PostSamoa 06.04.2017, 22:05 Uhr 11 16

23.08.2010

Namen geändert

Der Raum im Obergeschoss war kühl und ungemütlich. Es fühlte sich nicht nach einem Wohnraum an. Sie ging davon aus, dass es sich um ein Gästezimmer handelte. Ein toter Raum, mit künstlicher Bedeutung.

Sie betrat den Raum als erstes, die drei Männer hinter ihr. Als würden sie erwarten dass sie die erste Interaktion mit dem Raum eröffnete. Als läge es ganz an ihr. Sie blieb kurz unentschlossen stehen. Es war ein langer Raum mit Fensterfront. Links stand ein großer heller Einbauschrank der vom Boden bis zur Decke ragte und damit eins mit der Wand wurde. 

Auf der anderen Seite des Zimmers, neben der Fensterfront stand eine schmale Kommode und auf ihr ein Flachbildschirm von Sony. Vor ihr auf dem Boden lagen leere Playstationspielhüllen und zwei Controller. 

An der gegenüberliegenden Wand, neben der Tür, stand ein breites ausgezogenes Eckschlafsofa auf das sich Justus, der sich hinter ihr vorbei ins Zimmer gedrückt hatte nun fallen lies. Cloud tat ihm nach und ließ sich am äußeren Rand des Sofas nieder. Sie fühlte wie er sie musterte. Aber sie war froh dass er da war. Ein Vertrauter. 

Marius trat nun hinter ihr ins Zimmer, groß und schön, doch sie bemerkte etwas Gehetzes in seinem Blick, er schien sie kaum zu registrieren. "Schön dass du gekommen bist.", sagte er, hielt jedoch körperlich Abstand. Justus der nun in der Ecke auf dem Sofa fläzte fiel ihm fast ins Wort, und nahm Ihr somit die Chance zu antworten: “Wollen wir nicht was trinken?” Es klang fast einstudiert. Kurz war es ganz still. Cloud saß immernoch, es war eindeutig dass er sich nicht ganz wohl fühlte und Marius hatte sich nicht weiter aus dem Türrahmen bewegt. “Ja!”, sagte sie also und brach die Stille. Alles an der Situation, alles an diesem Bild war unangenehm. Aber das war egal. 

Heute war das egal. Sie hatte sich schon überwunden herzukommen. Marius musste sie mögen, sonst hätte er sie nicht eingeladen. Sie erinnerte sich daran wie er sie geküsst hatte. Wie sie auf dem Geländer gesessen hatte und er sie an sich rangezogen. Zwischen ihren Beinen hatte er gestanden und sich an sie gedrückt. Sie hatte nicht nachgedacht und in einem Anflug von Überlegenheit ihre Arme auf seine Schultern gelegt und hinter seinem Kopf verschränkt. Alle guckten. Alle sahen sie. Sie mit ihm.

Selbstbewusst ließ sie sich zwischen Justus und Cloud auf das Sofa fallen. Musik erklang aus dem Fernseher. Queens of the Stoneage. Ihre Lieblingsband! Sollte sie das sagen? Nein, das klänge bedürftig, als wolle sie gefallen. Und das hatte sie nicht nötig. Dennoch bewegte sich kaum merklich ihre Lippen: Young, dumb, don’t see a problem. 

Cloud tippte an seinem Handy während Justus sich einen Joint anzündete und mit einem Seufzer neben ihr weiter im Sofa versank. Marius betrat wieder das Zimmer. Sie hatte gar nicht gemerkt dass er gegangen war. In seiner einen Hand hatte er zwei Gläser mit einer braunen Flüssigkeit, in seiner anderen ein weiteres Glas was er nun direkt ihr reichte. Das übrige gab er Cloud und die drei stießen an. “Cheers!” Simple as this: I’m in love with the risk

“Trinkst du gar nicht?”, fragte sie Justus nach dem sie einen Schluck genommen hatte. Rum-Cola? Was auch immer, es schmeckte scheiße. “Doch, ich hol mir gleich ein Bier.” Er sah sie lange an. Was war das für ein Ausdruck in seinem Gesicht? Machte er sich über sie lustig? Cloud legte sein Handy beiseite. Alle sahen sie gerade an. Sie nahm einen weiteren Schluck : “Was'n der Plan noch für heute?”, Kopf hoch, diesmal an Marius gewandt der immernoch mitten im Raum stand. Irgendwie passte er hier nicht rein. “Erstmal was trinken, vielleicht danach noch Savoy”, antwortete Justus stattdessen. Enttäuschung durchflutete sie, sie würde nicht mitkommen können, sie war noch keine 18. Hatten sie sich hier nur zum Vortrinken verabredet? So wollte sie nicht in ihren Geburtstag feiern. Sie wollte bei ihm sein. Ein warmer Schauer durchzog sie und sie überkreuzte ihre Beine welche nun lang vor ihr auf dem Sofa lagen. Sie sahen gut aus so, dachte sie, dünn. “Ich mag die Strumpfhose,”, sagte Marius, “die hattest du auch letztes Wochenende an.” Wieder dieser warme Schauer. “Danke!”, sagte sie, traute sich aber nicht ihn direkt anzublicken. “Ja, voll geil!.”, sagte Justus, der sich nun neben ihr aus seiner liegenden Position aufrichtet und ihr den Joint reichte: “Hast du auch ne Lederleggins?” Er grinste sie an. “Boah, Alter, so wie Luna”. Marius warf ihm einen wissenden Blick zu und grinste zurück. Sie kannte keine Luna. Plötzlich fühlte sie sie klein:“Nein.” “Schade!”, Marius bat Cloud mit einer Geste etwas zu rücken und lies sich neben ihn fallen. Justus machte die Musik per Fernbedienung lauter. You know what we want, its Candy to cum to.

