derHalbstarke 09.11.2012, 12:45 Uhr 15 36

Blutmorgen

„Halt mich!“, hast du gesagt. Und ich hab dich gehalten.

Ich weiß nicht, weshalb ich mich gerade heute morgen so intensiv, so klar wie damals an dich erinnerte. Vielleicht war es diese besonders warme Farbe der ersten Sonnenstrahlen, die gerade die milchige Dämmerung der frühen Morgenstunden durchbrochen hatte, vielleicht war es dieser ganz eigene Duft der ersten Atemzüge eines neuen Tages, der mich an dich und diesen Morgen erinnerte. Vielleicht war es aber auch nur einfach so, dass ich mich immer wieder an dich erinnere, manchmal und in Momenten, wie diesem und heute Morgen.

Und an damals, diesem Morgen mit seinen ersten und deinen letzten Atemzügen.

Wir waren noch halbe Kinder, als wir uns begegnet sind, blauäugig und wild auf alles, was für uns noch kommen mag und ohne zu wissen, dass das Leben viel mehr zu bieten hat, als nur diese fünf Buchstaben. Dass es uns unweigerlich von der Kindheit in die Jugend, und von dort ins Erwachsensein gleiten lassen wird, egal, ob wir das so oder nicht, und vielleicht andere Pläne haben, oder planlos dieses Leben erleben wollen. Damals. Tag für Tag.

Wir haben viel gewollt, damals. Du und ich haben uns geliebt, wie Freunde sich nur lieben können, haben miteinander gelacht und diskutiert, miteinander geschwiegen und von den Welten weit hinter diesem Horizont geträumt, den wir von unserer kleinen Stelle dort unten am Fluss stundenlang beobachten konnten, schweigend, oder albern wie Kinder plappernd, wenn es um unsere Träume ging.

Träume.

So lange her und so sehr damals.

Ich weiß nicht, weshalb ich mich gerade heute an dich erinnerte, weiß nicht, warum das damals so sein musste. An diesem letzten Morgen. Und warum du das getan hast. Und doch, irgendwie weiß ich weshalb und warum du nicht erwachsen werden wolltest. Vielleicht hast du gespürt, vielleicht hat tief in dir etwas gewusst, dass du dem Leben mit seinen fünf Buchstaben nicht gewachsen sein würdest, dass du seiner schon müde warst, bevor es überhaupt angefangen hatte. Für dich.

Manchmal, so wie heute morgen, erinnere ich mich als wäre es eben gerade erst geschehen, als wäre es nicht schon so viele Jahre her, dass du meine Schreie nicht hören, mein Zerren an dir nicht wahrnehmen wolltest und uns gegen den Baum gefahren hast. Auf dieser Landallee, außerhalb der Stadt und die wir so oft mit dem Motorroller deines Bruders entlang gefahren sind, im Zick-Zack und lachend. Als würde es gerade wieder geschehen, wie wir gegen ihn gekracht sind, du und ich und der Motorroller deines Bruders. Wie seltsam sich dieses durch die Luft fliegen anfühlte, und wie schmerzhaft unwirklich der harte Aufprall, dort, auf der Wiese unter dem Baum mit seinen zig Gänseblümchen. Und wie zäh und ewig mir die Zeit vorkam, bis ich die wenigen Meter zu dir auf allen Vieren und schmerzwimmernd schaffte, um dir ganz nah, um bei dir zu sein.

Hast da gelegen, mit verdrehten Beinen, zitternd, als ob der Juni plötzlich seinen Platz gegen den Januar getauscht hätte, kalt und eisig. Und so grau. Hast gelächelt und meinen Namen geflüstert, mit Blut von deinen Lippen geschrieben und so zärtlich, wie ihn nur ein Freund aussprechen kann. Meinen Namen. Habe mich an dich gedrückt, damals an diesem Morgen, ab dich festgehalten, versucht, dich zu wärmen und dir die Kälte des Januars zu nehmen, der so plötzlich Faser um Faser Besitz von deinem Körper, von dir nahm. Hast mich angesehen, mit diesen Augen, die so sanft und so wütend dreinschauen konnten, mit diesen Augen, die nur mir zuweilen einen Blick in deine Seele erlaubten. Zuweilen und doch alles sagend.

Manchmal.

Ich weiß noch als wäre es eben erst gewesen, wie sich unsere Tränen miteinander vermischten und als ich mein Gesicht an deines presste, wie unser Blut ineinander floss. Wie das zweier Brüder in den Weiten der Prärie Amerikas längst vergangener Zeiten und die entschlossen haben, für immer Eins zu sein. So wie du und ich. Damals. Und für immer an diesem Morgen.

„Halt mich“

Hast du gesagt. Geflüstert hast du dieses „...halt mich“, mit diesem Blick, mit diesem Wissen darin, dass Endlichkeit auch seine Buchstaben hat und dass sie ebenso zu den Fünfen des Lebens gehört, und jetzt in diesem letzten Moment zu deinem. Ich hab dich gehalten, noch ewig und Stunden und ich weiß, ich werd dich niemals loslassen. Da irgendwo in meinen Erinnerungen und so, wie wir waren. Und so, wie wir immer sein werden.

Freunde.


Basierend auf: Wie wir waren

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15 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Gänstehaut!

    11.11.2012, 22:50 von MerryDschein
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    Hat mich sehr ergriffen.

    11.11.2012, 19:00 von schmetterlingslachen
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    Starker emotionaler text...gefällt !!!

    11.11.2012, 17:34 von Sambre
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    unglaublich ergreifend ... Gänsehaut pur

    11.11.2012, 16:01 von Herzensdame.
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  • 1

    Der Text geht mir echt an die Nieren und er ist toll gechrieben! Danke dafür! Mehr kann ich leider dazu gerade nicht schreiben, ich bin etwas sprachlos..

    10.11.2012, 10:36 von Sultanine
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  • 0

    Wieso heißt der jetzt auf der S1 "Der letzte Morgen"?

    09.11.2012, 22:58 von Mrs.McH
    • 0

      Weiß ich nich, iss aber auch wurscht da das Original nicht verändert wurde. ^^

      11.11.2012, 12:02 von derHalbstarke
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  • 3

    Guter, literarischer Text. Sicher besonders gut für Dich, über solche schlimmen Narben zu schreiben.

    In einem Kulturmagazin sagte der Zeichner und Autor vom preisgekrönten "Mauschwitz" sinngemäß oder auch nur so ähnlich: Therapie ist wie Kotzen und Kunst ist wie wieder und wieder Kotzen, weil der Kunstmensch den Mist ja nicht loslässt, ihn nicht sein lässt.

    Dank Dir für den auch handwerklich gut gemachten Text.

    09.11.2012, 20:14 von TilmannKleye
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  • 1

    Auf jeden Fall bekommt man da einen Kloß im Hals. Krasser Text. Mir gefällt, wie du beschreibst und dass du nur gerade so viel wie nötig erklärst. Ganz wunderbar!

    09.11.2012, 19:19 von reachthebeach
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Seite: 1 2
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