griwo 24.08.2018, 18:28 Uhr 4 3

Bersut

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Ich sitze am Ufer der Kama und frage mich, was ich hier eigentlich mache. Ja, ich unterrichte Deutsch und ja, ich mache dies freiwillig, doch die Nachmittage und Abende, an denen die Kinder anderweitig beschäftigt sind und mich aufgrund ausbaufähigen Sprachkenntnissen verständnislos zurücklassen, ziehen sich doch ganz schön in die Länge. Vor drei Jahren, in Bolgar, ging es mir zwar ähnlich ,doch wenigstens hatte Bolgar Infrastruktur, und mit seinen historischen Stätten auch ein wenig touristische Highlights. In Bersut gibt es drei Moscheen, die fast immer geschlossen sind, drei Tante-Emma-Läden und sonst nitschewo njet. Es gibt nicht einmal eine Bar, in der man Bier trinken könnte.
Und so verbringe ich meine freie Zeit lesend am Ufer, die Fischerboote beobachtend, die Mücken erschlagend. Hin und wieder spricht ein Großvater mich an, warum ich hier sitzen würde, ob ich nichts zu tun hätte etc. Der Opa sitzt tagein, tagaus auf einer Bank vor einem Häuschen, wahrscheinlich wird er morgens dort drapiert und abends wieder abgeholt. Er könnte einem Roman von Tolstoi entsprungen sein, vielleicht auch einem von Dostojewski. Ich mag Tolstoi nicht so sehr, Dostojewski ist cooler gewesen. Falls ich mal zwei Katzen haben sollte, nenne ich die coolere von ihnen Dostojewski. Sie wird dann gegen Tolstoi kämpfen; möge der bessere gewinnen.

Aus der Kindergruppe wurden 10 „Tribute“ ausgewählt, die jeden Nachmittag dumme Aufgaben erledigen müssen. Heute müssen sie aus einer Wanne, in der mit Wasser gefüllte Luftballons liegen, den einen Luftballon, der mit farbigen Wasser gefüllt ist, herausfinden. Wer diesen entdeckt hat, hat gewonnen. Der Leiter des Camps ist so alt wie ich und unverkennbar ein Riesenfan von „Die Tribute von Panem“. Wenn eines der Kinder schlecht gelaunt ist, fragt er es, was Katniss in so einer Situation tun würde und dass Katniss die Hungerspiele nicht durch schlechte Laune gewonnen hat.
In den 10 Abenden des Camps haben wir alle Teile des Films gesehen, und obwohl die Kinder und auch der Campleiter alle Szenen in- und auswendig kennen, wird in jedem Jahr in jedem Camp diese Prozedur wiederholt: die Kinder werden zu Beginn in „Distrikte“ geteilt, aus jedem Distrikt wird eine oder ein Tribut gewählt und diese Tribute (die sich, im Unterschied zum Film, nicht bis zum Tod bekämpfen müssen) bekommen jeden Nachmittag spezielle Aufgaben, wie zum Beispiel mit Wasser gefüllte Luftballons zerplatzen zu lassen.

Im Lager habe ich oft Hunger, da es für die Betreuer das gleiche Essen wie für die Kinder gibt, halt Essen in Kinderportionen. Zum Frühstück gibt es Buchweizengrütze oder Grießbrei, zum Mittag Suppe und ein Hauptgericht, zum Abendessen dito und als Nachtmahl Obst oder Tee.
Aber ich bin ja nicht hier, um fett zu werden, sondern um Deutsch zu unterrichten.
Der Unterricht gestaltet sich recht unterschiedlich, je nachdem, ob es regnet (Unterricht im Sportraum – unaufmerksame Schüler) oder ob es nicht regnet (Unterricht im Freien – aufmerksame Kinder, dazu kostenlos Mücken und Bremsen). Im A1-Kurs sitzen blutjunge Anfänger, manche können lateinische Buchstaben lesen, manche können Englisch sprechen, manche können als dies nicht. Wir beginnen mit dem Urschleim: sein, haben und möchten und schreiben Diktate.
Im A2-Kurs sind Kinder, die schon seit einem oder zwei Jahren Deutsch lernen, wir spielen Sprachspiele und sie verfassen eigenständige Texte. Am besten gefällt mir ein zehnjähriger Junge, der sehr kreative Texte schreibt; am Ende kommt immer ein Dinosaurier und frisst alle auf. Grammatik und Rechtschreibung können später die Lehrer übernehmen, ich lobe ihn für die tollen Texte.

Im Lager gibt es noch andere Kindergruppen: eine Turngruppe, bestehend aus Mädchen und jungen Frauen aus ganz Russland, die 5 Stunden täglich trainieren, eine Gruppe Jungs, die täglich militärische Übungen machen und von ihrem Leiter ständig angebrüllt werden und eine Gruppe von Kindern aus schwierigen Verhältnissen, wegen denen es im Speisesaal nur Löffel und keine Messer und Gabeln gibt.
Ich finde es schade, dass die verschiedenen Gruppen nur zum Essen in Kontakt miteinander treten.
Auch finde ich es etwas gewöhnungsbedürftig, dass in unserer Gruppe eine Kalaschnikoff (von Gruppenleiter) auf dem Tisch im Gruppenraum liegt und sich alle Kinder darum reißen, möglichst schnell die Kalaschnikoff auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu bauen. Aber wahrscheinlich ist das halt so, da kann ich als außenstehende Deutschlehrerin nichts zu sagen.

