Aufbruch statt Ausflucht
„Weil sich mein Leben in dem eines anderen abspielt, wird es für sich selbst zum Geheimnis.“
Irgendwie so hat das Laura gesagt, ziemlich gescheit, aber dann nannte sie einen Namen, französisch, Philosoph oder Schriftsteller, jedenfalls kaum möglich auszusprechen (Jean Baudrillard). Sie macht sich den zweiten Kaffee an diesem Tag, diesmal mit etwas weniger Milch, und setzt sich ans Notebook. Da war nicht viel mehr Welt drinnen als draußen, eine Freundschaftsanfrage von jemandem dessen Namen man auch kaum aussprechen kann: Mas Hermansyha. Er spricht indonesisch und sein Beziehungsstatus ist kompliziert. Sie denkt sich, dass Mas Hermansyha sich verklickt haben wird. Das ist ihr auch schon passiert. „Scheiß Touchpad“ nuschelt sie vor sich hin und loggt sich in ihr E-Mail Postfach ein.
>>Hallo Schatz, natürlich kannst du übers Wochenende kommen und dich bisschen ausruhen. Schade nur, dass du so spontan schreibst, sonst hätten wir was gemeinsam planen können. Jetzt sind Andreas und ich für morgen verabredet. Aber du kannst natürlich trotzdem kommen. Meld dich, wenn du weißt, wann du ankommst, ja?
Mama<<
Sie loggt sich wieder aus, fragt sich, was in Hamburg jetzt besser sein könnte als hier und ärgert sich, dass sie sich immer noch schlecht fühlt, wenn sie im Beisein ihrer Mutter eine Zigarette anzündet. Sie zündet sich eine Zigarette an. Und weil sie das Rauchen im eigenen Zimmer nicht mag, steigt sie übers Bett ans offene Fenster und setzt sich auf die Fensterbank. Das ist schon fast wie draußen und sie spürt wie die Luft an ihr vorbei strömt, wie sie schon ein wenig nach Herbst riecht und ihre Füße dabei kalt werden. Ihr Gesicht spiegelt sich in der nach innen geöffneten Fensterscheibe und sie stellt fest, dass ihre Wangen schmäler geworden sind. Sie fasst sich an den Bauch, auch da sitzt nicht mehr die Speckrolle von vor paar Wochen. Sie schaut sich an und überlegt, warum nochmal sie eigentlich hier weg wollte und trotzdem nicht wusste wohin sonst.
Ihr Blick wandert über die Blumenbettwäsche und das einfältige Buch von gestern Abend. Sie betrachtet es mit gedanklichem Kopfschütteln. Wenn Sie Ihr Leben in den Griff kriegen wollen, entscheiden Sie sich Ihrem Genius zu folgen! Das Buch wird Ihnen dabei helfen! Es führt Sie in das Handwerk mit dem Sie Ihren Genius erfahren und ihn reifen lassen! Das erste Kapitel hatte sie gelesen und ihren Genius gefunden (der nach Vorschrift des Autors nur ein Verb und ein Substantiv enthalten darf): „Auf meine innere Stimme hören.“, war ihr Satz. Und weil das ihr innerer Genius sein soll, der Satz, der den Leitfaden ihres Lebens bildet, fühlte sie sich erleichtert, legte das Buch weg und begriff: „Meine innere Stimme sagt mir, dass dieses Buch scheiße ist.“
Ihr Handy klingelt und zum ersten Mal seit vier Tagen ist es nicht ihr Wecker. Und weil ihre innere Stimme ihr sagt, sie müsse jetzt duschen gehen, nimmt sie ihr Handtuch und geht ins Bad. Nach dem Anruf kann sie auch später schauen.
