Dominik_Schuette 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

The Sensation

Unser Autor langweilte sich vor seinem Computermonitor. Er probierte aus, ob eine Karriere als WRESTLER eine Alternative wäre. Danach war er nicht mehr derselbe.

Der Glatzkopf packt mich am Ellbogen und hebelt mich aus. Ich pralle gegen seine rechte Schulter und knalle hinter ihm auf den Kopf. Mein Hals knickt ab, in meinem Nacken kracht es dumpf. Die Zuschauer schreien auf. Dann ist es totenstill in der Scheune, in der ich heute meinen ersten Fight hinlegen soll. Wrestling - ist doch alles Show! Dicke Männer, die so tun, als würden sie sich prügeln. Jetzt weiß ich: So einfach ist es nicht.

Eine lebende Legende

Schon die Ankunft ist ein Kampf. »Sir, was ist der Grund Ihres Aufenthalts in den USA?« Der Grenzbeamte James C. guckt grimmig. C. ist groß, schwarz und wiegt an die 120 Kilo. Ein prachtvoller Gegner.
»Ich will catchen lernen, Sir«, sage ich und berichte C. von diesem alten Wrestler, der eine Scheune hat auf dem Land, wo sich Typen gegenseitig durch den Ring werfen.
»Sie? Wrestling?« Der Beamte lacht schreiend. »Diese Monster werden Sie zerbrechen wie ein Streichholz.« Ich bin einen Meter neunzig groß, aber man sieht mir an, dass ich es für Sport halte, auf Rolltreppen nicht stehen zu bleiben.

»Dann legen Sie mal die Hand hier drauf, Mister.« James C. nimmt meine Fingerabdrücke. »Damit wir Sie in der Leichenhalle identifizieren können.« Sein gewaltiger Hals schwabbelt, so sehr kichert er. Punkt sieg fürs Heimatschutzministerium. Vom Regionalflughafen Roanoke fahre ich in die Blue Ridge Mountains. Virginia ? kein US-Bundesstaat liegt so nahe der Hauptstadt Washington und ist ihr doch so fern, sagt man. Ein Land so grün wie Waldmeister. Truthahngeier kreisen über den Wipfeln, Klapperschlangen sonnen sich auf dem Asphalt. Am Straßenrand werben Schilder für die Anschnallpflicht: »Ein Gesetz, mit dem sogar WIR leben können!« Lynyrd Skynyrds »Free Bird« läuft auf drei Sendern gleichzeitig. Ich stelle den Wagen vor einem Motel ab und werfe mich mit einem Elbow-Drop ins Bett. Am nächsten Morgen fahre ich an Kirchen und Scheunen mit rostroten Runddächern vorbei in ein Nest namens Shawsville. Mein Ziel ist ein unscheinbares Häuschen mit weiß gestrichener Veranda und Hollywoodschaukel, daneben stehen kleinere Gebäude aus Betonsteinen und verwitterte Limousinen. Ich steige auf die Bremse. Ein Hüne steht in der Auffahrt und hält in Kampfstellung die Fäuste vors Gesicht: Jimmy Valiant, Kampfname: »The Boogie Woogie Man«.

Als ich aussteige, klopft mir Jimmy so fest auf den Rücken, dass mir die Luft wegbleibt. »Willkommen, Bruder, in Boogieland! Wir haben lange gewartet, Dominik, und nun bist du endlich hier.« Hinter Jimmy hat sich eine kleine Frau versteckt. »Darf ich dir meinen Engel vorstellen, Dominik? Das ist Angel. Angel - Baby! - das ist Dominik. Dominik vom anderen Ende der Welt.«

Der Mann ist eine Legende: Mitglied der WWE Hall of Fame - der Ruhmeshalle der Wrestlingliga, die früher WWF hieß, bis die gleichnamige Umweltorganisation klagte. Jimmy Valiant hat fünf Jahrzehnte lang gekämpft. Viele der späteren Superstars wie »The Undertaker« oder »Hulk Hogan« bezeichnen ihn als Idol. Seine Nachfolger scheffeln mitunter Millionen, während auf Jimmys Schecks fünfstellige Zahlen standen. Mit der Kommerzialisierung verkam das Wrestling aber auch immer mehr zur Freakshow. Jimmy, einem Show man alter Garde, gefällt das nicht besonders.