Im Ort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: ein Bild Lenins hängt an einem Zaun, Handyempfang gibt es an drei Stellen im Ort und die Männer starten morgens ihre Boote, ziehen hinaus aufs Wasser und kehren abends mit Fischen zurück.
Ich habe eine Frau nach den Öffnungszeiten der Moscheen gefragt und sie meinte, Allah wäre schon lange nicht mehr hier gewesen, der Ort wäre so verlassen, dass selbst Allah ihn verlassen hat. Ein Mann berichtet mir vom Imam, der in der nächstliegenden Stadt wohne und alle Dörfer im Umkreis von 30 km betreue. Er komme circa einmal pro Woche und würde eine der Moscheen aufschließen. Dann träfe sich der oder die, aber nie alle Gläubigen, da es nicht genug Platz gäbe. Außerdem sähe man das hier auch nicht so eng, er (mein Gesprächspartner) sei zum Beispiel mit einer Udmurtin verheiratet und sie nenne Allah anders.
Sie hätten vier Kinder, zwei seien muslimisch getauft, zwei christlich, so sei der perfekte Ausgleich hergestellt. Diese Einstellung gefällt mir und wir trinken auf seine Kinder. Später gesellen sich seine Frau und zwei seiner Kinder zu uns, ein Feuerchen wird entfacht und es gibt gegrillten Fisch mit Hochprozentigem (natürlich nicht für die Kinder, sie bekommen Limonade).
Später erzählt mir die Frau, dass sie nur in den Sommerferien in diesem Nest seien, normalerweise würden sie in Jelabuga wohnen und arbeiten.
Das finde ich beruhigend, dort gibt es wenigstens Infrastruktur.
Am letzten Tag meines Daseins als Deutschlehrerin in Tatarstan werde ich vom Leiter zur Autobahn gefahren, bekomme meinen Lohn und den Hinweis, dass irgendwann ein Bus nach Kasan kommen würde, ich solle einfach hier warten. Nach ca. einer Stunde hält ein Auto und bietet mir an, mich mit nach Kasan zu nehmen.
Im Auto sitzt neben dem Fahrer eine Oma mit ihrer Enkeltochter, die ebenfalls nach Kasan wollen und auf einen Bus gewartet haben. Es war gut, dass kein Bus kam, der Fahrer nimmt uns für weniger Geld mit als wir für den langsameren Bus hätten zahlen müssen: er nimmt uns für 300 statt 350 Rubel mit, also 3,80 € statt 4,40 €; nicht schlecht für drei Stunden Fahrtzeit.
Die Autobahn weist Schlaglöcher in der Größe von mehreren Metern auf, der Fahrer trinkt während der Fahrt etwas undefinierbares, nach Alkohol riechendes und grummelt auf tatarisch vor sich hin. Die Oma spricht auf Russisch zu mir, das Kind ist meine Schokolade. Ich finde es lustig.
In Kasan angekommen stelle ich fest, dass ich noch fünf Stunden bis zum Abflug habe und beschließe, mir nochmal den Kreml und die Baumanskaya Straße anzusehen. Im Stillen hoffe ich natürlich, den tollen Sänger, den ich bei meiner Ankunft gesehen habe, wiederzutreffen.
Er hat Lieder von Viktor Zoi gespielt und mit einer wahnsinnigen Stimme interpretiert. Und er sah sehr gut aus. Ich schlendere die Baumanskaya hinab und bleibe bei jedem Straßenmusiker stehen, einer interpretiert Vyssotzki, ein anderer spielt moderne englische Musik. Dieser sagt mir, dass „mein“ Musiker etwas weiter die Straße hinunter steht und wirklich, ich finde ihn wieder.
Ich setze mich in den Kreis der Zuhörerschaft, applaudiere in den Pausen und summe die Texte mit.

Ich werde etwas traurig, dass die Zeit des Abflugs näher rückt und gehe noch zum Kreml. Es ist inzwischen dunkel, und vom Kreml aus sehe ich die Lichter der Stadt. Das hebt meine Stimmung nicht wirklich und eine leise Träne schleicht sich aus meinem linken Auge. Ich wische sie weg und versuche, mich auf zu Hause zu freuen und mich an die Stunden voller Langewile zu erinnern.
Aber nächsten Sommer werde ich sicher wieder kommen.

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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 5

      Der kleine grüne Tee möchte bitte aus der Spielecke abgeholt werden, der Kindergarten schließt in Kürze.

      25.08.2018, 13:54 von Fin_Fang_Foom
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wieder sehr gerne gelesen! Ich mag deine Reiseberichte, irgendwie kann ich mir die Stimmung und all das sehr gut vorstellen. Schön :)

    24.08.2018, 22:39 von Gluecksaktivistin
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