Lilli-Alice 01.03.2008, 13:52 Uhr 0 0

Belangloses

Ich fühle mich wie ein kleines Mächen auf ihrer ersten Party und gleichzeitig so erschreckend reif und erwachsen.

Ich stehe im Bad und kämpfe mit meinen Haaren, die ich mir so eben endgültig versaut habe, mit dem Versuch, ihnen erneut eine neue Farbe zu verpassen.
Jetzt machen sie überhaupt nicht mehr, was ich will.
Alles, was sich machen lässt, ist ein geflochtener Zopf. Gott, wann trug ich das zum letzten mal? Sehr lange her.
Der Kajal will heute auch nicht so, wie sonst. Und welche Kette ich anziehe, kostet mich auch viel Überlegung.
Wieso will ich denn heute eigentlich besonders gut aussehn?
Weil es andere Leute sind, mit denen ich mich treffe. Es sind nicht die üblichen Leute. Die guten Freunde. Denen es scheißegal ist, wenn die Haare nicht liegen, die Schminke verschmiert ist und die Kette nicht wirklich zum Rest passt.
Aber die Leute sind anders. Sie sind nicht meine Freunde. Sie sind Bekannte, mit denen ich mich manchmal gut unterhalten kann, aber mehr auch nicht. Es sind Leute, die viel wert auf das Aussehen anderer legen und ganz andre Musik hören als ich. Für mich kein Grund, sie nicht zu mögen. Grund genug aber, Angst zu haben, ausgeschlossen zu werden.
Normalerweise ist mir sowas egal. Ich lege keinen Wert darauf, gemocht zu werden. Immerhin bin ich auch kein unbeliebter Mensch.
Aber einen Abend einsam zu verbringen, während man von vielen Leuten umgeben ist, dieses Gefühl mag ich nicht. Also gebe ich mir heute Mühe.
Ich halte inne und starre in den Spiegel. Einigermaßen gut hab ichs hingekriegt. Und ich lache mich selbst aus, weil ich mir vorkomme, wie ein kleines Mädchen, das zum ersten mal im Leben auf eine Party geht und keine Ahnung hat, wie sie sich anziehn und verhalten soll.
Ich mache mich auf den Weg und bin froh, dass das Geburtstagskind am Bahnhof auf mich wartet, um mich im Auto mitzunehmen. Der Abend geht entspannt und lustig los. Ich muss wieder schmunzeln, weil ich mir so viele Gedanken umsonst gemacht habe.
Am Ziel angekommen, betreten wir die Kneipe. Edel sieht es aus, da drin. Als ich das letzte mal hier war, vor eins, zwei Jahren, wurde ich schief angeguckt und fühlte mich sehr unwohl, heute werden wir freundlich bedient. Plötzlich komme ich mir verdammt erwachsen vor. Und es ist ein seltsames Gefühl.
Nach un Nach treffen alle ein. Es werden Cocktails getrunken, kleine Geschichten erzählt und Fotos gemacht. Ich weiß nicht, ob ich mich noch so wohl fühle. Denn langsam bilden sich kleine Grüppchen und ich scheine übrig zu bleiben. Aber ich lasse mir nichts anmerken.
"Lass uns mal eine rauchen gehn." Für diese Aufforderung bin ich dankbar.
Wir stehen draussen und ich klinkle mich in das Gespräch mit ein. Zwei Nachzügler kommen noch vorbei.
Der eine von beiden sieht echt gut aus und stellt sich zu uns. Irgendwie wirft mich das ein kleines bisschen aus der Bahn.
Meine Beiträge zum Gespräch werden knapper und irgendwann stehe ich einfach nur noch da und halte mich an meiner Zigarette fest.
Manchmal schaut er zu mir rüber, der gutaussehende Nachzügler, und ich versuche, gleichzeitig Interesse und Gleichgültigkeit zu signalisieren. Denn als ich ihn anlächeln wollte, fiel mir der Spruch "Willst du gelten, mach dich selten" ein. Ich muss mich wieder fast selbst auslachen, weil ich versuche, irgendwie zu wirken, wie ich gar nicht bin und will am liebsten einfach zu ihm gehn und ein interessanteres Gespräch anzufangen, als das, was hier gerade am einschlafen ist.
Aber da die Cocktails zum Mut antrinken noch nicht gereicht haben, bleibt es beim gegenseitigen Blicke-zuwerfen. Ganz unauffällig versteht sich.
Als ich gehn muss, werfe ich meine Zigarette weg und lächle ihn doch nochmal kurz an.
Und jetzt bin ich doch ganz froh, dass ich mir Mühe mit meinem Aussehen gegeben habe und trotz Zweifel mitgekommen bin.

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