ichundalldieanderen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 35 17

Auf nach Nimmerland!

Im April starb meine Mutter. Ich-und-all-die-anderen erwarten, verlangen oder erhoffen es sich von mir: dass ich erwachsen werde. Vernünftig.

Im April diesen Jahres starb meine Mutter.
Etwa eine Stunde verbrachte ich an ihrem Bett im Hospiz, sah die verdrehten Augen, hörte das rhythmische Stöhnen und erlöste sie schließlich mit den Worten:"Ich komm' klar."

Jetzt, ein halbes Jahr später, registriere ich mich bei NEON.de, entdecke die Kategorie "Erwachsen werden" und eine Frage, die als nebulöses Fragment seit diesem Abend im Hospiz, als ich mit 24 Jahren "Vollwaise" wurde, in meinem Kopf herumschwirrt, steht plötzlich klar und deutlich vor mir:

"Ich-und-all-die-anderen" erwarten, verlangen oder erhoffen es sich zumindest von mir... dass ich erwachsen werde.
Was heißt das..."Erwachsen-werden"?
Ich fühle in dieser viel zu viel von Ernsthaftigkeit geprägten Welt wie ein Alien.
Komme ich, wie ich es versprach, wirklich klar in diesem mir so unbekannten Universum?

Es wirkte auf mich regelrecht befreiend, als ich gestern am Potsdamer Platz einen Herrn in Anzug und Krawatte mit gegelten Haaren und Geschäftsmann-Brille beobachten konnte, der feixend und groß gestikulierend vor der stattlichen Legogiraffe posierte und sich von einem vermutlichen Kollegen fotografieren ließ.
Als ich an ihnen vorbeiging schenkte mir das Modell ein breites Grinsen, das ich mindestens ebenso breit erwiderte.

Dieses Bild entsprach so gar nicht der Vorstellung vom "Vernünftig-sein", leider immer noch viel zu oft in einem Atemzug gebraucht mit oder gar als Synonym verwendet von "Erwachsen-sein".

"Jetzt sei doch mal vernünftig!", "Werd' endlich erwachsen!"
Diese typischen Floskeln, die wir alle als Kinder irgendwann einmal hörten und uns zur Weißglut brachten.
Und noch heute schüttelt es mich, wenn ich daran denke.
Der posierende Herr benahm sich "kindisch" und "albern".
Heißt das nun, er ist weniger erwachsen? Nur weil er seinen Spieltrieb nicht begraben hat und lebendig geblieben ist?
Unzählige Psychologieratgeber beschäftigen sich mit dem Thema des "Inneren Kindes". Und immer wieder heißt es, man solle pfleglich mit seinem kleinen mentalen Mitbewohner umgehen, und ihn dann und wann auch mal (verrückt-)spielen lassen...
Ja. Super.

In einer Welt, in der ein immerwährender Existenzkampf zu verkrampfter Ernsthaftigkeit geführt hat, ist Kind-sein verpönt. Kein Geheimnis. Selbst die biologisch-echten Kinder haben es oft nicht leicht, aber als Erwachsener haben wir absolut keine Chance.
Und da wird sich dann herausgeredet... dass man einfach keine Zeit hätte, um "Unfug" zu treiben, dass es überflüssig sei, unreif... und eben nicht "erwachsen".

Ich merke es an mir selbst - und ich bin als Schauspielerin quasi vertraglich dazu verpflichtet, mir meinen inneren Peter Pan zu bewahren und ihn nicht fortfliegen zu lassen. Selbst ich bin "stolz" auf mich und fühle mich oft irrsinnig reif und erwachsen, wenn ich an einem Spielplatz vorbeigehe und nicht auf die nächstbeste Schaukel springe. Das ist im wörtlichen sowie im übertragenen Sinne gemeint.