Valiant war zu seinen großen Zeiten, Anfang der Siebziger, ein Wirbelwind, der durchdrehte, sobald er über die Seile sprang und den Gegner zu packen bekam. Er trug einen buschigen Bart und hatte irre Augen. »Stimmt, ich war ein Tier«, sagt er. »Das lag am Kokain. Zehn Jahre lang habe ich jeden Tag konsumiert, bis Angel mein Leben rettete. « Drogen sind ein Riesenproblem in diesem Business.

Heute ist Jimmy 67. In fünf Jahrzehnten Wrestling mussten seine Glieder unzählige Male zusammengeflickt werden. Seine Nase macht Kurven wie die Landstraße, die zu seiner Farm führt. Auf seine Waden hat er Wrestlingschuhe tätowieren lassen. »Die nehme ich mit auf die andere Seite.« Neben dem Haus liegt ein Grab, auf dem Stein stehen bereits die Namen eingemeißelt: »Angel« und »Jimmy«.

Boogie humpelt voraus. Nachdem er das Häuschen renoviert hatte, errichtete er etwas höher am Hang ein kleines Museum mit Trophäen und daneben eine große Scheune: BWC - Boogies Wrestling Camp. Der alte Mann stößt die Tür auf und legt den Lichtschalter um. Es zischt, nur langsam wird es heller. »Im Schein einer Gaslampe«, sagt Jimmy, »sieht alles härter aus.« Im aufglimmenden Licht taucht der Ring auf. Die Seile hängen durch. An den Wänden erinnern Fotos an glorreiche Zeiten. In der Ecke steht der Gong, daneben ein paar der offiziellen Actionfiguren von Boogie, eines der Sammlerstücke ist mit Blutspritzern verziert. Es ist Samstagmittag. Morgen früh werden Boogies Jünger herbeiströmen. Dicke, dünne, lange, kurze, junge, nicht so junge Männer und Frauen. An 52 Wochenenden im Jahr bildet Boogie Wrestler aus. Und diesen Sonntag bin ich dran. »Jimmy, Sie sind mein Mister Miyagi. Ich verlass mich auf Sie.« »Dominik, ich bin dein Mister Miyagi. Verlass dich auf mich.« »DU WIRST IHM AUCH NICHT HELFEN KÖNNEN, ALTER MANN!« Ich fahre herum. In der Tür steht ein Muskelpaket mit Tarnfleckkopftuch und Sonnenbrille. Der Fremde spuckt einen Klumpen Tabak aus. »Dominik, das ist ?Sergeant Long?. Dein Gegner für den morgigen Kampf.«

Die vier Regeln

Boogie will mich im Ring sehen. Er hält die Seile, ich steige hindurch, stolpere und falle der Länge nach hin. »Egal! Sergeant, bring Dominik die Grundlagen bei!« Troy entledigt sich seines T-Shirts. Quer über seinen Bauch ist ein Patronengürtel tätowiert.
»REGEL NUMMER 1«, brüllt Troy laut: »Wrestling ist ein Tanz, und der erfahrenere Kämpfer ? der Senior ? bestimmt, wo es langgeht.«
Wir tänzeln im Kreis, unsere Blicke aufeinander gerichtet. Dann sticht Troy auf mich zu, packt mich am Hinterkopf und knallt mir seine linke Pranke auf die Schulter. Wir befinden uns nun im Lock-up.
»REGEL NUMMER 2: Beim Wrestling läuft alles über links. Schulterwürfe, Blocks, einfach alles. Links! Merk dir das!« »REGEL NUMMER 3«, schreit Boogie: »Manche sagen Wrestling sei Fake. Das ist Bullshit! Wrestling ist Showbusiness. Ich will dich schreien, heulen, kämpfen sehen, Dominik. Sonst vergisst dich das Publikum sofort. Du musst es auf deine Seite ziehen.«
»REGEL NUMMER 4«, brüllt Troy: »Wer aktiv wirkt ? derjenige, der schlägt oder tritt - verhält sich tatsächlich passiv. Und derjenige, der passiv wirkt - und auf dem Boden landet, geschlagen oder getreten wird - verhält sich aktiv.«

