Boerje 02.05.2013, 23:24 Uhr 6 3

Es kribbelt...

1994 sah ich Dich das erste Mal, 1997 warst Du auf den Höhepunkt, wenige Jahre später am Boden. Stets war ich treu an Deiner Seite...

Es geht schon Tage vorher los. Die mediale Berichterstattung tut ihr übriges. Ich kann gar nicht genug davon bekommen. Alle Artikel zu dem Thema werden durchforstet, im Hirn verarbeitet und analysiert. Bei den guten Nachrichten fühlt man Stolz, Bestätigung, Identifikation. Man erfreut sich daran. Bei den negativen Artikeln fühlt man sich angelogen, verraten, man ist enttäuscht und wittert mediale Verschwörungen, um das Glück zu zerstören. Wildeste Spekulationen werden als Lügen abgetan und man will es nicht glauben, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Das Kribbeln beginnt...


Morgen geht es los. Noch kurz wird die letzte Checkliste abgearbeitet. Genug Geld dabei? Check. Verpflegung für die Fahrt? Check. Laune? Bestens. Der Rest ist auch abgearbeitet und so freut man sich auf die letzten Stunden, bis es endlich losgeht. Man schreibt die Freunde & Kollegen an, man spekuliert, man hofft, man träumt, man will. Es kribbelt in einem...

Ich wache glücklich und zufrieden auf, bin erregt. Heute ist dieser Tag, wo das Adrenalin durch den Körper jagt. Ich habe von Dir geträumt letzte Nacht, habe mich an die letzten Jahre zurückerinnert. An unsere Erlebnisse gedacht. Wohin wir schon zusammen gereist sind. Heute sehen wir uns endlich wieder, nur ein wenig mehr als 200 Kilometer trennen uns. Es kribbelt...

Ehe ich aus Hannover raus bin dauert es eine Ewigkeit. Im Mittelpunkt Deutschlands, wo sich die Autobahnen kreuzen. Wo eine Baustelle die nächste jagt. Es geht wieder gen Westen, dem Pott entgegen. Ab ins Ruhrgebiet, dem Ballungs- und Industriezentrum entgegen. Die Gespräche sind geprägt voller Vorfreude, Wünschen, Eindrücken und sangesfreudiger Emotionen. Es kribbelt...

Wir parken außerhalb in einem Wohngebiet, um nicht in den Abreisestau zu kommen. In der Bahn treffen wir viele Gleichgesinnte. Die Stimmung ist fantastisch. Bald sind wir in Deinem Wohnzimmer. Wir steigen aus und schon von weitem strahlt Dein Zuhause eine Magie aus, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Es ist der Anblick dieses Monstrums, was mich nervös macht wie ein kleines Kind. Traditionell besorgen wir uns nebenan im Biergarten noch Bratwurst und Bier und dann passieren wir auch schon bald die Eingangstore. Steigen die gefühlt 1.909 Stufen zu unserem Platz hinauf und sind dann endlich da. Der Anblick, die Kulisse, das schönste Stadion der Welt mit den besten Fans der Welt. Es kribbelt...

Nur noch wenige Minuten bis Anpfiff, ich beobachte Deine Kinder. Den Robert, den Mats, den ungezogenen Kevin, den Nuri, den Neven. Es sind wunderbare Typen, mit denen ich in den letzten 2 Jahren Unglaubliches erlebt habe. Die Meisterschaft, der Pokalsieg. Wir stimmen mit ein "Heute wollen wir siegen, ... Heja BVB" und "You'll Never walk alone" - Gänsehaut! Diese Lautstärke, diese 25.000 positiv Verrückten im Süden, diese Wand. Diese Leidenschaft, die Nobby Dickel in das Vorlesen der Mannschaftsaufstellung wirft. Diese Hingabe, die Emotionen, dieser Jubel wenn die Mannschaften das Feld betreten. Diese einzigartige Stimmung, sowohl im Süden, als auch im Norden, genauso im Osten und auf der West - "Deutscher Meister steh auf..." - Es kribbelt...

Und dann diese Mannschaft, die einen so leidenschaftlichen, powerhaften, sensationellen Kombinationsfußball spielt. Eingefädelt von den Personen im Hintergrund - Aki, Susi und Jürgen - wobei man bei Jürgen nicht mehr von Hintergrund sprechen kann. Dieser Mann liebt und lebt den Fußball wie die Fans diesen Verein - im Positiven wie auch im Negativen. Von einigen gehasst, von viele geliebt. Was dieser Trainer für Leben in den Verein eingehaucht hat, was er für eine Auge für junge, talentierte Spieler hat, wie er sie formte und was er sie für einen Fußball spielen lässt. Wie cool man noch so öde Pressekonferenzen und Interviews gestalten kann. Wenn ich mir die Videos noch einmal auf Youtube ansehe, wieviel Humor der Trainer besitzt und wieviel Menschlichkeit er ausstrahlt, da wird mir immer warm ums Herz. Da kann ich nicht anders als mitfühlen, freuen und lachen. Es kribbelt...

