smiap 30.11.-0001, 00:00 Uhr 24 9

20, single, sucht..

Und nun muss ich aufpassen. Ein weiterer Zug oder eine Pille zu viel könnte das verborgene Fass der Tränen zum Überlaufen bringen.

Eines Nachts realisiert man, dass es nicht normal sein kann zwei Jahre lang nichts für das Studium zu tun und sich deswegen selbst fertig zu machen. Man sitzt alleine in seinem WG-Zimmer und versucht sich mit einer Schachtel Zigaretten, Marihuana und einer Staffel Californication zu betäuben – wie jeden Abend eben. Man versucht die innere Stimme der Vernunft so lange ruhig zu stellen, bis man endlich einschlafen kann. Das dauerhafte Verdrängen der Realität und der Probleme, die sie mit sich bringt, führt irgendwann dazu, dass man in sich nichts hinterlässt, als eine dunkle Leere. Es ist egal in welche Richtung man läuft, wenn der Rauch den Blick auf das Ziel vernebelt. Jedes Lachen ist dicht gefolgt von dem kritischen Gedanken, ob man nicht nur aus Gewohnheit und Nächstenliebe die Mundwinkel nach oben zieht, oder ob man sich wirklich gerade freut. Irgendwann aber reichen das Gras und die Kippen nicht aus, um die immer lauter werdende Stimme stumm zu schalten. Sie schreit los. Man hört ihr zu. Man glaubt ihr. Man tut was sie sagt.

Wenn die Kleinstadt nicht bunt und verrückt genug war, um als ein alltägliches Schauspiel zur Verdrängung der wahren Gefühle zu fungieren, ist Berlin da ganz anders. An jeder Ecke lauert schon die nächste aufregende Fetisch-WG-Party. Jede Nacht in den ranzigen Kellerclubs Berlins schafft es mit der ohrenbetäubenden Musik und den harten Bässen die schreiende Stimme der Einsamkeit zu unterdrücken.  Das gelobte Land. Doch sobald der Vorhang der Faszination löchrig wird und der Alltag durchzuscheinen beginnt, merkt man, dass nicht nur die Stadt allein schuld an der depressiven Stimmung ist. Und schon kratzt man am Boden der Ausredentonne.

Nachdem man sich wochenlang mit der Frage beschäftigt hat, wer man eigentlich ist und was man in diesem Leben zu bewirken versucht, kommt man unweigerlich zu dem Punkt, an dem man sich fragt, was einem wirklich Angst macht im Leben. Es ist nicht mal die Angst vor dem Tod. Man hat keine Angst vor dem Sterben, man will es einfach nur nicht. Es ist die Angst alleine zu sein und es zu bleiben. Es ist die niederschmetternde Angst, sich emotional nicht emanzipieren zu können und mit sämtlichen Problemen auf sich allein gestellt zu sein.

Und nun muss ich aufpassen. Ein weiterer Zug oder eine Pille zu viel könnte das verborgene Fass der Tränen zum Überlaufen bringen. Ground Zero. Rock Bottom. Der Tiefpunkt. Wen oder was die Flut des jahrelang gesammelten Trännenwassers in Mitleidenschaft zieht ist ungewiss. Spätestens in diesem Moment kann man nur darauf hoffen, dass ein mystisches Wesen auftaucht. Ein Geschöpf, das es nicht nur schafft dein Fenster zu öffnen, um den muffigen Rauchgeruch aus dem Bettlaken zu vertreiben, sondern auch Sonnenschein in dein Herz lässt, um das Tal der Tränen zu trocknen.

9

Diesen Text mochten auch

24 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Dieses "mystische Wesen" wohnt nur in Dir selbst.
    Und im Grunde weißt Du das. Oder auch auf dem Grund.

    08.01.2015, 18:43 von der_mueller
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Achso, ich dachte das wär eine Kontaktanzeige.

    19.12.2014, 17:39 von -Maybellene-
    • 0

      Ist es auch irgendwie. Aber es gibt auch einen Grund, warum am Ende "mystisches Wesen" steht und nicht "Freundin". Ich schreibe Texte für mich, falls andere sie auch verstehen freue ich mich, kann es natürlich aber von niemanden erwarten. :)

      20.12.2014, 16:00 von smiap
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wie wärs mit arbeiten?^^

    19.12.2014, 17:26 von Hattori-Hanzo
    • 0

      Ich arbeite 40 Stunden die Woche. Das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun.

      20.12.2014, 15:58 von smiap
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Und am Ende schreiben sie alle einen 'Text' bei Neon.

    19.12.2014, 16:18 von quatzat
    • 1

      Warum denn nicht? Dafür gibt es diese Plattform doch.

      20.12.2014, 15:58 von smiap
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Junge, du sollst das BAföG nicht hartzen.

    19.12.2014, 14:55 von Grumpelstilzchen
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Au weh! Gut geschrieben ist er ja nicht.

    Inhaltlich aber: Wirklich gut!

    Viel Gluck!

    19.12.2014, 13:27 von TheCaptainsFiancee
    • 1

      Danke dir, Kritik hör ich immer gern. :)

      20.12.2014, 15:59 von smiap
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Guter Text.

    18.12.2014, 19:58 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich mag den Stil sehr gern! Er hat etwas klares und geht trotzdem auf das Gefühl ein.
    Ich glaube allerdings, dass man erstens nicht suchen sollte und zweitens nicht das Gefühl des "alleine sein" so sehr gewichten sollte. Oder gar als Ursache sehen sollte.

    18.12.2014, 17:43 von Love_the_People.
    • 0

      Das stimmt wohl, trotzdem bekommt man das manchmal nicht aus dem Kopf. Auch Männer haben irgendwie ihre Tage..

      20.12.2014, 15:59 von smiap
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wechsel die Grassorte, unbedingt. Kein White Widow mehr, sondern nur noch K 1. Dann hörste auch nicht mehr diese immer lauter werdende innere Stimme.

    18.12.2014, 00:02 von mirror87

NEON im Netz

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare