Annabel_Dillig 30.07.2013, 13:58 Uhr 35 3

»Wir jammern ein bisschen weniger als die Männer«

In der Juli-Ausgabe 2011 sprachen wir mit Nationaltorhüterin Nadine Angerer über ihr Outing, Testspiele gegen Männer und Mitleid auf dem Platz.

Interview: Annabel Dillig & Vera Schroeder,
erschienen in NEON #07 2011

Foto: Tanja Kernweiss



Frau Angerer, welche Stammtischparole über Frauenfußball können Sie nicht mehr hören?
Ich finde die eigentlich alle ganz lustig. »Trikot tauschen!« Haha! Ich glaube, insgeheim finden Männer es klasse, wenn Frauen gut Fußball spielen.

Frauenfußball sieht ein bisschen aus wie Männerfußball in den Siebzigerjahren.
Eigentlich überhaupt nicht. Wir sind genau im Soll, was unsere Entwicklung betrifft, und auf jeden Fall weiter als die Männer in den Siebzigerjahren. Der Frauenfußball ist athletischer, schneller und taktischer geworden.

Man könnte Frauenfußball auch als den schöneren Fußball bezeichnen: Es gibt viel mehr Kombinationen, weil der Raum nicht so eng ist.
Ich schau mir beides gerne an. Champions-League-Spiele der Männer genauso wie Topspiele der Frauen.

Frauen sind kleiner als Männer. Sollte da nicht auch das Tor kleiner sein?
Nein, dafür sind die Schüsse ja auch nicht ganz so schnell und hart wie bei den Männern.

Wie schnell schießen Frauen im Vergleich?
Manche schießen so fest wie gute A-Jugend-Spieler bei den Jungs. Stundenkilometeran-gaben kann ich jetzt leider nicht machen.(Durchschnittliche Schussstärke Frauenfußball in der Bundesliga: 80 Stundenkilometer, Männer: 110 –130 Stundenkilometer; Anm. d. Red.)

Gibt es beim Frauenfußball mehr Fouls als bei Männern oder weniger?
Auch das hat sich entwickelt. Frauenfußball ist kein körperloser Sport. Aber die Zahl der brutalen Fouls ist nicht so hoch. Vielleicht aus Respekt. Keine Ahnung.

Schwalben?
Eindeutig weniger.

Woran liegt das?
Vielleicht entwickelt sich das ja auch noch. Vielleicht liegt es aber auch an der Mentalität von Frauen. Dass Männer so viele Fouls vortäuschen, hat bestimmt seine Gründe, die ich aber nicht kenne.

Würden Sie es bedauern, wenn das bei den Frauen auch so werden würde?
Ja, eindeutig.

Tut Torwart weh?
Manchmal. Nö. Na ja.

Gibt es die »Angst des Torwarts vorm Elfmeter« eigentlich wirklich?
Den Ausspruch verstehe ich nicht. Als Torwart kann man beim Elfmeter doch nur gewinnen. Ich mag Elfmeter.

Schreiben Sie sich vorher auf, welcher Gegner in welche Ecke schießt?
Nein. Ich schau mir die Spielerin an: Spielt sie auf Sicherheit, also schiebt sie ihn mit der Innenseite rein, oder geht sie auf Risiko und haut das Ding mit Vollspann in die Ecke? Solche Gedanken kann man Spielern ansehen. Der Rest ist Intuition.

Ist es wirklich das Schlimmste, getunnelt zu werden?
Nö, mir egal. Drin ist drin.

Torwarte sind oft Handschuhfreaks. Sie auch?
Null. Ich brauch irgendwas an den Händen, aber keine Extras. Ich hab jetzt eine Maßanfertigung von Adidas, das ist toll, aber wirklich wichtig ist es nicht.

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass männliche Fußballer sich ziemlich weiblich verhalten? Sie geben einander Küsschen, einen Klaps auf den Po, viele wirken sehr wehleidig.
Mir nicht, aber meine Freunde, die nichts mit Fußball zu tun haben, sprechen mich darauf immer an.

Verhalten sich Frauen auf dem Spielfeld anders?
Wir jammern vielleicht ein bisschen weniger.

Was war das Schlimmste, das Sie je zu einer Gegnerin auf dem Platz gesagt haben?
»Du blödes Rindvieh!« im Viertelfinale bei der WM gegen Nordkorea. Die Spielerin hat natürlich kein Wort verstanden, aber ich wusste nicht, was Rindvieh auf Englisch heißt.

