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Teil VI: Personifikation von Gut gegen Böse: Die Boxkämpfe von Joe Louis und Max Schmeling

"This isn’t just one man against another or Joe Louis boxing Max Schmeling; it is the good old U.S.A. versus Germany."

8.3.2 „Good old U.S.A. versus Germany“

"Alle Welt schien plötzlich in dem Revanche-Kampf eine Auseinandersetzung zweier politischer Systeme zu sehen. Joe Louis, der gestern noch von der farbigen Bevölkerung Harlems als Exponent einer unterprivilegierten Schicht gefeiert worden war, war plötzlich das Symbol von Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen gegen die nazistische Bedrohung. Joe, der Neger, fand sich unversehens in der Rolle eines Nationalhelden aller Amerikaner wieder."

Damit bringt Max Schmeling die Signifikanz des „Jahrhundertkampfes“ vom 22. Juni 1938 präzise auf den Punkt. Die schwelende politische Brisanz der Schmeling-Louis-Kämpfe hat nun zweifelsohne ihren absoluten Kulminationspunkt erreicht. Richard Bak bezeichnet den Kampf sogar als „kulturellen Prüfstein, ebenso wie Pearl Harbor dreieinhalb Jahre später“.
Joe Louis, der sich wie Schmeling nur ungern auf politisches Terrain begibt, kann die Entwicklung nicht lange ignorieren. In erster Linie will er eigentlich persönliche Revanche, doch der Druck durch die öffentliche Politisierung des Kampfes ist groß, viel größer und massiver als er Ähnliches vor seinem Kampf gegen Primo Carnera 1935 erfahren hat. Wie bereits drei Jahre zuvor, so informiert sich Louis auch diesmal über die kampfbegleitende Kakophonie, stellt sie in den Konnex mit der Kampfkonstellation und erkennt dadurch, welche Bedeutung seiner Person erneut beigemessen wird:

"From what I could gather, reading the newspapers and listening to people talk, the whole world was looking to this fight between me and Schmeling. Germany was tearing up Europe, and we were hearing more about the concentration camps for the Jews. A lot of Americans had family in Europe and they were afraid for their people’s lives. Schmeling represented everything that Americans disliked, and they wanted him beat and beat good. Now here I was, a black man. I had the burden of representing all America. They tell me I was responsible for a lot of changes in race relations in America. Black and white people were talking about my fights; they were talking about me as a person, too. I guess I looked good to them. White Americans – even while some of them still were lynching black people in the South – were depending on me."

Dies wird den radikalen Bürgerrechtlern der Siebzigerjahre unter anderem später die Begründung liefern, warum sich Louis in ihren Augen als „Uncle Tom“ verkauft und seinen Einfluss nur ungenügend geltend gemacht habe.
Joe Louis erhält vor seinem Kampf eine Einladung nach Washington, um im Weißen Haus mit Präsident Franklin Delano Roosevelt zu dinieren. Als dieser ihm an den Oberarm fasst und den legendären Satz spricht, „Joe, we need your muscles to beat Germany“, weiß Louis mehr denn je, dass er Schmeling aus zwei Gründen unbedingt schlagen muss: „I had my own personal reasons, and the whole damned country was depending on me“. In einem Ghostwriterartikel äußert er sich am Tag des Kampfes landesweit in den Zeitungen:

"Tonight I not only fight the battle of my life to revenge the lone blot on my record, but I fight for America against the challenge of a foreign invader, Max Schmeling. This isn’t just one man against another or Joe Louis boxing Max Schmeling; it is the good old U.S.A. versus Germany."

Es ist eine Zäsur in amerikanischer Rassengeschichte. Joe Louis schweißt die gesamte Nation im Kampf gegen einen gemeinsamen Gegner zusammen und das weiße Amerika steht geschlossen hinter einem afroamerikanischen Boxer. Dennoch: Wer nun gedacht hat, dass dies ein Indikator für tief greifende Reformen sei, gar für ein Fanal innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, der wird in den Tagen nach dem 22. Juni erneut enttäuscht. Joe Louis hat Max Schmeling zwar innerhalb von 124 Sekunden überlegen geschlagen und regelrecht demontiert. Aber eine konkrete Wende in der Rassenfrage bringt der Sieg nicht mit sich und dies hat man in Anbetracht der gesellschaftlichen Realitäten allerhöchstens auch nur zu erträumen, aber nicht zu erwarten gewagt.
Die Geschehnisse um den 22. Juni 1938 bleiben jedoch keineswegs ganz ohne Konsequenzen für die afroamerikanische Gesellschaft und auch nicht für deren Galionsfigur Joe Louis. Dieser hat kräftig am Status quo gerüttelt und das ideologische Fundament, auf dem die angebliche natürliche Überlegenheit der weißen Rasse seit Jahrhunderten fußt, hat durch sein Zutun erstmals irreparable Risse bekommen. Joe Louis meint nach dieser turbulenten erfolgreichen Titelverteidigung:

"I know now this was the top of my career. I had the championship, and I had beaten the man who had humiliated me. America was proud of me, my people were proud of me, and since the fight, race relations were lightening up – who the hell could ask for more?"

Louis überbewertet die Verbesserung der Rassenbeziehungen zwar, ordnet die Bedeutung seines Sieges jedoch richtig ein.
Die deutsche Propaganda hat Schmelings Sieg von 1936 als Beweis einer natürlichen und kulturellen Überlegenheit gepriesen. Nun ist man in den USA seinerseits gezwungen, vor diesem Hintergrund Louis’ deutlichen Sieg zu interpretieren.

