stereoG 04.04.2012, 08:06 Uhr 75 82

Running Man

Neue Trendsportart: Extremumsteiging

Ich zünde mir eine Kippe an und schließe die Augen. Neben mir liegt Jeanette, die sich an mich schmiegt, mich streichelt und die Kippe stibitzt, die ich erst nach etwas müder Gegenwehr aus den Fingern gebe. Im Hintergrund läuft leise Musik und von draußen höre ich durch die offene Balkontür ein paar Kids auf dem Spielplatz toben. Ich könnte hier ewig so liegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, während die ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Frühlings auf meinen Beinen ruhen. Nach einigen Momenten öffne ich die Augen, lasse meinen Blick über die nackte Jeanette wandern, bewundere ihre Fitness, ihre Tätowierungen und die sexy Hollywoodbräune aus dem Sonnenstudio, in dem sie arbeitet.

Mein Blick wandert weiter zu ihrem Gesicht und ich bin erst ein wenig erschrocken, als ich bemerke, dass sie mich fixiert. Ich erwidere ihren Blick und es knistert gewaltig, als wir so schweigend verharren. Ich habe noch Zeit für ein Rückspiel, versuche ich zu senden und wie auf Kommando wandert ihre Hand südlich meines Bauchnabels. „Warte kurz.“, flüstere ich und hüpfe aus dem Bett in Richtung Klo. Nach dem Pinkeln, wasche ich mir die Hände und das Gesicht mit kaltem Wasser und betrachte mich wohlwollend im Spiegel. Beim Gedanken an eine weitere Nummer mit ihr, kann ich mir ein selbstgefälliges und dümmliches Grinsen nicht verkneifen und posiere noch ein Bisschen für die Egogalerie herum. Auf dem Weg zurück bittet sie mich, ihr ein Glas Wasser aus der Küche mitzubringen, was ich gerne erledige.

Dabei habe ich die Chance, mich in der Wohnung umzuschauen, die sie mit ihrem Freund bezieht. Irgendwie haben wir ihn im Gespräch nicht zum Thema gemacht. Scheint aber nicht der friedliebendste Mensch zu sein, wenn ich die ganzen Gangster- und Kriegsfilme so deute. Der Eindruck verfestigt sich, als ich am CD-Ständer vorbei laufe und nach einem flüchtigen Blick, den Besitzer zu allen veröffentlichen Onkelzwerken beglückwünschen kann, wenn mir der BFC-Wimpel an der Wand nicht weitere Bauchschmerzen bereiten würde. Ich muss zu leichtsinnig durch das Abhängen im Friedrichshain geworden sein, dass ich eine der wichtigsten Regeln vergessen habe: Wildere nicht im eigenen Bezirk. Doch andererseits, vielleicht ist es ja nur einer dieser Diskohools aus dem Osten, vor dem brauche ich keine Angst zu haben.

Das Foto von ihm und seiner Gang, das am Kühlschrank hängt, bezeugt doch das Gegenteil meiner vorherigen Annahme. Ich fühle mich jetzt nicht mehr so entspannt wie eben, als ich es lässig fand, nackt durch eine fremde Wohnung zu laufen. Im Flur fallen mir noch die Turnschuhe Größe 46 auf und ein Support 81-Schlüsselband, doch ist das alles verdrängt, als ich zum Bett schaue, auf dem sich diese sexy Frau verführerisch räkelt.

Ich hatte schon immer eine kleine Schwäche für Tussis und Jeanette lernte ich im Solarium um die Ecke kennen. In jedem Winter springe ich über meinen Schatten und ins Solarium, um mir ein wenig Strandfeeling vorzugaukeln, während dieses trüben Jahreszeit. Sie hatte damals Schicht am Tresen und enttarnte mich gleich als einen, der nie ins Solarium geht und nötigte mir ein Informationsgespräch ab, welches ich mit ein paar Zoten auf meine Kosten aufwertete und sie zum Lachen brachte. Nach zwanzig Minuten Softbräunung und als wiedergeborener Mensch, alberte ich noch weiter mit ihr herum und versprach, vielleicht jetzt vier Mal im Jahr vorbeizukommen. Ungeniert fragte sie mich nach einem Date, denn ich sei eine nette Abwechslung zu ihrem Freund. Ich vertröstete sie auf meinen nächsten Besuch vor Ostern oder so und ging leicht gebräunt meiner Wege.