Tatsächlich verbrachte ich neulich einen Tag mit zwei Kindern - fünf und zehn Jahre alt. Und zusammen buddelten wir im Sandkasten, spielten verstecken, kletterten, jagten uns und kicherten um die Wette.
Und für einen kurzen Moment vergaß ich meine Ziellosigkeit in der dieser Phase der Neuorientierung, in der ich mich befinde. Ich vergaß, dass zu Hause Viten, Fotos und Demobänder darauf warteten verschickt zu werden. Ich überhörte die Stimmen in meinem kopf, die mir beständig zuflüsterten, ich dürfe nichts "Unsinniges" tun und meine Zeit verschwenden, dürfe meine momentane finanzielle Unabhängigkeit nicht genießen, dürfe nich einfach "(Kind-)sein".

Natürlich ließ der Einbruch der Wirklichkeit nicht nicht lange auf sich warten - die Blicke einiger gelangweilt umherstehend-/sitzender Mamas, Papas, Opas, Omas, Kindergärtnerinnen oder wer sie sonst gewesen sein mochten, die lesend und über das Wetter philosophierend warteten, dass ihre Schäfchen endlich müde werden würden, sprachen für sich.
Und wieder entstand der für mich so bezeichnende Druck in meinem Schädel und mein Selbsthass manifestierte sich in den Worten:"Gott, bist du kindisch!"

Zwar werde ich auch in dieser Welt meinem Peter Pan immer mal wieder Raum für einen "Ausflug" geben, aber die meiste Zeit wird er wohl am Boden bleiben und sich benehmen müssen.
Sicher bin ich nicht dafür, jeden Tag auf Spielplätzen zu verbringen. (Abgesehen davon, dass Peter dann schnell langweilig werden würde.) Und nicht jeder ist so "privilegiert" (so muß man es ja nennen) berufsbedingt spielen zu "müssen".
Aber ein verspielter Umgang mit allen (Dingen), die uns begegnen, scheint mir unerlässlich.
Wie sonst sollte man überleben?
Wie sollte ich "klarkommen", da draußen?

Gerade weil die Welt so "schlecht" ist, weil die Finanzkrise uns an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt, weil Artikel über Gewaltverbrechen täglich in den Zeitungen stehen, weil die globale Erderwärmung uns "ins Schwitzen" bringt und wir uns wie die Henker unserer Zivilisation fühlen, weil wir "Generation Verzweiflung" sind, der die "Generation Porno" folgen wird (wie es im SPIEGEL heißt)... sperrt Peter nicht in den Keller.
Ich singe beim Fahrradfahren, schlage Purzelbäume, spiele mit dem Essen und mit Kugelschreibern, lache und weine, versuche alles in Maßen zu halten, aber folge Peter ab und zu nach Nimmerland!

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35 Antworten

Kommentare

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    sehr guter text!

    19.11.2009, 12:43 von RockDieMoehre
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      @Jenelin "Das Kind in uns gewinnt doch lediglich Erfahrungen dazu, die es eben auch mal "vernünftiger" handeln lassen."
      ---ein schöner satz. er besagt auch, das wir im kern eben wir selbst bleiben.
      ..sonst verlieren wir uns...

      24.09.2009, 22:27 von ichundalldieanderen
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    Schön das noch manche so denke... nur weil man manchmal albern ist, heisst das ja noch lange nicht, dass man nicht vernünftig ist... solange man weis wann der spaß zu ende ist, kann man doch gerne albern sein

    21.09.2009, 09:02 von neuer_user
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      @[Benutzer gelöscht] "Peter Pan allerdings kann auch eine Entschuldigung davor sein, sich vor Unangenehmem zu druecken."
      ---ja, das ist wahr, und so soll es nicht gement sein.
      viel spaß in cornwall :-)

      15.09.2009, 13:57 von ichundalldieanderen
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    Man darf seinen eigenen Peter Pan nie verlieren, gerade wenn alles zum Alltag wird, darf der kleine Pan nicht fehlen.
    Erwachsen werden, heißt das keinen Spaß mehr an den kleinen Dingen zu haben? Dann bleib ich wohl lieber für immer ein Kind und naiv, ich möchte nicht auf mein Bild mit der Giraffe verzichten auch nicht in zehn Jahren!

    14.09.2009, 21:39 von Lyz
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    Mir wurde klar, das mein Leben nicht zu Ende ist als meine Oma starb, sondern es gerade anfing. Das Leben wird nicht grauer wenn man dem Tod begegnet, das Leben wird nur umsodeutlicher und man sollte sich das Kind im Herzen bewahren, sonst ist wirklich alles grau.