8.4 Max Schmeling – ein gefallener Held

Joe Louis hatte seinen Gegner von der ersten Sekunde an regelrecht überrannt und verprügelt. Als sich Schmeling an den Seilen während einer Schlagkombination von Louis wegdrehte, erhielt er einen schweren Körpertreffer in der Nierengegend. Die Wucht dieses Schlages hatte ihm den dritten Dornfortsatz der Wirbelsäule gespalten. Durch den Schmerz war Schmeling regelrecht paralysiert und verlor die Kontrolle über seine Motorik. Er konnte sich schlichtweg nicht mehr bewegen und war den Angriffen Louis’ schutzlos ausgeliefert. Nach 124 Sekunden zählte Ringrichter Donovan Schmeling bereits zum zweiten Mal an. Max Machon hatte zwar das weiße Handtuch als Zeichen zur Aufgabe in den Ring geworfen, doch Donovan hatte es aufgehoben und über die Ringseile gehängt. Ein weißes Handtuch wurde an diesem Abend nicht akzeptiert. Erst als Machon in den Ring stürmte, um Schmeling zu Hilfe zu kommen, musste Donovan den Kampf abbrechen.

8.4.1 Foul oder faule Ausrede?

Zehn Tage lang liegt nun Schmeling im New Yorker Policlinic Hospital im Streckverband. General Phelan von der New York Boxing Commission lässt sich vom behandelnden Arzt die Röntgenbilder zeigen. Der Dornfortsatz ist mehrfach gespalten und in der Lendenmuskulatur sind Blutungen aufgetreten. Dies müsse aus einem Nierenschlag resultieren, so die Diagnose. Phelan ist aber nicht in das Krankenhaus gekommen, um einem möglichen verbotenen Tiefschlag von Louis nachzugehen. Er will lediglich bestätigt sehen, dass Schmelings Ecke gute Gründe gehabt hat, den Kampf abzubrechen. Anderenfalls würde man dem Deutschen die Börse sperren. Dennoch halten sich die Gerüchte um einen angeblichen Tiefschlag des Amerikaners hartnäckig. Auch der deutsche Botschafter drängt Schmeling auf einen verbotenen Schlag als Grund für die Niederlage zu verweisen.
Schmeling erklärt Hans Heinrich Dieckhoff jedoch, dass in den USA alle Schläge oberhalb der Gürtellinie erlaubt seien. Louis habe da wohl auf seine Herzspitze gezielt und den Schlag nicht mehr abstoppen können. Es sei sein Fehler gewesen, sich an den Seilen abzudrehen. Das beweise, in welchem Maße er zu diesem Zeitpunkt schon den Überblick verloren gehabt habe, erklärt Schmeling dem Botschafter. „Jedenfalls habe es sich nicht um ein Foul gehandelt.“ Ganz so eindeutig hat Schmeling zunächst wohl nicht zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Richard Bak und Thomas R. Hietala deuten an, dass er seinerseits zunächst die Niederlage mit einem angeblichen Foul von Louis habe begründen wollen. Der Vorwurf des illegalen Schlages wird jedoch nur von Max Machon und vor allem von Joe Jacobs mit Vehemenz vertreten. Jacobs hatte bereits bei Schmelings WM-Kampf gegen Jack Sharkey 1930 den Ring gestürmt und das Publikum sowie den Ringrichter mit lauten „Tiefschlag! Tiefschlag!“-Rufen zu beeinflussen versucht. Damals war er noch im Recht gewesen. Doch sowohl Chris Mead als auch Joe Louis sprechen Schmeling von den Anschuldigungen frei, er habe Louis ebenfalls ein Foul unterstellt, auch wenn der schwer geschlagene Boxer dies in einem ersten Statement tatsächlich angedeutet habe. „Under the pressure of reporters’ questions, Schmeling, still befuddled from the beating he had taken, also said he had been fouled”, erklärt Mead. Und Louis erinnert sich: „Schmeling, or more probably his manager, claimed I fouled him.” Bereits im Krankenhaus stellt Schmeling die Dinge dann auch richtig. Trotzdem streut Goebbels in der Heimat Gerüchte, wonach Louis nicht nur absichtlich mit einem Foul seinen Sieg über Schmeling erzwungen, sondern seine Bandagen zudem auch mit Bleieinsätzen manipuliert habe.

"Was sie in Wahrheit dachten, merkte ich schon bald: für Hitler wie für Goebbels existierte ich nach dieser Niederlage nicht mehr. […] Für geraume Zeit verschwand mein Namen aus der Presse."

8.4.2 Der ernüchternde Empfang in der Heimat

Schmeling ist tatsächlich wie ein Held, wie der designierte Weltmeister im Schwergewicht verabschiedet worden. Nun wird jedoch deutlich, dass man sich damals zu großspurig aus dem Fenster gelehnt und Louis einfach unterschätzt hat. „Wo lebt denn zurzeit ein Schwergewichtler auf der Welt, dem man auf dem Papier eine Chance gegen Max Schmeling geben kann?“, hat Arno Hellmis noch im Januar 1938 im Reichssportblatt orakelt. Die Konsequenzen dieser Überheblichkeit muss nun einzig und allein der Besiegte tragen:

"Über meinen Empfang in Deutschland sind nicht viel Worte zu verlieren, es sei denn, daß man auf den krassen Gegensatz zu 1936 hinweist. Damals, nach dem Sieg über Joe Louis, wurde ich mit Ehrungen überhäuft, daß sie mir beinahe zuviel geworden waren. Nun, nach meiner Niederlage, scheint das Interesse an mir auf den Nullpunkt gesunken. Als Propagandaobjekt war ich im Augenblick denkbar ungeeignet."