Schon mal Mitleid mit einer Gegnerin gehabt?
Ja, wirklich Mitleid habe ich, wenn wir knapp führen – ich bekomme den Ball, der Gegner ist komplett in der anderen Hälfte, und jedes Mal muss eine Stürmerin zu mir rennen, damit ich den Ball nicht nur am Fuß halte, sondern in die Hand nehme. Ich finde das saudoof, aber es bringt halt Zeit für uns. Ich entschuldige mich da auch jedes Mal.

Würden Männer sich da auch entschuldigen?
Keine Ahnung. Aber wenn ich Stürmerin wäre, und ich müsste jedes Mal einen Dreißigmetersprint hinlegen, damit die doofe Torhüterin endlich den Ball in die Hand nimmt – da würde ich auch eine Entschuldigung erwarten.

2003 hat die Nationalmannschaft der Frauen 0:3 gegen die männliche B-Jugend des VfB Stuttgart verloren  würde das heute wieder passieren?
Ja, wahrscheinlich. Die sind sechzehn, siebzehn Jahre alt, einen Meter neunzig groß, sie sind schneller und haben ganz andere biologische und athletische Voraussetzungen. Wir haben super gespielt damals, das haben die Jungs auch gesagt.

Spielen Sie oft gegen Männer?
Ja, gern sogar. Da lernt man viel. Erst sind die Jungs auch immer ganz süß, gut erzogen und tun einem nicht weh. Aber wenn wir dann 2 : 0 führen, ist Schluss mit Nettsein. Kann ich natürlich auch verstehen.

Man liest oft, dass Frauenfußballerinnen keine Vollprofis werden wollen: Woran liegt das?
Die meisten Nationalspielerinnen sind Vollprofis. Nur verdienen wir halt nicht so viel, dass das Geld für das spätere Leben reicht.

Ihr müsst euch also mehr Gedanken um die Zeit nach der Fußballkarriere machen.
Ich finde das gut so. Männerfußballer setzen häufig für eine Profikarriere früh alles auf eine Karte. Trotzdem ist die Chance, es wirklich zu schaffen, gering. Bei den Frauen haben die meisten eine zweite Ausbildung, ein richtiges Leben jenseits vom Fußball.

Sind Fußballerinnen schlauer als Fußballer?
Manchmal. Und manchmal ist es besser, dass ich einfach meine Klappe halte.

Der Gehaltsunterschied wird schnell zum Thema, wenn es um Männer und Frauen im Fußball geht. 
Frag mal, was Gerd Müller früher verdient hat! Darüber würde man sich heute auch kaputtlachen. Frauenfußball ist in der Entwicklung noch nicht so weit, das braucht Zeit. Und wenn man unsere Gehälter mit denen von Basketballerinnen oder Volleyballerinnen vergleicht, geht’s uns richtig gut.

1995 drohte der DFB einigen Spielerinnen der Nationalmannschaft, sie aus dem Kader zu werfen, wenn sie zum Spaß an den Eurogames teilnehmen, der schwul-lesbischen Europameisterschaft. Hat der Deutsche Fußball-Bund bis heute ein Problem mit Homosexualität?
Ich kenne diese Geschichte nicht. Aber ich kann meine Hand dafür ins Feuer legen, dass der DFB kein Problem mit Homosexualität hat. Im Gegenteil, Theo Zwanziger begrüßt es, wenn sich jemand dazu bekennt.

Tina Theune, die langjährige Bundestrainerin, schätzt in ihrer Diplomarbeit, dass zwanzig bis vierzig Prozent der Profifußballerinnen bisexuell oder homosexuell sind. Woran kann das liegen?
Mit Zahlen hab ich nicht viel am Hut. Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt ist es mir auch egal.

Redet ihr in der Mannschaft darüber?
Ja, natürlich. Aber es ist kein Thema, das wir zweimal die Woche besprechen.

Sie haben im Herbst in einem Interview mit dem »Zeit«-Magazin -gesagt, dass Sie bi sind. Hatten Sie das Outing vorher geplant?Natürlich. Mich hatte zuvor aber auch noch nie ein Reporter direkt darauf angesprochen. Die haben nur scheinheilig gefragt: Hast du eigentlich einen Freund? Diese Reporterin war die erste, die mich direkt gefragt hat.