Boogie steigt zu uns in den Ring. Troy und er entwickeln eine Choreografie für den Fight. Sie deuten auf Ringecken, den Boden und einen Klappstuhl. Routine. Der Ablauf beim Wrestling ist streng festgelegt, wie die Dramaturgie einer griechischen Tragödie. Es läuft immer gleich: Das Babyface ? der unerfahrene, vermarktungstechnisch im besten Fall auch hübschere Kämpfer ? tritt gegen den überlegenen Heel an ? den Bösewicht, dem jedes Mittel Recht ist, um seinen Titel zu verteidigen. Zu Beginn wird das Babyface den Heel überraschen, weil dieser den Neuling unterschätzt ? bis es dem Heel zu dumm wird. Dann wird er zu fiesen Tricks greifen, um den Strahlemann fertigzumachen.

»Und wer gewinnt?«, frage ich Boogie.
»Derjenige, der mehr Kohle einspielt.«
»Im Normalfall der Good Guy«, sagt Troy.
»Also werde ich morgen gewinnen?«
»Ja, aber vorher tret ich dir in den Arsch.«
Jimmy und Troy splitten den Kampf in Einzelübungen. »Morgen geht das Training richtig los«, sagt Boogie, »aber wir zeigen dir trotzdem ein paar Sachen.« Dann packt mich Troy. Während ich durch den Ring fliege, frage ich mich, wie ich dieses Wochenende überleben soll ? aber ich lasse mir nichts anmerken, werfe mich brüllend hin und schreie vor Schmerzen. Troy klatscht und lacht, Boogie ist begeistert: »Großartig, Dominik!«
»Ich jammere doch nur wie ein 3-Jähriger, dem Papi kein Eis kaufen will.«
«Stimmt, aber das machst du sensationell!«
Boogie ruft Angel in die Scheune: »Baby, ich will, dass du eine Spandexhose mit Dominiks Kampfnamen bestickst.«
»Wie lautet er, Honey?« »The Sensation!«

Nach den Übungen lädt mich Troy nach Hause ein. »Wir sollten den Kampf noch mal durchgehen. Du musst gut sein morgen. Boogie und ich haben allen Bescheid gesagt, dass ein Reporter aus Europa kommt. Es werden an die hundert Leute da sein. Das wird eine großartige Show.« Ich fahre hinter ihm her. Troy hält vor einem Trailer im Schatten der Schallschutzmauer des Freeways. Zehn Jahre lang hat Troy im nahe gelegenen Volvo-Werk Lastwagen zusammengeschraubt. Ein guter Job. Doch vor einem Jahr wurde 2400 Menschen gekündigt, und er verlor seine Stelle. An der Wand des Trailers hängt ein Bild von Troys Sohn. Der kleine Ashton hält die Fäuste vors Gesicht. »Meine Exfrau hat verboten, dass er zu meinen Kämpfen kommt. Sie sagt, Wrestling ist bescheuert. Aber ich lass mir meinen Traum nicht verbieten! Und ich lass mir auch nicht sagen, dass mein Traum bescheuert ist!« Zwischen den billigen Möbeln klafft eine Lücke. »Gestern haben sie meinen Fernseher abgeholt.« Der Sport ist alles, was ihm geblieben ist.

