Hexenkraut 28.02.2010, 03:17 Uhr 0 0

5 Jahre weniger 10 Tage.

Mit einem schlechten Gewissen in den Kalender stelle ich fest, daß ich dieses Jahr deinen Geburtstag verpasst habe.

Dabei hatte ich mir vorgenommen, dir etwas vorbeizubringen. Rosen vielleicht.

Vielleicht aber wäre dir ein Strauss Basilikum lieber gewesen. Oder eine Flasche selbst angesetzten Rosmarinöls. Ich hatte dich schon mit eingeplant. „Zu Weihnachten“ so hatte ich gedacht, „freut sie sich bestimmt darüber. Sie kocht ja so viel, gerne und gut.“ Das kannte ich zwar nur aus deinen Erzählungen, aber die Kuchen und Torten, mit denen du uns zu jeder Gelegenheit oder Nichtgelegenheit verwöhnt hast - „Sind doch nur die Reste vom Wochenende.“ - sprachen dafür.
Und ja, du hättest recht. Ich denke, dü würdest es haben, denn du würdest es als seltsam empfinden. Ein Flasche Öl, und sei sie noch so sorgsam mit einer Eigennote versehen, sähe auf Graberde sehr seltsam aus. Dann schon eher Basilikum.

„Immer für uns alle da gewesen, immer das Beste gewollt, immer das Beste gegeben, wir haben das Beste verloren.“ Grabsprüche. Ich stand und stehe ihnen immer skeptisch gegenüber. Zu viele gehört, zu viele gelesen und in den Fällen, die ich hatte beurteilen können, immer zu hoch gegriffen, immer zu sehr idealisiert in Anbetracht des oft ach so überraschenden letzten Abschiedes.
Aber als ich ihn auf deinem Kärtchen las, das ich mich ohnehin erst zu öffnen wagte, als ich allein hier saß, musste ich an den Tränen schlucken.

Es ist schwer zu beschreiben, warum. Natürlich, da waren die Kuchen. Da waren die Momente, in denen man die eigene Jacke abklopfte, und du, ehe man zu einem Ergebnis kam, schon die eigene Packung Zigaretten einfach entgegen hielst – und zum nächsten Geburtstag einfach eine drauflegtest. Da war dein Zungenschnalzen, das man immer gleich richtig abfällig, bedauernd oder beeindruckt zu deuten wusste, wenn wieder etwas nahezu Unglaubliches geschehen war. Die Augenblicke, in denen du neben wie auch immer mitfühlendem Mensch auch einmal selbst warst und man dich einfach einmal in den Arme nehmen konnte. Da waren deine Sorgen, familiäre, finanzielle und die, die du dir anstelle derer machtest, die sie sich hätten machen sollen. Aber trotz aller war da auch immer dein Lachen, dein Optimismus, dein offenes Ohr. Und die vielen Menschen dort, die vielen Tränen waren nicht mehr als eine Bestätigung dessen, was wir alle längst erfahren hatten.

Ja, ich wünschte, ich hätte dich besser gekannt. Ich hätte die Einladungen, so locker auch gesprochen, einmal wahrnehmen sollen. Einmal wirklich um deine Rezepte gebeten, statt sie für den Fall der Fälle in der Hinterhand zu vermuten.

Aber das waren nicht die Tränen. Du hattest deinen Grund gehabt, richtig? Du hattest ihn nicht allein lassen können, oder? Von deinen Kindern war er immer das Sorgenkind gewesen. Irgendwann schließlich war es richtig mit ihm bergab gegangen. Mühevolle Kleinarbeit, an der wir alle teil hatten, brachte ihn auf den richtigen Weg zurück Als du selbst am meisten aufatmetest, fiel er ins Koma – und dann ging er. Allein. Für immer. Ungewollt, unprovoziert. Nicht einmal 16. Du hattest lange darunter gelitten. Sag mir, daß es dich zu ihm gezogen hat, ja?

Und die Tränen... ja, die Tränen waren für deine verbliebene Familie. Für all die, denen ich etwas hätte sagen müssen und noch wichtiger: etwas sagen muss. Für die Ungerechtigkeit, daß sich über 80jährige Alleinstehende über schwindende Sinne be- und den lieben Gott anklagen, ihre Gläubigkeit nicht zu berücksichtigen, während andere weit früher und ohne Vorwarnung einfach gehen müssen. Oder wollen. Für die Ungerechtigkeit, nicht vorgewarnt zu haben bis zum letzten Augenblick.


Morgen säe ich den ersten Basilikum aus. Vermutlich wird dein Mann sich wundern. Aber ich hab versprochen, dir etwas vorbeizubringen, wenn schon nicht an deinem Geburtstag, an deinem Todestag vor nicht einmal vier Monaten, dann an einem Tag, an dem die meisten anderen keinen Grund benötigen.

5 Jahre weniger 10 Tage warst und bist du noch älter als ich. Kann ich nur die Hälfte dessen erreichen, was du erreicht hast, schätze ich mich glücklich. Auch wenn die Worte unzulänglich sind. Aber wann wären sie zulänglicher?

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare