23
Ich blickte heute Morgen in das Gesicht einer Frau, welche ich als erwachsen, als angekommen bezeichnen würde.
Eine tiefe Denkfalte teilte ihre Stirn, das lange Haar wie so oft praktisch aufgesteckt, wenn sie zur Arbeit ging. Sie trug einen Hosenanzug in dem sie sich bisher selten wohl gefühlt hatte. Manchmal, weil die Hose ein bisschen zu eng war. Und meistens, weil es einfach eine Hose für erwachsene Frauen war. Heute passte diese Hose wie angegossen.
Ich sah eine gut gebaute gesunde selbstbewusste Frau. Sie ging im Kopf ihre Termine für die ganze nächste Woche durch, notierte sich Schlagwörter in ihr Handy, setzte sich Erinnerungen in den Kalender. Dann kaufte sie sich eine Tageszeitung und stieg in den Zug. Während sie, die Beine übereinandergeschlagen, in der Zeitung blätterte, kam der Schaffner herein und bat um Ansicht ihrer Fahrkarte. Sie zögerte nicht wie sonst erst, der kleine Schlag eines schlechten Gewissens, ob sie vielleicht keine dabei hatte, bleib diesmal völlig aus: Da sie ja genau wusste, sie hatte sie dabei.
Sie musste nicht wie sonst, wenn sie aus dem Haus ging noch einmal ihre Tasche kontrollieren. Ihr war einfach bewusst, dass sie all ihre wichtigen Utensilien, Lesebrille, Geldbörse, alle Schlüssel und ihre Monatskartte dabei hatte. Als der Schaffner das Abteil verließ, erblickte sie mich.
In ihrem Spiegelbild im Zugfenster.
Wann war ich sie geworden? Ich habe nicht bemerkt, dass ich erwachsen geworden bin.
Andere Frauen fürchten das Alter 30. Sie bekommen dann einen Rappel und wollen unbedingt ihr Leben verändern, es verbessern. Manche früher - manche später. Die eine mit 34 - die andere mit 27.
Im letzten Dezember wurde mir bewusst, was ich seit meinem 16. Lebensjahr heimlich vermutete: Mein Angstalter ist 23 Jahre.
Ich hatte nie einen Kinderwunsch und auch nicht das Bedürfnis zu heiraten. Habe weder ein Abitur abgelegt, noch irgendwas studiert. Ich habe mit Abschluss der 10. Klasse einfach angefangen zu arbeiten.
Habe dahingehend wohl einfach kleine Wünsche gehabt. Einen sicheren Job in Berlin. Diesen habe ich jetzt seit fast 2 Jahren.
Ich werde demnächst umziehen. Viele haben mich gefragt, ob mein fester Freund mit einziehen wird, weil die Wohnung so groß ist.
Ich habe meine Frisur verändert, mir eine neue Pille verschreiben lassen, besuche ein neues Fitnessstudio. Der 23-Rappel ist damit vorerst beruhigt worden. Nicht aber meine innere Unruhe, die eher zu wachsen scheint und von der ich nicht weiß, wo sie herkommt und wohin sie will.
Ich fragte meine beste Freundin im Scherz, ob es wehtut, 23 zu werden. Sie ist 6 Tage älter als ich und verneinte. Es sei aber schon komisch. Wir lagen auf ihrem Bett und schwärmten von Jungs die wir uns gerade im Internet angesehen hatten. Bis wir erschrocken feststellten, wie viel jünger sie waren als wir. Denn prozentual gesehen, machte es eine ganze Menge aus.
Seitdem ich 17 geworden war, war ich überzeugt davon, dass ich mich charakterlich kaum verändert habe. Ich wollte mich an der 17 festhalten, wollte nicht wahrhaben, dass die baldige Möglichkeit Auto fahren, wählen und Kreditkarten benutzen zu dürfen, wirklich so sehr mein Leben verändern könnte. Und trotzdem war es für mich dann völlig normal, mitten in der Nacht zu Freunden zu fahren, wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf fiel, mich politisch zu interessieren und einfach Ländergrenzen zu überschreiten.
Die 23 ist da, und ich lebe mit ihr. Als ich 16 war, hatte ich mich über meine 23-jährigen Freunde lustig gemacht. Gewitzelt, dann beginne der biologische Zerfall des Körpers. Ungeachtet dessen, dass sich dies irgendwann rächen würde. 7 Jahre später nämlich. Wahrscheinlich hatte es mich deswegen mit solcher einer Wucht getroffen. Recht geschah mir.
Es heißt, die meisten Menschen verändern sich charakterlich sehr zwischen 20 und 30. Deswegen werden wahrscheinlich so viele junge Ehen geschieden. Die Paare leben sich einfach auseinander. Ich frage mich nun, was die nächsten 7 Jahre in meinem Leben alles geschehen wird. Werde ich eines morgens aufwachen und nicht nur erwachsen sein, sondern gar nicht mehr wissen, wer ich bin? Das ist meine allergrößte Angst.
(Mit dem Vermerk, leben und leben lassen ist konstruktive Kritik zum Text wie immer erwünscht.)





Kommentare
ich hab schon viel zu dem Text gesagt, aber drei Dinge will ich hier nochmal hinterlassen...
17.03.2010, 15:20 von saruschel1. Dieser Text hier hatn ziemlich hohen Wahrheitsgehalt und erntet möglicherweise deshalb soviel Kritik, weil es ein unangenehmes Thema ist. Wer gibt schon gerne zu, Angst davor zu haben, sich eines Tages selbst zu verlieren. Und was das bedeutet, kann nur ein Mensch wissen, der sich bereits gefunden hat, und ob man das von allen diesen Kritikern hier behaupten kann, wage ich mal zu bezweifeln.
2) "ankommen " kann man nicht generell mit Endhaltestelle, Lebensabend oder sonstwelchen negativen Begriffen gleichsetzen. Für mich bedeutet es vielmehr ein erfolgreiches zu-sich-selbst-gefunden-haben. Und das schließt zukünftige Wünsche und Pläne nicht aus, vielmehr ein. Das leben geht auch nach einem Ankommen weiter, wer aus einem Zug steigt , wenn er wo angekommen ist, fällt ja auch nicht tot um !!!
3) Veränderung ist die einzige Konstante im Leben ..... finde ich an dieser Stelle passend, auch wenn der direkte Zusammenhang wohl fehlt :)
krass
07.03.2010, 03:09 von LenaTalenawie viele der Kommentatoren hier offenbar keine inneren zwänge oder zweifel oder ängste haben.
soviel offen dargestelltes freisein lässt mich zweifeln.
ich finden deinen text zwar - wie einige andere - stilistisch eher schlecht als recht, kann aber deine gedanken nachvollziehen. wenn du schreibst, du hattest keine wünsche, dann klingt das sogar recht einleuchtend. wenn man nichts vor sich hat (schulabschluss, uni, etablierung im beruf, heiraten, kinder kriegen), auf das man zusteuert, dann schwimmt man nur noch vor sich hin und alles ist fad.
mir geht es jedenfalls sehr ähnlich, bin zwar (schon! HA ;) 24, arbeite seit 3 jahren und jetzt ist mir auch langweilig!
deswegen zieh ich demnächst in n anderes land, versuch mich beruflich weiterzuentwickeln, und zu schauen was kommt :) einen rappel würd ich das allerdings nicht nennen.
aber du beziehst dich auch noch sehr auf das teenager sein wie s klingt. damit kann man allerdings irgenwann mal abschließen, dann entdeckst du vielleicht das coole am 23 sein --- Rock n Roll will never die!
gruss.
Angstalter hab ich auch nicht. Ich bin manchmal erschrocken, wenn ich schon wieder Geburtstag habe, weil die Zeit so hammerschnell vergeht und ich soviel machen will. Aber im Großen und Ganzen hab ich das Gefühl es wird eigentlich immer besser. :)
04.03.2010, 15:16 von miss_xHaha! "Nobody likes you when you're 23"
03.03.2010, 09:40 von frolleinmuellerein Angstalter find ich gibt net, denn man ist immer nur so alt wie man sich fühlt...das beste Beispiel dafür ist meine Mum mit 50 macht sie immer noch was sie will ob jetzt Nachmittag einfach mal im Garten schaukel oder auf die blödesten Partys gehn ohne dabei peinlich zu wirken...
02.03.2010, 15:36 von LadykasiopaiaIch kann deine Gedanken nur teilweise nachvollziehen.
01.03.2010, 01:14 von KateePopateeGestern habe ich meine Festplatte sortiert und mir ist dabei bewusst geworden wie verdammt schnell die Zeit vorbeigeht...hallo? Ich war doch erst junge unerfahrene 17? Jetzt bin ich 22.
Aber versteh mich nicht falsch, ich fühle mich keineswegs angekommen...das ding ist nur: ich hab noch soviel vor und will noch soviel machen und die zeit rast einfach nur so dahin.
Ich sehe, im Gegensatz zu dir, eine andere Person im Spiegel als ich wirklich bin. Ich wirke auf andere erwachsen, doch ich bins nicht! Innerlich werde ich immer 18 bleiben - nach dem Motto: Die Welt steht dir offen!
wenn 23 alt ist, hab ich ja nur noch 2 jahre. oh mein gott...wo sind meine to-do listen?!!
28.02.2010, 19:34 von Kathue-tataich finde es schade, wenn man mit 23 meint alt zu sein, erwachsen zu sein und ankommen zu müssen. nicht, dass man mit der einstellung nicht auch glücklich werden kann...aber mir wäre das eine viel zu lange zeit im ewiggleichen trott
Der wunderbare Anfang des Textes passt inhaltlich nich tzu dem weiteren Verlauf. Wobei beides nciht schlecht ist, im Gegnteil, nur eben nicht übereinstimmend...
28.02.2010, 19:06 von heinrusAnsonsten ein Zitat von wer-weiß-wem: "Nichts existiert, das von Dauer ist. Das einzig Dauerhafte ist die Veränderung." In dem Sinne sollte man keine Agnst vor eigenen Veränderungen haben. Was wären wir doch alle langweilig, wenn wir zeitlebens immer gleich denken und handeln würden!
Die Aussage des Textes ist für mich: Wer früh anfängt, zu arbeiten, wird schnell erwachsen. Ein Erwachsensein jedoch, ohne die Freiheiten und Möglichkeiten der Horizonterweiterung durch z.B. Studium/Auslandsaufenthalt gehabt zu haben. Denn das ist doch der Grund, warum viele Menschen sich zwischen 20 und 30 verändern - weil sie in dieser Zeit Dinge ausprobieren, viel Zeit für die Entdeckung und Entwickung ihrer Persönlichkeit haben (durch Studium/Semesterferien), ständig neue Leute und Perspektiven kennenlernen (z.B. auf Reisen), und sich davon inspirieren lassen etc.
28.02.2010, 07:48 von WildkaetzinDer Weg ist das Ziel :-)