Boogie und Troy sind »road buddies«. Jeden Freitag fahren sie zu Showkämpfen in Turnhallen und Baracken. Teilweise hunderte Kilometer weit. Dort streicht Troy als »Sergeant Long« ein paar Dollar ein. Oft deckt die Gage für solche Kämpfe kaum die Benzinkosten.

Das Ziel aller Catcher - die WWE-Szene - wird absolutistisch vom übermächtigen Promoter Vince McMahon bestimmt. Der Medienmogul und zuvor dessen Vater machen ein Riesengeschäft. Geschätzter Jahresumsatz: eine halbe Milliarde Dollar. Hier hin gegen, in der Provinz, ist Wrestling der Sport der Bitterarmen, des White Trash, und den Durchbruch schafft kaum jemand.

Die Stille nach dem Sturz

Jeden Sonntagmorgen steht Boogie auf, geht aufs Laufband und spannt dann die Ringseile. In der Umkleide wartet Angel mit meiner Spandexhose. Sie hat THE SENSA TION in den Bund gestickt. »Gefällt?s dir?« Angel lächelt. In ihrer linken Hand hält sie ein Paar Wrestlingschuhe. »Das sind Boogies Stiefel. Er will, dass du sie trägst. Er mag dich, weißt du. Liefer also eine gute Show ab.« Ich schlüpfe in die zu enge Hose und die zu großen Stiefel, atme durch und verlasse die Umkleide. Vor der Scheune drängen sich Wrestler und Zuschauer. Wie jeden verdamm ten Sonntag sind sie auf Boogies Farm gekommen - aus den Bergen, den Siedlungen bei den Kohlegruben und aus den Trailerparks. Die weiße Unterschicht, Basis des Wrestlingsports. Sie gucken mich an, als käme ich aus Deutschland.

Das Camp ist voll im Gange. Drei riesige Männer leiten die Übungen und rufen nacheinander die Schüler in den Ring. Ein Mädchen ohne Schneidezähne, höchstens 25 Jahre alt, wirft sich mehrfach auf den Rücken zur Abhärtung. Ein paar Jungs stehen daneben und feuern sie an. In der Ringmitte schaut ein Doppelgänger des »Undertakers« düster drein. Schwarzer Lidstrich, strähnige Metalfrisur, riesiger Brustkorb. Er deutet auf mich. »Du! Du rennst jetzt von Seil zu Seil und sobald ich aushole, duckst du dich!« Ich tue, was er sagt, werfe mich in die Seile, werde herauskatapultiert, stampfe durch den Ring, ducke mich und sehe aus dem Augenwinkel noch seine Fleischfaust an mir vorbeifliegen. »The Undertaker« klatscht mit einem Glatzkopf ab, der genauso grimmig guckt. »Schulterwurf! Schau genau zu!« Er krallt sich den »Undertaker«, hebelt ihn aus und wirft ihn auf den Rücken. »Das Wichtigste: Du rollst dich über links ab!«

Dann mache ich den entscheidenden Fehler. Der Glatzkopf packt mich am Ellbogen, und schiebt mich in die richtige Richtung. Ich aber werde ausgehebelt und lande nicht wie geplant links auf dem Rücken, sondern rechts hinter ihm auf dem Kopf. Ich höre ein Knacken, wie ich es noch nie aus meinem Körper vernommen habe.
Als ich wieder zum Stehen komme, sehe ich Troy. Seine Augen sind vor Schreck aufgerissen. »Alles in Ordnung? Ich dachte, du hättest dir das Genick gebrochen!« Ich recke den Daumen nach oben. »Keine Sorge, ich bin okay.«
Als ich nach der Übung aus dem Ring stolpere, prallt mein Gesicht gegen etwas großes Weiches. Ich blicke nach oben. »Hi, ich bin ?Megatron?!« »Megatron« hat einen Riesenschädel, trägt eine Sportbrille sowie ein schwarzes Spandexleibchen mit eingestickter schwarz-rot-goldener Flagge. »Megatron« stapft wie Godzilla in den Ring, schreit »Deutsch-Power!« und schnappt sich den »Undertaker«. Die Kolosse prallen unter Getöse auf den Boden. Drei weitere Jungs stürmen hinzu. Es scheppert und kracht. Schweiß tropfen gleißen im Gaslampenlicht. Ein schwabbeliger Teenie steigt auf die Ring ecke und wirft sich mit Gebrüll auf das Knäuel. »Okay, es ist so weit«, sagt Boogie hinter mir und zieht mich vom Ring weg. »Ich sage gleich euren Kampf an.«