    12.09.2009, 02:28 von fotograf.victor
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    Dazu fällt mir ein Zitat von Kästner ein :
    Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.
    Wie recht er hat.

    10.09.2009, 22:08 von lor.a
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    ich übersetz deinen plot mal in kocmonabtisch:

    es geht doch primär darum, ob der mensch mit zunehmendem alter zur maschine wird, oder am leben bleibt (obwohl es auch kindermaschinen gibt, von ihren elternmonstermaschinen bereits gaaanz früh gezüchtet. stichworte: chinesischkurse mit 5 und kinderyoga...). steuernummern eben. soziale slalomstangen. die matrix. menschen, die man zwar auf der straße sieht, die aber unmöglich ein echtes leben haben können, wenn sie aus dem eigenen blickfeld entschwinden - warum sollte denn der hauptrechner seine kapazitäten an milliardenfache routineberechnungen verschwenden?

    wer am leben bleiben will, muss den klebrigen marionettenfäden ständig entkommen - das reibt auf, kickt aber das herz. muss den randommodus anschmeißen, haken schlagen, meinetwegen purzelbäumern. muss hinterfragen: die vernünftigen, die verrückten, sich selbst. muss die korsette sprengen, die der innere spießer einem selbst und anderen täglich überstülpt. kratzbürsten. muss nach oben UND unten treten - die gnadenlose gesellschaftsmaschinerie lauert nur darauf, einen endgültig festzunageln.

    das ganze geht natürlich auch mit jovialfrivoler leichtigkeit. wie in deinem text.

    10.09.2009, 15:24 von Kocmonabt
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      @Kocmonabt ich wähle lieber die jovialfrivole leichtigkeit. klingt in meinen ohren weniger pseudo-rebellisch und entspricht mehr der haltung eines enttäuschten kindes, dem verboten wurde zu staunen.
      denn leichtigkeit ist genau DAS ist, was so vielen menschen fehlt.
      ich möchte sie jedoch nicht am kragen packen und in die ecke drängen - (und genau dieses bild ensteht bei mir beim lesen deines textes), denn auf diese weise werde ich sie sicher nicht dazu bringen zu staunen und neugierig in die welt zu gehen. ich persönlich jedenfalls würde es nicht tun. ich persönlich bin nach solchen texten gereizt. sie erinnern mich an mein tagebuch.

      11.09.2009, 01:29 von ichundalldieanderen
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      @ichundalldieanderen leichtigkeit geht nicht ohne einen anker aus schwermut, sonst weht's dich einfach weg. und am schlimmsten: es weht dich mit dem wind, mal so und mal so.

      wenn man sich darum nicht kümmern muss, da man kein wertegerüst hat, das rebelliert: schön. klingt für mich wie "du darfst - die leichte art zu leben"...

      dann lieber don quichottesk im hamsterrad laufen...

      12.09.2009, 16:44 von Kocmonabt
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      @Kocmonabt ...ja, "du darfst" ist momentan mein lebensrezept, da ich viel zu lange auf dem wertegerüst, welches man mir vor die nase setzte, rumkrachseln mußte... sicher werde ich mir jetzt auch einfach ein neues bauen, aber "die leichte art zu leben" - das ist erstmal mein ziel. das hamsterrad ist über bord geworfen, rebellieren tue ich leider noch oft genug, allerdings auf eine art, die mr das leben erschwert. schwere habe ich genug in mir, viel zu genug. daher versuche ich jetzt leichtigkeit in mir zu schaffen und nach draußen zu versprühen... soll nicht heißen, dass ich deshalb anderes mißbillige...
      liebe grüße

      13.09.2009, 17:57 von ichundalldieanderen
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    Erich Kästner sagte "Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch"

    In diesem Sinne: Geh schaukeln, singe beim Fahrradfahren und sei auchmal unvernünftig, wenn du es möchtest. Lass die anderen dumm gucken, tief drinnen sind sie doch nur neidisch.
    Es ist DEIN Leben (für mich die wichtigste Erkenntnis beim Erwachsenwerden)!!

    10.09.2009, 15:14 von juhulia
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