Ich, der tapfere WM-Volunteer!
Meine Zeit ist gekommen: Ich erlebe meinen ersten Arbeitstag als WM-Volunteer! -oder ist das Wort "Arbeit" einfach maßlos übertrieben?
Wie sehr ich diese Menschen beneide, die um 6 Uhr früh aus den Federn zur Arbeit müssen, sich tagsüber mit lauwarmen Kaffee über Wasser halten, abends heimkommen, aufs Sofa fallen und bei Jauchs 100-€-Frage schon mit weit geöffnetem Mund friedlich daherschlummern.
Was daran beneidenswert sein soll? Hast du die Stelle mit dem offenen Mund überlesen? Aus genau diesem tropft nämlich gemächlich der Speichel des Fleißes, der Aufopferung, der Hingabe, letztendlich der des Erfolgskampfes, es geht schließlich um das tägliche Brot, ums Überleben, um die Hoffnung, seinen Kindern wenigstens irgendwas zu vererben.
Und ich faule Sau hänge hier rum, lebe in den Tag hinein, an meinem ersten Arbeitstag als WM-Volunteer. Schönes Wetter. Alles entspannt. Keine Verantwortung für gar nix.
Erst um 17.30 Uhr soll meine Schicht beginnen, vorher jedoch muss ich noch ins ultracoole Volunteer-Center, ausgestattet mit allem, was man als Mensch so braucht: Essen, Trinken, elektronischer Schnickschnack in Form von überall hängenden Flachbildschirmen plus Laptops als Fenster zum Rest der Welt. Klar, das für uns Freiwillige kein Geld mehr übrig war.
Direkt nebenan, man kann kaum dran vorbeischauen: Der Betzenberg, das Fritz-Walter-Stadium, wo Australien gerade Japan mit 3:1 wegkickt.
Da niemand für mich Verantwortliches da ist und ich die Hoffnung, auch einmal ‚Volunteer des Tages’ zu werden, schon bei meiner Bewerbung aufgegeben habe, mache ich alles, was ich schon vor meiner Ankunft in Kaiserslautern getan habe: Ich hänge rum. Das kann ich nämlich.
Als ich vor Verantwortungslosigkeit fast vergehe, frage ich halt doch noch mal nach, ob ich denn jetzt auch dieses schöne hellblaue Dress tragen darf, das sieht wenigstens nach Verantwortung aus. Eigentlich ja.
Eigentlich. Allerdings sind alle Volunteer-Klamotten in Größe S und M schon aus, mir bleibt da noch XS, was glücklicherweise auch passt. Eine kurze Hose, bei fast 30 Grad durchaus empfehlenswert, ist allerdings nicht mehr da –nehme ich doch einfach die in L mit, vielleicht kann ich daraus noch Profit schlagen...
Hose, drei Poloshirts, Jacke, Regenjacke, Schirmmütze, Umhängetasche, Schuhe, Socken, alles kostenlos, alles in den berühmten drei Streifen.
So schreite ich zehn Minuten vor Schichtbeginn Richtung Fanbotschaft, gemeinsam mit enttäuschten Japanern und singenden, halbnackten Australiern, die Kaiserslautern fast schon ein internationales Flair einhauchen. Und das war’s auch schon. Im Ernst.
Denn: Das wird meine Aufgabe für den restlichen Tag, den restlichen Monat sein. Rumlaufen. Freundlich schauen. Broschüren bereithalten. Eventuell weiterhelfen. Beim Public Viewing, in der Stadt, am Bahnhof.
Die quirlige, aufgedrehte, bauchfreie Mini-Blondine, die ich von der Schulung kenne, ist eigentlich sehr nett und hält die Zügel fest im Griff. Sie teilt mir Joachim zu, 30 Jahre älter als ich, jemand, der das Ganze aus Leidenschaft macht.
Und genau der macht mir die Sache auch angenehmer –wer will schon alleine laufen?
Die Japaner wurden immer weniger, die Australier immer lauter und nackter, irgendwelche Mädels räkelten sich an Stangen, 5-€-Scheine im Ausschnitt, Alkohol floss unaufhörlich, ich hörte in ganz Lautern die Kassen klingeln.
Und dann war meine Schicht zu Ende, halb zwölf, ich war zwar etwas müde, doch fühlte mich verarscht: Das soll Arbeit sein? Ich würde mich ja schlecht fühlen, wenn ich dafür auch noch Geld bekommen würde... Ich habe eigentlich NICHTS getan. Nichts, was man Leistung nennen könnte...
Wie auch immer, demnächst ist auch mal eine Frühschicht dran, elf Uhr ist ja recht früh für mich, da komme ich bestimmt auf meine Kosten –falls mir nichts dazwischen kommt, was mir wichtiger wäre als das runde Leder: Ungefähr Alles.
Tags: Erster Job





Kommentare
also ich muss auch sagen: du hast dich eindeutig für die falsche position beworben, an deiner stelle wäre ich wohl auch frustriert aber ich habe jedes spiel im stadion (berlin) gesehen, habe kaum einen tag weniger als 18 stunden gearbeitet und ne menge erlebt....
25.02.2007, 19:41 von ichbinausberlinvon daher weißt du es beim nächsten mal sicher besser und ne erfahrung wars ja schließlich auch
zählten arbeitslose Volunteers eigententlich mit in die Arbeitslosenzahlen für Juni/Juli?