Ich traf sie vorhin zufällig in der U-Bahn, die Chemie zwischen uns war sofort wieder hergestellt und da ich eh nichts vorhatte, entschloss ich mich, das Angebot auf einen Kaffee bei ihr wahrzunehmen. Der Rest ist Geschichte und ich lasse mich neben ihr nieder, streiche eine Strähne aus ihrem Gesicht und will wieder mit ihrem Blick ringen, um auf Touren zu kommen, als eins der schlimmsten Geräusche der Menschheit die Atmosphäre zum Einstürzen bringt. Wir hören einen unerwarteten und unerwünschten Schlüssel in der Wohnungstür.

In meinem Kopf verdichten sich die vorhin gemachten Beobachtungen zu einem schrecklichen Bild des Freundes und der zu erwartenden Misshandlungen an mir. Ich schubse Jeanette aus dem Bett und raune ihr zu: „Dusche. Schauspiel. Brauche Zeit.“ Hoffentlich versteht sie mich, bete ich, als ich die Schlafzimmertür im gleichen Augenblick schließe, als sich die Wohnungstür öffnet. Schnell schlüpfe ich in Hose, Shirt und Jacke. Zu meiner Verwunderung und meinem Glück sind wir vorhin gleich übereinander hergefallen und ich habe meine Schuhe erst vor dem Bett abgestreift. Ich schlüpfe hinein und stopfe die Socken in eine freie Hosentasche, klopfe die restlichen Taschen ab, ob ich alles habe und gehe auf den Balkon.

Gedämmt bekomme ich eine Diskussion zwischen Jeanette und ihrem Macker mit und gerade als ich mich in der Fluchtanalyse befinde, öffnet sich die Schlafzimmertür und ich kann nicht anders, als ihn anzusehen. Bekackt, ich kenne den, der gehört zu einer alten Crew, die nicht als sehr zimperlich handelnd bekannt geworden ist. Von Angst befeuert, verzichtete ich darauf, mich wie Lara Croft aus dem zweiten Stock zu hangeln und springe im Vertrauen auf meine Katzengelenke in den Abgrund. Relativ geschmeidig lande ich auf den Füßen und starte gleich zu einem unauffälligen Sprint raus aus dem Hof. Er hat mittlerweile den Balkon erreicht und brüllt zum Nachbarhaus: „Mirko! Mirko!“, bei dem sich auch gleich ein Fenster öffnet und ein weiterer fieser Glatzkopf herausschaut. „Das Schwein hat meine Freundin gefickt. Halte ihn auf!“

Das läuft überhaupt nicht wie gewünscht. Ich eile die Querstraße runter und komme zur Weitlingstraße. Obwohl Nöldnerplatz schneller zu erreichen wäre, renne ich die Weitling bis Lichtenberg hinunter, da habe ich mit S- und U-Bahn mehrere Möglichkeiten unterzutauchen. Die beiden Brutalos halten den Abstand von knapp 50 Metern zu mir und machen auch keine Anstalten, müder zu werden, denn darauf hatte ich spekuliert, dass sie nur Kraft und keine Ausdauer trainieren, aber denkste! Ich wechsele am Anfang noch öfters die Straßenseite, um den Jungs keine Möglichkeiten zu geben, zu erahnen wie ich verduften will. Aber nach dem dritten Wechsel teilen sie sich einfach auf jede Straßenseite auf und ich ziehe die letzten 800 Meter zum Bahnhof an. Mir läuft der Schweiß in Strömen herunter und brennt salzig in den Augen, dazu verspüre ich ein extremes Hungergefühl. Der Bahnhof kommt näher, die Hälfte der Laufdistanz ist überwunden und ich muss den Beiden Respekt zollen, dass sie nicht großartig hinter mir her brüllen, sondern sich auf den sportlichen Part konzentrieren.

