PONY. 17.07.2012, 20:58 Uhr 97 227

Bist du glücklich?

Dann denke ich, dass du halbnackt ziemlich hässlich aussiehst und frage mich, ob jemand außer mir dich so lange ansehen würde

Ich bin irgendwie unwichtig und doch wichtig, weil du mich ansiehst. Wir sind beide hier, in diesem Moment. Deine Blicke wandern über meinen Körper und meine über deinen. Von unten nach oben, von einer Seite zur anderen und wieder zurück. Um uns herum ist alles ganz still, ich höre nur deinen Atem und mein Herz, das laut pocht. Je länger du mich ansiehst, desto lauter schlägt es und ich denke, wenn du nicht gleich damit aufhörst, wird es zerplatzen.

Du nimmst deinen Blick aber nicht von mir, starrst mir direkt in die Augen. Wenn ich ehrlich bin kannst du manchmal ziemlich unheimlich sein. Ich aber auch. Ich stecke meinen Arm aus und berühre dich. Du bist eiskalt. Es überrascht mich nicht, weil du immer kalt bist, wenn ich dich anfasse. Dann denke ich, dass du halbnackt eigentlich ziemlich hässlich aussiehst und frage mich, ob jemand außer mir dich so lange ansehen würde. Ich spreche das natürlich nicht aus, ich denke es mir, aber du weißt es trotzdem. Wir wissen es beide und ich glaube du denkst das selbe über mich.

Ich frage mich, ob du glücklich bist, das hab ich dich noch nie gefragt. Ich weiß nicht, warum mir diese Frage gerade jetzt einfällt und ich möchte die Stille zwischen uns nicht durchbrechen, deshalb zögere ich einen Moment bevor ich sie ausspreche.

"Bist du glücklich?" frage ich leise und doch bestimmt. Du antwortest nicht, senkst deinen Blick zum Boden und fährst dir mit deiner Hand durch dein langes blondes Haar. Ich glaube, dass du die Antwort darauf selbst nicht weißt und deshalb schweigst. Damit gebe ich mich heute nicht zufrienden, also frage ich etwas lauter und noch bestimmter "Bist du glücklich?" Auch diesmal antwortest du nicht, stattdessen laufen dir Tränen über die Wange hinunter, die schließlich alle nacheinander von deiner Lippe auf den Boden tropfen. Es tut mir leid, dass du weinst. Das wollte ich nicht, alles was ich wollte war eine Antwort. Eine ehrliche Antwort, damit ich weiß wie es weitergeht, mit uns und unserem Leben. Ich will doch nur wissen, ob du glücklich bist mit dem hier und jetzt und überhaupt mit allem so wie es ist.

Ich gehe ins Schlafzimmer, schlage die Decke zurück und lege mich ins Bett. Du bleibst im Flur stehen, so wie du das immer machst. Bleibst an ein und der selben Stelle stehen und das die ganze Nacht. Wir sehen uns morgen wieder, wenn ich in den Spiegel blicke.

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97 Antworten

Kommentare

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    Klasse.

    12.01.2014, 15:12 von frecherfratz
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    sprachlos. genial geschrieben, wirklich.

    12.01.2014, 14:42 von thetasteofrain
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    irgendwie ein bisschen zu obvious worauf das ganze rauslaufen soll finde ich...

    28.12.2012, 10:34 von MissesBiscuit
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    gut. aber der tränen part kam mir etwas zu schnell und heftig..

    28.12.2012, 00:25 von nigglschniggl
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    wow, ich bin sprachlos!

    27.12.2012, 22:07 von marie-gold
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  • 2

    ein bisschen gefällt mir der text, ein bisschen aber auch nicht. ich kann aber nicht genau sagen, wieso. 

    27.12.2012, 18:00 von marco_frohberger
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  • 0

    nett, aber das ende ist schon im ersten absatz erkennbar ;)

    27.12.2012, 17:25 von Nana1409
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    So stellt sich mir die Frage:

    Stellt man sich diese Frage, ohne die
    Antwort bereits zu kennen?

    Der Text spiegelt wieder, welche Tugend
    vielen Menschen fehlt!

    MUT!


    27.12.2012, 12:04 von Publicatus
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  • 2

    Gefiele mir besser, wenn du antstatt

    ",
    wenn ich in den Spiegel blicke."

    einfach "."

    geschrieben hättest. Man muss dem leser nicht alles direkt auf die Nase binden, wenn du ihn dazu bringst drüber nachzudenken hat er mehr davon.

    27.12.2012, 11:17 von Loo
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  • 1

    Mir gefällt die Idee hinter dem Text ganz gut.

    26.12.2012, 20:14 von knaustl
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