Als sie mit nassen Haaren aufs Handy schaut, ahnte sie kaum, dass es Matthias war. Ihr Herz klopft leise, aber wild, und ihr Atem wird flach. So muss es sich anfühlen, wenn da ein Mensch ist, der einen am seidenen Faden hält, mit dem er dir liebevoll den Hals zuschnürt und dir im besten Fall dabei noch sanft über die Wange streicht. Sie legt ihr Handtuch über den Stuhl am Schreibtisch und schaut in den Spiegel gegenüber. „Matthias.“, denkt sie und spricht in Gedanken alle drei Silben ganz langsam aus. Sie überlegt, ob es einfacher wäre seinen Namen ganz schnell und oft zu wiederholen. Manche Dinge verlieren dadurch ihre Bedeutung. Sie probiert es aus. Es klappt nicht. Sie streift sich ein dunkelgraues Top über den BH und schaut sich wieder an. Viel hat sie wirklich nicht an sich zu bemängeln. Vielleicht ihre knuppeligen Knie und die blasse Haut. „Weißbrot“ hatte mal einer zu ihr nach dem Sex gesagt, einer der Hermann Hesse Gedichte auswendig konnte und am Morgen danach sagte, er müsse jetzt kacken geh'n. Da hatte sie dann genug Zeit gehabt sich Kleid und Strumpfhose überzuziehen und die Tür hinter sich zu schließen. „Ich knutsch dich :* “ hatte er ihr geschrieben, als sie in der Bahn saß. Hätte sie damals nicht gefühlt sein Sperma zwischen den Finger kleben, hätte sie sich vermutlich an die Stirn gefasst. Deswegen und weil sie ihm scheinbar tatsächlich ihre Nummer gegeben hat. Wie ist das passiert? Sie glaubt, es lag daran, weil sie ihn am Anfang noch gut fand. Vielleicht wegen der Hesse Gedichte. Sie wird etwas rot im Gesicht und zieht sich an. Später schminkt sie sich wie gewohnt, packt ein paar Sachen zusammen und spart sich die Mitfahrgelegenheit. „Kein Bock jetzt auf Menschen.“, und dreht sich noch eine Zigarette, bevor sie geht.
Vier Stunden Zugfahrt und eine SMS: „Hey, ich bin in der Stadt. Nicht für lang. Sehn wir uns heute Abend?“
Hamburg Hauptbahnhof. In der S-Bahn kann man viele Menschen sehen. Manche von ihnen sitzen, nur wenige stehen und die meisten von ihnen haben diesen leeren Blick, der sie durch alles und jeden hindurchschauen lässt. Sie sitzt am Fenster und beobachtet die Fahrgäste, als könne sie sich nicht an ihnen satt sehen. Das funktioniert so lange gut bis einer dazu steigt, der meint, er dürfe andere Menschen auch so offenkundig anglotzen. Zwei Stationen später steigt so einer ein, setzt sich ans Fenster auf der anderen Seite des Durchgangs und starrt sie an. Ganz schamlos starrt er. Ihre Schultern ziehen sich zusammen und sie rutscht ein wenig tiefer in den Sitz. Der dicke Mann neben ihr schaut auf sein Smartphone und sie bemüht sich nicht dort hin zu schielen. Stattdessen schaut sie in diese Glubschaugen schräg gegenüber und fühlt sich ertappt. Sie senkt ihren Kopf. „Jetzt glaubt der bestimmt, dass ich ihn hübsch finde.“, denkt sie sich. Und dann denkt sie noch an Matthias und daran wie hübsch sie ihn doch findet. Sie versucht nochmal die Sache mit dem Wiederholen seines Namens. Wahrscheinlich klappt das nur, wenn man ihn ganz laut ausspricht. Sie nimmt sich vor es auszuprobieren, wenn sie ankommt und allein ist. Ihre Hand vergräbt sich in ihre Jackentasche und sie spielt mit den Konturen des Schlüssels. Sie hofft, nachher allein zu sein. Ein Bahnsteig erscheint und sie biegt sich wieder aufrecht. Hier muss sie raus.
Es ist 20 Uhr. Hamburg Hauptbahnhof.
Dazwischen liegt ein kurzer Heimweg, ein leeres Haus (was ihr ganz
recht war), so was wie Abendbrot, ein Bier aus dem Bierkasten im
Keller (was ihr ganz besonders recht war) und die Erwartung an ein
Wiedersehen. Ein wenig weiche Knie, aber zum Glück keine Puddingknie
und sie glaubt, das habe sie dem Bier zu verdanken. Jetzt steht sie
nur zwei Meter von ihm weg.