Ich halte mein Tempo und in meinem Kopf spuken Floskeln berühmter Sportler herum: u.a. Felix Magath "Qualität kommt von Quälen" oder Udo Bölts am Berg zu Jan Ullrich "Quäl dich, du Sau!", aber meine Hauptantriebskraft ist das Adrenalin und die Aussicht auf endlose Schmerzen, wenn die mich fangen sollten. Als ich die Haupthalle des Bahnhofs erreiche, ziehe ich einen Sprint an, denn ich werde nicht blauäugig auf das S-Bahngleis rennen, sondern mich auf einem der Regionalbahnsteige verstecken, um von dort ungesehen zur U-Bahn zu gelangen.

Ich kann die Beiden nicht sehen, als ich hinter dem Ansagehaus laut nach Luft pumpe. Nebenbei rechne ich aus, wann ungefähr die nächste U-Bahn unten einfährt. Es sollte gleich soweit sein. Immer noch aus der Puste nutze ich die gerade eingefahrene Bahn auf dem Nachbargleis als Blickfang und spurte Richtung U-Bahn. Entweder ich bin zu langsam oder die Bahn wird zu schnell abgefertigt, denn jedenfalls sehen die mich und ich höre nur: "Der will zur U5!" Die Bahn Richtung Alex ist gerade eingefahren und ich springe beim "Zurückbleiben, bitte!" in den Waggon, der in der Mitte des Zuges ist. Ich danke Gott oder dem Geiz der BVG, dass hier ein alter U-Bahnzug unterwegs ist und keiner von den Durchgehenden, denn sonst wäre ich geliefert.

Da der smarte BVG-DJ das "Zurückbleiben!" zum zweiten Mal entnervt durch das Mikro blökt, kann ich mir denken, dass sie die Bahn noch erreicht haben, was die Hetzjagd ungewollter Weise in die Länge zieht. Die Leute schauen mich an, wie ich mir einen abhechele, als wäre ich der Wolf aus den drei kleinen Schweinchen, der eben am dritten Haus verzweifelt wäre. Mit panischem Blick blicke ich in die Richtung meiner Verfolger, als wir wenig später Magdalenenstraße erreichen. Ich turne direkt aus der Bahn, hüpfe abwechselnd rein und wieder raus und tatsächlich kommen sie nicht näher, weil sie nicht riskieren wollen, dass einer von uns draußen bleibt. So blöd bin ich aber nicht, weil ich erst an der nächsten Station verschwinden will, also gleite ich mit dem Schließen der Türen wieder in die Bahn.

Die Leute schauen mich jetzt intensiver an, aber das ist mir egal, denn der anspruchvollste Teil der Flucht erwartet mich gleich Frankfurter Allee. Ich weiß, dass mit ein bißchen Glück und flinken Füßen die Ringbahn zu erreichen ist, die laut bvg.de nicht zu bekommen ist. Die meisten Fahrgäste erheben sich von den Sitzen und ich realisiere, dass ich mitten im Feierabendverkehr gelandet bin; lauter entnervte und gestresste Leute auf dem Heimweg von ihrem Job zu ihrer ebenso stressigen Familie oder vor den Fernseher. Das wird gleich eine anspruchsvolle Situation, aber immerhin sind wir unter Leuten, da besteht nicht so sehr die Gefahr bittere Prügel zu kassieren vor so vielen Zeugen, wenn sie mich in die Finger bekommen sollten, obwohl bei der miesen Zivilcourage in dieser Gesellschaft ende ich eher als wackliges Handyvideo "Studentenwixxer krigt vol aufde Freße!!11" im Netz. Statt mich auf die nächste Minute zu konzentrieren, schweife ich in Gedanken mal wieder ab.