Plötzlich konnte sie sich entspannen und nahm einen weiteren Schluck. “Alles okay?”, fragte sie Cloud leise, der wieder an seinem Handy war. “Klar!”, sagte er ohne aufzublicken. Ruckartig erhob er sich vom Sofa: “Du wolltest auch ein Bier?” an Justus gewandt. "Jo", antwortete dieser. Und Cloud verlies das Zimmer. Sie hörte wie er die Treppe runterging und sie wollte hinterher.

Jetzt saß sie neben Marius. Er und Justus unterhielten sich nun über sie hinweg aber sie konnte kaum folgen. Irgendwie fiel es ihr schwer sich zu konzentrieren. Sie nahm einen weiteren Schluck. Irgendwann war Cloud wieder da. Aber er hatte sich einen Stuhl geholt und saß vor ihnen. Die drei unterhielten sich weiter. Cloud sah sie an. Irgendwann wurde ihr das Glas aus der Hand genommen, wieder hörte sie wie jemand die Treppe runterging und ihr wurde ein neues in die Hand gedrückt. Justus war das.

 Die Jungs tranken Bier. Ihre Gläser standen unberührt auf der Kommode neben dem Fernseher. Ich hätte auch lieber Bier, dachte sie sich. Aber sie wollte nicht nerven. Sie versank weiter in der Couch irgendwie war sie müde. Und dann war da plötzlich Marius Hand auf ihrem Oberschenkel. Sie musste kurz weggenickt sein. Nein, das war Justus Hand. Sie verstand nicht ganz warum.  Cloud! Wo war Cloud? Nicht mehr da. Marius starrte auf sein Handy. Störte ihn das gar nicht? “Du musst mehr trinken!”, flüsterte ihr Justus ins Ohr und spielte mit den Maschen ihrer Strumpfhose. 

Und dann war er zwischen ihr. Cloud war zwischen ihr, auf ihr. Sie war weiter ins Sofa gerutscht. Nur ihr Kopf war noch aufrecht. Sie lag da mit gespreitzten Beinen und ausgebreiteten Armen. Wie ein Seestern, dachte sie. Dann realisierte sie kurz, für einen Augenblick was passierte. Sie versuchte sich aufzurichten aber ihr Körper reagierte nicht. Ihre Augen, Ihr Kopf war so schwer. Aber sie musste wachbleiben. Sie blickte hoch und starrte Cloud direkt in die Augen. Hass, da war nur purer Hass. Auf sie? Oder auf ihn selbst? Und nun verstand sie wirklich. Seine Hand lag auf ihrer nackten Brust, das Kleid hing um ihre Taille. Die Strumpfhose war weg. Und mit festen Stößen drang Cloud in sie ein. Panik überkam sie. Nun spürte sie die Schmerzen. Absolute Panik. Was passierte? Warum tat sie das? Doch sie tat gar nichts. Denn sie konnte nichts tun. Sie war wie gelähmt. Ihr Mund war trocken, als hätte er schon eine Weile offen gestanden und sie brachte keinen Ton raus. Tränen liefen ihr über das Gesicht und sie begriff dass sie schon seit langem weinte. Ihr Augen brannten. Und da sah sie ihn. Marius, ohne T-shirt und nur in Boxershorts. Er stand in der Tür und starrte auf ihren Körper. Scham durchflutete sie. Er und Cloud sprachen miteinander. Doch die Stimmen waren weit entfernt. Sie musste die Augen schließen. Alles brannte. Nur für einen Moment. Sie schlug die Augen wieder auf, und blickte wieder in Clouds Gesicht. Sie wollte irgendetwas dort finden.  Sick, Sick, sick, don’t resist. 

Irgendwas was all das erklärte. Aber da war gar kein Cloud mehr. Da war Justus. The tongue is a twist. Perpetual bliss. 

Ihr Körper bewegte sich mit seinen Stößen. Zwischen seinem Keuchen grinste er sie an und küsste sie. “Hab euch doch gesagt dass ihr das gefällt.”.

“Alter! lass uns los!” Sie konnte die Stimme nicht zuordnen. Sie konnte gar nichts mehr zuordnen. Fast liebevoll streichelte er ihr Gesicht. Irgendwann wurde sie aufgehoben. Ihr Körper war schlaf. nun hing sie mit dem Bauch über der Lehne. Ihr Kopf hing in der Luft über dem Boden und wippte mit. Sick Sick Sick. 

