carpium 14.01.2009, 05:16 Uhr 41 15

Als ich mit Boris Becker Schluss machte

Verkuppelt hatte uns mein Bruder. Es war im Sommer '85. Erill kannte ihn auch erst ein paar Tage, aber er wollte unbedingt, dass ich ihn mir anschaue.

Im Zimmer meiner Schwester stellte er mir Boris dann vor.
"Woher kennst du DEN denn?", fragte ich nur.
Wir saßen auf dem Boden, ich schaute Boris sofort gebannt zu. Irgendwie war ich sogar auf Erill eifersüchtig. Weil er ihn ja vor mir entdeckt hatte. Aber mein Bruder verlor schnell das Interesse - ich nicht. Im Gegenteil.
Unser nächstes Date war dann schon zwei Tage später. Und diesmal war sogar mein Vater dabei. Im Raum war es ziemlich dunkel. Wir hatten die Rolladen unten, damit die Sonne nicht so blendet und wir ihn besser sehen konnten. Ich hockte ziemlich angespannt auf dem Bett. Das lag einmal an dem unglaublich heftigen Sonnenbrand auf meinem Rücken und dann war ich natürlich auch sehr neugierig, wie mein Vater auf Boris reagieren würde.
Aber alle Bedenken waren umsonst. Papa ging es wie mir. Er freute sich über den Neuen. So sehr, dass er mir vor lauter Überschwang auf den Rücken klopfte. Aber ich schrie nur kurz. Es war der erste Schmerz, den ich wegen Boris empfand. Es sollte nicht der Letzte sein.

Von diesem Sommer an war Boris in unserer Familie aufgenommen. Und meine Eltern vertrauten ihm völlig. Mit Boris durfte ich länger auf bleiben als mit allen anderen. Es gab einfach keine Grenzen. War sonst immer so um 23 Uhr Schluss, stand mir - sobald Boris im Wohnzimmer war - die ganze Nacht offen. Gut, wir waren selten allein, meist war mein Vater dabei, nicht zum Aufpassen, nein, er war genauso von diesem Fieber gepackt wie ich.

Aber wieso eigentlich? Was war es, was mich derart an dem jungen Mann faszinierte? Eine Antwort ist einfach: Boris war ein Nobody. Er kam aus dem Nichts, und doch hatten sie alle keine Chance gegen ihn gehabt. Da musste ich mich doch in ihn verlieben. Aber richtig ernst wurde es erst, als die Leiden begannen. Wenn ich es nicht mehr aushielt, aufsprang und ihn anschrie, ihn aufmunterte, ihm klar machte, dass er an sich glauben soll - ich tat es doch auch. Und wie großartig war es dann, wenn er mir zuhörte und genau das tat. Näher fühlte ich mich ihm nie wieder. Das waren die ehrlichsten Momente unserer Beziehung.
Gut, er war nie besonders schön und die Gespräche waren anstrengend. Vielleicht gefiel es mir, dass er wie ich Sommersprossen hatte, dass er immer etwas unbeholfen wirkte. Er war nicht glatt und schon gar nicht cool. Viel eher unbeherrscht. Seine Ziele erreichte er ausschließlich mit seiner Leidenschaft. Ja, so was musste mir gefallen.

Ich begleitete Boris überall hin. London, New York, Hamburg, Stockholm, Madrid - unsere Reisen waren oftmals das Who-is-Who der grossen Metropolen. Aber selbst in der Provinz ließ ich ihn nicht alleine. Und wenn wir ihn mal nicht sehen konnten, dann griffen wir zum Radio und waren ihm genauso nah. Ich war eigentlich immer dabei. Nur einmal nicht. Und danach machte ich mir lange Vorwürfe, dass ich Schuld war, am Anfang vom Ende.

Es war im Januar '91. Fast sechs Jahren waren wir damals schon zusammen. Das war schon ziemlich lange - für mein Alter. Für Boris war es ein ganz wichtiger Tag. Er hätte es verdient gehabt, dass ich ihn unterstützen würde - doch ich konnte nicht. Ich mein, er war in Melbourne, ich hier. Als er seinen Traum erfüllte, vor Freude los rannte und seine Gefühle im Wasser ausbreitete, lag ich im Bett und schlief.
"Er hat es geschafft. Er hat es geschafft. Er hat gewonnen!" - mein Vater stand, nein, er beugte sich über mich und brüllte fast schon immer wieder diese Sätze. Er hatte mich extra geweckt. Mitten in der Nacht. Hätte er mich doch nur schlafen gelassen - ich hätte wenigsten ein paar Stunden mehr gehabt - ohne dieses schlechte Gewissen.
Ich war einfach nicht dabei gewesen. Und danach war irgendwie nichts mehr wie früher. Jetzt weiß ich, der Höhepunkt lag hinter uns, und wir steuerten nur noch auf Routine hin. Die Risse überdeckten wir mit den zwar wenigen, dafür aber umso mehr gefeierten Glücksmomente. In diesen Stunden war es dann kurz wie früher. Und danach glaubten wir beide immer für eine Weile, es könnte wieder werden. Es wurde aber nicht. Wir sahen uns immer weniger. Doch wie in so vielen anderen Beziehungen lebten wir weiter. Mehr nebeneinander als zusammen. Ich hielt trotz aller Fehler weiter zu ihm. Ja, sogar als er immer tiefer fiel, wich ich ihm nicht von seiner Seite. Ich wollte nicht. Es war doch mein Boris. Der Kitt hielt lange. Doch jetzt ist es so weit.