Endlich fahren wir ein. Der Türöffner leuchtet noch nicht mal grün, da habe ich schon gedrückt und bin gleich raus, mit an der Spitze der Menschenwalze, die sich die Gasse am Ringcenter Eins zur S-Bahn hochwinden wird. Meine Tür ist nicht ganz in einer optimalen Position zur Treppe, aber ich schaffe es, mich an den äußersten Rand der Emporstürmenden zu mogeln. Es geht zu wie auf einer Sprintankunft bei der Tour. Meine Beine sind durch die Action von vorhin gut gelockert und so schwebe ich, zwei Stufen auf ein Mal nehmend, die ersten Treppen hinauf. Als ich die erste Ebene erreiche, gönne ich mir einen kurzen Blick zu meinen Kontrahenten, die mitten im restlichen Tross stecken und mir grimmige Blicke zu werfen. Im sicheren Gefühl des Sieges antworte ich mit einer Kusshand, ziehe aber auf Nummer sicher gehend mein Schritttempo an. Zu sprinten sollte man vermeiden, denn dann würden sich nur weitere Leute animiert fühlen ebenfalls zu sprinten, denn sie könnten ja eine Bahn verpassen, womit sich wiederum Lücken in der Masse auftun könnten.

Als zusätzliche Herausforderung kommt auch noch ein Schwall Menschen die nächste Treppe herunter, die von einer S-Bahn ausgespuckt worden sind. Unbewusst breiten sie sich über die gesamte Breite der Ebene aus, sodass mein Strom sich durch eine schmale Passage zwängen muss, die von drei sinnlosen Säulen abgetrennt wird. Ich merke wie die wilde Hatz zähflüssig wird und da kommen auch schon, nur ein paar Meter hinter mir, meine zwei Verfolger, mit zum Platzen roten Köpfen, die letzte Stufe hoch. Ich schiebe mich entgegen dem anderen Strom an den Säulen vorbei, bevor ein dritter Strom - von der anderen Treppe des U-Bahngleises - das Durcheinander komplettiert.

Auf der Treppe zum Tageslicht bin ich schon unter die zehn Spitzenläufern meiner U-Bahn gelaufen. Nach Bewältigung der Treppe sind nur noch drei Leute vor mir: ein kleiner Beamtenwicht mit Aktentasche, eine Bohnenstange mit Gitarrenkoffer auf dem Rücken und eine Mutti als Führende. Jetzt kommt ein gefährlicher Knick des Weges die Gasse hinauf und natürlich müssen zwei trottelige Touristen mitten im Weg stehen und auf ihrer Karte nach dem S-Bahnhof suchen, wobei sie zwei Meter entfernt ein Schild mit dem bekannten S plus Richtungspfeil haben. Da der Strom der Entgegenkommenden immer noch anhält, bedeutet das wohl, dass zwei Bahnen eingefahren sind und ich jetzt einen knackigen Endspurt hinlegen sollte.

Ich bremse den Beamtenwicht aus und überhole die schwankende Bohnenstange, der ich dabei einen kurzen Schubser verpasse, als wir außen an den Touristen vorbeiziehen. Das wird dann zu einer Kettenreaktion, die für weitere Verzögerung der Leute hinter mir sorgt, denn die Touristen geraten in den Gegenstrom, der wiederum ausweichen muss und damit den Weg der Emporstürmenden kreuzt. Trotz fiesem Anstieg und noch vor dem ersten Imbiss habe ich die Mutti eingeholt und signalisiere beim Vorbeiziehen Anerkennung für ihre Leistung. Angetrieben von dem Schub der Leute hinter mir, fliegen rechterseits das Reisebüro und der Trödelladen an mir vorbei, während links nur die triste Fassade des Centers und entgegenkommende Menschen mit trägen Gesichtern entlang gespült werden. Bei einem letzten Blick zurück auf meinen unaufholbaren Vorsprung und die hinter mir hersprudelnde Masse, die meine Barrikade scheinbar in sich aufgesaugt hat, drängt sich die ablenkend sinnlose Frage auf, warum man eigentlich zur Stierhetze nach Pamplona fahren soll, wenn man panische Massenfluchten auf engem Raum doch tagtäglich im Berufsverkehr haben kann? 

