne Müssen, ohne Pflichten, ohne Zwang und ohne Gewissen. Darfst die Leute ignorieren, die dir sagen wollen, dass bald alles wieder besser wird.

Du darfst zerbrechen. In alle deine Einzelteile.

Und dann, irgendwann merkst du, dass noch alles da ist, was du brauchst um weiter zu machen. Du bist kollabiert, aber du bist noch da. Du bist kollabiert, aber aus deinem Staub ist ein Stern entstanden. Aus allem was du vorher warst, aus allem, worum du getrauert hat.

Damit ein Stern entsteht, muss ein Nebel kollabieren.

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38 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Danke!

    31.07.2014, 19:42 von Himmelundhoelle
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    danke <3

    26.07.2014, 23:34 von vanillette
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    I like that!

    02.07.2014, 23:45 von Leevde
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  • 1

    "Ohne Müssen, ohne Pflichten, ohne Zwang und ohne Gewissen. " - wow. und Gänsehaut. und viel Nässe in den Augen. und heftig.

    danke. heißen Danke. :)

    02.07.2014, 23:31 von Buchliebhaberwichtel
    • 0

      *Dank. -.-
      (ich bin aufgeregt!)
      :D

      02.07.2014, 23:31 von Buchliebhaberwichtel
    • 1

      freut mich :)

      02.07.2014, 23:58 von taetschbuesi
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  • 0

    einfach toll, mehr kann man dazu gar nicht sagen

    30.06.2014, 12:24 von MeltingPOTT
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  • 1

    endgut.

    29.06.2014, 18:39 von arisun
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    es gibt Menschen, die in der Arktis leben und es gibt Menschen, die es nicht tun. Alle sind angepasst und kommen klar. aber irgendwann will man raus aus der Kälte und erfahren wie es ist ohne schmerz zu leben. jeder mensch wird sich irgendwann in der Arktis wiederfinden. und dann braucht man keinen der diesen Zustand schön redet. man braucht menschen die einen mit ganzer Kraft zurück ins warme holen.


    danke für deinen text. ich denke du bist ein solcher mensch!

    29.06.2014, 13:50 von coluora
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  • 0

    einfach nur toll geschrieben!!!

    18.06.2014, 19:38 von Spunki
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    Einfach nur wunderbar ergreifend, unendlich tröstlich und ermütigend!

    Eine so magische Aneinanderreihung von Worten habe ich schon lange nicht mehr gelesen!

    04.06.2014, 19:14 von LaPetiteChevrette
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  • 0

    Wunderschöne Worte !

    04.06.2014, 14:46 von LeaGG
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