Surfpoetin_ 23.03.2010, 22:54 Uhr 6 4

4:16

Tamara rüttelte von hinten an den Autositzen: „Jungs macht das Radio lauter. Ich liebe dieses Lied. Ich liebe es.“

Tamara reckte ihren Kopf nach vorn, in die Fahrerkabine und schrie wieder: „Jungs braucht ihr ne Massage?“ Ohne eine Antwort abzuwarten kreischte sie erneut: „Massage. Massage.“ Sie rüttelte an Jokobs Sitz. Sie rüttelte an Oddurs Sitz. Für Tamara war es das erste Mal. Vor einigen Tagen war sie 15 geworden. Jakob, ihr Bruder hatte verpeilt im elterlichen Wohnzimmer gestanden, mit dem Kopf geschüttelt, sich im Lockenschopf gegrault und „Oh shit“ gesagt. Jakob nahm Tamara mit. Für Tamara war das das erste Mal. Im Auto, hinten in der Mitte, war noch ein Platz frei gewesen. „Tamara“, sagte Jakob ruhig: „Könntest du bitte versuchen erwachsen zu werden?“ Tamara hörte nicht zu, löste ihren Gurt, krabbelte weiter nach vorn und ließ wie zum Trotz mit laut knallendem Geräusch eine Kaugummiblase direkt an Jakobs Ohr zerplatzen. Dann begann sie mit lauter Kehle: „She loves you – yeah – yeah – yeah “, zu singen. „Tamara.“, sagte Jakob ruhig. „Tamara. Bitte.“
Tamara brach in Gelächter aus, schüttelte ihr Haar nach allen Seiten und sang: „Yeah-Yeah-Yeah.“, sang dieses Lied und verwandelte dabei Jakobs Sitz in eine Art Massagestuhl. Sie versprühte tonnenweise unerwünschte Euphorie. Hinten links saß Karen und sah aus dem Fenster oder träumte. Rechts hinten saß Erik, hielt sich die Ohren fest und sagte: „Oh man ey, Tamara!“. An den Wochenenden fuhr Jakob den BMW seines Vaters, das konnte er gut. Um 3:30 Uhr hatten sie den Rückweg aus dem Club angetreten, hatten in einem seltsam schönen Takt die Türen zugeschlagen. Die Nacht war blaudunkel. Es waren zu viele Sterne am Himmel. Halbmond. 3:35 hatte Tamara beschlossen, sich in Oddur zu verlieben. 3:43 hatten Jakobs Augen in den Rückspiegel geblickt. Er hatte den Blinker gesetzt. Der BMW beschleunigte und bog auf die Autobahn.
Zögerlich zeigten sich sanfte Umrisse der Bäume rechts und links der Autobahn. Es war Sommer, drückende Hitze schon seit Tagen. Bald würde die Sonne aufgehen. Bald würden Tamaras Freundinnen, mit ihren Fahrradklingeln Jakobs leichten Schlaf stören. Bald würde Tamara im Zimmer neben Jakob herumstampfen, an seine Wand klopfen und „Jakob. Jakob aufstehen!“, rufen. Tamaras Rütteln und Kreischen erreichte einen neuen Höhepunkt: „She loves you – yeah – yeah –yeah. Blau leuchtete der Mond, Buchstabe für Buchstabe blinkerten die Worte dieses Liedes über das Display: She loves you . Die Autobahn war leer. Am Horizont schob ein Brummi seine Last der bald aufgehenden Sonne entgegen. Nur wenige Meter hinterm Horizont, würde Jakob die Ausfahrt nehmen. Nicht mehr lang und er würde in seinem Bett liegen. 3:50 hatte es Tamara geschafft, hatte sich nach vorn gequält und sich auf Oddurs Schoß platziert: „with a love like that“, sang sie und riss dabei Oddurs Arme in die Höhe, sah ihm aus nächster Nähe in die Augen und sang: „you know you should be glad.“ Oddur saß dieser Aktion völlig hilflos, viel zu nah gegenüber: „Jakob könntest du bitte anhalten und deine Schwester erziehen.“, fauchte er. Jakob feigste: „Das hat bisher noch keiner geschafft.“ Karen war mit weit geöffnetem Mund, schlafend auf der Rückbank zusammen gesackt. Nichts war zu sehen. Nicht davor und nicht danach. Jakob erschrak, erschrak furchtbar. Sein Herz verrutschte an die falsche Stelle. 4:16 schrie Tamara: „Nein. Ich will noch nicht sterben. Ich hatte noch niemals Sex.“ Der silberne BMW blitzte im Mondschein, schlängelte, und überschlug sich viermal. Die Autobahn war nahe zu leer.

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6 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Du hast wohl recht. Aber der Surrogatfaschismus, der hier die Autoren auf eine Seite drängt und die Szenenguillotine krachen lässt, ist hier prima gelungen, wie ich meine. Einige schnelle Bildschnitte für die Auflösung fehlen mir. Aber ansonsten habe ich erst ab dem letzten Drittel Mulm gefühlt für die Kleine und die Squad.

      07.01.2011, 16:28 von Kokomiko
  • 0

    ..und wieder fehlen mir die Worte.
    Goldstück!

    07.01.2011, 16:09 von Kokomiko
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    Ich mag das.
    Nice one.

    14.09.2010, 22:11 von je.suis
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  • 0

    'feixte'
    'zusammengesackt'
    'nahezu'
    ...

    guter text, aber gegen ende viele flüchtigkeitsfehler. ärgerlich .. auch die formulierung am ende sollte überarbeitet werden, da holperts.

    01.09.2010, 17:19 von la_lionne
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  • 0

    mir gefällts eig. die idee is gut. aber wieso hat sie noch zeit diesen langen satz zu schrein? da hab ich magenschmerzen.jakob erschrak.ich will wissen , wieso

    30.08.2010, 21:08 von nana-o
    • 0

      @nana-o Ist halt der Fantasie erlassen, wieso ;)

      Den Satz wollte ich sie genau so und nicht anders sagen lassen ;)

      Vielen Dank fürs Kommentieren!

      30.08.2010, 21:22 von Surfpoetin_
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  • 0

    Nichts war zu sehen. Nicht davor und nicht danach.
    wieso war nichts zu sehen? und wovon? von karen?

    25.07.2010, 23:30 von Emiliano
    • 0

      @Emiliano Du hast Recht der Übergang ist ein bisschen unglücklich!

      es war nichts zu sehen/ zu bemerken von der Ursache des Unfalls

      30.08.2010, 21:18 von Surfpoetin_
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