Hatten Sie Bedenken, als es raus war?
Ich wusste natürlich, dass die Sache Kreise ziehen würde. Aber wenn man zu sich selbst steht, und das tue ich, wo ist dann das Problem? Außerdem konnte ich dem Boulevard noch eine kleine Freude damit bereiten. 

Sind Sie froh, dass Sie es gesagt haben?
Ja. Ich dachte mir, ich sage es einmal, und dann ist gut. Ich bin schließlich Torhüterin und habe keine Lust, ständig über meine sexuelle Orientierung zu sprechen.

Welche Reaktionen haben Sie bekommen, zum Beispiel von den Mitspielerinnen?
Die fanden das ganz lustig. Die hatten natürlich überhaupt kein Problem damit, für die war das ja auch nichts Neues. Ein 93-jähriger Opa hat mich auf der Straße angesprochen und gesagt: Ich fand das klasse. Negative Reaktionen gab es nicht. Auch nicht in den Stadien. Das kann man natürlich nicht mit den Männern vergleichen, wir haben ein ganz anderes Publikum.

Gibt es Frauenpaare in der Bundesliga?
Dazu möchte ich nichts sagen. Das ist auch kein Thema in der Kabine. Wir sprechen darüber, wohin wir zusammen zum Essen gehen. Oder wie wir es schaffen, am Wochenende gegen Potsdam zu gewinnen.

Spekuliert ihr manchmal, warum sich im Männerfußball keiner als homosexuell outet?
Klar. Ich würde es total begrüßen, wenn sich jemand outen würde, aber ich kann verstehen, dass sie es nicht tun. Es gibt bestimmte Fans in den Stadien, denen möchte ich auch nicht ausgesetzt sein.

Stimmt es, dass die Vereine nicht wollen, dass sich Frauen outen, weil sie Angst haben, bestimmte Sponsoren könnten abspringen, wenn der Sport als Lesbensport gilt?
Unser Manager in Frankfurt findet es total okay, auch im Hinblick auf die Sponsoren.

Wenn Sie sich selbst Fußball im Fernsehen anschauen, kommentieren Sie dauernd oder sind Sie eher die stille Genießerin?
Ich schaue fast nur auf die Torhüter und sensibilisiere meine Mitschauer für deren Arbeit.

Schauen Sie Fußball mit Freunden oder mit Mitspielerinnen?
Meine Freunde interessieren sich überhaupt nicht dafür. Das finde ich auch sehr gut so. Was machst du, wenn sich fünfzehn Jahre lang alles nur um Fußball dreht, und dann hörst du auf und hast niemanden? 

Es sind also alte Freunde, noch von früher?
Nein, wir kennen uns von Demos aus Berlin. Vom 1. Mai und so. Aber weder ich noch meine Freunde sind Krawallmacher. Wir haben nur zu bestimmten Dingen eine Meinung, für die wir einstehen und von der wir überzeugt sind, dass sie es wert ist, sie kundzutun.

Wogegen demonstrieren Sie?
Atomkraft. Und deutsche Soldaten in Afghanistan.

Was kommt für Sie nach der WM?
Ich habe tausend Ideen! Ich spiele danach noch ein Jahr in Frankfurt. Nach meiner Karriere möchte ich mit dem Rucksack nach Afrika. Auf meinen Reisen ergibt sich immer was. In Südafrika zum Beispiel hatte ich ein Angebot, als Physiotherapeutin in einem Hilfskrankenhaus zu arbeiten. Das hätte mir Spaß gemacht.

Haben Sie eigentlich schon mal das Kaffeeservice gesehen, das die Europameisterinnen von 1989 vom DFB bekommen haben?
Nein, noch nicht gesehen, aber davon gehört. Wird ja immer darauf rumgeritten.

Was wäre 2011 ein gutes Geschenk, wenn ihr Weltmeister werdet?
Die meisten in der Mannschaft fänden wohl einen iPad gut. Ich hätte gern eine schwarz-rot-goldene Mütze, selbst gestrickt von Theo Zwanziger. Das wäre schön.


NEON-Link: Frauenfussball-WM

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35 Antworten

Kommentare

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  • 2

    find das Interview gut. konsequente Antworten, die auch dezent darauf hinweisen, dass die Frage vielleicht ein wenig reißerisch ist. Schön.