Sie war jetzt ganz nackt. Don't resist. 

Dann übergab sie sich. Und dann war da wieder Cloud. Er hielt sie über die Toilettenschüssel, doch alles was rauskam war nur noch Magensäure. “Glaubst du du bist fertig?”, fragte er sie sanft. Als wäre nichts gewesen. Sie richtete sich auf, doch ihre Beine brachen unter ihr ein. "Hey, hey, Easy!", er hatte sie aufgefangen. Sie wollte ihn wegstoßen aber sie tat es nicht. Er legte sie ab, auf die kalten Fliesen, neben die Toilette. 

“Alter, wenn das zuviel war…”, eine Stimme aus dem Off.

Als sie aufwachte wusste sie, dass das Haus leer war. Sie lag noch immer auf den Fliesen. In ihrem Mund schmeckte sie Erbrochenes, langsam richtete sie sich auf und torkelte, immer noch unsicher, zum Waschbecken. Was sie im Spiegel ansah, war nicht sie. Nicht mehr.  Young, dumb, don't see a problem. 

Wieder brachen ihre Beine unter ihr weg. Sie schlug mit dem Kinn auf der kalten Keramikkante des Beckens auf, Schmerz durchfuhr ihren Kiefer aber  ihre eine Hand klammerte sich weiter an der Kante fest. Versuchte sich daran festzuhalten, aber ihre Beine funktionierten einfach nicht. Sie ließ sich auf den Boden fallen und atmete zweimal tief durch. Dann fasste sich in den Schritt. Alles war feucht und kalt. Mit zwei Fingern drang sich in sich ein und ein brennender Schmerz durchzuckte sie aber sie reagierte nicht darauf. Ihre Finger waren voller Blut. Tränen traten ihr in die Augen und nahmen ihr die Sicht. Mit voller Wucht schlug sie ihren Kopf gegen die Badewanne an der sie lehnte. Wieder und wieder und wieder und wieder. Bis der Schmerz die Gedanken in ihrem Kopf ordnete.

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Scheiße. Scheiße. Ich komm' auf den Text nicht klar. Das ist furchtbar. Und furchtbar gut geschrieben!

    17.07.2017, 18:18 von devilindeareyes
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  • 0

    da dreht sich mein Magen um.

    07.04.2017, 21:47 von FeineKleine
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  • 0

    Ich hätte diesen Text nicht lesen sollen. Er ist zu gut und mir wird schlecht...

    Aber sehr gut geschrieben!

    07.04.2017, 20:36 von viff
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  • 0

    mag ich ehrlich gesagt keinen kommentar zu schreiben.

    07.04.2017, 17:05 von jetsam
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  • 1

    Auch wenn das bei der Geschichte fast unrelevant scheint - wahnsinnig ergreifend geschrieben. Sehr nüchtern aber doch sehr emotional. 


    Ich hoffe du bist mit deiner Geschichte nicht alleine und hast Menschen, die dir zuhören und dich stützen.  Es ist eine Wahnsinnsbürde mit so etwas zu leben und erforderte eine unglaubliche Stärke, die von keinem Außenstehenden begriffen oder nachvollzogen werden kann. Ich wünsche dir alles Gute und bewundere dich und deine Authentizität. 

    Du hast mich sehr berührt.

    07.04.2017, 13:09 von Pyloso
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  • 1

    Drecksbande...

    07.04.2017, 09:32 von sailor
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 4

      Auf mich wirkt es leider authentisch, da es nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben wurde... Weil man es in solchen Situationen oft in seiner Erinnerungen erlebt, als hätte man zugeguckt. (Um es mal kurz und einfach zu halten) 

      Falls es so ist, wünsche ich ihr alle Kraft für den Umgang mit dieser Situation!!

      07.04.2017, 08:32 von Fin_Fang_Foom
    • 1

      Ich hoffe trotzdem sehr, dass es fiktiv ist. Die Detailbeschreibung weist aber leider auch auf Authentizität hin. Schwerer Text lässt einen betroffen zurück und man kann ihr nur viel Kraft und Stärke wünschen. Da kann ich fff nur zustimmen. 

      07.04.2017, 09:29 von Bergfenster
    • 2

      Das ist doch dumm.


      Natürlich ist dieses Szenario NICHT fiktiv.
      Diese Scheiße passiert, ist passieren und wird es immer wieder.
      Wäre es jetzt weniger oder schlimmer, wäre es dem Autoren widerfahren oder nicht?

      07.04.2017, 10:02 von FrauKopf
    • 3

      Natürlich ist es schlimmer, wenn es der Autorin so widerfahren ist, als eine reine Story aus den Tiefen der Phantasie zu sein. Der "persönliche" Kontakt über ein Profil lässt es näher erscheinen und macht betroffener, als sich nur ein Szenario auszudenken, dass auch realistisch ist und immer wieder passieren wird. Das sind verschiedene Ebenen. 

      07.04.2017, 10:12 von Bergfenster

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