pnarm 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 38

Ben

"Peng."

Wendel hatte eine seltsame Art seine Schulden zurückzuzahlen. Einmal wollte er mir ein One-Way-Flugticket nach Bratislava andrehen, dann kam er mit einem Fahrradsattel und zwei Reifen an, und versprach mir, den Rahmen als Freundschaftsdienst nachzuliefern. Wendel ist keine Vertrauensperson im klassischen Sinn, aber als er ein paar Tage später wieder auftauchte, war ich gerade so pleite, dass ich ihn rein ließ.


Als ich ihm meine Situation erklärte, grinste er siegessicher und knallte eine Zeitschrift auf den Tisch. Zwei rechteckige Karten segelten obendrauf.

“Was würdest du sagen wenn ich dir Geld schenke, Ben?”

“Bleib mir mit deinen Kronen vom Leib. Die braucht kein Mensch mehr.”

“Euro, Ben. Harte, frische, ehrliche Euro. Kein Scheiß.”

“Zeig sie mir erstmal, deine Euro.” sagte ich misstrauisch.

Wendel faltete die Zeitschrift auseinander. Dann tippte er auf einer Zeile herum, und sah mich mit leuchtenden Augen an.

“Treibsand!”

“Bitte was?”

“Treibsand, Mann. Im vierten Rennen morgen. Der kann nicht verlieren. Der hat nen Lauf.” Er zündete sich eine Zigarette an und beugte seinen Kopf zu mir als ob er flüstern wollte, doch seine Stimme wurde grell. “Ich hab gestern mit Klaus gesprochen. Der räumt seit Tagen in Riem ab. Er sagt nicht wie, aber er hat mir nen Namen gegeben. Treibsand! Das ist wie Bargeld, Ben.”

Ich wusste nicht wer dieser Klaus war, wahrscheinlich hatte er ihn erfunden, aber der Vorschlag gefiel mir. Stand nicht jedem ein Existenzminimum an Glück zu? Ich hatte meine Vorräte lange nicht angerührt. Weit konnten sie doch nicht sein.


Am nächsten Tag fuhren wir gleich nach dem Aufstehen nach Riem. Unsere Taschen waren so voll wie wir sie nur kriegen konnten. Mal wieder waren wir schneller als die Daueraufträge gewesen. Was sollte uns passieren? Wir waren zwei Gewinner auf dem Weg zur Siegerehrung. Soviel stand fest. Am Eingang der Rennbahn reichten wir den Abreissern die Tickets, wie Könige ihre Hand zum Kuss. Sie lächelten freundlich, und hießen uns herzlich willkommen. Typen wie uns hatten sie hier besonders gern.


Es fing gut an. In den ersten zwei Rennen gewann ich 120 Euro. Wendel war weniger erfolgreich. Galgenhumor wurde nur vorletzter, und auch Glücksgriff machte seinem Namen keine Ehre, und verlor.

Bis zum vierten hatte ich etwas über 200. Wendel ging noch immer leer aus. Aber er blieb zuversichtlich. Erregt schielte er zum Monitor und studierte die Quoten des vierten Rennens.

“Schau dir das an, Ben. Treibsand steht bei 80:10!”

“Ja, sieht gut aus. Aber ich glaub ich setz auf Schwerkraft.”

“Du lässt dir ein sicheres Ding entgehen...aber mach was du willst...”  

Treibsand gewann. Schwerkraft wurde siebter. Wendel schrie und hüpfte und wedelte mit der Wettzeitung bis unter den Seidenhüten unserer Nachbarinnen irritierte Blicke hervorstachen. Doch niemand machte den Mund auf. Niemand außer Wendel.

“Wie kannst du nur auf ein Pferd setzen das Schwerkraft heißt? Hab ich’s dir nicht gesagt? Treibsand, Mann. Treibsand!”

“Ja schön für dich, und jetzt gib mir mal mein Geld zurück.”

Ich begleitete Wendel zum Wettschalter, ließ mir zwei Hunnis von ihm geben und verabschiedete mich. Für’s erste hatte ich genug.


Zuhause zählte ich das Geld. Eigentlich sah es gar nicht schlecht aus. Im vierten Rennen hatte ich zwar verzockt was ich vorher gewonnen hatte, aber es blieb mir die Kohle von Wendel und mein Arbeitslosengeld. Was wollte ich mehr?

Ich legte mich hin, schlief bis zum Mittag und stand auf, ohne Plan was ich mit dem Tag anfangen sollte. In der Post war wenig neues. Der Vermieter schrieb schon länger nicht mehr persönlich. Irgendein Anwalt warf jetzt für ihn mit Paragraphen um sich. Die Stadt wollte Geld für’s Schwarzfahren. Die Bibliothek wollte Geld für Bücher die ich längst an’s nächste Antiquariat verkauft hatte. Telekom. GEZ. Die Erzdiözese. Alle wollten alles auf einmal. Mein Blick streifte die Unordnung am Boden und blieb am Küchentisch hängen.  Ich hatte gute tausend Euro vor mir liegen. Zu wenig um meine Schulden zu bezahlen, aber genug um diese Existenzsorgen ein wenig einzuschüchtern. So ausweglos war die Situation eigentlich nicht. Bis zum Räumungsbefehl konnte ich doch sicher noch ein paar hundert Euro dazugewinnen, und den Blutsaugern ihr dreckiges Geld ins Gesicht schleudern, wenn sie kamen um mich rauszuwerfen. Entschlossen schnappte ich mir das Geld, und fuhr nach Riem.


