Auf Messers Scheiden
Einen großen Teil meiner Jungmännlichkeit verlor und gewann ich in einer Sommernacht im Juli.
Einen großen Teil meiner Jungmännlichkeit verlor und gewann ich in einer Sommernacht im Juli.
Übertags war es so heiß gewesen, dass die Luft nur aus einem einzigen Flirren bestanden hatte und es meinem Freund Lukas und mir nicht langweilig geworden war, über Stunden an die Veranda gelehnt zu sitzen, Karten zu spielen, die Hofkatzen und Fliegen bei ihrer Mittagsruhe zu beobachten und ab und an aufzuhorchen, wenn sich ein Flugzeug durch den wolkenlosen Himmel schob, als wäre es jemandes Spielzeug.
Die Hitze machte uns so träge, wir schafften es kaum, dem wohltuend kühlen Schatten hinterher zu rücken, der dem später werdenden Nachmittag voran kroch.
Lukas schnipste einen Kartoffelkäfer von seinem Knie, das mir an jenem Nachmittag flächiger, runder und irgendwie männlicher erschien als in den Sommern davor. Wenn man dreizehn ist, dann kennt man das Knie seines besten Freundes beinahe ebenso gut wie dessen Gesicht. Man kennt die Geschichten, die die Narben darauf erzählen, weil man immer dabei war, wenn diese Geschichten passierten. Weil man selbst Teil dieser Geschichten ist.
Mein Freund hob den Stapel Karten vom Boden auf und fing an, ihn mit seinen dreckigen Fingern gegen seinen Oberschenkel zu mischen. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, was ich damals nicht hätte benennen können. Alles hat seine Zeit. Alles hat einen Anfang und ein Ende und das Dazwischen ist verhandelbar. Wir leben in den Momenten, die wir uns fühlbar machen, die wir zu etwas Besonderem erklären. Das Leben ist ein Spiel und wir leben zwischen den Karten. Da ist Luft, da ist Bewegung, dort können wir atmen. Und bleiben.
„Was hast du?“, fragte Lukas, der meine längere Geistesabwesenheit natürlich bemerkte.
„Eine Idee“, sagte ich, „eine ziemlich gute Idee.“
Hinter den Feldern, die vor den Häusern unserer Eltern lagen, gab es ein Waldstück, in dessen Mitte ein Weiher lag. Alles um diesen Weiher war üppig gewachsen. Das Schilf, das Gras, die Bäume. Dort war selbst an den heißesten und sonnigsten Tagen des Jahres Platz für Schatten und Kühle, weshalb ich diesen Platz insgeheim den blauen Garten getauft hatte, ganz einfach, weil in den Iden des Sommers dort unter den Schatten alles Grün blau war. Von einfachem Blau, auf das keine Fliegen gingen.
„Hast du dein Armeemesser noch?“, fragte ich.
„Sicher. Wieso?“ Ich winkte ab. „Wir treffen uns heute um Mitternacht am alten Weiher, da werden wir’s brauchen.“
Das Schätzenswerteste an besten Freunden, die man als Heranwachsender hat, ist wahrscheinlich, dass sie nicht alles hinterfragen müssen. Es ist ein Privileg der Jugend, die Dinge einfach auf sich zukommen lassen zu können, voller Neugierde und Vertrauen in das Abenteuer Leben.
Den Rest des Tages verbrachten wir Karten spielend und ohne viele Worte. Wir saßen einfach nur beieinander, genossen die Lethargie der erhitzten Welt und die verbündende Vorfreude auf die nächtlichen Wagnisse, die vor uns lagen.
„Bis später also.“, verabschiedete sich mein Freund, als Mutter mich zum Abendessen ins Haus rief. Er sagte es wie jemand, der vor sich selbst ein tolles Geheimnis hütet, mit belegter, beiläufiger Stimme, die kurz vor dem Vibrieren stand.
Jeder, der sich als Kind einmal nachts aus dem Haus geschlichen hat, während alle anderen schliefen, weiß, wie laut einem das eigene Herz schlagen kann und wo es überall schlägt. Der erinnert sich an das Rauschen in den Ohren, den angehaltenen Atem, an das scharf gestellte Sehen in körniger Dunkelheit und an das Lärmen von Schränken, Tischen und Stühlen, die ihrerseits jedem noch so kleinen Geräusch gespannt zu horchen scheinen.