    Männerfußball kann ich mir aufgrund der Schwalben nicht mehr wirklich anschauen. Grad Italiens Nationalmannschaft... können die auch stehen?

    Was ist an Poklapsen dnen weibliches Verhalten? also die Frauen die ich kenne machen sowas nicht.

    ir gefällt der Text, und ich wusste nichtmal dass der schon so alt ist.

    01.08.2013, 11:48 von Schmalzstulle
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  • 0

    ich habe die typisch mann typisch fraqu debatte satt welches jahr schreiben wir nochmal ???? 1960 oder 2013?

    01.08.2013, 08:32 von neulaender
    • 0

      iss abba soooo, war schon immer so, wird auch immmer soooo bleibn.

      01.08.2013, 12:05 von Tanea
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Ich finde es spitze... Die ganze sexuelle Neigungsgeschichte ist doch wie eine Mauer im Strafraum unserer Zeit... Frauen jammern doch schon immer weniger als Maenner... Weil Sie uns Maennern ansehen das es nichts bringst...

    30.07.2013, 21:37 von RazthePutin
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  • 5

    Ganz ehrlich...so viele gute, weil entspannte und konsequente Antworten, und dann pickt ihr euch das als Überschrift raus, in der Hoffnung es kommt zu nem Aufschrei männlicher Entrüstung? Wird das ne Bewerbung für die Bild?

    30.07.2013, 18:37 von Myselfandme
    • 0

      Haett'st es sonst gelesen?

      30.07.2013, 21:38 von RazthePutin
    • 0

      1. Es hätte in dem Interview einige Alternativen gegeben, die mich dazu animiert hätten. Ja
      2. Qualitativen Anspruch runter,damits gelesen wird? Bild, just as I said

      30.07.2013, 21:40 von Myselfandme
    • 0

      Das System funktioniert also...

      30.07.2013, 21:46 von RazthePutin
    • 0

      Ganz ehrlich... Ich hab's auch nur wegen der Ueberschrift gelesen...

      30.07.2013, 22:05 von RazthePutin
    • 0

      Um welche Überschrift geht es denn hier eigentlich? »Wir jammern ein bisschen weniger als die Männer« oder "Der DFB hat nichts gegen Homosexualität"? Ich finde im Übrigen beide nicht sonderlich problematisch.

      30.07.2013, 22:11 von gesternwarnie
    • 0

      I a ned... Hatte ja schon eine Meinung... Für alle anderen gilt... BILD... Dir deine Meinung...

      30.07.2013, 22:14 von RazthePutin
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  • 0

    "Der Gehaltsunterschied wird schnell zum Thema, wenn es um Männer und Frauen im Fußball geht. "


    Echt? Nur bei Neon. Das ist total widersinnig, das Gehalt bestimmt doch kein Rat oder irgendeine feste Verteilungsinstanz. Das Gehalt bestimmen Werbeeinnahmen der beteiligten Medien, sprich der gesellschaftliche Stellenwert.


    30.07.2013, 18:32 von Boahmaschine
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  • 1

    "Würden Männer sich da auch entschuldigen?
    Keine Ahnung. Aber wenn ich Stürmerin wäre, und ich müsste jedes Mal einen Dreißigmetersprint hinlegen, damit die doofe Torhüterin endlich den Ball in die Hand nimmt – da würde ich auch eine Entschuldigung erwarten."



    Ich hau mich weg.

    30.07.2013, 18:27 von Boahmaschine
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  • 0

    "Eigentlich überhaupt nicht. Wir sind genau im Soll, was unsere Entwicklung betrifft, und auf jeden Fall weiter als die Männer in den Siebzigerjahren. Der Frauenfußball ist athletischer, schneller und taktischer geworden."


    Gut, dass sie sich nach dem EM selber verbessert hat und meinte, dass sie in den ersten Spielen grottenschlecht waren. 

    30.07.2013, 18:14 von smn_
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  • 3

    "Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass männliche Fußballer sich
    ziemlich weiblich verhalten? Sie geben einander Küsschen, einen Klaps
    auf den Po, viele wirken sehr wehleidig."


    Uff!

    Da habe ich aufgehört zu lesen...

    30.07.2013, 17:26 von Matsumoto
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Seite: 1 2
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