Alles neu
Neue Stadt, neuer Job, neues Leben. Dass 2010 ne Menge passieren wird, das hab ich schon am Silvesterabend gewusst.
Grundsätzlich ist Silvester ziemlich doof, aber das Bleigießen, das ist super. Und es hat ja so Recht – zumindest kann man sich das so auslegen, wenn man Lust hat.
Ich hab Lust. Kein Wunder, ich hab auch sonst nix zu tun. Bin ja neu in der Stadt und kenne keine Sau. Nur die neuen Kollegen, aber erst seit zwei Tagen. Bin ich unsympathisch, weil die mich noch nicht gefragt haben, ob ich ihre Freundin sein will? Oder ist das der ganz normale Lauf der Dinge? Man weiß es nicht, ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass ich die ganze Sache hier unterschätzt habe. Und das, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Das mit dem Neuanfang hab ich ja schon mal probiert. Zumindest so halb. Und bin mit Vollgas gescheitert.
Vier Jahre ist das her, da kann man das ja noch mal probieren. Diesmal aber richtig. Neue Stadt, neuer Job, neues Leben.
Silvester 2005 habe ich beim Bleigießen den WM-Pokal gegossen. Was haben wir uns gefreut an diesem Abend, weil wir es schon wussten: Deutschland gewinnt die Fußballweltmeisterschaft. Ich hatte den Sieg in meiner Hand. Beim Umzug in die neue Wohnung ging der WM-Pokal verloren. Deutschland wurde Dritter bei der WM. Nix mit Finale, nix mit Weltmeister.
Jetzt sitze ich also an einem Freitagabend in München in meiner Wohnung und philosophiere über Silvester und die zukunftsweisende Bedeutung des Bleigießens. Das ist ein bisschen traurig. Noch trauriger ist, dass ich vor dem Umzug an Freitagabenden auch häufig in meiner Wohnung saß und über noch viel größeren Unsinn nachgedacht habe. Da fand ich das aber lange nicht so deprimierend wie hier. Ich bin erst zwei Tage hier – und fühle mich schon als Versagerin, weil ich alleine zu Hause (faktisch, nicht emotional) hocke. Der Gedanke an das Wochenende macht mich fertig. Was soll ich mit dem Wochenende anfangen? Bleigießen?
Neue Stadt, neuer Job, neues Leben. Ist nicht so einfach alles, ist doch eigentlich klar. Aber ich habe eine Geschichte und die steht mir im Weg. Die Geschichte vom Scheitern, wenn es darum geht, Neuland zu betreten. Neues Leben bedeutet, die alten Geschichten hinter sich zu lassen. Neue Stadt bedeutet, neue Geschichten zu schreiben. Neue Geschichten brauchen Zeit. Geschichte braucht Zeit. Vielleicht sollte ich mir die Zeit geben. Zeit, mich mit meinem neuen Job anzufreunden, mich an das Neue zu gewöhnen.
Mach ich nicht. War immer schon eher der ungeduldige Typ. Am liebsten würde ich sofort ausziehen und abhauen. Alte Stadt, alter Job, altes Leben. Aber das Bleigießen lässt mich noch hoffen. Denn dieses Jahr lag ein Schwein in meiner Wasserschüssel. Ganz eindeutig. Ein Glücksschwein. Und ich hab es nicht verloren. Das Schwein ist noch da.





Kommentare
Vielen Dank!
06.07.2010, 20:47 von annajulia" Noch trauriger ist, dass ich vor dem Umzug an Freitagabenden auch häufig in meiner Wohnung saß und über noch viel größeren Unsinn nachgedacht habe."
02.07.2010, 23:19 von Jackie_GreyHach, schön flapsig geschrieben und mit fröhlicher Selbstironie.