(1) Schattendasein
Ich hatte gerade Fahrt aufgenommen und wollte eben wieder über Langsamkeit ablästern. Die der anderen versteht sich. Weil die einen ständig ausbremsen
Vor einer Stunde sah ich ihn, wie er schwer atmend am Gehsteig entlang schlurfte, die schlaffe fahlweiße Haut der Wangen eingefallen, den Blick achtsam vor die Füße gesetzt. Blaues Sommerhemd, weiße Haut, leicht gerötet. Vom Alter. Nicht von der Sonne. Bedächtigen Schrittes ging er und es sah aus, als wäre es pure Mühsal. „Er schreitet langsam, damit ihn nichts zum Stolpern bringt“, rühmte ich mich einer Empathie. Schon war ich mit meinem silbrig glänzenden Bike vorbeigezischt. Was ein Glück, dass er nicht vor mir über die Straße wollte bei dem Tempo.
Das Fahrrad im waghalsigen Slalom entlang der Stützpfeiler der kühlen Tiefgarage bugsiert, keuchend im Spurt das Treppenhaus hoch, mit Effet an Türstock, Raumteiler, Tisch vorbei. Ich hab’s nämlich eilig, ich muss pinkeln. Als ich sitze, fällt mir der alte Mann wieder ein. Was, wenn er es mal „eilig“ hat? Ein Horror, seine Geschäfte minutiös und detailliert im voraus planen zu müssen. Alle Geschäfte, also auch die des Alltags, das, was einen so nebenbei durch die Finger, an den Sohlen entlang oder ohne Mühe am unablässig arbeitenden Denkprozess vorbei geht. Mir geht so einiges am Geist vorbei, überlege ich. Kleingeistig nennt man so etwas wohl. Vorteil Fitness, Punkt für die Jugend, sagt Inmir. Inmir ist mir meistens ein Freund, nur selten tritt er mir vors Schienbein.
Eine Stunde später stehe ich auf dem Parterrebalkon, eine Tasse frischen Espresso schlürfend, frisch aus einer Handhebelmaschine bezogen, das kostet Kraft, mit 11 bar Druck sollte ein guter Espresso zubereitet sein. Ob der alte Mann dies hin bekäme? Vor mir sommerlich leuchtendes Grünzeug. Er sitzt nun auf der Bank vor dem Haus, keine zehn Meter von mir entfernt, im Schatten, von Büschen leicht verborgen, den Blick in die Endlosigkeit gerichtet. Dann greift er nach seinem Stock, richtet sich für einen Moment mühsam auf (mit aller Kraft, wie mir scheint), bleibt ein paar Sekunden lang stehen, dann setzt er sich wieder und verfällt wieder in die Nachdenklichkeit.
„Möchten Sie auch einen Espresso?“, frage ich Herrn Petterson durch die Zweige. Die Wörter dringen aus meinem Mund, als hätte gerade ein anderer für mich überlegt. Er sieht mich nicht. Er sucht den, der eben von irgendwoher fragte.
„Herr Petterson? Einen Espresso?“, wiederhole ich etwas lauter, diesmal sehr bewusst und ich hebe meine Hand dazu wie zum Gruß.
„Ah, Sie sind es. Der Herr Elia. Nein danke. Das ist sehr nett von Ihnen. Aber obwohl... An einen Tee habe ich gerade gedacht. Ein Tee wäre köstlich.“
Die Sätze träufeln langsam und gedämpft aus ihm heraus. Sie haben Zeit wie er, denke ich. Eine Menge Zeit. Das Bild von ihm am Gehsteig taucht wieder vor mir auf. Was machen alte Menschen eigentlich den lieben langen Tag?
„Ist Kräutertee in Ordnung?“, erkundige ich mich, den Finger am Knopf des Wasserkochers.
„Ja, der wäre zauberhaft“, kommt es zurück.
Dieses Wörtchen passt so gar nicht zu ihm, fällt mir ein, während ich auf das Aufkochen des Wassers warte. Es hallt wie ein Fremdkörper in mir nach. Warum darf er nicht „zauberhaft“ sagen, fragt etwas in mir. Weil es nicht passt, antwortet Inmir.
„Keinen Zucker bitte“, höre ich seine Stimme. „Und auch keine Milch. Nur Tee.“
Genau so wie ich ihn auch am liebsten trinke, freue ich mich wie ein Kind über diese zufällige Geschmacksverwandtschaft.
