justanotherpicture 18.08.2012, 16:04 Uhr 79 88

Ausfahrten, Augenblicke

Eine Geschichte vom Suchen. Und vielleicht auch vom Finden.

Es war an diesem einen Tag im Sommer in irgendeinem Büro in irgendeiner Stadt. In den Nachrichten hieß es, dass eine Spielzeugfabrik im Süden der Stadt schon tagelang brannte und beißender Plastikgeruch vermischte sich mit der heißen Sommerluft zu einer stinkenden Dunstglocke, die unbarmherzig über den Häusern und Köpfen der Menschen hing.

An diesem einen Tag saß ich wie immer in diesem Raum mit den weißen Wänden und den Computern und den Kopierern und den Leuten in den Anzügen und Kostümen. Die Klimaanlage ächzte unter der Last ihrer Aufgabe, im Radio sprachen gutgelaunte Moderatoren von Ausläufern eines Hochs, das sich seinen Weg von der Sahara nach Deutschland bahnen und dem Land Rekordtemperaturen bescheren sollte.

Ich ging zu irgendeinem Mann, der sich in diesen Tagen mein Chef nannte und sagte: „Ich kündige.“ Ich packte meine Sachen zusammen, fuhr nach Hause durch die verstopften Straßen, in der sich Fahrradkuriere, Touristen und Taxifahrer erbarmungslose Wettkämpfe lieferten und atmete die verpestete Luft begierig ein, denn plötzlich fühlte ich mich frei und unbesiegbar.

Ich fuhr zu einem Mädchen, mit dem ich mir das Bett und ein paar Zimmer teilte und sagte: „Ich verlasse dich.“ Das Mädchen weinte, ich nahm es in den Arm, packte noch mehr Sachen, setzte mich ins Auto und fuhr los. An der erstbesten Tankstelle kaufte ich mir eine Straßenkarte von Deutschland, ein paar Flaschen Wasser und billigen Fusel, ging an den EC-Automaten und räumte mein Konto komplett leer. Ich tankte voll und ein Gefühl der Erleichterung durchströmte mich, als ich endlich die Autobahn erreichte, die mich heraus aus dieser Stadt führen sollte und der warme Fahrtwind im Auto zirkulierte.

Autobahnschilder, Raststätten, Fahrzeuge auf dem Seitenstreifen, wild gestikulierende Menschen, Sportwagen, Wälder und Täler, alles zog wie im Rausch an mir vorbei. Begierig schluckte der Wagen das Benzin und ich empfand ein Gefühl von Freiheit, als ich meine Lieblings-CD in Dauerschleife hörte und jede Zeile lautstark mitsang.

Kurz vor Hamburg, meiner ersten Etappe auf einer Reise ohne Ziel, hielt ich an einer Raststätte, um die Kontakte in meinem Handy nach einer Nummer zu durchsuchen. Eine Nummer, die schon fast in Vergessenheit geraten war, elf Ziffern, die einmal beinahe die Welt bedeutet hätten. Es klingelte lange, bis jemand dran ging.

Was folgte, waren Tränen des Wiedersehens, verstohlene Blicke, hastige Zärtlichkeiten, Tage in der Sonne im Park, wodkageschwängerte Abende in kleinen Klubs. Wir besuchten ein Festival, auf dem junge Menschen Ray-Ban-Sonnenbrillen trugen und sich als Zeichen ihrer Individualität gegenseitig mit ihren Smartphones fotografierten, um später Aufnahmen im Internet hochzuladen, die aussahen, als seien sie vor dreißig Jahren entstanden. Nach einigen Abenden an der Alster sagte ich zu dem Mädchen: „Ich muss weiter.“ Sie nickte nur stumm und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor ich mich ins Auto setzte und erneut losfuhr.

Stunden, Tage, Kilometer auf der Autobahn, die Zeit erstarrt zur unbedeutenden Konstante. Einhundertsechzig Kilometer in der Stunde zwischen mir und allem und nichts. Die Welt reduziert auf asphaltierte Straßen, Ausfahrten und Augenblicke im Vorbeifahren.

Hamburg, Berlin, München, eine Stadt wie die andere. Erstaunen, Freude, Enttäuschung, immer wieder Alkohol, Partys, Küsse, nackte Körper, das böse Erwachen am Morgen danach. Das Geld in meiner Brieftasche wird weniger. Tausche Vollrausch gegen Depression, schnellen, schlechten Sex gegen zehn Minuten zuhören.

Ein Abend in irgendeiner WG-Küche in irgendeiner Stadt im Spätsommer. Die Hitze steht in der Wohnung, hat sich festgesetzt unter den hohen Decken, der Putz bröckelt langsam von den kahlen Wänden, auf dem Tisch leere Flaschen und volle Aschenbecher.

„Wann genau hat es damit angefangen?“, fragst du mich.

„Womit?“

„Dass es nur noch darum ging, die nächste Rechnung zu bezahlen, den größeren Fernseher zu kaufen, das schnellere Auto zu fahren. Wann war dieser Moment?“

Ich schaue dich an und merke, dass du älter geworden bist. Dass du drin steckst in dem, was die meisten Leute Leben nennen, das Erwachsenwerden. Master-Studium in Rekordzeit beendet, mit dreiundzwanzig schon im Job in einer angesehenen Kanzlei, Fünfundvierzig-Stunden-Woche-plus, zweitausendzweihundert netto seit dem ersten Tag. Dein Haar hast du ungestüm zum Dutt hochgebunden, als ich plötzlich in der Tür stand, jetzt fallen einzelne Haarsträhnen immer wieder in deine Stirn.