„Jonas?“ Sie erschreckt ein wenig, als sie ihre eigene Stimme hört, so piepsig und so überhaupt nicht die ihre, was daran liegen mag, dass sie den ganzen Tag nur um die vier Sätze gesprochen hatte und einmal wie eine Verrückte zigmal Matthias durchs Haus schrie. Sie bereitet sich auf ein starkes, selbstbewusstes „Hey!“ vor, aber da dreht er sich schon um und komm ihr zuvor. „Hey!“ Beide schauen sich an und lächeln still. Ihre Knie fühlen sich nicht mehr weich an und um den Bauch herum wird ihr etwas warm. Passanten drängen sich an ihnen vorbei und man hört wie Züge über den Gleisen bremsen und wieder abfahren. Es riecht nach Asiaimbiss, aber auch Gerüche dringen nicht durch diese Seifenblase, die sich grad um sie herum aufzublähen scheint. Ihr Lächeln wird breiter. „Komm“, sagt er. „Lass und erst mal schweigen. Hier ist kein Ort zum Reden.“ Ihr Lächeln bleibt ihr im Gesicht, als sie den Bahnhof verlassen. Es dringt ein Geigenkonzert in ihr Gehör und sie erinnert sich an die Zeit, als beide darüber spekulierten, warum man denn dieses Lautsprecherorchester an solch einem Ort abspielt. Vom weiten sieht man das Deutsche Schauspielhaus in seiner grünlichen Kuppe über den letzten Sonnenstrahlen leuchten. „Woll'n wir was zu trinken kaufen?“, fragt sie leise. „Willst du?“. „Ja.“ Sie entscheiden sich ans Wasser zu gehen. An Matthias denkt sie nicht mehr.
Sie schweigen eine Weile und schauen sich hin und wieder an, als sei jeder gespannt zu hören, was der andere sagen möchte. Er schlägt vor sich ans Wasser zu setzen und sie setzen sich ans Wasser. „Es ist schön dich wiederzusehen.“ Seine Stimme hört sich weich und entschlossen an. Sie blickt zu ihm auf, streicht sich eine Strähne hinters Ohr und muss wieder lächeln: „Es ist schön dich zu sehen. Wie geht es dir?“ „Wie geht es dir? Der sensible Mensch hat doch eine Menge an Gefühlen mitzuteilen.“ Sie schmunzelt. „Ach ja..., vielleicht.., und du nicht? Du bist doch auch sensibel. Weißt du, ich befürchte, dass ich immer dann deine Nähe suche, wenn es mir gerade nicht gut geht. So wie jetzt vielleicht. Ich will dich nicht mit meinen Gefühlen belasten. Es wäre nicht fair wieder nur über mich zu reden. Ich würde gern erfahren, wie du dich fühlst, was du jetzt machst, wie du lebst, verstehst du? Es ist so viel Zeit vergangen.“ „Du kannst mir jederzeit alles erzählen. Du belastest mich nicht, du bereicherst mich.“ „Ehrlich?“ „Ja.“ Sie hält sich die Hände um ihre Arme, die Luft ist kälter geworden. „Ich muss meine Jacke anziehen, mir ist kalt.“ Sie zieht ihre Jacke an und er erinnert sich, wie es damals war, als sie stets die Dinge, die sie tat, kommentierte. Sie schaut etwas verlegen aus. „Lass uns bisschen gehen.“ „Okay.“ Sie klopft sich den Sand von ihrem Po. Er denkt angestrengt nach.
„Vielleicht hab ich das falsch gesagt. Vielleicht bin ich zu weit gegangen mit „bereichern“. Wir haben uns lange nicht gesehen, aber du sollst wissen, dass du mir viel bedeutest. Du scheinst manchmal sehr melancholisch zu sein und irgendwie weckt das meine Aufmerksamkeit. Ich frag mich, was dich so oft unglücklich macht.“ „Ja, ich weiß, traurige Menschen ziehen dich magisch an.“ Sie lacht etwas neckisch. Sie gehen Richtung Stadt und er fängt an ihr eine Geschichte zu erzählen.
„Ich habe vor kurzem eine schöne
Geschichte gehört. Es gab mal einen wohlhabenden Kaufmann, der
darauf bestand, dass seine Kinder keiner handwerklichen Tätigkeit
nachgehen. Sein Sohn bemühte sich gehorsam zu sein. Das
funktionierte auch eine Zeit lang bis er sich schließlich in einen
Raum begab und inmitten dieses Raums einen Stuhl stellte, sich auf
diesen Stuhl setzte und auf einen Marmorblock schaute.“
Sie mag die Art, wie er erzählt, sie
ist so authentisch und wirkt verspielt. Sie hört gespannt zu, muss
grinsen und hofft dabei, dass es nicht unangebracht ist.
