Miss_Satansbraten 30.11.-0001, 00:00 Uhr 24 31

Bestandsaufnahme

Ich kann meinen Videorecorder programmieren ohne seelischen Beistand in Anspruch zu nehmen....

Ich habe meinen Abschluss als Pädagogin und Arzthelferin,
einen anständig erzogenen Hund und nen Führerschein.

Ich spreche Russisch und Englisch zwar mehr als schlecht,
aber dafür kann ich Noten lesen und weiß wie ein C-dur Akkord aussieht.

Ich beherrsche das wundervolle Spiel der Gitarre (leider nicht das des Klaviers)
und meine Angst vor Krankenhäusern hat sich in gesunden Hass verwandelt, weil ich begriffen habe, dass die mich ärgern wollen.

Ich kann meinen Videorecorder programmieren ohne seelischen Beistand in Anspruch zu nehmen und wenns sein muss auch den „jannus“ Schrank von Ikea selbstständig zusammenbauen.

Ich bin immer auf dem neuesten Stand welche Fußballmannschaft an der Tabellenspitze steht und ich kann „Abseits“ in drei Sätzen erklären.

Ich weiß, dass alle Männer fest davon überzeugt sind den Fußball-Sachverstand mit der Muttermilch aufgesogen zu haben (...aber einige von ihnen waren ja aber auch überzeugt davon, Andreas Möller würde 2004 Eintracht Frankfurt vor dem Abstieg retten...) und dass man sie besser in dem Glauben lässt.

Ich schaffe 12 Gläser Tequilla und kann danach trotzdem noch 3km nach Hause laufen und ich weiß, dass es förderlich ist, immer eine Packung Natron im Medizinschrank zu haben.

Ich weiß wie man eine ziemlich platte Aufforderung zum Sex abwehrt
(...und ein "Zu mir oder zu dir?" ist für mich ne platte Aufforderung...).

Ich weiß wie man Kinokarten reserviert und wie man die Sender in meinem Fernseher einspeichert.

Ich weiß, dass man nicht allem glauben darf, was man so hört und dass es immer von Vorteil ist sich ein eigenes Bild von den Dingen zu machen, auch wenn man dabei gehörig auf die Schnauze fallen kann.

Ich bin nicht gerade ne Leuchte was Kopfrechnen betrifft (..ist zugegebenermaßen so ziemlich das Einzige, was ich überhaupt mit dem Wort "Mathematik" in Verbindung bringe...), - aber ich kann Busfahrpläne entziffern und hab die Geburtstage meiner Freunde im Kopf.

Ich bin mir im Klaren, dass man einen Menschen tief und für alle Zeit lieben, - sich aber in andere Menschen verlieben kann.

Ich kenne das Gefühl,
einen guten Freund beerdigen zu müssen und ewig nach der Antwort zu suchen und ich weiß wie es ist sich allein zu fühlen und nichts dagegen tun zu können.

Ich weiß auch wie es ist Freunde zu haben, die man nachts um drei noch anrufen kann und dass ich ohne meine Herzmenschen nur ein erbärmliches Nichts auf dieser Welt wäre.

Ich habe gelernt, dass Liebe manchmal verschwindet und nichts,
wirklich nichts sie wiederbringt.

Ich weiß dass ein einziger Moment das ganze Leben verändern kann und dass man diese Tatsache leider oft viel zu spät realisiert.

Ich habe gelernt dass Rücksichtnahme manchmal Dankbarkeit hervorruft und manchmal auch Hohn und dass für jemanden bedingungslos da zu sein,- mich auch zerstören kann. Aber ich weiß auch, dass man manchmal keine andere Wahl hat.

Ich bin mir bewusst, dass man sich mitunter im beruflichen Konkurrenzkampf mit dem sprichwörtlich ´harten Ellenbogen´ durchsetzen sollte,
aber ich weiß auch, dass ich ihn einfach nicht hab.

Ich weiß dass Musik immer hilft, die Zwänge und Gegebenheiten des Lebens zu ertragen und wie wenige Menschen das wirklich zu schätzen wissen.

Ich weiß, dass man es aussprechen sollte, wenn man jemanden liebt – dass man’s sagt - auf der Stelle - laut und deutlich, weil sonst der Moment einfach verstreicht.

Ich habe begriffen, dass man geliebten Menschen ihre Fehler verzeihen kann,
wenn man sich zwingt ab und zu die Blickrichtung zu ändern und Dinge aus anderen Perspektiven als der eigenen zu betrachten.

Ich kann gute Witze von schlechten unterscheiden, ich erkenne einen beschränkten Menschen wenn ich ihn reden höre und ich weiß,
dass Pink definitiv nicht meine Farbe ist.

Ich weiß, dass manche Menschen meine Prioritäten mit Füßen treten und dass der Versuch diesen Fehler nicht selbst zu machen, zwangsläufig fehlschlagen muss.

Ich weiß was es heißt um Liebe zu betteln, zu flehen und jede Demütigung dafür in Kauf zunehmen nicht verlassen zu werden.

Ich habe gelernt, dass Oberflächlichkeit nur glücklich macht wenn man sein Leben hasst und selbst dann nur, wenn man sich nicht aufrafft, es zu ändern.

Ich weiß, dass es besser ist zu reden und Dinge nicht in sich hineinzufressen, aber auch, dass ichs einfach nicht hinkriege.

