Da bin ich wieder!
Ein Sonnenstrahl kitzelt meine Nase. Mist, schon wieder vergessen, das Rollo runter zu lassen.
Der Blick zum Wecker bringt Gewissheit: Wirklich schon 06:12 Uhr. Aufstehen. Oder doch weiterschlafen?
Freitags ist von 8 Uhr bis halb zehn Unterricht. Das verleitet: Hingehen oder nicht? Na hör mal, du bezahlst Geld für dieses Studium, ruft das Pflichtbewusstsein. Aufstehen also.
Kick hoch, gerade sitzen, Augen aufreißen. Was für eine Hitze. Wieso ist der Ventilator aus? Der Abend war zu lang. Jetzt nicht mehr zu ändern. Musik an. Ins Bad tappsen. Das Kitzeln des Sonnenstrahls verschwindet nicht. Obwohl er mich gar nicht mehr trifft. Schlafe ich noch? Oh nein, das Spiegelbild erklärt: Ein Pickel. Direkt am rechten Nasenflügel. Plötzlich bin ich hellwach.
Das Hassobjekt genauer beobachten. Unglaublich groß, unglaublich häßlich. Gestern Abend hatte ich doch noch lupenreine Haut! Und nun das. Die Krönung des Ganzen: Er ist unreif. Die einzige akute Rettungsmöglichkeit, das Ausdrücken, fällt flach. Er leuchtet rot. Und wäre ich ein Junkie mit verdickten Venen, hätte ich nun eine neue Möglichkeit, mir das Heroin zu injezieren. Wie eine dicke Ader pulsiert die Pustel. Bumm bumm, bumm bumm, bumm bumm.
Aber cool bleiben. Waschpeeling. Die rauen Steinchen werden das Ungeheuer besiegen, da bin ich mir sicher. Ich wische und reibe und kratze. Warmes Wasser, neuer hoffnungsvoller Blick in den Spiegel: Noch roter! Augen zukneifen. Eine Minute lang. Danach ist er weg. 56, 57, 58, 59 – und auf! Immer noch da. Der Grenzwert meiner Stimmung geht gegen null.
Neue Idee: Die morgendliche Prozedur einfach fortsetzen. Nochmal waschen, Zähne putzen, anziehen, frühstücken, schminken. Dann wird er nicht mehr zu sehen sein. Bestimmt. In der folgenden Dreiviertelstunde vermeide ich mein Spiegelbild. Die positive Überraschung darf doch nicht verraten werden!
Der letzte Schluck Tee ist runter, auf zum Schminktisch. Tief durchatmen, den Kopf heben, Augen langsam öffnen. Halber Herzinfarkt. Immer noch da. Der absolute Super-GAU. Abdeckstift, Foundation, Puder. Kleister drauf. Mehr, mehr, mehr. Das Rot ist weg, aber die dicke Beule mag nicht verschwinden. Doch mehr kann ich nicht tun. Der Pickel muss bleiben, eine Alternative gibt es nicht.
Einfach einreden, es wäre nicht so schlimm. Alle zehn Sekunden stirbt ein Mensch an AIDS und ich will mich wegen eines Pickels lebedig begraben. Wie egozentrisch. Also, los geht’s, ab in die Zivilisation.
Die Bahn ist leer, glücklicherweise, sage ich mir. Station Hauptbahnhof. Der Waggon füllt sich. Eine Mutter mit Kind steigt ein. Ich lächele dem Kleinen zu. Er lacht zurück. Kinder sind die Zukunft der Erde, Kinder werden ein Mittel gegen AIDS erfinden, wenn sie groß sind. Ich lobe mich selbst und bin stolz: Vor wenigen Minuten noch eine Ich-bezogene Zicke, die einen Pickel zum größten Problem des internationalen Geschehens macht, bin ich jetzt eine Kosmopolitin mit Gesellschaftsbewusstsein und dem Gespür dafür, was wirklich zählt.
Der Kleine schaut zu mir hoch und lacht. Was für ein putziges Kerlchen, denke ich. Doch dann: „Mama, guck mal, der Frau wächst eine zweite Nase!“
Okay. Der Tag ist gelaufen.






Kommentare
lol, lustiger Text.
18.07.2006, 13:51 von Turrican