Chaos im Billy-Regal
Sich selbst zu verlieren...
....passiert schleichend. Gerade noch definiert man sich auf Website X in drei Worten und mit einem Mal steht man da. Man steht nicht neben sich... Das ist etwas anderes. Man steht ohne sich. Man steht halt nur. Ich stehe schon seit Tagen so da. Das stehen an sich funktioniert wunderbar, aber das Gefühl dafür ist mir irgendwie beim leben abhanden gekommen.
Der eigene Kopf fühlt sich an wie ein Buch mit sieben Siegeln. Wie die Kellertür in der Bar, in der ich jede Woche arbeite: Sie lässt sich schon öffnen, das hundsgemeine Ding, aber nur mit beiden Händen und man darf auf gar keinen Fall sonst was tragen müssen - dann reicht die Kraft nämlich nicht. Mit dem Kopf verhält es sich ähnlich, nur dass man im Leben meist schon noch anderes zu "tragen" hat... Man hat Rechnungen zu bearbeiten, Studien zu beenden, Bier für andere zu zapfen, Beziehungen zu führen, Freundschaften zu pflegen. Das Multitaskingtalent trügt: bei sich selbst hört das Organisationstalent auf. Mitten im Chaos noch zu wissen, wer man ist, ist für mich eine betonschwere Bürde.
Ich wünsche mir ein Billy-Regalsystem in meinem Kopf, und eine Malmkomode im Kleinhirn, in der die Karteikarten zu den Gedanken und Eigenschaften stecken. So wüsste ich vielleicht immer, was ich eigentlich fühle und denke und wie ich etwas finde und warum eigentlich. Jetzt könnte man natürlich sagen: Na gut, die Kleine ist halt jung, verwirrt, ist halt alles nicht so einfach im Leben, jedoch scheint es mir, als wäre ich nicht allein. Als hätte die Verwirrung nicht nur mit dem Alter zu tun. Postpubertäre Hormonschwankungen könnten zwar eine plausible Diskussionsgrundlage bieten in der Selbsthilfegruppe der Nachttexter bei Neon.de, hätten ihre Grenze als Übeltäter aber schnell erreicht, wenn zur Sprache käme, dass mein Blick auf die Welt sonst ziemlich klar ist.
Ich sehe Menschen ihre Traurigkeit an. Ich sehe oft, was nicht gesprochen wird, ich höre oft die Zwischenzeilen, bei dem, WAS gesprochen wird. Ich sammel Bilder in meinem Kopf, (dafür müsste allerdings ein eigenes Billy-Regal her) von allem, was mich im Alltag umgibt. Ich höre Gesprächsfetzen mit, lese, was auf fremden Buchrücken steht, schaue, wie Menschen sind, wenn sie nicht darauf achten, wie sie sind. Und bei all dem sieht mein Kopf Dinge immer unglaublich deutlich. Wenn ein Paar in Diskussionen verstrickt in meiner geliebten Bahn sitzt, würde ich am liebsten hingehen und beide rütteln. Wenn ein alter Mann minutenlang auf seine Hände starrt, möchte ich sie festhalten und ihm sagen, dass auch er seine Zeit sinnvoll genutzt hat. Ich wünschte mir, jemand würde zu mir kommen und sagen: "Ich habe dich gesehen, und deine Verwirrtheit ist folgendermaßen zu erklären...". Stattdessen versuche ich, nach innen zu starren und sehe irgendwann gar nix mehr.