Ich weiß, dass es falsch ist nur sein eigenes Glück zu suchen,
weil das Glück anderer auf dich zurückfällt und dass jeder Mensch im Grunde nichts anderes will.

Ich habe begriffen, dass Individualismus von Zeit zu Zeit bestraft wird; - trotzdem weiß ich dass es nicht richtig wäre, dem nachzugeben, weil es Gleichgültigkeit hervorruft.

Ich weiß aber auch, dass "Selbstverwirklichung" nur eine Erfindung der Werbeindustrie ist um Autos, Bausparverträge und Häuser an den Mann zu bringen, denn Selbstverwirklichung hört da auf wo die gesellschaftlichen Normen anfangen.

Ich habe schmerzlich erfahren müssen, was wirklicher Verlust ist und dass man so etwas nur durchlebt, wenn man jemanden mehr liebt, als sich selbst.

Ich weiß wie hilflos man sich fühlt, wenn die beste Freundin weinend zusammenbricht, weil sie zum zweiten Mal eine Fehlgeburt hatte und wie sprachlos man dann ist weil man weiß,
dass Mitleidsbekundungen in so einem Moment nichts, rein gar nichts besser machen.

Ich habe gelernt, dass Impulsivität eine Tugend ist, die ich mir abgewöhnen sollte.

Ich kann Shakespeare zitieren, - "noch einmal stürmt, noch einmal Freunde" und kenne einige Gemälde von Michelangelo,
- aber ich weiß nicht, wie es in der sixtinischen Kapelle riecht.

Ich weiß dass es in manchen Situationen besser ist zu schweigen und in anderen besser, die Stimme zu erheben, - wie unangenehm das auch sein mag.

Mir ist bewusst, dass NiEMAND so aussieht wie die Models in den Magazinen, und dass rauchen schlecht für die Gesundheit ist.
Ich weiß aber auch, dass ich mir noch nicht zugestanden habe, nicht perfekt sein zu müssen.

Ich weiß, dass man zertrampelt wird, wenn man sich nicht durchsetzt und dass Körpersprache das A und O ist.

Ich weiß, dass die deutsche Bahn ein fundamentales Erklärungsproblem im Bezug auf ihre Daseinsberechtigung hat und dass es besser ist, darüber zu lachen als sich ständig aufs Neue darüber aufzuregen.

Ich weiß dass man romantische Träume von unbedingter Liebe nur erleben kann, wenn man bereit ist, die elementarsten Grundlagen dafür zu schaffen.

Ich weiß dass man immer wieder neue Probleme bekommt, gerade dann, wenn die alten gelöst sind und dass man immer wieder von vorne anfangen muss, weil das einzig mögliche Ende der Tod ist.

Ich weiß dass man in Beziehungen zu anderen Menschen das Wort „Liebe“ mitunter zu oft benutzt und das man nicht für alles eine zweite Chance bekommt.

Ich habe erfahren was es heißt, sich immer wieder aufs Neue die Frage zu stellen, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist - ohne zu merken, dass es schon längst am Boden zerschellt ist.

Ich weiß dass sich alles in einem stetigen Fluss fortbewegt und morgen alles anders sein kann.

Ich weiß dass ich meinen Körper für die Misshandlungen an meiner Seele leiden lasse und ich weiß sehr wohl, wie falsch das ist.

Aber ich weiß auch, dass diese Erkenntnis mich schon einen Schritt weiter bringt – und dass auch kleine Schritte zum Ziel führen.

Ich 28 Jahre alt und das Einzige,
was ich wirklich mit Sicherheit aus all diesen Dingen gelernt habe ist die Tatsache, dass man sich auf nichts und niemanden verlassen kann.

Und speziell in meinem Fall:
nicht einmal auf sich selbst.

31

Diesen Text mochten auch

24 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Super Text, ich habe mich auch in so vielen Aussagen wiedergefunden!

    Und es hat mich teilweise sehr berührt, vor allem der Teil, das man es aussprechen soll wenn man jemanden liebt!

    Ich bin nämlich gerade in der Situation: Ich habe es nicht getan, aus Feigheit, jetzt zieht er für immer weg und meine Chance ist vertan....

    04.04.2008, 18:42 von Stellaschnuppe
    • 0

      @Stellaschnuppe Schön.Ehrlich

      11.04.2008, 16:15 von KNusschen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    in der sixtinischen Kapelle riecht gar nicht so besonders gut... =)

    18.03.2008, 13:58 von the.strange
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    was für ein hammer text!

    01.07.2007, 23:00 von the_collider
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr interessanter versuch, sich selbst zusammen zu fassen. schade ist nur, dass mit sicherheit ganz ganz viele dinge fehlen.

    und ich rätsele noch über den abschnitt, in dem du von misshandlungen sprichst. ob er metaphorisch daher kommt. oder real.

    über deine erkenntnis, dass auf niemanden verlass sei, würd ich gern mal lang diskutieren.

    es fehlt außerdem ein kleines "bin" im vorletzten abschnitt.

    ich habs gern gelesen.

    26.06.2007, 15:48 von hib
    • Kommentar schreiben
  • 0

    klasse text !
    das mit der sixtinischen kapelle is auch eins meiner lieblingszitate aus Good Will Hunting. schoen dass du es miteingefuegt hast !
    lg

    08.06.2007, 08:18 von ktty
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Klasse!

    12.03.2007, 20:19 von anytime
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehr interessant! :-)

    20.02.2007, 00:06 von KoenigDerNarren
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare