sun-chan87 26.10.2009, 17:58 Uhr 1 5

Anders sein

Sie dachte immer, sie sei etwas besonderes, weil sie nicht so war wie die anderen.

Das dachte sie schon sehr früh. Und dass es den anderen auch bewusst und lieb war. Dass es nicht stimmte, fiel ihr auf, als die anderen anfingen, sie wegen ihres Anderssein zu hänseln. So hieß das da noch. Ab der 7. Klasse hieß es wohl eher mobben. Und fühlte sich auch so an.
Aber sie war nun mal anders. Ruhig, gelassen, fleißig, Nichtraucher. Dachte viel nach. Vor allem, bevor sie sprach. Und leider auch, über das was ihr die anderen an den Kopf warfen. Sie dachte, sie sei liebenswürdig, weil sie sich selten von Oberflächlichkeiten beeindrucken ließ. Weil es sie nicht für Nichtigkeiten interessierte, nicht wusste welche Musik gerade angesagt war oder sie sich nicht 2 Jahre vorher Gedanken darüber machte, was sie zur Jugendweihe tragen solle. Sie machte sich mehr Gedanken um das Wohl der anderen. Und was sie denn falsch machte, dass sie eine solche Behandlung verdiente.

Sie dachte, sie sei besonders, weil sie einen Menschen nicht auf den ersten Blick bewertete. Ihn wegen eines anfänglichen Fehltrittes nicht abstemple. Und weil ihr ein gutes Wesen am wichtigsten war. Wie sehr sie sich geirrt hatte.
Als sie 16 war und das 1. Mal richtig verliebt, dachte sie, er würde es merken. Bemerken, dass sie etwas Besonderes war. Ein schönes Wesen hatte und es keine bessere für ihn gab. Daran, dass er ihr alles erzählen konnte. Dass sie stundenlang über die Politik, Wirtschaft, Bücher reden konnten. Dass sie die gleichen Interessen hatten und den gleichen Humor. Dass sie witzig war. Daran, dass sie ihn zum Lachen brachte. Dass sie die gleichen Wertvorstellungen hatten und eine sehr ähnliche Vorstellung vom Leben. Und noch dazu kam, dass er ihr sagte, sie sei etwas Besonderes.
Sie war so froh. Endlich merkte es jemand. Und sie dachte, dass dies ein guter Grund sei, seine Geliebte sein zu dürfen. Und eine Weile sah es auch so aus, als würde sie es bald werden. Sie liebte ihn sosehr, dass sie alles auf sich genommen hätte um die Frau seiner Seite sein zu dürfen.
Dann wurde dies plötzlich jemand, mit der er all dies Besondere nicht konnte. Eine Frau, die ihr sehr ähnlich sah. Und mit der sie sich auch gut vertrug. Jedenfalls hatte dies von außen den Anschein. Zum Reden kam er zwar nach wie vor zu ihr. Denn mit der anderen hatte er Probleme. Vergoss Tränen darüber, dass jene Frau kein Verständnis für seine Vorstellungen hatte, ihm nicht zuhörte. So wie sie es doch auch konnte. Ihm riet, den Problemen aus dem Weg zu gehen, indem er mögliche Komplikationen aus seinem Leben von vorn herein verbannte. Das wollte er alles nicht, er mochte die Anforderungen, mochte das was er geschafft hatte. Mochte sich selbst, so wie er war und sie dachte, so würde es bleiben. Dachte er wäre klug genug, es einzusehen, dass diese Frau doch nicht die Richtige für ihn war, sondern sie. Er lag in ihren Armen und beteuerte, wie sehr er diese Frau liebte und sie nur glücklich sehen wollte, aber er daran zerbrach. Fragte sie immer wieder, warum diese Frau nicht so war wie sie.
„Dann verlass sie!“, wollte sie schreien. „Verlass sie und komm zu mir. Liebe doch einfach die, nach der du dich sehnst.“
Doch das sagte sie ihm natürlich nicht. Sie selbst hätte sich an ihrer Stelle auch gewünscht, dass niemand ihr den Geliebten wegnahm. Und sie hätte es niemals mit ihrem Gewissen vereinbaren können. So machte sie ihm jedes Mal aufs neue Mut, sich den Konflikten mit ihr zu stellen. Erklärte ihm immer wieder, dass jede Beziehung solche Phasen durchlaufen müsse. Dass man sich für die Liebe auch anpassen muss. Manchmal glaubte sie sogar selbst daran. Wenn er genug geredet, geweint, gelacht hatte, ihr oft genug gesagt hatte, was für eine tolle Freundin sie war, ging er heim zu der Frau und schlief mit ihr. Dann war wieder alles gut. Bis zum nächsten Streit. Und irgendwann hatte die Frau gewonnen. Damit er arbeiten gehen konnte und ihr eine größere Wohnung finanzieren, brach er letztendlich sein Studium ab. Und sie den gemeinsamen Kontakt.

Sie dachte weiterhin, sie wäre etwas Besonderes. Sie dachte, irgendjemand wird es schon merken. Dass es ihr kein Grundbedürfnis war, jemanden zu verändern, nur weil er ihr nicht passte. Und schon gar nicht den Menschen, mit dem sie zusammen war. Aber sie merkten es nicht.
Und dann begriff sie, dass sie eben doch nicht so besonders war. Warum schätzte sie sich selbst so wichtig ein, dass irgendjemand sie bemerken sollte? Sie hatte es vergessen. Und auch vergessen, warum sie sich solche Mühe für andere geben sollte, wenn sie doch am Ende leer ausging.
Sie wurde egoistischer mit ihren Gefühlen. Es dauerte, das zu lernen, aber es schien richtig zu sein. Sie schenkte Sorgen und Energien nicht mehr Leuten, die ihre eigenen nur auf sich selbst konzentrierten. Sie hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen deswegen. Jedes Mal wurde es ihr bewusst, wenn sie merkte, dass sie gerade ihr eigenes Wohlbefinden an erste Stelle setzte. Aber so schlimm konnte dieser neue Standpunkt nicht sein, wie es ihr Gewissen ihr weiß machen wollte. Denn es hieß nie, dass andere ihr egal sind. Sie war nur gewillt, ihre Liebe und Fürsorge aufzuteilen unter denen die, wie sie hoffte, es auch verdienen. Und diese Bemühungen zurückzuziehen, wenn sie merkte, dass diese Menschen es doch nicht so gut mit ihr meinten. Niemand würde es ihr andernfalls danken. Und niemand würde es anders erwarten. Nur sie. Und niemand sollte seine Erwartungen zu hoch schrauben.

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Kommentare

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    wnen nur jeder mensch auf dieser weltkugel solch eine metamorphose durchlaufen würde .

    aber ich denke, dass viele letztendlich an diesem standpunkt ankommen.
    meine beste freundin ist auch so eine, gibt und gibt und gibt ohne zu nehmen.

    da gibts ja auch so n spruch....
    wenn jeder auf der welt ausschließlich für sich selbst sorgt, wäre am ende für alle gesorgt.

    24.03.2010, 20:26 von saruschel
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