Kathue-tata 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 27

Atmen

In den ersten Frühlingsnächten weht immer ein Abschied mit.

In den ersten Frühlingsnächten weht immer ein Abschied mit. Ein Abschied von den trüben Tagen, kalten Momenten, vom ersten Vierteljahr in dem schon wieder so viel geschehen ist, dass es eigentlich – so kommt es dir vor – für die nächsten drei Jahre zu reichen scheint. Und während die Zeit vorbei geflogen ist, da musst du wohl Löcher in die Luft gestarrt, ein Lied mitgesummt und mit den Fingern Linien auf deinen Oberschenkel gezeichnet haben. Du hattest ja gar nicht vor, viel zu schaffen, dieses Jahr. Runterfahren, durchatmen. Oder vielleicht einfach überhaupt mal gründlich atmen.

Und als die Tränen eine Linie ziehen zwischen deinen Augen und deinem Kinn, als dein Atem dem eines trotzigen Kindes gleicht, und du dich so erschöpft fühlst, als hättest du stundenlang getobt - dann wird dir wieder so bewusst, dass erwachsen sein Erwachen bedeutet. Dass sich die Augen mit jedem Tag ein wenig weiter öffnen, die Winkel aus denen du auf die Dinge schaust größer werden, doch die Distanz mitunter viel kleiner zu werden scheint. Die Welt wird immer persönlicher, Situationen tragischer, Menschen in ihrer Fehlbarkeit immer menschlicher. Es juckt dir in den Fingern, an Fassaden zu kratzen und Seelen zu streicheln. Nichts ist mehr so simpel wie in der Sekunde zuvor.

Und wie du da sitzt, mit rotem Gesicht und dichtem Puls und tief Luft holst, da findest du Erwachsenwerden irgendwie scheiße. Da sehnst du dich nach Sandkasten und Drachen fliegen, nach Lollies, die deine Zunge färben und Sommern, die nie aufhörten. Nun hört viel eher dein Kopf nicht auf zu denken, die Gedanken bündeln sich wie ein Schwarm Vögel und ziehen langsame Kreise über dir, nehmen auf deinem Herzen Platz und machen dort schläfrige Rast. 

Du sitzt zum Luftschnappen auf deinem Balkon, hast die Füße auf das Geländer gelegt und lässt den Blick schweifen. Zum Fenster gegenüber, in dem sich das Paar so regelmäßig und öffentlich liebt, dass es dir schwer fällt, sie dabei nicht zu beobachten. Doch heute sind auch die beiden der Trägheit erlegen. Sie sitzen gemeinsam auf dem Sofa. "Und ich bin gemeinsam mit mir", denkst du und lachst leicht auf, als du merkst, dass auch einsam in diesem Wort enthalten ist.

In diesen leicht warmen, trotzdem immer noch kalten, morsch riechenden Abenden wirst du immer etwas melancholisch und bist dir nicht sicher, ob es am vielen Wein, an dieser Aufbruchsstimmung oder doch einfach und allein an dir liegt. "Was denkst du?" fragst du das Glas. Seine stumme Antwort stellt dich nicht zufrieden, also leerst du es in einem Schluck. Du legst dir die Hand auf die Stirn, schließt die Augen und holst tief Luft. "Manchmal ist es das Beste, keine Wahl zu haben", denkst du und spürst, wie sich die Spannung löst.

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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Bitte ein Bier, dein Text gefällt mir! 

    19.05.2017, 21:30 von Lalotte
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  • 1

    Schön <3

    06.05.2016, 10:34 von themagnoliablossom
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  • 1

    Schön!

    05.05.2016, 06:24 von flamingo83
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  • 1

    Die Ich - Perspektive hätte ich ehrlicher gefunden.

    30.03.2016, 19:29 von Feodor
    • 0

      Stimmt, irgendwie habe ich gar nicht darüber nachgedacht, dass aus der Perspektive zu erzählen. Dabei liegt es so nah! Kommt auf den imaginären Notizzettel. Danke :)

      19.04.2016, 21:38 von Kathue-tata
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  • 1

    Mag ich! 

    30.03.2016, 18:45 von berlin_bombay
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  • 2

    "Manchmal ist es das Beste, keine Wahl zu haben", vor allem wenn entscheiden schwer fällt. 

    25.03.2016, 00:02 von GrossesMaedchen
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