anna1207 16.04.2012, 19:29 Uhr 2 7

Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt

Wer sein Fahrrad ehrt, der fährt.

Ich liebe Radfahren. Fliegen ist nicht schöner. Ich komme überall durch, ich kann schleichen oder rasen, ich kann anhalten, wann immer ich will, ich kann absteigen und schieben, oder aufsteigen und bis ans Ende der Welt fahren. Wenn ich auf dem Sattel sitze, könnte jeder Weg meiner sein.

Ich bin schneller als zu Fuß und langsamer als mit dem Auto. Dafür bin ich morgens aber auch wach, wenn ich bei der Arbeit ankomme und wenn ich schon ein bisschen verschwitzt bin, weiß ich: Heute wird ein guter Tag.

Der Stoff jeder Jeans ist im Schritt heller und dünner, weil sich das Material beim ständigen Radfahren langsam aufreibt. Eine meiner helleren Hosen hat einen Dauerfleck von Kettenfett auf dem Oberschenkel und meine Finger sind oft schwarz und ölig, weil das Schloss immer an der Radkette entlang saust, wenn ich es geöffnet hat und aus den Speichen ziehe.

Ich pflege mein Rad nicht besonders sorgfältig. Eigentlich steht es immer draußen, egal bei welcher Witterung und im Winter vergesse ich zu häufig, die Kette zu ölen. Wenn es geschneit hat, erkennt man meinen Parkplatz im Nachhinein immer gut, weil braun-rotes Wasser von der Kette perlt und den Schnee färbt.

Nur wenn ich wegfahre, kommt es rein. Nicht in den Keller, sondern in mein Zimmer. Wenn ich verreise, gibt es immer Zeitpunkte, an denen ich es vermisse und denke: Perfekt wäre es, jetzt das Rad hier zu haben. Und wenn ich nach Hause komme, würde es mich manchmal nicht wundern, wenn es vor Freude mit den Speichen wackeln würde. Das tut es leider nie, dafür freue ich mich um so mehr, endlich wieder fahren zu können.

Ich freue mich jeden morgen, wenn ich auf mein Rad zu komme, es losschnalle und einfach los fahre. Einfach drauf setzen und aufbrechen, in die Pedale treten und ruck zuck ist man an der nächsten Straßenecke und an der übernächsten und an der überübernächsten. Manchmal, wenn ich so fahre, frage ich mich, wie weit wir kommen würden.

Und ich glaube, dass da der Punkt, an dem mich das Rad auf eine eigenartige Art und Weise verzaubert: Wenn ich fahre, habe ich nie das Gefühl, allein zu sein. Natürlich ist es ein stummes, kaltes Aluminiumgestell, das ich unter meinem Hintern habe, das sich keine Wege merkt, geschweige denn Lieblingsstraßen hat. Aber die Idee ist dennoch irgendwie tröstlich: So viel Zeit, die ich darauf verbringe, so viele Leute, denen wir begegnen, so viele Menschen, neben denen wir her gefahren sind, so viele Stimmungen, in der es mich getragen hat. Immer und wohin ich wollte, als wüsste es selbst, wohin es gehen soll. 


Tags: Fahrrad fahren
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2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Und das beste: Mein Fahrrad ist mir noch nie vor der Nase weggefahren.

    Ich liebe mein Fahrrad auch, nirgendwo fühl ich mich freier als auf meinem Jolly Jumper!

    16.05.2012, 13:19 von Lihii
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  • 0

    Ich fühle wie Du.

    28.04.2012, 14:38 von Elisa_ilm
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