Meine zwei Verfolger kann ich zwar beim Abbiegen zum Gleis in sicherer Entfernung ausmachen, doch höre ich vom S-Bahnsteig „S41 Einsteigen, bitte!“, was mich jetzt doch zu einem letzten Sprint auf Leben und Tod antreibt. Ich eile die letzte Treppe hinauf und bei einem imaginären Soundtrack würde die Indiana Jones-Titelmelodie leise starten und lauter werden, als das rote Licht in Kombination mit dem „Zurückbleiben!“ das Schließen der Türen ankündigt. In allerletzter Sekunde kriege ich einen Fuß in die Tür und hieve mich keuchend und kraftlos in die Bahn.

[Wer der Meinung ist, dass das für ein Happy-End reicht, kann hier das Lesen einstellen.]

Endlich gerettet und die ganze Anspannung beginnt von mir abzufallen, als ich auf die Knie gestützt nach Luft schnappe. Nach mehrmaligem Durchatmen beschleicht mich Panik, denn der Scheißzug will nicht losfahren. Draußen sehe ich die ersten Menschen aus meinem Strom vorbeilaufen. Jetzt fahr, du Sau, verwünsche ich den Lokführer. Wie auf mein Wort gehorchend, fährt die Bahn an und plötzlich knallt es dermaßen laut gegen die Tür, dass ich zusammenzucke, weil meine als abgeschüttelt geglaubten Verfolger versuchen, in den Waggon zu gelangen und dabei unter Rufen á la „Wir kriegen dich!“ und „Du bist tot, du Fotze!“ gegen die Fensterscheiben boxen. Da der Zug immer schneller wird, sind sie gezwungen von der Tür abzulassen und belassen es bei einer letzten Halsabschneide-Geste, die ich mit einem Knicks goutiere.

Die Leute in der Bahn widmen mir ihre ganze Aufmerksamkeit und so zwinkere ich einer Maus auf der Sitzbank gegenüber zu, als ich mich setze, zucke mit den Schultern und nicke lässig in Richtung der Zurückgelassenen: „GEZ“, was den Leuten zumindest ein Schmunzeln oder Kopfschütteln abringt. Langsam beginne ich herunterzufahren und auch mein Puls und die Schnappatmung kriegen sich wieder ein. Ich überlege erst in der Nacht wieder Richtung Heimat aufzubrechen und beschließe in der Bahn zu bleiben, um einen Spontanbesuch in Moabit zu machen und dort Zeit totzuschlagen und ein paar Ohren mit dieser Story abzukauen.

Im Standbymodus bekomme ich mit, wie ein Kontrolleur eine Station später einsteigt und hofft seine Provisionsquote zu verbessern. Erst als er mit seiner Hundemarke vor mir steht, lange ich an meine rechte Gesäßtasche, um mein Portemonnaie mit meiner Monatskarte herauszuziehen, doch ziehe ich nur eine meiner Socken hinaus. Ich möchte vor Scham und Entblößung im Boden versinken, denn mir wird schlagartig bewusst, dass ich meine Börse bei Jeanette aus der Hose zog, um das Kondom zu holen, das ich dann doch nicht benötigte, weil sie aus der Nachttischschublade ebenfalls welche zum Vorschein brachte. Das Portemonnaie schmiss ich leichtsinnig auf meine Klamotten, anstatt es gleich zurückzupacken wie ein Profi.