In einer solchen Nacht haben die Wände Augen. Nichts scheint unerreichbarer als die Klinke der Tür, die man fest im Visier hat, nichts unwirklicher als das Draußen dahinter.
Als ich in jener Nacht mit einem langen, vorsichtigen Schritt auf die Veranda und in die milde Nachtluft trat, durchströmte mich ein Gefühl überwältigender Freiheit. Mir war, als habe sich die Welt in ihrer ganzen Pracht und Schönheit vor mir ausgegossen, um von mir entdeckt und erobert zu werden. Beflügelt von dieser Aussicht rannte ich auf die dunklen Felder zu und als ich mich außer Hörweite schlafender Menschen wähnte, brach ich in kriegerisches Gejohle und Gejauchze aus. Ich rannte so schnell ich konnte, verschluckte mich an meinem irren Gebrüll, bis ich vor Lachen zusammenbrach. Wie ein Käfer wand ich mich auf dem Boden, warme Tränen liefen mir über die Wangen. Ich schnappte nach Luft und nach mehr Luft und als mein Atem wieder ruhiger ging, betrank ich mich unter sternbesticktem Himmel an der Nacht.
Dieser Rausch hielt auch noch an, als ich am Weiher ankam.
Lukas saß wie ein großer brütender Vogel zwischen Schilfshalmen, hielt seine nackten Füße in den Händen und wippte dabei langsam vor und zurück. Ich ließ mich neben ihn fallen, streckte alle Viere von mir und kommentierte: “Alter!“ Er sah kurz zu mir rüber. „Du schwitzt.“, stellte er fest und wir kicherten ein bisschen, wie beschwipste Mädchen.
In stillem Einvernehmen hockten wir da, in Einklang mit uns und einer Welt, der wir uns zugehörig fühlten, die auf uns zuwuchs, ohne dabei bedrohlich zu sein.
„Und, was stellen wir mit dem Messer an?“, fragte Lukas nach einer Weile.
„Zuerst einmal stellen wir dies hier an!“, krakeelte ich los, sprang auf, zog mir Schuhe und Socken von den Füßen, riss mir das T-Shirt von der Brust und lief unter lautem Gebrüll in den Weiher hinein. Ich lief, bis das Wasser mich trug und kraulte dann auf den Platz zu, den ich bereits den ganzen Tag im Sinn hatte. Abseits des anderen Ufers ragten ein paar Steine aus dem Tümpel. Sie waren schwarz und glatt wie nasse Haut und in Hochsommernächten gaben sie die Hitze des Tages als willkommene Wärme ab, wenn man mit seinem schwimmkalten Hintern darauf Platz nahm. Ich kletterte auf den Mittleren von ihnen und sah Lukas dabei zu, wie er zappelnd das tat, was er Schwimmen nannte.
„Idiot!“, lachte er, als er mich erreicht hatte und ich reichte ihm meine Hand, um sein Fliegengewicht neben mich auf den Stein zu ziehen. „Du schwitzt.“, konterte ich und wieder brachen wir in so albernes und lautes Gelächter aus, dass die versteckte Tierwelt um uns herum geräuschvoll aufschreckte. Wir sahen uns an. Lächelnd, offen und irgendwie ein wenig verschämt, eben wie Jungs, die wissen, dass sie Männer werden.
„Das Messer.“, sagte Lukas und holte es aus seiner Hosentasche. „Was hast du damit vor?“
„Gib’s her, dann zeig ich’s dir.“ Er reichte es mir mit leicht zitternder Hand.
Obwohl die Nachtluft mild und der Stein unter uns warm war, fröstelten wir. Ich klappte das Messer auf, dann wieder zu, wieder auf, wieder zu. Mit einem Male schien mir mein Vorhaben lächerlich mädchenhaft, der Augenblick viel zu banal für feierliche Handlungen. „Feigling!“, schimpfte Lukas mich, aber er grinste dabei und aus seinem dunklen Gesicht sprang mich ein neckisches, gleichsam tieffreundschaftliches Augenblitzen an, das mir verriet, er ahnte zumindest in Ansätzen, was ich im Sinn hatte.