"Boris, es tut mir leid, aber ich mache Schluss!"

Meinen Freunden hatte ich es ja schon vorher anvertraut - so wie man das halt macht, bevor der Mut da ist, es dem Partner ins Gesicht zu sagen. Ich weisß, er wird es kaum hören, selbst wenn wir alleine im Raum wären, er würde es nicht wahrnehmen. Er glaubt, er steht noch immer in seinem Wohnzimmer, doch schon seit Jahren wohnen hier andere. Er ist ein Gast, der nicht gehen will. Es gibt manche, die erinnern sich gern an ihre frühere Zeit, Boris macht es anders: Er will sie weiter leben. Seine neue Rolle hat er nie gefunden. Der Höhepunkt war S., ja, ich hätte es ihm so gegönnt. Es schien wie ein Happy-End. Dann entpuppte es sich als weitere Peinlichkeit. Da geh ich lieber. Ich werde jetzt Zeitschriftenseiten überblättern, Sendungen wegzappen. Ich will einfach nicht weiter zusehen.

Und wie bei allen großen Lieben, habe ich irgendwo in mir drin Hoffnung. Vielleicht wacht er ja eines Tages auf. Es wäre toll. Dann könnten wir wieder Freunde sein. Am Meer sitzen und über früher reden. Und er würde mir beichten, wie leid ihm alles tut. Danach würden wir ein Bier trinken und wissen: Es ist alles gut.

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41 Antworten

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    Und ich frage mich, ob es an der Uhrzeit liegt, dass ich nicht deuten kann, ob dieser Text "nur so" existiert, ob ich ihn als Wahr anerkennen kann oder ob er Hirngespinst ist.
    Ich habe mit Bro'Sis schluss gemacht. Mit Britney Spears. Und mit Yvonne Catterfeld. Unvergessliche Zeiten. Und das nicht wegen ihrer Schönheit...

    06.06.2009, 03:01 von Mueckenschnitzel
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    mal was neues. (: find ich gut. auch wenn ich mich nun auch nicht wirklich dafür interessiere.. aber die art und weise wie du das geschrieben hast.. gut !

    10.03.2009, 21:42 von lyzdeflourite
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    super umsetzung! ich dachte auch erst "hö wer will sich denn da wichtig machen?" und beim 2. mal lesen hab ichs dann geschnallt :) echt superklasse! gefällt mir sehr gut

    06.03.2009, 23:04 von lila.limette
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    =P

    17.02.2009, 23:18 von justnine
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    Ist zwar nen klasse text, aber ich verstehe den sinn des textes irgendwie nicht...

    19.01.2009, 14:34 von Spikktsaetl
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    boah der text hat mich beim lesen ziemlich angeödet. das ist ja sowas von garnicht interessant und schon garnicht schön geschrieben.

    17.01.2009, 20:11 von frauprompelmeier
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    Du warst mit Boris zusammen???Is ja cool...Respekt...oder ich bin gerade verwirrt aber ich denke ein 2. Mal wird es ne Lsg. geben bei mir im hirn :D

    17.01.2009, 14:50 von SunshineHasl
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    Sehr gut gemacht! Wenn man die Illusion, die du da schaffst überwindet, wird man von seiner Erkenntnis geflasht ;-)

    16.01.2009, 21:18 von OnSunshine
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      @KenzieMc Stehst wahrscheinlich auch im Museum und sagst bei jedem zweiten Bild: "Das hätte jeder malen können."

      Es ist ein großes Kompliment für die Autorin, wenn sie dem Leser vermittelt, er hätte den Text auch selbst verfassen können. In der Tat hat wahrscheinlich jeder irgendwann erkennen müssen, dass ein bewunderter Promi gar nicht so bewundernswert ist. Aber sie hat es in einfachen und passenden Worten mit einer witzigen Grundidee verarbeitet. Und darum geht´s...

      16.01.2009, 10:43 von T.A.H.
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