„Was machst du eigentlich mit dem ganzen Geld?“, frage ich dich. „Ich meine, schau dich um, du bist keine Studentin mehr, wie lang willst du dir das noch geben?“

„Keine Ahnung“, sagst du, „ich spende viel. Indien, Afrika, ein paar Projekte in Lateinamerika. Was soll ich damit? Mir geht es gut.“ Du lächelst und zündest dir eine Zigarette an.

In dieser Nacht liegen wir auf deinem Bett und reden viel, du trägst dein Top und einen Slip und ich immerhin eine Jeans, das Fenster ist weit geöffnet und die Luft trägt die Gerüche der Großstadt in dein spärlich möbliertes Zimmer. Du erzählst mir von deinen Träumen und Ängsten und was du die letzten Jahre so gemacht hast. Nach einiger Zeit sagst du, dass du noch einen tollen Platz kennst, ich müsse mitkommen, wir ziehen uns an, packen Bier aus dem Kühlschrank ein und gehen los. Du führst mich auf ein Hochhaus mit einem fantastischen Blick über die Stadt, ferne Lichter funkeln am Horizont und über uns der sternenklare Himmel. Nur wenige Fahrzeuge schlängeln sich klein wie Matchbox-Autos durch die verschlungenen Straßen, die sich zu unseren Füßen in der Dunkelheit verlieren.

„Weißt du, was mir die letzten Wochen tierisch auf den Sack gegangen ist?“, fragst du mich und nippst an deinem Bier. Ich mag deine derbe Ausdrucksweise.

„Dass bei Olympia immer alles erst realisiert werden muss. Kaum gewinnt ein Athlet eine Medaille, geht es im Interview nur noch darum, ob er das Erlebte denn schon realisiert habe. Und natürlich haben diese ganzen Affen nie irgendetwas realisiert und alles ist unglaublich und man muss über alles immer erst eine Nacht schlafen und dann sitzen sie am nächsten Abend neben Michael Steinbrecher mit ihrer dämlichen Medaille um den Hals und haben immer noch nichts realisiert. Ich hasse es. Das ist alles wie eine riesige, wiederkehrende Endlosschleife, ein einziges, mieses Drehbuch, das alle vier Jahre aufs Neue ausgepackt wird.“

„Ist denn nicht das ganze Leben eine einzige Endlosschleife?“, frage ich dich. Du zuckst die Schultern, nimmst wieder einen Schluck aus der Flasche und lässt deinen Blick in die Ferne schweifen.   

Irgendwann ist jedes Wort gesagt, jede Frage gestellt und jede Antwort gegeben. Lautlos sitzen wir nebeneinander am Rande des Flachdachs, unsere Füße baumeln im Nichts über den Häuserschluchten und Dächern dieses Ortes, den du deine Heimat nennst. Du lehnst deinen Kopf an meine Schulter und atmest tief ein, lässt die Luft einige Sekunden in deiner Lunge, bevor du wieder ausatmest. Es hört sich an, als falle gerade eine zentnerschwere Last von dir ab.

„Es tut gut, dass du da bist“, sagst du. Ich erwidere nichts und lasse den Moment geschehen. So sitzen wir dort, Stunden verstreichen. Ewigkeiten in einem Augenblick.

„Wann musst du weiter?“, durchbrichst du die Stille, als der Himmel schon beginnt, sich violett zu verfärben und den nächsten Tag ankündigt - ein Tag, an dem das Leben wieder seinen geregelten Bahnen nachgehen wird, an dem Menschen zur Arbeit oder in die Uni gehen, Kinder geboren werden und Alte sterben, blutige Bürgerkriege ganze Kontinente zerstören und die größte Sorge mancher Leute zu sein scheint, welche Schuhe am besten zu ihrem Oberteil passen.

„Ich weiß nicht“, erwidere ich und fingere mir umständlich die letzte Zigarette aus deiner halb zerdrückten Schachtel. „Ich glaube, ich komme gerade erst an.“


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79 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Zauberhaft. 

    23.10.2012, 23:08 von anima.
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    du hast mir ein deja-vu in den Kopf gezaubert.vielen Dank dafür :)

    23.10.2012, 22:36 von amanita-virosa
    • 0

      Tatsächlich? Das ist interessant. Aber gern geschehen! ;)

      24.10.2012, 15:27 von justanotherpicture
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  • 0

    Endlich wieder was von Dir :)
    Das ist ein toller Text! Ich hätte gerne mehr davon!

    13.09.2012, 22:53 von kampffusselline
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  • 0

    Wirklich wundertoll!

    04.09.2012, 09:32 von Nicki91
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  • 1

    Schön. Schnell mehr davon.

    31.08.2012, 20:23 von siePlosion
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  • 0

    schmacht*

    30.08.2012, 18:48 von neekaala
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  • 0

    fein:)

    25.08.2012, 20:31 von zehnmomente
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  • 1

    Danke für den wundervollen Text. Ich mag ihn sehr!

    25.08.2012, 20:30 von wunschpunkt
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  • 0

    ich erkenne was du für ein Bild erstellen wolltest, aber irgendwas passt nicht. Irgendwas wirkt nicht authentisch.

    25.08.2012, 20:04 von bunteschaos
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  • 2

    Nicht Suchend ist wahres Finden.
    Da hab ich wohl zu sehr in deinem Text gesucht.

    22.08.2012, 03:45 von JohnnyBravo
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