Dies belegt auch die Reaktion Goebbels’ auf den Mitschnitt des Kampfes. Während der Film von Schmelings Sieg 1936 in ganz Deutschland wochenlang in den Kinos als „Max Schmelings Sieg - ein deutscher Sieg“ aufgeführt worden ist, wandern die Filmrollen über Louis’ Sieg in die Schublade. Goebbels hat sich den Film angesehen und konstatiert: „Nicht aufführbar.“ Deshalb werden einfach alle für Schmeling vorteilhaften Szenen aus dem Kampf von 1936 eingefügt und mit dem angeblichen Foul, dem Nierenschlag, abgeschlossen. Dem darauf folgenden Protest aus den USA begegnet man mit der Begründung, dass der Film von 1938 einfach zu spät in Deutschland eingetroffen sei, um für das Publikum noch interessant zu sein. Daher habe man sich für eine Art „Zusammenfassung“ entschieden. Bis auf den Nierenschlag hat man dabei aber alle Knockouts durch Louis entfernt.

Interessant ist, dass Schmelings Sieg 1936 zwar „ein deutscher Sieg“ gewesen ist, nun aber an das Volk appelliert wird, sich die Niederlage gegen Louis bloß nicht als „deutsche Niederlage“ zu Herzen zu nehmen. Ein Redakteur des Reichsportblatt rügt zwar jegliche direkte persönliche Angriffe gegen den „alternden Klasse-Boxer“ Schmeling, merkt aber mahnend an: „Wir wehren uns, in seiner Niederlage mehr zu sehen als vielleicht ein tragisches Geschick. Auf keinen Fall sehen wir in ihr ein ‚nationales Unglück’.“ Der Völkische Beobachter meint dazu unisono mit dem Reichssportblatt: „Eines muss aber in aller Deutlichkeit gesagt werden: Die Niederlage des Boxers bedeutet keinen nationalen Prestigeverlust. Sie ist eine Schlacht immer nur für den Boxer selbst […].“ Auch der ehemalige Angriff-Redakteur und jetzige Pressereferent von Reichsportführer von Tschammer und Osten, Herbert Obscherningkat, sieht keinen Grund, sich auch in der Niederlage mit dem Sportler zu identifizieren:

"Gewiss ist Schmeling ein Deutscher. […] Das sollte aber kein Grund sein, sich selbst als ‚geschlagen’ zu betrachten, weil man vielleicht zuvor es sich im Unterbewusstsein vorstellte, daß Schmeling = Deutschland zu setzen sei."

Es ist erstaunlich, aber für die nationalsozialistische Denkweise zugleich bezeichnend, mit welcher Evidenz dieser wetterwendische Opportunismus zu Ungunsten Schmelings betrieben wird. Was zwei Jahre zuvor im Sieg noch richtig gewesen ist, ist in der Niederlage nun grundlegend falsch. Es ist jedoch anzumerken, dass viele auch weiterhin Max Schmeling ihre Sympathien bekunden:

"Mein Zimmer war ein Blumenmeer. Von überall her meldeten sich Freunde, aber auch Unbekannte. […] Nur die offiziellen Stellen hüllten sich weiterhin in Schweigen: kein Gruß von der Reichssportführung, kein Wort aus der Reichskanzlei."

Hitler und Goebbels schweigen tatsächlich. Der Diktator hat Anny Ondra lediglich einen Blumenstrauß zukommen lassen. Eine Stellungnahme von Reichssportführer von Tschammer und Osten gibt es entgegen Schmelings Aussage aber am 28. Juni im Reichssportblatt:

"Der für Sie so tragisch verlaufene Meisterschaftskampf hat in der gesamten deutschen Turn- und Sportgemeinde lebhaftes Mitgefühl erweckt. Wir alle bedauern, daß Sie durch die schwere Verletzung gleich zu Beginn des Kampfes an der vollen Entfaltung Ihres großen Könnens verhindert waren. Seien Sie aber versichert, daß Sie trotz alledem für uns der tapfere Kämpfer und ritterliche Sportsmann […] auch in der Zukunft bleiben werden. Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen recht baldige Wiederherstellung und bin mit kameradschaftlichen Grüßen Ihr getreuer v. Tschammer und Osten, Reichssportführer."

In derselben Ausgabe kündigt Arno Hellmis für die kommende Woche auch einen Nachbericht zum Kampf an. Dieser erscheint jedoch erst einen ganzen Monat später und bringt dann hauptsächlich die Geringschätzung des Reporters für das Land des Siegers zum Ausdruck:

"Das Sportpublikum ist ein getreues Abbild der verschiedenen Rassen und Temperamente dieses Landes, welches merkwürdigerweise Stolz dabei empfindet, sich den ‚größten Schmelztiegel’ aller Rassen zu nennen."

Hellmis sieht sich dann zwar noch verpflichtet festzustellen: „New York ist die größte Judenstadt“. Aber über Sportliches zum Kampf erfährt der Leser nichts. Am Ende seines Artikels, in welchem sich Hellmis ohnehin weitgehend in Belanglosigkeiten verloren hat, merkt er ganz nebenbei an, dass es über ein Thema noch etwas zu sagen gebe: „Aber es ist nicht gut, denn Finger in eine frische Wunde zu legen. Warten wir, bis die Zeit eine feste Narbe daraus gemacht hat.“ Man scheint sogar so lange warten zu wollen, bis über die gesamte Thematik „Louis-Schmeling“ Gras gewachsen ist. Schmeling behält Recht. In der Presse findet sein Name für die nächste Zeit tatsächlich keine Erwähnung. Man will die Sache eben „ausklingen“ lassen. Nur einmal noch würde man sich in diesem Jahr mit Schmeling befassen. In den USA machen Gerüchte die Runde, die auch bald in Deutschland die Straße erreichen: Schmeling sei bei seiner Rückkehr von den Nazis exekutiert worden. Daraufhin verfasst Herbert Obscherningkat im Reichssportblatt ein öffentliches Dementi.