„Tu’s, bevor wir hier erfrieren.“
Diesmal ließ ich die aufgesprungene Klinge in Position. „Brüder?“, fragte ich. Ein paar Frösche quakten dazu und Lukas nickte andächtig. Er streckte mir sein schmales Handgelenk entgegen. Ich schüttelte den Kopf. „An den Händen blutet’s zu stark, um wirklich tief genug zu schneiden. Ich will aber so tief schneiden, dass es ne Narbe gibt. Eine, die uns immer an diesen Sommer erinnert.“
Schweigend sahen wir uns beide nach allen Seiten um, hingen unsere Blicke in die Nacht um uns herum, ihre Schatten und Lichter. Wir atmeten die klare Luft ein, den unbestimmbaren Duft einer Gegenwart, die uns unerschöpflich wie unverbesserbar schien. Wortlos hielt Lukas mir sein Knie hin und ich zog die Klinge fest und schnell durch das dünne Fleisch. Sofort strömte tintenschwarzes Blut aus der T-förmigen Wunde, in viel größerer Menge als ich es erwartet hatte, rann es Ober- und Unterschenkel hinab.
„Scheiße, Alter, das zwiebelt höllisch!“, beschwerte er sich und wir kicherten wie zwei tolle Tanten. Schließlich war mein Knie dran. Mit zwei flinken Schnitten verewigte Lukas sein vornämliches Initial in meiner Haut. Dicker als das meines Freundes quoll mein Blut daraus hervor. Es sah aus wie Brombeermarmelade. Das Ritual, das nun folgte, war unabgesprochen und ganz spontan. Lukas nahm meinen Zeigefinger und fuhr damit über das T, das seine Kniescheibe zierte. Dann malte er mit seinem Blut ein L auf den schmalen Streifen Stein, der unsere Hüften voneinander trennte. Ich tat es ihm umgekehrt nach.
Dieser Augenblick zwischen uns, so flüchtig er auch gewesen sein mag, war bei weitem eindringlicher und sinnlicher als jeder Kuss, den ich in vielen Jahren darauf mit verschiedenen Mädchen erlebte. Wir beschlossen damit unsere im Gehen begriffene Kindheit und all das, was wir aus ihr mitnehmen würden. Wir beschlossen in jenem Moment unsere Lebendigkeit, einig und feierlich wie Zeitenbrüder, besiegelten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und uns beide, so wie wir waren, mitten darin.





Kommentare
Gar nicht mal so schlecht :)
03.11.2011, 19:56 von topfbluemchenIch verbeuge mich!
02.11.2011, 10:46 von janismyloveTraumhafter Artikel (traumhaft glaub ich triffts wirklich)so unschuldig und schön.
Danke erwärmt das Herz sowas zu lesen!
Überhaupt nicht langatmig. Man muss nur in den Zeilen versinken und bei jedem Satz nickend zustimmen…beinahe hätte ich vergessen, dass ich kein Junge bin - jawoll, Narben beschreiben die eigenen Geschichten. Ob Messer oder Stacheldrahtzaun, wer hat's nicht auch erlebt. :-) Schön!
31.10.2011, 19:35 von thinknadikaund nicht zu lang, wie ich finde.
31.10.2011, 18:43 von JuliaMajaschön. und soooo arg altbekannt irgendwie, die gefühle. schreibst du ja selbst, es sind dinge, die wir alle irgendwie (hoffentlich) von unseren kindheitsfreunden kennen. Lies mal meinen Text http://www.neon.de/artikel/fuehlen/erwachsen-werden/mutprobe/772405, finde ich nicht unähnlich.
31.10.2011, 18:42 von JuliaMajaHab auch so eine "Blutsbrüder-Narbe" mit einem Menschen, der mir sehr nahe steht - feiner Text, feines Thema - mehr davon
31.10.2011, 11:37 von SasaliErneut einige schöne Textstellen, für meinen Geschmack diesmal aber zu langatmig.
31.10.2011, 10:52 von nyx_nyxEine wunderschöne Geschichte voller Herzblut!
31.10.2011, 10:08 von pocketHat viele geniale Stellen, aber die hier: "Jeder, der sich als Kind einmal nachts aus dem Haus geschlichen hat, während alle anderen schliefen, weiß, wie laut einem das eigene Herz schlagen kann und wo es überall schlägt." <3 <3 <3
Ehrlich gesagt finde ich Absätze eher nebensächlich.
30.10.2011, 20:28 von VarekesHätte ich jetzt auch gesagt.
30.10.2011, 19:51 von Herr_Schaft