Es funktionierte. Ich wettete vorsichtig, und ging am Abend mit einem Zwanni oder einem Fuffi Gewinn nach Hause. Aber ich sah, wie die anderen abkassierten. Warum sollten sie mehr Ahnung haben als ich, diese gegelten Juppies, die mit Tausendern wedelten als wären es überflüssige Liebesbriefe? Ich begann zu riskieren, und verlor. Die Dreierwetten brachten mich innerhalb von einer Woche fast um mein ganzes Geld. Ich verlor. Ich verlor die einfachen Rennen und die komplizierten. Ich verlor die berechneten, und ich verlor die zufälligen, und wenn ich kurz davor war, aufzugeben und auf einen dieser Juppies loszugehen, gewann ich. Immer genug, um wieder zu spüren warum ich hier war. Genug um mein Kinn in Zielhöhe zu heben. Genug um alle zu belächeln die ihr Geld anders als durchs Spielen gewinnen. Dann war ich wieder auf der Spur. Dann wettete ich wie ein Gewinner. Vertrackt, ausgetüftelt, und blind bis zur Ohnmacht.

Kurz bevor ich komplett abgebrannt war, traf ich Wendel auf der Rennbahn. Vollbärtig und mit einer abgerissenen Frau im Arm blies er sich vor mir auf.

“Na, Ben. Noch immer auf der Suche nach Schwerkraft?”

“Ich glaub inzwischen ist sie auf der Suche nach mir. Hast du gewettet?”

“Mehr als das. Gewonnen!”

Wendel zog ein Bündel Scheine aus der Tasche. Es waren alles fünfhunderter. Er pickte sich ein paar davon raus, und drückte sie der Frau zwinkernd in die Hand. Dann wandte er sich an mich.

“Du siehst ein bisschen abgebrannt aus, Ben. Falls du Geld brauchst. Ich helf dir gerne aus.”

“Lass mal. Ich wollte eh grad gehen.”

Ich zerknüllte meinen letzten Wettschein, warf ihn weg und machte mich auf den Heimweg. Das Scheiß Geld war den ganzen Stress doch nicht wert.


Meine Post öffnete ich nicht mehr. Doch die Umschläge wurden immer bunter. Ich fing an meine letzten Wertsachen zu versetzen. Nicht etwa um was zurückzuzahlen. Nein, ich hatte einfach keinen Bock dass sie mir was wegnahmen. Ich fühlte mich wesentlich wohler, wenn alles was mir wichtig war, in meine Hosentaschen passte.

Ich las jetzt bis es dunkel wurde. Dann legte ich mich ins Bett. Seit sie mir den Strom abgedreht hatten, entwickelte ich sowas wie einen geregelten Tagesablauf. Lange konnte ich ihn leider nicht pflegen, denn das unliebsame Klopfen an der Haustür kam viel zu bald. Grelle Stimmen rissen mich aus dem Schlaf. Etwas schabte an der Tür. Ein Hämmern erklang, das mich beunruhigte. Ich zog mich hastig an, steckte das Geld ein und sprang aus dem Fenster. Dann lief ich so schnell ich konnte. Aber alle die ich in dieser verfluchten Stadt kannte, wollten Geld. Alle, außer Wendel.

Ich wusste, früher oder später würde er wieder in Riem auftauchen. Also fuhr ich dort hin, und wartete, und wettete. Ich hatte einen klaren Kopf. Was sollte mich auch zerstreuen? Alles was mir noch geblieben war, trug ich mit mir rum. Ich fühlte mich leicht. Um mich herum war eine Welt ohne Gewicht, und meine Taschen waren prall gefüllt mit dem einzigen Ballast der sie am Boden hielt.

Kurz vor dem letzten Rennen tippte mich jemand auf die Schulter. Es war die Frau die ich mit Wendel gesehen hatte.

“Hey. Läuft’s gut?” fragte sie.

“Geht so.”

“Ja, bei mir auch.” Ihre Gesichtszüge entspannten sich. Früher war sie vielleicht mal ganz hübsch gewesen. “Nervt’s dich nicht dass hier immer die anderen über dein Glück entscheiden?”

“Machen sie das nicht überall?”

“Beim Pokern kannst du immerhin selbst eingreifen.”

“Ich hab schon lang nicht mehr gepokert.”

“Ich auch nicht. Aber ich weiß wo wir heute Abend ein bisschen üben könnten.”

“Meinst du ich kann dort auch pennen?”

“Klar. Du wirst nicht der einzige sein.”