"„Aus dem Abstand des Alters“, meint Schmeling, dass es letztendlich gut war, dass er gegen Louis verloren hatte. Sonst wäre er wohl von den Nazis endgültig zum „Parade Arier“ stilisiert worden. Dann hätte mich Goebbels, der für mich sonst gar nichts übrig hatte, sofort als Aushängeschild für die angebliche Überlegenheit des deutschen Sports missbraucht. Hitler hätte mir todsicher das goldene Dingsda an den Jackenaufschlag geheftet. Und dagegen wäre nicht gut etwas zu machen gewesen."

Stattdessen kann Schmeling nach dem verlorenen „Jahrhundertkampf“ seinen Ruf in den USA bald wieder rehabilitieren. Denn mit dem Sieg von Joe Louis scheint auch für die amerikanische Seite das Thema „Nazirepräsentant Schmeling“ weitgehend abgeschlossen.

8.5 Joe Louis – ein gefeierter Held

Die Konstellation des Kampfes von 1938 offenbart für einige weiße Amerikaner ein Dilemma. Sie müssen sich entscheiden: Sollen sie an ihren rassistischen Vorurteilen festhalten oder ihren patriotischen Gefühlen nachgeben? – Sollen sie einen weißen deutschen Titelanwärter unterstützen, oder einen Afroamerikaner, der mit ihnen zwar die Nationalfarben, aber eben nicht die Hautfarbe teilt? Es ist Teil der Signifikanz dieses „Jahrhundertkampfes“, dass derlei Überlegungen letztendlich nicht das öffentliche Denken bestimmen. Im Gegenteil, gilt es doch als unpatriotisch, Joe Louis nicht zu unterstützen. „Of course, it isn`t fair to blame Hitler on Schmeling”, äußert sich ein Sportjournalist in einer Vorberichterstattung. „But quite blameworthy […] are those Americans who are rooting for Max to bring the title to Germany!”
Die breite Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung, ungeachtet der Hautfarbe, sowie die seriösen Presseorgane, stehen geschlossen hinter Joe Louis. Die Nation ist geeint im Kampf gegen einen gemeinsamen Gegner: das Dritte Reich mit seinen totalitären, militanten Großmachtansprüchen, einer systematischen Verfolgung politischer Dissidenten und ethnischer Minderheiten sowie einer Basisideologie, welche die Überlegenheit der weißen arischen Rasse propagiert. Mit seinem Sieg über das „Abbild“ dieses Systems, Max Schmeling, scheint Joe Louis alle Erwartungen in ihn erfüllen zu können. Das weiße Amerika erkennt in der Niederlage Schmelings den Sieg der Demokratie über eine diktatorische Hybris. Für das schwarze Amerika hatten Louis’ Siege im Allgemeinen und der Sieg über Schmeling im Speziellen, vor allem innenpolitische Bedeutung. „It was more than the victory of one athlete over another“, stellt die Atlantic World dazu fest. „It was the triumph of a repressed people against the evil forces of racial oppression and discrimination […].“ Louis hat nicht nur das Selbstbewusstsein seiner Rasse gestärkt, sondern sich zugleich auch die Akzeptanz in einer weißen Gesellschaft erkämpft. Dies ist ein Novum, welches Joe Louis Barrow Jr. in einem Statement zum Ausdruck bringt: „He was the only black man who could legitimately beat up a white man and get away with it.” Sein Anstand und eben diese Akzeptanz in der weißen Bevölkerung werden ihm einige Jahrzehnte später zum Vorwurf gemacht, der in der Titulierung als Uncle Tom gipfelt.

8.6 Joe Louis und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung

Damals ist von solchen Anschuldigungen noch nichts zu hören. Auch wenn Louis sich zunächst nicht an politischen und rassischen Themen die Finger verbrennen will, sondern lieber dazu schweigt, ist seine eindrucksvolle Siegesserie für die Mehrheit der Afroamerikaner doch von enormer symbolischer Bedeutung. In ihren Augen ist sein Verdienst letztendlich, dass er weiße Boxer im Fließbandtempo regelrecht zu Boden prügelt. Der Soziologe Lawrence W. Levine schreibt 1977:

"However quietly and with whatever degree of humility he did it, Joe Louis, like Jack Johnson before him, stood as a black man in the midst of a white society and beat representatives of the dominant group to their knees. In this sense no degree of respectability could prevent Louis from becoming a breaker of stereotypes and a destroyer of norms. He literally did allow his fists to talk for him, and they spoke so eloquently that no other contemporary member of the group was celebrated more fully and identified with more intensely by the black folk."

Ähnlich äußert sich auch der New Yorker Kolumnist Ed Sullivan:

"The fists of Joe Louis are the megaphones and microphones of his race. […] He is all the sorrows and joys, and fears and hopes and the melody of an entire race. Louis has done more to influence better relations between two races than any single individual."