Gerade habe ich die Phase des Tatendrangs hinter mich gebracht: Herauszufinden, wer ich gerade bin, ist halt ohne weiteres nicht möglich. Also erstmal ergeben und schauen, was passiert. Und es passiert folgendes: Ich spiegel die Menschen. Ich bin kein Mitläufer, Gott!, ganz im Gegenteil. Ich bin aber auch kein Chamäleon, dafür dann doch zu eigen, aber ich sauge alles in mich auf, wie ein emotionaler Schwamm, was mich an Menschen und ihren Biografien umgibt. Die Innenseite de Spiegels ist beschichtet, eben damit er spiegelt und nicht durchsichtig ist wie Glas. Und das gleiche passiert momentan mit mir: Durch das ganze Spiegeln komme ich nicht mehr hinter das Glas. Ich sehe halt immer, in welcher Umgebung ich mich bewege, wann wo was wie angebracht ist, aber wer ich nun eigentlich bin, das bleibt mir seit geraumer Zeit verborgen.
Zum Beispiel sagt mein Kopf mir nicht, wieso ich andere Menschen momentan als Verpflichtung empfinde. Es geht nicht um spezielle Menschen, um keine, die ich nicht mag, sondern um die Menschen im allgemeinen: Freunde, Kommilitonen, Arbeitskollegen, Nachbarn. Oftmals gebe ich vor, schwer beschäftigt zu sein, nur um mich in meiner Wohnung zu verkriechen und einfach dazuliegen. Das ist keine Faulheit, ich tue in der Wohnung dann ganz viel, das ist auch kein grundsätzlicher Charakterzug von mir, denn die Chatprogramme laufen stand-by, gehen sofort an, wenn ich den Rechner anmache, aber eigenltich mache ich den Rechner auch nie aus. Es kann also nicht an der Umweltscheu liegen. Die Nabelschnur zur Außenwelt hüte ich akribisch. Was soll das also mit dem Allein-sein?...
Ein Denkansatz ist in einer Diskussion entstanden: Mein Leben lang zeichne ich. Dies war der Grund, die Designmappenprüfung zu rocken und mit Bravur aufgenommen zu werden. Seit das Zeichnen, eine große Liebe, studiumbedingt eine Verpflichtung wurde, tue ich es praktisch nicht mehr. Vielleicht verhält es sich dann mit allen anderen größeren und kleineren Lieben im Alltag automatisch ähnlich?
Sich verloren zu fühlen UND sich selbst dabei verloren zu haben ist eine harte Mischung. Mache mich fast täglich auf die Suche, stets erfolglos. Bis heute weiß ich nur, wo sich ein Billy-Regal finden lässt.





Kommentare
den Vergleich mit der Bartür finde ich extrem klasse! Schöner Text....
05.02.2010, 13:02 von rabenschwarzraus!
14.05.2009, 17:17 von cookieboxraus aus meinem kopf! ;)
ich weiß genau, wie sich das anfühlt, wenn ein mensch nur existieren muss, um einem auf die nerven zu gehen. aber kaum ist man sie los, die menschen, wird man unruhig, rastlos, fragt sich, warum man nicht mit ihnen kann. aber auch nicht ohne. man will nur die möglichkeit, sie wegklicken zu können.
@cookiebox krass. ich wusste nicht, dass es vielen so geht...
14.05.2009, 23:25 von the.strangefein das wird ja immer besser. du erregst so gar kein mitgefühl bei mir, kenn ich alles. is nämlich eklig aber man weiß dass es vorbei geht.
13.05.2009, 02:17 von stellaire.linaich erkläre mich hiermit zu deinem fan. aber auch nur, weil dich das garantiert nur ziemlich peripher tangiert.
wär ich nicht vegetarierin würd ich dich nächsten donnerstag zu köttbullar einladen.
jetzt sag noch, dass für antworten auch immer in den kühlschrank guckst, und es wird gespenstisch
09.12.2008, 14:57 von MisterGambitda kann ich modamaren nur zustimmen, auch ich erkenne mich in deinem text wieder...
09.12.2008, 14:43 von JTGdie gedanken zu kategorisieren und katalogisieren wäre schon eine angenehme sache an sich.
24.11.2008, 09:25 von marco_frohbergerdieser sinnsuche gehen viele nach, daher hat mich dein text heute auch angesprochen.