Sieben Stunden später saß ich auf einem Bordstein und zündete mir mit meinem letzten Zehner eine Kippe an. Ich glaube, es war der Schnaps. Die letzten Runden hatte ich ihnen geschenkt. Scheiß drauf. Jetzt war ich frei. Wer braucht schon Geld zum überleben? Ich raffte mich auf und machte mich instinktiv auf den Nachhauseweg. In einer Seitenstraße sah ich, wie sich ein Typ an einem Auto zu schaffen machte. Es war Wendel. Ich schlich mich an ihn heran.

“Peng.”

Er zuckte zusammen. Panisch drehte er sich um.

“Fuck, Ben! Was soll die Scheiße?”

“Das sollte ich dich fragen. Was willst du mit der Karre?”

“Schau sie dir doch an. Das Ding bringt mindestens zwanzigtausend. Vergiss die Pferde, Ben. Die sind viel zu lahm.”

“Das klang vor ein paar Tagen aber noch ganz anders.”

“Scheiß auf die paar Tage. Hilf mir lieber mit dem Schloss.”

Er knackte es ganz ohne meine Hilfe. Dann schwang er sich ins Auto. Ich wollte nach Hause und ins Bett, da fiel mir ein dass ich keins mehr hatte. Der Motor startete. Wendel öffnete die Beifahrertür.

“Was ist, Ben? Beeil dich wenn du mit willst.”

Ja, ich musste mich beeilen. Zum stehenbleiben war ich viel zu müde. Ich sank in den Wagen, und knallte die Tür zu. Häuser einer fremden Stadt begannen an mir vorbeizuziehen. Ich kurbelte das Fenster runter, und im Fahrtwind hörte ich, immer lauter, meinen Namen.


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23 Antworten

Kommentare

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  • 2

    "Der Pferd heißt Horst."


    Bang Boom Bang in ernsthaft. Findsch jut.

    30.05.2015, 18:33 von IceIceFriedhelm
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  • 1

    Spannend. Bildhaft. Lebendig.

    Ach ja: Tausender gibt es seit dem Euro nicht mehr.

    30.05.2015, 17:14 von Jimmy_D.
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  • 0

    yup is gut yuppie

    29.05.2015, 18:34 von JohnnyBravo
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  • 3

    Gefällt mir. Eine Kleinigkeit hat mich n'bißchen gestört. Es heißt Yuppies mit Y (Young urban professionals)

    28.05.2015, 18:29 von PatrickMangan
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  • 0

    danke euch. : )

    28.05.2015, 09:56 von pnarm
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  • 0

    Aber nur deines Profilbildes wegen.

    27.05.2015, 13:10 von Patroklos
    • 0

      Als Autor würde ich dein Herz ja gleich wieder löschen (sollte das gehen) Ironie oder nicht, hin oder her ^^

      27.05.2015, 21:42 von yuhi
    • 0

      schon ok, ich würd dem Bild ja auch mein Herz geben. : )

      28.05.2015, 09:56 von pnarm
    • 0

      aber nicht unter dem eigenen Text....

      30.05.2015, 20:34 von yuhi
    • 1

      Och yuhi. Lass uns tanzen.

      31.05.2015, 14:59 von Patroklos
    • 0

      Und eigen? Bäh!

      31.05.2015, 15:01 von Patroklos
    • 0

      Dann aber lieber so ^^

      31.05.2015, 15:09 von yuhi
    • 0

      Dann werden wir uns heute ordentlich auf den Füßen stehen.

      31.05.2015, 15:17 von Patroklos
    • 0

      hihihihihi

      31.05.2015, 15:19 von yuhi
    • 0

      Du bist süß. Handkuß.

      31.05.2015, 15:23 von Patroklos
    • 1

      "knicks"

      31.05.2015, 15:34 von yuhi
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  • 0

    Wirklich gut geworden das!

    26.05.2015, 22:13 von yuhi
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  • 1

    Ich freue mich jedesmal, wenn ich sowas hier finde. Eine richtige Kurzgeschichte. Mit Figuren, Mit Dialog. Mit Handlung.
    Danke.

    26.05.2015, 16:03 von cosmokatze
    • 0

      Und diese Pferdenamen ! Großartigst.

      26.05.2015, 16:03 von cosmokatze
    • 1

      Sauerei!
      Genau DAS wollte i c h nämlich grade als Kommentar schreiben (mit Kurzgeschichte und so) ;)^^

      26.05.2015, 22:16 von yuhi
    • 1

      ;o)
      Ich bin froh über jede Ablenkung. Du weisst ja.
      Ist doch schön, dass wir es beide mögen.

      26.05.2015, 22:24 von cosmokatze
    • 1

      Der sticht hier wirklich extrem positiv heraus.
      Und - klar ist das schön :), bist ja eh die Beste!

      26.05.2015, 22:27 von yuhi
    • 1

      yip, endlich mal nwieder e flüssige Gute-Nacht-Geschichte.

      27.05.2015, 00:31 von EliasRafael
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