„Was machen alte Menschen eigentlich den lieben langen Tag?“, frage ich als ich neben ihm sitze. Eine waghalsige Gesprächseröffnung. Ich bin nicht der Typ, der leidenschaftlich übers Wetter reden kann. Oder Haustiere. Arztbesuche, Metzgerschlangen, Fußball. Auch ungern über Kommunalpolitik, Abrüstungsverträge, schon gar nicht über Rechtsangelegenheiten, Fernsehen, Autos oder Verwandtschaftskram. Es gibt Unterhaltsameres als das alles. Menschen, die an sich gerne im Mittelpunkt stehen, schieben ebenso gerne irgendeinen Schnickschnack vor, wenn sie mit anderen Menschen in Kontakt treten.
Was machen alte Menschen eigentlich den lieben langen Tag? Er sieht mich mit großen Augen an.
„Ich sortiere mein Leben.“
Ich sehe ihn an, und mag keine schnelle Antwort geben. Überhaupt wittere ich eine Chance auf ein Gespräch, das mal ein wenig anders verlaufen könnte als üblich. Ich kenne ihn nur vom Grüßen und von dem einen Mal letztes Jahr, als ihn spätabends der Notarzt holen musste.
„Wie schwer ist es, wenn man alt ist?“, frage ich.
Er sieht nun mich eingehender an. Er überlegt. Wittert er auch gerade? Ich beschließe, abzubrechen, wenn ich spüre, dass ich ihn belästige. Ansonsten benetze ich so lange sparsam meine Lippen mit Espresso oder warte bis die schwarze Brühe verdunstet ist.
„Ihre Tasse ist klein“, antwortet er bedächtig. „Da passt ja gar nichts rein.“
Ich sehe auf die halb geleerte Espressotasse und muss ihm recht geben und auch nicht.
„Es passt viel Geschmack hinein“, erkläre ich.
„Sehen Sie?“, meint er mit einem seitlichen Lächeln, für das er sich auch anstrengen muss.
Ich gucke ihn verwundert an. Ich hielt ihn die ganze Zeit über für, na ja, etwas oberflächlich. Er redete stets nur über das Wetter, verströmte ansonsten süßliches Lächeln, schlurfte an mir vorbei, kurze Banalitäten von sich gebend. Zeit. In Ordnung. Ich habe jetzt Zeit, beschließe ich. Viel Zeit.
„Mein Leben ist schon zweimal zu Ende gegangen. Ich lebe gar nicht mehr wirklich“, sagt er langsam. „Ich arrangiere den Tag und hoffe, dass ich möglichst viel alleine schaffe. Das kostet fast alle meine Kraft.“ Pause. „Ihr Tee ist noch etwas heiß“. Lächeln. Pause. „Sie wollen wissen, was auf Sie zukommt, stimmt’s?“ Breites Lächeln.
Ich sehe ihn mit großen Augen an und es schießen mir zig Gedanken durch den Kopf: Mein Alltag ist selbstverständlich, der geht so nebenbei, ohne nachzudenken. Ich sorge mich um andere und anderes. Kind, Frau, Finanzen, Sauberkeit, Planung, Nahrungsaufnahme, kurz, die Organisation einer kleinen Familie und meines eigenen bescheidenen Daseins. Um mich und meine Befindlichkeiten selbst kümmere ich mich natürlich auch, aber das geht mehr oder weniger so gedanken- wie reibungslos. Nicht auszudenken, wenn ich meine Kräfte auch noch für Banalitäten wie simpelste Handlungen einteilen müsste. Ich mag nicht alt werden, fährt es mir durch den Kopf. Und als ob er meine Gedanken gelesen hätte, sagt er plötzlich, genau an passender Stelle, ohne Lächeln, mit ernstem Blick:
„Sie kennen die einzige Alternative dazu?“
Inmir, du bist nicht ganz sauber, maßregele ich meine Überlegungen. Ich war bereits einmal auf einem Hochhaus gestanden, vierundzwanzig Stockwerke trennten mich davor, gähnende Dämmerung und Leere unter mir. So stelle ich mir das Gefühl des Todesaugenblicks vor: Leere und sich verabschiedende Dämmerung. Vierundzwanzig Stockwerke und mein Verstand. Eine Liebe wollte, dass ich springe; meine Liebe zum Leben siegte. Ich erzählte ihm das. Schnell. In abgehackten Sätzen.
„Das ist schön“, sagt er.
Ich sah in befremdet an.
„Ja, schön“, meinte er. „Wenn das genau so ist, wie Sie sagen, sind Sie auch schon einmal gestorben. Wie ich etliche Male. Es geht nichts über eine gute Vorbereitung. Darauf sollten wir trinken.“
Groteske Situation. Wir beiden sitzen im Schatten unter ein paar Zweigen, durch die der blaue Himmel strahlt, und stoßen mit einer Tasse Kräutertee und einem Schälchen kalten Espresso aufs Leben an. Das vor dem Tode. Über das andere sollte man sich erst anmaßen anzustoßen, wenn es soweit ist.