Schwarze können in den boxerischen Erfolgen von Joe Louis ihre Aggressionen gegen alltägliche Diskriminierungen kanalisieren, ohne in der Regel Konsequenzen erwarten zu müssen. Die Niederschläge dienen sozusagen als legitimes Ventil, was sich auch in verschiedenen Gedichten spiegelt: „Bob Pastor was on his knees, said ‚Joe, don`t hit me please, just go trucking out of the ring’.“ In den Dreißigerjahren entstehen zudem zahlreiche populäre Bluessongs mit Louis-Texten. Der braune Bomber ist zu einem afroamerikanischen Folklorehelden geworden dessen Bekanntheitsgrad bis dato unerreicht gewesen ist. Chris Mead erwähnt den schwedischen Soziologen und Verfasser der einflussreichen Studie An American Dilemma, Gunnar Myrdal, der 1944 im Rahmen seiner Forschung im Bundesstaat Georgia eine rückständige und isolierte afroamerikanische Schule besucht. Den Kindern sind zwar weder die NAACP, W.E.B. DuBois oder Walter White ein Begriff, noch können sie den aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten benennen. Doch sie wissen, wer Joe Louis ist. Louis verfügt damals über das, was auch heute noch vor allem innerhalb der afroamerikanischen Hip-Hop-Szene als street credibility bezeichnet wird. Er versucht zwar nicht, wie einige Bürgerrechtler nach ihm, sich Zugang zu weißen Gerichtssälen zu verschaffen, um die Rechte der Schwarzen demokratisch einzuklagen. Aber er hat sich durch seine Erfolge sukzessiven und nachhaltigen Zugang zum kollektiven Bewusstsein der afroamerikanischen Gesellschaft verschafft. Richard Wright, Autor von Black Boy, nennt Louis „the concentrated essence of black triumph over white.“ Die „Negroes” seien durch Louis aus einem Bann von Zögerlichkeit und Unentschlossenheit herausgetreten und hätten dadurch eine Art von Freiheit erlangt.
Die politischen Bemühungen der NAACP sind nicht minder wichtig für einen angehenden Emanzipationsprozess. Doch sie sind in ihrer Form für die einfachen Menschen doch relativ abstrakt. An den Erfolgen Joe Louis’ teilzuhaben ist hingegen einfach und im Kollektiv berauschend. Louis gibt seiner Rasse ihren Stolz zurück. Somit werden im Jahr 1940 die NAACP und Joe Louis gleichermaßen für ihr Engagement zur Verbesserung der Rassenbeziehungen, nach einem landesweiten Auswahlverfahren, ausgezeichnet.

8.6.1 Ein Kampf ohne Fäuste: Joe Louis vs. Jim Crow

Als ihn Muhammad Ali, später selbst Anhänger der radikalen Black Muslims, einen Uncle Tom nennt, bezieht er dies auf das angebliche Versäumnis Louis’, sich öffentlich massiv und radikal für die Belange der Schwarzen stark gemacht zu haben. Die spätere Rolle Alis, eines Rebellen, der unter anderem den Militärdienst verweigert, will und kann Louis aber auch nicht einnehmen. „I obeyed Jim Crow“, gesteht er sogar selbst ein. Schließlich ist sein ganzes Leben schon früh darauf ausgerichtet worden, sich anzupassen und nicht wie Jack Johnson anzuecken. Dennoch verschließt Louis keineswegs seine Augen vor rassistischen Alltagssituationen und Normen. Zudem legt er allmählich seinen unpolitischen Habitus ab, als durch seine Freundschaft mit Charles Roxborough, dem schwarzen Senator von Michigan und Bruder von Louis-Manager John Roxborough, sein politisches Interesse geweckt wird. Louis erkennt in seiner Popularität die Möglichkeit, auch politisch etwas zu bewegen. Was sein Handeln dabei jedoch kennzeichnet: Er beschränkt sich auf sein näheres Umfeld und denkt nicht an weitreichende Folgereaktionen, die durch sein Handeln ausgelöst werden. Welche Konsequenzen diese Abkehr von seiner gewohnten Zurückhaltung jedoch hat, wird vor allem nach seinem freiwilligen Eintritt in die US Army am 10. Januar 1942 überdeutlich. „As far as the Army is concerned, I am ready for to go anytime Uncle Sam call me.“
Wenige Jahre nach den Ereignissen um den zweiten Fight mit Max Schmeling ist durch diesen patriotischen Schritt Joe Louis, das Symbol seiner Rasse, erneut zum Symbol der nationalen Einheit geworden. Nach dem verheerenden Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 hat seine Beliebtheit bereits einen neuen Höhepunkt erreicht, als er sich sofort bereit erklärt, zugunsten der Navy Relief Society bei seinem anstehenden Kampf gegen Buddy Bear auf seine Börse zu verzichten, obwohl sein Titel dabei zwangsläufig auf dem Spiel steht. Bisher hat sich seine Akzeptanz durch das weiße Amerika vor allem auf seine boxerischen Fähigkeiten innerhalb des Rings und sein anständiges, zurückhaltendes Auftreten außerhalb der Seile beschränkt. Als Mensch haftet ihm bis dato weiterhin das rassistische „Jungle-Killer-Image“ an. Nun jedoch vollzieht Louis eine erneute soziale Wandlung vom „guten Neger“ zum „guten Amerikaner“. Die Boxing Writers Association of New York verleiht Louis eine Ehrenmedaille. In der Laudatio sagte James J. Walker, ehemaliger Bürgermeister von New York:

"Joe, all the Negroes in the world are proud of you because you have given them reason to be proud. You never forgot your own people. When you fought Buddy Bear and gave your purse to the Navy Reflief Society, you took your title and your future and bet it all on patriotism and love of country. Joe Louis, that night you laid a rose on the grave of Abraham Lincoln."

Das Pathos der Ansprache kaschiert teilweise die realen Missstände innerhalb der Armee. Doch die Bigotterie einer weißen amerikanischen Gesellschaft ist Louis im Laufe seines Lebens nicht entgangen. Er kennt die Kehrseite der Medaille:

"Then there was the common enemy-Nazi Germany. […] Wasn`t a black man there who didn`t understand what the Jews were going through. Somehow they could place their own lives into what was happening over there. […] Then you turn the coin over. Here are all these ‚niggers’ ready and willing to go out and try to kill Hitler, and maybe get themselves killed, but they can`t sleep in the same barracks with the white guys or go to the same movies or hardly get in officer`s training. Made me start thinking."

