terribubble. 01.03.2012, 11:49 Uhr 4 1

Ich und Fußball?

Als mir bewusst wurde, dass das "Frauen-und-Fußball-Klischee" zu 100% auf mich zutrifft.

Ich sitz mit Papa abends schön gemütlich auf der Couch. Andächtig lese ich mich in meine Hausarbeit ein, er guckt ein Fußballspiel. „Mensch, das war doch niemals ein Freistoß.“, sagt er. Konzentriert lese ich meinen Satz zu Ende, lege meinen Finger auf die Stelle an der ich aufgehört habe und schaue ihn an. „Hast du was gesagt?“ frage ich, denn ich habe nicht wirklich mitbekommen ob er mit mir geredet hat. „Abseits!“ ruft er. Ich weiß nicht viel über Fußball, aber ein Abseits erkenne ich. Das ist, wenn der Mann an der Seite seine Gelb-Orange karierte Flagge weht. „Der freut sich auch immer, wenn er seine Fahne schwingen darf.“, sage ich trocken, weil es mich beeindruckt, mit wie viel Elan ein Mensch eine Fahne schwingen kann. (Geste) „Ja,“ sagt Papa, „Aber er weht die Fahne immer in verschiedene Richtungen, das heißt dann auch immer was anderes.“ Wieso, denke ich, will der jemandem geheime Botschaften vermitteln wie aufm Flugplatz? Und Fahnenschwenker, gibt es die nich auch aufm Schützenfest? So wenn die zu viel gebechert haben, dann schwenken sie nicht nur, sondern ham auch ne ordentliche..

Es ist schon interessant, denke ich, wie sehr sich Männer dafür begeistern können was so alles auf dem grünen Feld abläuft. Wie sie sich alle Namen merken können und direkt wissen, in welchem Verein der oder der spielt oder vor Jahren mal gespielt hat. Na gut, manche haben schon sehr memorable Namen, einer heißt Kakao. Gibt’s auch einen der Milch heißt? Oder Pulver? Dann könnten die einen Geheimclub aufmachen oder eine Band. Club der morgendlichen Erfrischungsgetränke. „Tor!“ ruft Papa und reißt mich aus meiner Fantasie wie Kakao und seine Freunde sich mit Orangensaft vollsauen. Einen kurzen Moment denke ich, da gab’s doch auch einen, der Kacka hieß?... „Tor für wen?“, frage ich, „Deutschland oder Spanien?“ „Deutschland“, sagt Papa abwesend und schaut gebannt auf den Bildschirm, denn ein Deutscher greift ein weiteres Mal an und schießt – vorbei. „Warum schießt der?“ sag ich, „die ham doch schon zwei Tore!“ Aber Papa hört mir nicht zu, denn in der letzten Minute wird gewechselt. „Da kommt ein Pole aufs Feld.“, murmelt er. Ich versteh‘s nicht richtig und sage verwirrt „Was, die schicken ein Fohlen aufs Feld? Ist das nicht Polo dann?“ ach nee, denke ich, für Polo muss einer drauf sitzen und ein Fohlen ist doch noch zu jung dazu. „Tierquälerei“ sage ich und beschließe, den Rest der Kommentare nicht so ernst zu nehmen weil ich eh kein Wort verstehe. „Nein,“ sagt Papa, „ein Pole.“ „Ein Pole? Hast du nicht gerade gesagt da spielt Deutschland gegen Spanien? Hat der sich verlaufen wie die Japaner die zum Nürburgring wollten und auf der Fußgängerzone in Nürnberg nach dem Weg fragten?“ Papa guckt mich verwirrt an. Offenbar hat er in meinem Gebrabbel nur das Wort Nürburgring verstanden. „Dir ist bewusst, dass das hier Fußball ist und nicht Formel eins.“ „Was weiß ich denn. Is doch eh alles das gleiche.“, sage ich. „Jetzt hör mal,“ sagt Papa mit etwas erhobener Stimme, „Fußball findet doch nicht im Auto statt!“ kurz stelle ich mir vor, wie man Fußball doch mit dem Auto spielen könnte. „Da bräuchten die ganz schön viele Ersatzbälle“, entgegne ich trocken. Papa guckt mich für ein paar Sekunden an, verdreht genervt die Augen und verfolgt weiter das Spiel. „Außerdem spielt hier Hannover gegen Sevilla.“, sagt er und guckt mich nicht an dabei.

