howitseemed 12.12.2011, 11:01 Uhr 29 77

Auf unserem Sofa

Und während wir hier sitzen, wird es mir endgültig klar. Dass ein neuer Abschnitt anfängt. Und ich das gern vorher gewusst hätte.

Als du mir die Tür aufmachst, trägst du meine alten, abgenutzen Lederstiefel. Die ich dir irgendwann mal überlassen habe so wie du mir deine abgetragenen Oberteile. Wobei das Wort "deine" schon irgendwie falsch klingt. Es gab kein "meins" und kein "deins". Alles war "unseres".

Wir sitzen auf dem Sofa und trinken Limo. An der Wand hängen Collagen, die wir mal gemeinsam zusammengebastelt haben. Begleitet von dutzenden Zigaretten und billigem Pils. Im Schrank steht Geschirr. Vom Flohmarkt um die Ecke. Wir waren Schnäppchenjägerinnen auf der Suche nach Krims Krams und Klamotten.

Du fragst mich, was so bei mir los war in den letzten Wochen.

Ich kann mein Gefühl nicht beschreiben. Hier zu sitzen. Mit dir.


Es sollte gewohnt sein. Das ist wahrscheinlich der fünfhundertste Moment, den wir nebeneinander auf diesem Sofa verbringen. Du links, ich rechts. Der Streit ist vergessen und mein Auszug Monate her.

Ich bin jetzt Besucher hier. Bleibe unten vor der Tür stehen und klingel. Und du stehst oben im letzten Stock und hörst mich schadenfroh die ganzen Treppen hochkeuchen. So wie ich früher. Das ist nichts Neues.

Wir können immer noch über alles reden und es gibt nichts, das du nicht über mich weißt. In diesem Moment spüre ich, während ich dich angrinse, einen kleinen Stich, wenn ich an die ganzen vergangenen Momente auf diesem Sofa denke. Scheiß Uni-Tag. Scheiß-Liebeskummer. Alberne Stunden. Kreuzworträtsel-Stunden. "Was-genau-meint-XY-mit-dem-Satzbau-in-dieser-SMS"-Stunden. Vergangenheitsnachhängend. Zukunftsplanend. Weinend. Breit. Glücklich. Betrunken. Euphorisch. Resigniert. Tröstend. Kritisierend. Aufbauend. Diskutierend. Lächelnd. Und mit glühenden Wangen.

Und während wir hier sitzen, wird es mir endgültig klar. Dass ein neuer Abschnitt  anfängt. Und ich das gern vorher gewusst hätte. Um mich bewusster und intensiver von dem alten zu verabschieden.


Ich lächle und lege meine Hand auf deinen Bauch. Dass er noch dicker werden soll kann ich mir nicht vorstellen. In wenigen Wochen wird dein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Von dem Wesen, das wie immer aufhört zu strampeln, wenn ich mal fühlen möchte, so als wolle es, dass es mir bis zum Ende so surreal erscheint.


Mein Blick wandert zum Spiegel an der Wand. Unser Lieblingsspiegel. Vor dem wir uns so gern fertig gemacht, und dann auf dem Weg aus der Wohnung  in keinen anderen mehr geguckt haben. Da hängt jetzt ein Foto von deinem Mr.„Was-hat-er-mit-dieser-SMS-gemeint“.

Es ist nicht so, dass ich mich nicht für dich freue.

Denn das ist genau das, was du willst. Und ich werde dieses kleine Wesen lieben als wäre ich seine Tante. Du bist glücklich. Wenn ich kitschig wäre, würde ich schreiben, du wirkst, als seiset du irgendwo angekommen.


Es ist nicht so, dass ich dir das nicht gönne.

Ich dachte nur, dass wir mit sowas erst anfangen wenn wir erwachsen sind. Zuende studiert haben. Eine dicke Examens-Sause gefeiert haben. Noch fünfzig weitere Liebeksummer zusammen durchgestanden haben. Zuviel geraucht. Viel zu viel getrunken.Und den ganzen anderen verantwortungslosen Scheiß. Und wenn wir rausgefunden haben, wohin wir überhaupt wollen. Bin ich spießig?


Vor zwei Wochen waren wir auf unserem Flohmarkt. Ich hab mir Krims Krams gekauft. Und Klamotten. Und du hast mich angestrahlt und mir stolz die Spieluhren gezeigt. Das Babyphon. Und gerätselt, ob diese Tragetasche vielleicht nicht auch eine Überlegung wert wäre.


Unsere Leben haben sich in ein paar Wochen komplett verändert. Fixpunkte haben sich verschoben. Ich bin Ich. Aber du bist nicht mehr nur du. Du bist jetzt Mutter-Vater-Kind.


Es ist auch nicht so, als wäre ich eifersüchtig auf dich.
Ich wünsche mir nicht etwas für mich, was mir bei dir schon so fremd vorkommt. Kinder? In zehn Jahren vielleicht…


Während ich meine Sachen packe und gehen will, kommt Papa nach Hause. Er lächelt dich verliebt an und begrüßt erst dich und dann deinen Bauch. Mir wird warm ums Herz. Mutter-Vater-Kind.


Und als ich nach einer langen Umarmung wieder auf der Strasse stehe und mir auf dem Weg zur Bahn eine Zigarette anmache, schießen mir Tränen in die Augen. Und ich weiß nicht, warum.

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29 Antworten

Kommentare

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    sehr ehrlich!!


    schön geschrieben! :D


     

    06.01.2012, 18:30 von B-Rauscht
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    Ich finde Deinen Text gar nicht traurig oder trostlos. Ich bin selbst Mutter und weiß, wie schwierig es für Freundschaften sein kann, wenn eine in diese andere Sphäre eintaucht und eine nicht. Aber Du klagst nicht an, deswegen glaube ich, dass Ihr beide gut mit der Veränderung in Eurer Freundschaft zurecht kommen werdet. So liest es sich jedenfalls für mich. Schön geschrieben!

    30.12.2011, 19:34 von LaRenzow
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    Es ist immer traurig wenn etwas zuende geht. Du hast es so wunderbar beschrieben, wie oft erlebt man sowas, dass sich Dinge einfach auflösen? - Zu oft.
    Der Text hat mich sehr berührt. (:

    20.12.2011, 15:25 von tooyoungtoonaive
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    Wie traurig, wenn sich Welten verschieben.

    18.12.2011, 20:13 von Sommerregen03
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  • 0

    Du wirkst überhaupt nicht eifersüchtig auf sie. Deshalb passt der Satz für mich überhaupt nicht in den Rest. 

    Aber mir gefällt er (der Rest;)

    14.12.2011, 08:07 von summerfever
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    kenn ich, meine beste freundin wurde mit 15 schwanger. welten verschieben sich, die liebe bleibt.

    13.12.2011, 22:51 von Jane_Doe
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  • 0

    ging mir genauso.

    13.12.2011, 20:28 von fernweh.immer.
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  • 3

    tut irgendwie weh beim lesen und mir schießen ebenfalls tränen in die augen...

    13.12.2011, 16:57 von golightly27
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  • 3

    Sehr schöner Text. Erwachsenwerden hat leider überhaupt nichts mit dem Älterwerden zu tun.

    13.12.2011, 11:05 von DarenBRens
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