Doch genau hier wird Joe Louis seinen Einfluss wirksam und vor allem nachhaltig geltend machen.

Er wird nach seinem Eintritt in die Army bald nach Fort Riley, Kansas verlegt. Dort lernt er einen anderen farbigen Sportler kennen, der später von Louis’ „Normverletzungen“ profitieren wird: Jackie Robinson. Für Robinson ist Louis schlichtweg ein Idol und Louis respektiert seinerseits Robinson für dessen Respektlosigkeit gegenüber weißen Instanzen. Doch als Robinson in der Kaserne der Eintritt in die dortige Football- und Baseballmannschaft verweigert wird, ist er zunächst gezwungen, den Regeln Folge zu leisten. Louis kommt seinem neuen Freund jedoch zur Hilfe:

"There was a lot of racism in the service […] That made me real mad. I knew I had influence; I knew I was raising money for the Army and Navy, so I took myself and my influence over to Brigadier General Donald Robinson and I asked him about all this stuff about racial discrimination in ball playing. […] He apologized and said that he hadn`t known about the situation and thanked me for bringing it to his attention. He said by all means he wanted Robinson and any other ‘qualified’ Negro to play on the team."

Der Weg ist also frei für Robinson und jeden anderen Afroamerikaner, der die sportliche Qualifikation vorweisen kann. Louis’ Freund avanciert umgehend zum Star beider Teams.
Bezeichnend für den „Schneeballeffekt“, der auch seine zukünftigen Interventionen kennzeichnet, erkennt Louis schnell, dass sich seine „kleine Revolution“ nicht nur auf den Ort beschränkt, an dem er seinen Einfluss geltend gemacht hat: „It opened the door over many parts of the country for integrated ball playing at other Army Camps, even in Georgia and Virginia […].“

Louis wird vom Corporal zum Sergeant befördert. Bei der Army ist man der Meinung, dass er der Truppe am besten durch seine alleinige Präsenz dienen werde. Er soll Kasernen im ganzen Land bereisen, als Ringrichter bei Schaukämpfen fungieren, Kontakt zu den Soldaten halten und damit die Moral der Truppe stärken. Louis argumentiert, dass weiße wie schwarze Soldaten für dieselben Werte in den Krieg zögen, weswegen er niemals vor rassisch getrenntem Publikum auftreten wolle: „Hell, whites and blacks were all fighting the same war, why couldn`t their moral be lifted at the same theater?” Louis ist überzeugt, dass man ihn aufgrund seiner bekannten Introvertiertheit unterschätze. Doch bereits der Verlauf seiner Boxkarriere belegt: Wenn er von einer Sache überzeugt ist, lässt er nicht so schnell davon ab. Er setzt seine Vorstellung durch: Bei seinen Auftritten wird die Rassentrennung aufgehoben.

Joe Louis scheint nun einen regelrechten Kreuzzug gegen den schwelenden Rassismus in der US Army zu führen. Er fühlt sich verpflichtet, durch seine Popularität dort für Veränderung zu sorgen, wo es schlichtweg für ihn machbar scheint. Von seinem Freund Jackie Robinson und siebzehn anderen Schwarzen erfährt Louis, dass ihnen die Offizierslaufbahn verwehrt werde, indem man ihre Bewerbungen für die Akademie grundlos ablehne. Louis wird erneut beim Brigadegeneral vorstellig. Er erklärt sein Unverständnis für die Widersprüchlichkeit, dass er ohne ordentlichen Schulabschluss im Auftrag der Army durchs Land reise, während dieselbe Institution bei der Ausbildung zum Offizier, Bewerber mit College-Abschlüssen ablehne, nur weil diese schwarz seien. Es sei schlimm genug, in einer rassisch getrennten Army zu dienen, dann sollten einige Schwarze aber zumindest die Möglichkeit bekommen, ihre eigenen Leute zu führen.
Die Reaktionen auf seine Fürsprache sind nicht zufrieden stellend. Also erinnert sich Louis an Truman Gibson, einen Anwalt aus Chicago, der bereits in den Diensten von Louis’ Manager Julian Black gestanden hat. Gibson ist nun ziviler Berater des Secretary of War und in dieser Funktion hauptsächlich für afroamerikanische Soldaten verantwortlich. Mit Hilfe Gibsons Intervention werden bald fünfzehn afroamerikanische Kandidaten für die Offizierslaufbahn zugelassen. Jackie Robinson erreicht den Grad des Leutnants.
Anfang des Jahres 1943 lernt Louis auf einer seiner Tourneen für die Army Sugar Ray Robinson kennen. Der Weltergewichtler befindet sich ebenfalls auf dieser Schaukampf-Tournee. Bei einem Aufenthalt in Camp Silber in Alabama warten sie an einer Bushaltestelle der Armee auf die nächste Mitfahrgelegenheit. Ein Soldat der Militärpolizei fordert sie auf, sich gefälligst auf die Wartebänke für colored soldiers zu setzen. Louis und Robinson weigern sich und werden festgenommen. Dem verantwortlichen Offizier erklärt der Schwergewichtsweltmeister, dass er sich außerhalb der Einflusssphäre der Army wohl an die Jim Crow-Gesetze halte, jedoch keinen Grund sehe, als Soldat an einer Army-Bushaltestelle auf gesonderten Plätzen zu warten. Der Vorfall mit den beiden bekannten Boxern sorgt landesweit für Aufsehen, zumal Louis dem Offizier mit einem Anruf in Washington gedroht hat.
Doch auch aus dieser Auseinandersetzung geht Louis als Sieger hervor: „Soon after, an order comes – no more Jim Crow busses in Army camps.“

Dieses Gesetz ist von enormer Bedeutung, da schwarze Soldaten durch die Jim Crow-Regelung nicht nur ständig diskriminiert, sonder auch permanent bedroht werden. Truman Gibson schreibt an Joe Louis Barrow, jr.:

"You have to live through it to know what black soldiers put up with during the war. Every bus driver in the South was deputized and armed. His sole mission in life was to make Negro soldiers get to the back of the bus. It might be only a slight exaggeration to say more Negroes were killed by white public bus drivers in the South than were killed by the Nazis."