„Er betrachtete diesen Marmorblock mehrere Tage und das stundenlang. Irgendwann betrat einer den Raum und fragte ihn, was er da machen würde. Er sagte: „Ich arbeite!“ Derjenige verließ den Raum wieder und war bloß verwundert. Was glaubst du, wer dieser Mann war, der den Marmorblock stundenlang anschaute?“ „Ich weiß nicht, erzähl es mir.“ „Es war Michelangelo und der Marmorblock wurde einige Zeit später zu der Skulptur des David. Als man ihn fragte, wie er das geschafft hat, da antwortete er, dass er es nicht erschaffen hat, dass er lediglich den überschüssigen Stein entfernt hat, weil die Gestalt schon vor seinem Tun im Stein gewesen ist. Er hatte sie nur sichtbar gemacht.“
Sie überqueren den Gänsemarkt und sie sagt ihm, dass ihr die Geschichte gefällt. Die Schaufenster von H&M und Esprit belichten die Fußgängerpassage. Es wird still und sie überlegt lange, bevor sie wieder spricht. „Aber was möchtest du mir damit sagen? Dass du so bist wie er? Oder dass wir alle so sind wie dieser Marmorblock? Aber das würde bedeuten, dass wir nur mit Hilfe eines Anderen unsere wahre Gestalt finden. Ist es das, was du mir sagen willst?“ „Ja, vielleicht.“ „Ich will nicht glauben, dass es so ist.“ „Ich eigentlich auch nicht.“ Er wird traurig. Sie bemerkt es und wird wieder still, weil sie nicht weiß, was sie sagen soll. „Ich glaube, ich will sagen, dass in dir etwas ist, das noch herausbrechen möchte. Weil du fast immer nur das tust, was andere von dir wollen. Hätte Michelangelo auf seinen Vater gehört, hätte es nie einen David gegeben.“ Sie fragt sich, ob er Recht hat mit dem, was er sagt.
Beide kaufen sich Cheeseburger und Pommes, als es draußen 22 Uhr schlägt. Es vergeht eine Stunde und er erzählt ihr von seiner Uni, wo er jetzt wohnt und warum er sich mit seinem Vater zerstritten hat. Und trotz diesem Vorfall lachen beide so viel wie schon seit Wochen nicht mehr. Gemeinsam. Später gehen sie Richtung Bahnhof zurück.
Sie denkt an seine Geschichte und daran, wie alles irgendwann nicht mehr ging. Wie sie Matthias gefallen wollte und wie sie ihrer Mutter gefallen wollte und wie sie irgendwie auch Andreas gefallen wollte, denn was Andreas gut findet, das findet auch ihre Mutter gut. Sie kann sich nicht vorwerfen sich nicht genug Mühe gegeben zu haben. Sie erinnert sich auch an Lauras Philosophenzitat und daran, dass sie auf ihre innere Stimme hören wollte. Ihre innere Stimme schlägt ihr vor die Nacht bei Jonas zu verbringen. Eigentlich sagt ihre innere Stimme, dass sie nicht zurück zu ihrer Mutter und Andreas wolle. Das wollte sie heute Nachmittag schon nicht. „Können wir zu dir gehen? Ich hab meine Sachen im Gepäckschließfach am Bahnhof.“ Er verkneift sich die Frage, warum sie nicht nach Hause möchte. „Ja, klar.“ Er legt seinen Arm um ihre Schulter und sagt ihr, dass es sich richtig anfühlt.
Es ist morgens und die Uhr am Bahnsteig verrät, dass es 9:43 Uhr ist. Kaffee haben sie noch zusammen getrunken und sich lange im Arm gehalten, bevor sie ging. Auf die Stirn hat er sie geküsst und gesagt, dass er sie immer noch liebt. So wie sie ist. „Ich muss zurück.“ sagte sie. „Ich weiß.“ „Aber ich komm wieder, okay?“ „Okay.“ Sie flüchtet sich in die Bilder des Morgens zurück, dreht sich eine Zigarette und wartet. Es hat sich angefühlt wie angekommen sein. Sie gesteht sich, dass sie zurück muss und Dinge in Ordnung bringen muss und vor allem sich selbst in Ordnung bringen muss. Herausfinden, was sie will. Vom Leben, nicht von der Liebe, sagt ihre innere Stimme. Sie kommt aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf.
Vier Stunden Zugfahrt und eine SMS: „Danke. Es war verdammt schön.“





Kommentare
richtig toll geschrieben. Ich mag diese langen Texte eigentlich nicht, aber den fand ich wirklich schön.
15.09.2012, 09:14 von schnickse-und vielleicht ist es das sogar
14.09.2012, 09:17 von dontcallIch wünschte es wäre immer so einfach...;)
14.09.2012, 09:17 von dontcall