„Für wen spielt denn der Pole?“, frage ich komme mir dabei vor wie jemand der Ahnung hat. „Naja, eigentlich ist er kein Pole sondern Deutscher. Der hat auch schon für die Deutsche Nationalmannschaft gespielt. Jetzt spielt er in Spanien.“ „Hä?“, sage ich verwirrt. „Wie kommt das, dass ein Pole, der Deutscher ist in Spanien mitspielen darf? Stell dir mal vor Angie Merkel wäre Queen of England und würde im Vatikan leben und dort Politik betreiben…“ Ach nee, denke ich im Nachhinein, das geht nicht, Angie spielt ja gar kein Fußball.. Aber applaudiern kannse, wenn sie sich nich gerade zentriert. Papa hält mit seiner coolen universalen Fernbedienung das Spiel an, denn er hat neuerdings Entertain, die neue Art fernzusehen. Er schaut auf den Boden, atmet tief ein, dann sieht er mich an. „Der Trochowski.“, sagt er bemerkenswert langsam um sicherzugehen, dass ich auch alles verstehe. „Der ist von Hamburg nach Sevilla gegangen. Und eigentlich ist er auch Deutscher. Aber geboren ist er in Polen. Verstanden?“ Endgültig verwirrt schaue ich aus dem Fenster. „Hamburg? Hamburg, Hamburg… Sagt mir nix…“ Papa verdreht die Augen und guckt das Spiel weiter. Wie kommt es eigentlich, dass es da keine nationalen Grenzen gibt, aber Frauen dürfen da nicht mitspielen? Das wäre doch interessant. Eine gemischtnationale, gemischtrassige und gemischtgeschlechtliche Mannschaft. Schwarze, Brillenträger, n Paar Chinesen, und dann eben so ein zwei Frauen. Dass die Frauen gut spielen können hab ich sogar auch mal mitbekommen. „Wieso..“, frage ich Papa, „wieso heißt es eigentlich Fußballfrauenmannschaft, und nicht Fußballfrauschaft? … Ist das nicht ein bisschen diskriminierend?“ Jetzt platzt ihm endgültig der Kragen. „Was weiß ich denn, ist doch auch egal, darf ich hier bitte mal meinen Feierabend genießen und mir das Spiel zu Ende ansehen? Ist das zu viel verlangt? Warum arbeitest du eigentlich nicht weiter an deiner Hausarbeit?“ Verdutzt sehe ich ihn an. „Du hast doch angefangen! Würde es dir denn gefallen, wenn ich immer Kommentare dazu gebe, wie Charcot Raffael interpretiert oder Rubens?“ „Wer ist Charcot?“ Fragt Papa, und da wird mir klar, dass wir eben doch alle nur Menschen sind, die nicht alles wissen müssen.

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4 Antworten

Kommentare

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    Du bist ja gemein, deinen Papa so aufzuziehen :) Aber auch
    wenn Du es im Text etwas übertreibst ... ähnliche Gedanken kommen mir schon
    seit Jahren ... was da nicht alles auf dem Fußballfeld herumläuft, ein Kakao,
    ein(e) Ziege und andere lustige Gestalten, und der Chef vom Ganzen schafft es
    in jedem Interview auf gefühlte fünf bis sechs   „.... äääähhhh ...“ pro
    Minute.



    Aber gut, jedem sein Hobby und sein Spaß. Ich muss ja nicht
    dabei sein, wenn ein Fußballfan sich ein Spiel anschaut.



    Da das Ganze weniger mit Frauenfußball sondern mit der
    typischen Art eines Fußballfans zu tun Fußball zu schauen, nämlich lautstark
    kommentierend,  finde ich die
    Überschrift nicht ganz so passend. Übrigens, 
    das lautstarke Kommentieren kenne ich auch bei ‚normalen’ Filmen im
    Kino, ein Grund, warum ich Kinos meide. Und auch eine andere Variante des
    extrovertierten ‚genießens’ fällt mir ein ... stell Dir vor der Vater würde
    Klassik lieben und bei jedem Stück im Wohnzimmer den Dirigenten spielen :)



    Nun ja, leben und leben lassen, ist und bleibt meine Devise.

    01.03.2012, 14:30 von Cyro
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      P.S.: und ein dickes SORRY hinterher, ich hoffe ich lerne irgendwann, dass Texte völlig zerfleddert bei Neon ankomen, wenn man sie aus Word & co kopiert :(


      01.03.2012, 14:34 von Cyro
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      :D Kein Ding.. den Text hab ich geschrieben, weil wir beim Schauen dieses Spiels sehr viel gelacht haben, er hat das Spiel selbst nicht so ernst genommen und irgendwann sogar mit eingestimmt; einige Gags kommen von ihm, ich hab den Text absichtlich umgestaltet, ihn ihm vorgelesen und es war ok für ihn. Insofern war der ganze Text mehr als Wiedergabe eines witzigen Abends mit meinem Dad gedacht, bei dem ich dachte - vielleicht lohnt es sich ihn zu teilen :)  Liebe Grüße

      01.03.2012, 15:51 von terribubble.
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