Ab Januar 1944 wird Louis im Auftrag Washingtons auch zu den amerikanischen Truppenverbänden im Ausland geschickt. Bei einem Theaterbesuch im englischen Salisbury wird ihm und seinen schwarzen Begleitern ein gesonderter Zuschauerbereich zugewiesen. Der Direktor des Theaters hat Louis erkannt und sich für die Umstände entschuldigt. Doch er ist dabei nur den Anweisungen des zuständigen amerikanischen Militärkommandanten gefolgt. Louis kann es kaum glauben, dass ihn amerikanische Jim Crow-Gesetze bis nach Europa verfolgen. Er beschwert sich bei seinem Freund General John C.H. Lee, der im Stab von General Dwight D. Eisenhower dient. Lee korrigiert die Anweisung und Louis konstatiert lakonisch: „After that there was no more Jim Crow in the English theater.“

8.6.2 Joe Louis – kein „Uncle Tom”

Joe Louis ist durch seine Manager Julian Black und John Roxborough, seinen Promoter Mike Jacobs und Trainer Jack Blackburn ständig zu öffentlicher Zurückhaltung „erzogen“ worden. Diese „Anti-Jack-Johnson-Taktik“ ist in einer rassisch-antagonistischen amerikanischen Gesellschaft sozusagen der schützende Kokon für die beispiellose Karriere des Joe Louis. Als der Boxer 1942 in die Army eintritt, muss er auch sein Umfeld zurück lassen, wird nicht mehr bevormundet und verliert zusehends auch den schützenden Kokon. Truman Gibson bezeichnet diese Phase seines Lebens als den eigentlichen lehrreichen Weg des jungen, behüteten Joe Louis zum Erwachsenen. In der Army muss er nun seine Entscheidungen selber treffen und verantworten. An dieser neuen Freiheit findet Louis jedoch bald Gefallen, er scheint sie als eine Herausforderung zu empfinden, der er sich bereitwillig stellt. Er hält seine Meinung nicht mehr pflichtgetreu zurück, sondern kritisiert nun offen den Rassismus in der Armee und sucht nach Lösungen. Dabei steht ihm Truman Gibson mit freundschaftlichem und vor allem juristischem Rate stets zur Seite:

"Joe, who had a very keen sense of justice and injustice, would report on conditions in these camps from everyplace that he went and even overseas. […] He called from practically every post, every camp and said, ‘They`ve reached the limit here.’ He was responsible for a lot of changes in the army."

In der sich radikalisierenden schwarzen Bürgerrechtsbewegung der Sechziger-und Siebzigerjahre wird oft der Vorwurf laut, Louis habe sich zu sehr angepasst, sich als Werbeträger eines weißen, rassistischen Amerika instrumentalisieren lassen. Er sei zu umgänglich gewesen, ein „schwarzes Schoßhündchen“, dessen gute Behandlung als Alibi-Indikator für die angebliche Toleranz gegenüber der schwarzen Bevölkerung gedient habe. Chris Mead meint, dass es für weiße Amerikaner wohl bequemer gewesen sei, Louis eine Medaille zu verleihen, als in der Army die Rassengrenzen aufzuheben. Es sei wohl auch bequemer gewesen, ihn in der Presse mit Lob zu überhäufen, als schwarze Reporter einzustellen. Doch vielleicht, so Mead, hätten Weiße erst einmal lernen müssen, Joe Louis zu akzeptieren, bevor sie über Gerechtigkeit für alle Schwarzen hätten nachdenken können. Sie tasten sich über den braunen Bomber somit förmlich an diese heikle Thematik heran. Joe Louis hat der amerikanischen Gesellschaft also die Scheuklappen abgenommen, ihren Blick auf die interkulturellen Rassenbeziehungen gelenkt, Ignoranz gegeißelt und damit für die Bürgerrechtsbewegung definitiv einen Teil des steinigen Weges geebnet. Rassismus ist in der amerikanischen Gesellschaft historisch so tief verwurzelt, dass sich viele weiße Amerikaner gar nicht als vorurteilsbehaftet sehen. Laut Mead übrigens ein Phänomen, das bis heute besteht.
Das historische Vorurteil einer natürlichen Inferiorität der schwarzen Rasse wird selten angezweifelt. Durch Amerikas Kampf gegen den Nationalsozialismus verdeutlicht das Wirken von Joe Louis erst die Widersprüchlichkeit dieses amerikanischen Rassismus. Louis schafft in den Köpfen der Menschen sozusagen den fruchtbaren Boden, auf dem die Keime der späteren Bürgerrechtsbewegung erst werden aufgehen können. So stellt der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Wendell Willkie 1942 nach Louis’ Spende seiner Kampfbörse für die Navy Relief Society fest: „In view of your attitude, it is impossible form me to see how any American can think of discrimination in terms of race, creed, or color.“