Ich beobachte, wie er vorsichtig nippt. Jeden Schluck des heißen, aber trinkbaren Kräutertees genießt. Zwischendrin atmet er tief, besieht sich den Schatten, der sich bis knapp einen Meter vor unsere Füße zurückgezogen hat. Dann meint er:
„Sehen Sie: der Schatten ist meine Uhr. Ich habe noch andere Uhren, die mich antreiben. Lustige und ein paar unappetitliche, aber es ist in Ordnung.“ Pause. „Der Schatten ist meine Uhr jetzt.“ Wieder Pause. Ich bete den Schatten an, er möge langsamer werden. Dabei ist er schon langsamer als alles andere, was ich den ganzen Tag über tue. „Wissen Sie, dieser Tee... Er ist sehr gut.“ Ist ja auch ein Neunkräutertee, denke ich mir. Ich habe lange gebraucht, um einen zu finden, der genau zu meinem Geschmack passt. Aber ich will mich jetzt nicht über Teesorten oder Schatten unterhalten, ich mag etwas übers Leben lernen. Himmel! Mach langsam!
„Wie schwer ist es?“, will ich wissen.
Er sieht plötzlich in die Ferne. Sein Blick ist weit geworden. Die Falten seiner Stirn werfen nun ebenfalls Schatten. Als ob er auf einem Ozean schwömme und verdurstete, falls nicht bald Land in Sicht käme, so sieht er aus. Als hinge das Leben von der Antwort auf diese eine Frage ab, schelte ich mich.
„Machen Sie die Langsamkeit zu ihrem Freund“, sagt er dann. Mehr sagt er nicht, denn die ersten Sonnenstrahlen kitzeln unsere Fußspitzen. „Auch wenn man schnell kann, sollte man öfter einmal langsamer machen.“
Während ich darüber nachdenke, steht er auf und geht, gestützt auf seinen Stock. Das, ja das wollte ich nicht hören. Ich wollte eigentlich wissen, wie es ist, wenn man sich nicht mehr selbst aus dem Bett heben oder keine Einkäufe mehr schleppen kann. Wie man sich fühlt, wenn man nicht mehr Federball spielen, man nicht mehr freudig schreiend ins Meer laufen kann oder keinen Espresso mehr trinken darf. Sich nicht mehr auf seinen Körper verlassen kann, sondern wie in einem Gefängnis sitzt, das einem immer weiter erdrückt, bis man zerquetscht wird, und die Alternative hübscher erscheint als das Altwerden.
Unter der Haustüre dreht er sich noch einmal um und sagt, ohne sich ganz umzudrehen:
„Es macht keinen Sinn, sich groß Gedanken darüber zu machen. Lassen Sie es. Denken sie an jetzt. Nicht daran, wie es ist im Alter. Und: lassen sie sich.“ Er will weitergehen, macht noch einmal kehrt. Lächelt mir zu. Pause. Schüttelt vergnügt den Kopf. Dann verschwindet er ganz im Dunkel des Treppenhauses, lässt mich mit zwei leeren Tassen, mit reichlich Sonne auf den Füßen und mit schwerem Herzen zurück. Dann seufze ich.
Als mir einfällt, dass ich ja noch schnell ins Netz wollte, um eine Antwort auf eine wichtige Frage eines wichtigen Freundes zu geben, dass ich danach noch schnell sauber machen und aufräumen wollte, bevor ich keine Gelegenheit mehr dazu habe, dass ich noch einen Artikel schreiben wollte über eine meiner eigenen Eitelkeiten, da springt mich sein Satz von der Langsamkeit wie ein schleichender Tiger an, der mich mit freundlichem Fauchen warnt, dass die schärfsten Krallen doch der eigene Unverstand sind.
Wenn das Leben doch öfters mal wie eine bedächtig warnende Samtpfote eines milde gestimmten wilden Tigers wären."Wichtige Links zu diesem Text"
Schattendasein
(2) Herr Petterson macht Sachen





Kommentare
Ja..................hm, und "wer keine Zeit hat, der hat keine Ewigkeit," aber das wäre wahrscheinlich auch keine befriedugende Antwort, oder?
27.06.2008, 22:25 von freddieSchönes Drehbuch für einen Kurzfilm hast du da geschrieben.
;)
Danke.
26.06.2008, 23:20 von MorgenrotSchön!
hm. Der Text bringt mich ins Nachdenken... Gerade vor einer halben Stunde habe ich mich wieder über einen älteren Mann aufgeregt, der mit dem Fahrrad vor mir her fuhr, in einem Tempo, naja, und der auf wiederholtes Klingeln nicht reagierte...
24.06.2008, 15:25 von ciononostanteEigentlich albern, denn etwas Wichtiges hatte und habe ich nicht zu tun.
Mir fällt jetzt auch wirklich kein Grund für meine Eile ein.
Danke, zzebra ;-)