Anette
Anette ist komisch
Anette ist komisch. Das finden alle. Anette ist nicht ganz richtig. Das erkennt jeder. Sofort.
Anette faucht immer, wenn man etwas falsch macht. Dabei hebt sie ihre Hände wie Klauen und schlägt in Richtung des Falschmachers. Manchmal fiept sie dabei.
Anette ist komisch. Sagen alle. Auch ich.
Anette kann nicht reisen, sagt sie. Ihr Vater ließe sie nicht. Und wenn sie einfach ginge, brächte er ihren Hund um. Welchen Hund?, fragen alle. Denn sie wissen - Anette hat gar keinen Hund.
Anette spinnt halt ein bisschen.
Wenn alle Mittag essen und sich schreiend unterhalten, sitzt Anette da und kaut. Manchmal macht sie die Augen zu, als würde sie das Essen genießen. Jeder weiß, dass das gar nicht sein kann, weil ihr Essen stinkt, als wären es fermentierte Frösche.
Ich halte mir die Nase zu. Die anderen auch. Wir ziehen Grimassen.
Anette rennt mit abgespreizten Armen und geknickten X-Beinen. Dabei legt sie Zwischenhüpfer ein und quiekt vergnügt.
Anette ist nicht ganz dicht, sagt auch der Arbeitsgruppenleiter.
Begleitend zu ihrer Abschlussarbeit legt sich Anette eine Schnecke zu. Im Plastikböxchen mit Basilikum. Anette kann sie kauen hören. Wir sind wohl immer zu laut. Mit unserem Gelächter.
Bei Anette ist einfach eine Schraube locker. Denkt sich auch die Schnecke.
Manchmal verschwindet Anette für Tage. Wenn sie zurück kommt, sitzt sie öfter herum als sonst und schaut durch uns durch. Dann liegen auch mehr Papierfetzen in ihrem Haar. Bis uns langweilig wird.
Anette lebt in ihrer eigenen Welt, weiß ihre Mutter.
Einmal kommt Anette zu mir ins Büro und sieht mich komisch an. "Die Schnecke ist tot.", sagt sie. Ich warte, bis sie sich ein Taschentuch aus der Box zieht und heulend in den nächsten Raum rennt. Dann erst fange ich an zu kichern.
So wie die anderen. Ob er sie braten könne, höre ich Paul fragen.
Anette ist K-nett. Keiner weiß, was das bedeutet. Noch nicht mal sie, meint ihr Bruder und grinst. Anette schreibt K-nett auf ihren Pass. Anette schreibt sich K-nett auf den Arm. Zu tief, meint der Betriebsarzt.
Anette ist nicht nur verrückt, die ist auch noch dumm, sagt Paul und wiehert.
Einmal wartet Anette auf mich an der Eingangstür. Sie spreizt ihre Arme in alle Richtungen, schwingt und druckst. Ich meine nur: Ja? Und sie schaut mich nicht an und murmelt hastig: Hab mich in dich verliebt. Mit rotem Kopf und zappelnden Beinen rennt sie weg.
Mein Lachen ist schneller als Anette.





Kommentare
ironie..., anette.
05.03.2010, 16:42 von eelaInteressant. Kennst du die Gedichte von Angela Sommer ? Die hatte sie geschrieben, bevor sie den kleinen Vampir erfunden hat. Die könnten dir gefallen. Oft erinnern mich deine Texte irgendwie an diese Gedichte.
03.03.2010, 21:08 von cosmokatzeoh weh da weiß ich gar nicht was ich schreiben soll, außer vielleicht ein "klasse"
10.02.2010, 20:57 von LionsManeMmh, komischer Text. Den find ich gut... Was ihr mit Anette macht, nicht.
07.02.2010, 19:39 von Batida72...
nicht nur die kollegen, auch der protagonist ist beschämend
05.02.2010, 13:59 von Sumaikas_ErbenDie "Anette ist dies und das"- Einschübe finde ich als Wiederholungsstilmittel überstrapaziert. Ab der Mitte war ich leicht genervt.
05.02.2010, 13:21 von AnnaEckeIch finde es gut, dass die Beschreibung ihrer Person dennoch so vage bleibt. Man bekommt viel über sie erzählt, ohne dass etwas tatsächlich etwas gesagt wird. Dies deckt sich gut mit der Wahnehmung der Kollegen...denn sie alle gucken Anette offensichtlich nur vor den Kopf...es kennt sie aber keiner und keiner hinterfragt, warum sie so ist wie sie ist. Und so wird der Leser nicht weiter an die Dame herangelassen, als ihre Arbeitskollegen es durch ihre beschränkte Wahrnehmung vermögen. So zeigt sich, dass hier nicht nur eventuell Anette, sondern auch ihre Kollegen reichlich "beschränkt" sind.