Ich schlage die Hände vor das Gesicht und verharre so schweigend und das Schlimmste ausmalend, bis mich der Kontrolleur am Kragen aus der Bahn zieht, nebenbei davon redet, dass er die Bullen rufen muss, weil ich mich nicht ausweisen kann. Ich bin am Ende meiner Flucht bloß bis Landsberger Allee gekommen und dann war die ganze Aufregung umsonst, weil der Brutalo jetzt meine Adresse hat und mich dezent zu Hause besuchen kann. Ich bin so was von im Arsch und vierzig Euro muss ich auch noch zahlen.

Der Kontrolleur drängt mich in eine Ecke auf dem Bahnhof zur Personalienaufnahme. Die nächste S-Bahn kommt laut Anzeige in drei Minuten und es erscheint mir nicht unmöglich, dass dort meine zwei Freunde drin sitzen werden. Ich höre oben auf der Brücke eine Straßenbahn polternd einfahren und sofort beginnt mein Gehirn zu rattern und potentielle Fluchtmöglichkeiten zu offenbaren. Gerade als er sich umdreht, um die Bullen anzurufen, lege ich einen Kaltstart hin und verdufte die Treppen herunter Richtung Velodrom. Als ich auf der Schwimmhallenseite wieder auftauche, steht er immer noch auf dem Bahnsteig und wirkt ziemlich überrumpelt.

Ich steuere ziellos durch die umliegenden Straßen und weiß nicht so recht, was ich machen soll, doch fällt mir nur der platte Witz mit dem polnischen Triathlon ein, als ich das Velodrom endgültig hinter mir lasse und nach einem unangeschlossenen Fahrrad Ausschau halte. Auf Autopilot gelange ich irgendwann wieder zur U5. Während einer Wartezigarette wäge ich eventuelle Möglichkeiten ab und komme zu dem Entschluss, das alles wie ein Mann zu lösen und wieder zu der Solariumsperle zu fahren, deren Name mir aber auch nicht mehr einfallen will und wir zu schnell waren, um Telefonnummern zu tauschen, denn sonst könnte ich sie jetzt anrufen und alles wäre im Lot, denn der Typ bekäme meine Börse nie zu Gesicht. Ich glaube, es war so ein typischer frankophoner Ostmädchenname wie Jeanine oder Justine. Was schlussendlich passiert, ergibt sich daraus, wer die Tür öffnet. Gefickt werde ich so oder so.

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75 Antworten

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  • 0

    wurde unterhalten und hab gespannt gelacht. Meine lässigen Lieblingszitate:

    Im sicheren Gefühl des Sieges antworte ich mit einer Kusshand, ziehe aber auf Nummer sicher gehend mein Schritttempo an./ ...noch vor dem ersten Imbiss habe ich die Mutti eingeholt und signalisiere beim Vorbeiziehen Anerkennung für ihre Leistung.

    13.09.2013, 12:20 von Ceci.de.la.Provence
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  • 0

    Mega guter TExt!

    13.04.2012, 16:04 von Jochen_Kulbors
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  • 0

    yes!

    12.04.2012, 21:15 von wittchenschnee
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    wirklich toller text, der viel spaß und freude beim lesen macht!!!

    allerdings möchte ich den "running man" mal sehen, der bei so einer hetzjagd plötzlich ein extremes hungergefühl bekommt, denn normalerweise schreit der körper bei so einer rennerei förmlich nach jedem atom sauerstoff, so dass sich lunge samt magen eher liebend gern nach außen stülpen wollen.

    ansonsten aber sehr stimmig, rund und gelungen.

    12.04.2012, 16:39 von H-C
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  • 0

    egogalerie!

    ein wirklich guter text, monsieur.

    10.04.2012, 22:09 von love_lost
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    stark

    09.04.2012, 12:17 von TheBug
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  • 2

    gefickt werde ich so oder so! Klasse Abgang! Mehr Coolness geht nicht. 

    08.04.2012, 00:11 von nathkath
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  • 0

    herrlich. schreibst du auch mal ein buch?

    07.04.2012, 17:27 von goldi1973
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  • 0

    super!



    07.04.2012, 11:59 von prinzessin_lillifee
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