»Get in the Ring!«

»Sergeant Long« und ich warten vor der Scheu ne. »Ist wirklich alles okay?«, fragt Troy. Ich nicke. Mein Nacken schmerzt zwar, als hätte man mir den Schädel abgerissen und mit ihm Fußball gespielt, aber ich bin sicher nicht über den Atlantik geflogen, um jetzt zu kneifen. Durch die Tür hören wir Boogie über das Mikrofon rufen: »DER HAUPTACT DES TAGES, DER KAMPF, AUF DEN IHR ALLE GEWARTET HABT. IN DER LINKEN ECKE: TROY - THE SERGEANT ? LO-HO-HONG!« Troy stößt die Tür auf. Ein Pfeifkonzert schlägt ihm entgegen. Das Publikum weiß: Er ist der Heel - der Bösewicht, den man heute hassen muss.

»UND IN DER RECHTEN ECKE, VOM ANDEREN ENDE DER WELT. DAS NEUE PFERD IM STALL DES BOOGIE WOOGIE MAN: DOMINIK - THE SENSATION!« Unter entfesseltem Jubel drehe ich eine Run de um den Ring, klatsche mit Dutzenden von Händen ab, bis Boogie die Seile aufhält. Troy und ich steigen hindurch und tänzeln eine Weile. »Bist du bereit?«, fragt Troy leise. Ich nicke. Dann stürzt er auf mich. Lock-up. Troy packt meine linke Hand und drückt sie zwei Mal ? das Signal. Ich drehe den Sergeant einmal um seine Achse und umfasse seinen Bauch. Troy strampelt und flucht, rettet sich aber in die Seile. Der Ringrichter geht dazwischen und trennt uns. Das Publikum johlt, ich stolziere wie ein Gockel. Troy springt aus dem Ring und geht auf ein paar Zuschauer los, die ihn anpöbeln. »Get in the Ring«, schreie ich. Boogie packt den Sergeant an der Spandexhose und schleudert ihn durch die Seile.

Wieder tänzeln wir - bis Troy mir wie verabredet den Arm umdreht. Ich schreie, nehme seine Bewegung aber auf, führe sie fort und kugle ihm nun meinerseits den Arm aus. Troy ruft nach Hilfe, wofür ihn das Publikum gnadenlos auspfeift. Er schlägt nun mit offener Pranke zu, als wolle er mir die Gesichtshaut abreißen. Mit den Händen vorm Kopf sinke ich zu Boden wie eine Bahnschranke. Troy tritt mir sanft in die Seite, ich aber wälze mich schreiend, als hätte er mir drei Rippen gebrochen. Wieder geht der Referee dazwischen.

Eins, zwei, drei, aus!