18.09.2006, 20:53 von boenkWas besseres hätte dem Staat dann ja garnich passieren können, von wegen Sommerhoch, wir brauchen einfach alle 3 Monate ne WM!
@boenk Der Volunteer-Job war ein Ehrenamt, und zwar überall.
20.09.2006, 21:39 von Gigigolo@Gigigolo Hättste mal beim 2006 FIFA World Cup Accommodation Service arbeiten sollen. Oder als Volunteer im Ticketing. Ne Menge Arbeit, 20.000 Überstunden, Chef der sich als Lichtgestalt verstand.....aber super Team und tolle Erfahrung. Leider konnte man es sich ja auch nicht aussuchen wo man eingesetzt wird (oder?) Bin jetzt wieder im alten Job (war für die WM ausgeliehen) und falle täglich ins Langeweilekoma. Schäme mich auch schon fast hier Gehalt zu beziehen.
21.09.2006, 16:44 von Christine93@Christine93 Man konnte drei (?) Wunschstädte nennen, Kaiserslautern war aufgrund der Nähe aber auch mein Favorit.
04.10.2006, 23:04 von GigigoloFalls es noch nicht jedem zu Ohren gekommen ist: Durch diesen Artikel, der ja auch ganz plötzlich von der NEON Magazin-Titelseite verschwunden ist und durch einen ähnlichen, sehr positiven ersetzt wurde, habe ich meinen WM-Job verloren.
22.06.2006, 16:29 von GigigoloUnd nein, ich bin nicht traurig.
Wie das Ganze genau aussah, liest man in Teil 3 meiner Kolumne, auf PARAGUAS.de!
Danke fürs Zuhören.
Der Stef
wendys.blog.de
holla. super-lustiger artikel... :)
22.06.2006, 12:13 von the_big_silenceunsere volunteers haben sich bis jetzt noch nicht beschwert, die haben ordentlich zu tun..
viele grüsse vom leipziger stadion,
franzi
Warum hat der meinen Text so zerfetzt?
21.06.2006, 10:19 von BosleyIch+hatte+mich+auch+beworben%2C+am+Ende+hab+ich+aber+abgesagt%2C+weil+ich+eben+auch+nur+den+Fanbetreuungsjob+bekommen+h%E4tte.+Das+ist+nat%FCrlich+witzlos%2C+ich+arbeite+in+der+Innenstadt+und+bekomme+auch+aus+beruflichen+Gr%FCnden+mehr+als+genug+von+den+Fans+mit.+Da+brauch+ich+der+Fifa+nicht+helfen+noch+reicher+zu+werden.+H%E4tte+ich+nen+Job+im+Stadion+bekommen%2C+w%E4re+ich+schon+dabei+gewesen.+Was+ich+auch+festgestellt+habe%2C+bei+80++der+Volunteers+stelle+ich+totale+Ahnungslosigkeit+in+puncto+Fu%DFball+fest.+Bestes+Beispiel%2C+m%2Ceine+Ex+Freundin%2C+schaut+gut+aus+aber+vom+Fu%DFball+wei%DF+sie+nichts%2C+war+zweimal+im+Stadion%2C+jedesmal+mit+mir.+Einmal+gegen+Bayern+bei+uns+und+einmal+gegen+60+im+Olympiastadion%2C+die+ist+jetzt+Volunteer+bei+den+Fotografen+am+Spielfeldrand.+Wenn+neben+ihr+Pele+vorbeil%E4uft%2C+erkennts+ie+ihn+noch+nicht+mal.+Eine+Schande%21
21.06.2006, 10:18 von Bosleyhm, war auch kurz davor, mich zu bewerben, aber das scheint ja dann doch nicht so das wahre zu sein.. dann lieber mit nem kühlen bier und ein paar kumpels die spiele gucken..
19.06.2006, 10:43 von PirkkoIch hab jetzt immer noch nicht verstanden, was Du da jetzt eigentlich machen musst...
19.06.2006, 09:47 von Auf_gut_GlueckWas daran beneidenswert sein soll? Hast du die Stelle mit dem offenen Mund überlesen? Aus genau diesem tropft nämlich gemächlich der Speichel des Fleißes, der Aufopferung, der Hingabe, letztendlich der des Erfolgskampfes, es geht schließlich um das tägliche Brot, ums Überleben, um die Hoffnung, seinen Kindern wenigstens irgendwas zu vererben.
18.06.2006, 09:52 von ulfWie krank ist das denn? Du bist Deutschland, oder was?
Ich finde die Balance zwischen Arbeit und Freizeit sehr wichtig! Interessant finde ich Menschen, die mit wenig Arbeit legal viel Geld verdienen. Wichtiger als materielle Werte zu vererben ist es Kindern Wissen zu vermitteln.
@ulf Ach was, das ist ja ein ganz neuer Ansatz: Wissen vermitteln ist mehr wert als materielles Gedöns. Ach echt? :)
18.06.2006, 19:05 von GigigoloUnd. Sind wir nicht Deutschland? Also ich hab das Anne Will im Fernsehen sagen hören.
Augenzwinkernd,
der Stef
wendys.blog.de
Ach was, ich hab ja auch übertrieben. Ich finds ja völlig ok, sonst würde ich das nicht machen.
17.06.2006, 17:29 von GigigoloGerade aber verpasse ich meine Schicht, da ich einfach viiiel zu fertig bin... :)
Grüße,
Stef
wendys.blog.de