Auf unserem Sofa
Und während wir hier sitzen, wird es mir endgültig klar. Dass ein neuer Abschnitt anfängt. Und ich das gern vorher gewusst hätte.
Als
du mir die Tür aufmachst, trägst du meine alten, abgenutzen Lederstiefel. Die
ich dir irgendwann mal überlassen habe so wie du mir deine abgetragenen Oberteile.
Wobei das Wort "deine" schon irgendwie falsch klingt. Es gab kein
"meins" und kein "deins". Alles war "unseres".
Wir
sitzen auf dem Sofa und trinken Limo. An der Wand hängen Collagen, die wir mal
gemeinsam zusammengebastelt haben. Begleitet von dutzenden Zigaretten und
billigem Pils. Im Schrank steht Geschirr. Vom Flohmarkt um die Ecke. Wir waren
Schnäppchenjägerinnen auf der Suche nach Krims Krams und Klamotten.
Du
fragst mich, was so bei mir los war in den letzten Wochen.
Ich
kann mein Gefühl nicht beschreiben. Hier zu sitzen. Mit dir.
Es
sollte gewohnt sein. Das ist wahrscheinlich der fünfhundertste Moment, den wir
nebeneinander auf diesem Sofa verbringen. Du links, ich rechts.
Der
Streit ist vergessen und mein Auszug Monate her.
Ich bin jetzt Besucher hier.
Bleibe unten vor der Tür stehen und klingel. Und du stehst oben im letzten
Stock und hörst mich schadenfroh die ganzen Treppen hochkeuchen. So wie ich
früher. Das ist nichts Neues.
Wir
können immer noch über alles reden und es gibt nichts, das du nicht über mich
weißt.
In
diesem Moment spüre ich, während ich dich angrinse, einen kleinen Stich, wenn
ich an die ganzen vergangenen Momente auf diesem Sofa denke. Scheiß Uni-Tag.
Scheiß-Liebeskummer. Alberne Stunden. Kreuzworträtsel-Stunden. "Was-genau-meint-XY-mit-dem-Satzbau-in-dieser-SMS"-Stunden.
Vergangenheitsnachhängend. Zukunftsplanend. Weinend. Breit. Glücklich.
Betrunken. Euphorisch. Resigniert. Tröstend. Kritisierend. Aufbauend.
Diskutierend. Lächelnd. Und mit glühenden Wangen.
Und
während wir hier sitzen, wird es mir endgültig klar. Dass ein neuer Abschnitt
anfängt. Und ich das gern vorher gewusst hätte. Um mich bewusster und
intensiver von dem alten zu verabschieden.
Ich
lächle und lege meine Hand auf deinen Bauch. Dass er noch dicker werden soll
kann ich mir nicht vorstellen. In wenigen Wochen wird dein Leben komplett auf
den Kopf gestellt. Von dem Wesen, das wie immer aufhört zu strampeln, wenn ich
mal fühlen möchte, so als wolle es, dass es mir bis zum Ende so surreal
erscheint.
Mein Blick wandert zum Spiegel an der Wand. Unser Lieblingsspiegel. Vor dem wir uns so gern
fertig gemacht, und dann auf dem Weg aus der Wohnung in keinen anderen
mehr geguckt haben. Da hängt jetzt ein Foto von deinem
Mr.„Was-hat-er-mit-dieser-SMS-gemeint“.
Es
ist nicht so, dass ich mich nicht für dich freue.
Denn
das ist genau das, was du willst. Und ich werde dieses kleine Wesen lieben als
wäre ich seine Tante. Du bist glücklich. Wenn ich kitschig wäre, würde ich
schreiben, du wirkst, als seiset du irgendwo angekommen.
Es
ist nicht so, dass ich dir das nicht gönne.
Ich
dachte nur, dass wir mit sowas erst anfangen wenn wir erwachsen sind. Zuende
studiert haben. Eine dicke Examens-Sause gefeiert haben. Noch fünfzig weitere
Liebeksummer zusammen durchgestanden haben. Zuviel geraucht. Viel zu viel
getrunken.Und den ganzen anderen verantwortungslosen Scheiß. Und wenn wir
rausgefunden haben, wohin wir überhaupt wollen. Bin ich spießig?
Vor
zwei Wochen waren wir auf unserem Flohmarkt. Ich hab mir Krims Krams gekauft.
Und Klamotten. Und du hast mich angestrahlt und mir stolz die Spieluhren
gezeigt. Das Babyphon. Und gerätselt, ob diese Tragetasche vielleicht nicht auch
eine Überlegung wert wäre.
Unsere
Leben haben sich in ein paar Wochen komplett verändert. Fixpunkte haben sich
verschoben. Ich bin Ich. Aber du bist nicht mehr nur du. Du bist jetzt
Mutter-Vater-Kind.
Es
ist auch nicht so, als wäre ich eifersüchtig auf dich.
Ich wünsche mir nicht
etwas für mich, was mir bei dir schon so fremd vorkommt. Kinder? In zehn Jahren
vielleicht…
Während
ich meine Sachen packe und gehen will, kommt Papa nach Hause. Er lächelt dich
verliebt an und begrüßt erst dich und dann deinen Bauch. Mir wird warm ums
Herz. Mutter-Vater-Kind.
Und
als ich nach einer langen Umarmung wieder auf der Strasse stehe und mir auf dem
Weg zur Bahn eine Zigarette anmache, schießen mir Tränen in die Augen. Und ich
weiß nicht, warum.





Kommentare
sehr ehrlich!!
schön geschrieben! :D
06.01.2012, 18:30 von B-RauschtIch finde Deinen Text gar nicht traurig oder trostlos. Ich bin selbst Mutter und weiß, wie schwierig es für Freundschaften sein kann, wenn eine in diese andere Sphäre eintaucht und eine nicht. Aber Du klagst nicht an, deswegen glaube ich, dass Ihr beide gut mit der Veränderung in Eurer Freundschaft zurecht kommen werdet. So liest es sich jedenfalls für mich. Schön geschrieben!
30.12.2011, 19:34 von LaRenzowEs ist immer traurig wenn etwas zuende geht. Du hast es so wunderbar beschrieben, wie oft erlebt man sowas, dass sich Dinge einfach auflösen? - Zu oft.
20.12.2011, 15:25 von tooyoungtoonaiveDer Text hat mich sehr berührt. (:
Wie traurig, wenn sich Welten verschieben.
18.12.2011, 20:13 von Sommerregen03Du wirkst überhaupt nicht eifersüchtig auf sie. Deshalb passt der Satz für mich überhaupt nicht in den Rest.
kenn ich, meine beste freundin wurde mit 15 schwanger. welten verschieben sich, die liebe bleibt.
13.12.2011, 22:51 von Jane_Doeging mir genauso.
13.12.2011, 20:28 von fernweh.immer.tut irgendwie weh beim lesen und mir schießen ebenfalls tränen in die augen...
13.12.2011, 16:57 von golightly27Sehr schöner Text. Erwachsenwerden hat leider überhaupt nichts mit dem Älterwerden zu tun.
13.12.2011, 11:05 von DarenBRens