Louis’ patriotische Einstellung und sein freiwilliger Eintritt in die Army sind zwar gute Werbung für das Militär, das auch zusehends Afroamerikaner für seine Dienste rekrutieren will. Wahrscheinlich fühlen sich durch Louis auch viele andere junge Schwarze ermutigt in die Armee einzutreten, obwohl ihr Vorbild durch die militärische Führung von Kampfhandlungen fern gehalten wird, während sie dieses Privileg selbstverständlich nicht genießen dürfen. Aber der Vorwurf eines Uncle Tom ist in Anbetracht des Engagements von Joe Louis und der zählbaren Erfolge seiner Interventionen in der Army nicht haltbar, weshalb Muhammad Ali seine Anschuldigung später auch zurückzieht.
Louis sei sich sehr wohl des Vorwurfes bewusst gewesen, er habe nicht alles in seiner Macht Stehende für die Bürgerrechtsbewegung getan, meint sein Sohn rückblickend. Aber er ließ sich durch die Anschuldigungen nicht beeinflussen:

"Some folks shout, some holler, some march and some don’t. They do it their way; I do it mine. I got nothing to be ‘shamed of. I stand for right and work for it hard `cause I know what it means not to have the rights what God give us."

Louis ist kleine Schritte auf dem Weg zur Emanzipation seiner Rasse gegangen. Doch der Schneeballeffekt, den diese kleinen Schritte mit sich bringen, hat vieles bewirken können. Man darf nicht vergessen, dass man dem jungen Boxer zu Beginn seiner Karriere den Verhaltenskodex nicht grundlos eingeimpft hat. Auch Louis begibt sich anfangs auf dünnes Eis. Hätte er sich sofort als lautstarkes Sprachrohr der Schwarzen erhoben, wäre er ebenso schnell wieder eingebrochen wie Jack Johnson vor ihm. Er hat sich die Möglichkeit, überhaupt etwas zu erreichen, unter Aufgabe eines Teils seiner öffentlichen Persönlichkeit, erst hart erkämpfen müssen. Und auch als die Akzeptanz der weißen Bevölkerung gewonnen ist, musste er bei seinem Handeln stets Fingerspitzengefühl beweisen. Seine Erfolge basieren auf einem ständigen diplomatischen Geben und Nehmen, bei dem er gewisse Grenzen zu respektieren hat, um das Erreichte nicht fahrlässig zu verlieren. Dies bedeutet eine permanente Gratwanderung und schränkt Louis’ potenziellen Handlungsspielraum zwangsläufig ein. Joe Louis Barrow, jr.: „Although Joe Louis could stand up for the rights of blacks in the army, he didn`t have the same authority or power in the civilian world.”
Nur im Profi-Golfssport interveniert Louis nach Kriegsende ähnlich effektiv wie innerhalb der Army und öffnet damit den Sport auch für erfolgreiche schwarze Turnierspieler.

Joe Louis bewundert später Leute wie Martin Luther King und Malcolm X für ihre charismatischen Führungsqualitäten, denn er selbst verfügt nicht darüber. Als man ihm bei seinem Eintritt in die Armee eine Offiziersstelle anbieten will, lehnt Louis ab: „No way I could be an officer. I`m not the type; I didn`t have the education. Can you imagine me telling a bunch of soldiers, ‘Take that hill!’? I`m not a leader.”
Anfang der Sechzigerjahre folgt Louis einer Einladung einer Menschenrechtsorganisation nach Birmingham im Bundesstaat Alabama. Er soll einer Demonstration gegen die katastrophalen Wohnbedingungen in den Schwarzenvierteln beiwohnen. Er weiß, was die Leute von ihm erwarten, doch auch stets, wo sein Einfluss endet:

"The people would all be there looking at me, expecting much of me. I felt weak and disappointed in myself because I couldn`t do more. It gave me a bad feeling. I don`t know how to get rid of rats, or get proper seats on a bus, or help you from busting your bladder because they won`t let you use a ‘white’ restroom. It frustrated me, but I tried talking to people I knew in the government, and I hoped it would have some influence on the laws that would be passed."

Dann tritt ein Mann auf die Bühne, von dessen Charisma er zutiefst beeindruckt ist. Dieser Mann scheint Joe Louis von einer großen Last zu befreien. Endlich ruhen nicht mehr alle Erwartungen allein nur auf ihm. Auch Louis erkennt in Dr. Martin Luther King den Hoffnungsträger, jemanden, der weitaus mehr für die Schwarzen würde erreichen können als ein Schwergewichtsweltmeister im Boxen:

"He was the one who let the world know that black people count for something. […] Dr. King showed black people they could make things change by working together. […] He was the new champion. I had tried in my way to ease the load up some as far as race relations go, but I was out there just by myself. Now, Dr. King, he had organized the people. He had more strengh than I´d ever have."

Man muss Joe Louis als Teil der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sehen. Das gleiche gilt im Übrigen auch für Jack Johnson. Johnson lotet für die schwarze Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Grenzen für freies Handeln und Entscheiden innerhalb der amerikanischen Gesellschaft aus und liefert eine Standortbestimmung. Die Antwort des weißen Amerika lautet: „Bis hierher und nicht weiter!“. Joe Louis’ Wirken ist zu Anfang der Dreißigerjahre ein erneuter Versuch die Möglichkeiten und Grenzen für Schwarze zu definieren. Er ist mit seiner Vorgehensweise der Antipode zu Johnson und ist damit gleichsam erfolgreicher. Dennoch gehören beide Pole fest zur Historie der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: die provokative Aggressivität und die friedliche, geschickte Diplomatie – oder eben: Jack Johnson und Joe Louis, W.E.B. DuBois und Booker T. Washington, Malcolm X und Dr. Martin Luther King.
In der Symbiose tragen beide Denkweisen ihren Anteil an einer Entwicklung, die in der Theorie und, mit Ausnahmen, auch in der Praxis die ideologischen Gräben zwischen Schwarz und Weiß endlich überbrücken konnte.

Letzter Teil folgt.

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