Ich habe inzwischen jegliche Choreografie vergessen und verfluche die vier Budweiser von gestern Abend. Troy nimmt Anlauf. Ich gehe in die Knie, packe ihn an den Fesseln und schleudere ihn über mich. Nach einer kleinen Ewigkeit höre ich hinter mir den Aufprall und einen Schrei. Ich lasse mich feiern, werfe Troy in die Ringecke und hebe meine linke Hand in die Höhe. Das Publikum fordert, dass ich zuschlage. Meine offene Hand saust durch die Luft und knallt mit einem lauten PATSCH!, auf seine Brust. Es bleibt ein roter Abdruck. »Super!«, flüstert Troy. »Endspurt!«

Endspurt - das bedeutet, der Bösewicht dreht durch. Er schlägt mir in die Weichteile. Theatralisch sacke ich zusammen. Long ist jetzt außer sich. Er stößt den Schiedsrichter um, verlässt wutschnaubend den Ring, greift sich einen Klappstuhl und schlägt ihn zur Demonstration seiner Stabilität zwei Mal auf den Boden. Mein Mentor Boogie versucht verzweifelt, den benommenen Ringrichter zu wecken. Plötzlich schreit er: Dominik! Pass auf!«
Alles geschieht in Zeitlupe.
»JETZT BIST DU DRAN!«, brüllt Long und stürmt mit dem Stuhl über dem Kopf auf mich zu. Kurz bevor mich die Lehne treffen würde, weiche ich zur Seite aus. Der Stuhl kracht aufs Ringseil, prallt zurück und trifft Troy scheppernd vors Gesicht. Er fällt um wie eine Klappscheibe. Mit letzter Kraft schleppe ich mich über den schweißgetränkten Boden und werfe mich quer über den Gegner. Der Ringrichter rappelt sich auf und wirft sich neben uns: »EINS! ZWEI! DREI! AUS!«

Boogie reißt meine Arme nach oben. Ich höre nur noch Jubel. Dutzende verschwitz te Männer umarmen mich, massenhaft Klapse auf den Hinterkopf. »The Undertaker« macht mir demonstrativ Platz. »Respekt, Mann.« Und nun, in diesem Trubel, zwischen Zahnlückigen und Abgebrannten, wird mir klar, worum es Boogie geht. Es geht um Anerkennung. Sein Wrestlingcamp ist eine Traummaschine. Wenn du dich da draußen fühlst wie ein Nichts, in dieser Scheune kannst du ein Superheld sein, und das kann dir auch niemand mehr nehmen.

Die Wrestler verschwinden innerhalb von Minuten. In ihre normalen Leben als Kohlekumpel, Mechaniker, Gefängniswärter. Sie werden in Showkämpfen ihre Knochen hinhalten, während für mich der Spaß vorbei ist. Ich humple aus der Halle. Boogie wartet bereits. »Ich liebe dich, Bruder. Du warst eine wahre Sensation!«, sagt er und umarmt mich ein letztes Mal.
»Ich glaube, ich habe mich verletzt, Jimmy. Ich trete wohl besser zurück.«
»Das habe ich schon zu oft gehört.« Der alte Mann nimmt Angel an die Hand, dann verschwinden die beiden im Haus.
Am Abend kommen die Schmerzen. Ich kann meinen Kopf nicht bewegen, meine Schultern fühlen sich an wie Brei. Auf dem Rückflug betäube ich mich mit Wodka und Tabletten aus Thailand. Zu Hause rufe ich beim Orthopäden an: »Was? Wrestling? Kopfsturz? Kommen Sie sofort!« Nach der Kernspintomografie blickt der Arzt ernst und zeigt mir die Bilder. »Sehen Sie das in Ihrem Genick? Zwischen den Halswirbeln hat es eine Bandscheibe zerrissen, Ihr Rückenmark ist gequetscht. Sie hätten im Rollstuhl landen können! Und zwar in einem, den man mit dem Kinn steuert.« Ich schlucke.
»Sie hatten Riesenglück, das ist eine schwere Verletzung. Dass Ihnen nicht mehr passiert ist, grenzt an eine Sensation.«
Ich schließe die Augen.

Der Gong ertönt, ein Mikrofon fiept. Schweiß liegt in der Luft. »THE SENSATION!«, ruft Boogie in die Menge. Applaus brandet auf.

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