Und dann diese Mannschaft! Vor 5 Jahren im Niemandsland des deutschen Fußballs, war Europa doch eher ein Traum. Dann diese erste Meisterschaft, die ersten internationalen Auftritte der Neuzeit, die Siege gegen den Ligaprimus aus den bayrischen Voralpenland. Die Spiele an sich, ein einziger Genuss. Die Spiele, wo man live vor Ort war und eine Karte ergattern konnte. Unbeschreiblich. Und dann toppt man das mit dem Double und Punkterekord in der Bundesliga. In der Champions League sammelt man Erfahrung (Spötter sagen, man bezahlte Lehrgeld). Man demütigt die Konkurrenz, speziell das Pokalfinale, wo ich live vor Ort sein durfte, wo man 5:2 (!) gegen den großen deutschen Rekordmeister Bayern München gewinnt. Das vergesse ich nie. Und wenn ich mich daran zurückerinnere, es kribbelt...

Diese Saison verlor man im Pokal in München 0:1, in der Bundesliga ist man Vizemeister, die Bayern wieder vorne. Dafür kribbelt allein der Gedanke an das Champions League Finale in Wembley, wo man auf eben auf jenen Konkurrenten trifft, der sich die Dienste des einstigen Dortmunder Idols sicherte. Und damit sind wir auch schon bei den Negativschlagzeilen, die der Erfolg mit sich bringt. Deine Kinder sind immer begehrter und wollen auch die Welt erkunden. Der Lucas ging nach China, der Dede in die Türkei, der Shinji auf die Insel und derzeit spekuliert man, ob dem Mats nicht die spanische Sonne gut zu Gesicht stehen würde und ob der Robert oder Ilkay, der Neven oder der Felipe zukünftig woanders glücklicher sein könnten. Und damit kommen wir zum größten Leid, der Wut, dem Unverständnis, der Enttäuschung. Es kribbelt...

Man fühlt sich angelogen, verraten, verletzt. Im Frühjahr diesen Jahres sagte ein junger Mann, er können sich vorstellen, die Karriere bei Dir zu beenden. Er würde den Verein lieben und sei stolz darauf, Teil des Ganzen zu sein. Er verlängerte seinen Vertrag und zauberte Millionen von Borussen ein Glücksgefühl in die Herzen. Ich dachte, er wäre mit Leib und Seele einer von uns. Und dann kam die Wut, die Enttäuschung, die Fassungslosigkeit. Ausgerechnet zum ärgsten nationalen Konkurrenten wechselt er. Warum? Darüber wird viel spekuliert, verstehen muss man es nicht. Ich respektiere das, ich honoriere seine Leistungen und Verdienste, aber charakterlich hat er sich ebenso ins Abseits manövriert wie ein anderer, einstiger großer Mann aus den Süden der Republik. Das werde ich ihm nie verzeihen, das nehmen ihm viele übel. Die Heuchlerei in den Aussagen gegenüber der Presse macht einen traurig, verletzlich und wütend. Und Robert könnte der Nächste sein. Es kribbelt...

Und dann denke ich an diese Saison in der Champions League. Die Gruppenphase mit 3 anderen Landesmeistern, die man ohne Niederlage als Gruppensieger beendete. Gegner waren keine geringeren als Ajax Amsterdam, Manchester City oder Real Madrid - feste Größen in Europas Elitewettbewerb. Es folgten weitere Siege und ein Herzschlagdrama gegen Malaga - ich Felipe aus bei dem Gedanken an diese Nacht. Wie man da mit Dir fühlt, hadert, zweifelt, hofft, betet, jubelt, ausrastet - unmenschlich. Und dann schaffst Du das mit einem 4:1 im Halbfinale gegen Real Madrid zu toppen! Der absolute Wahnsinn. Das Rückspiel, nichts für schwache Nerven. Ich schwitzte, obwohl ich "nur" zusah. Ich brüllte die Leinwand an, dass endlich abgepfiffen werden soll. 6 Minuten Nachspielzeit. Ich drehte fast durch und umso größer war die Erleichterung, als feststand, dass wir am 25.5. im Finale in Wembley stehen. Gegner werden die Bayern sein. Die Bayern, die wir die letzten 2 Jahre besiegen konnten. Die die letzten beiden Finals verloren haben, zzgl. das Pokalfinale gegen uns. Die diese Saison in beeindruckender Manier Fußball spielen und zudem unsere zwei besten Spieler (oder zumindest den einen) und den besten Trainer der letzten 6 Jahre für die nächste Saison verpflichteten. Die von Moral sprachen und diese mit Füßen traten. Das wird verdammt schwer, aber es gibt genügend Gründe, an diesem Tag Geschichte zu schreiben. Es kribbelt...

Zurück zum eigentlichen Spiel. Borussia, die andere, war zu Gast im Westfalenstadion. Jahr eins nach Marco Reus, deren Idol. Das Spiel endete 5:0 und ich freute mich riesig, die Stimmung war ausgelassen und ich würde am liebsten jeden Tag mit den anderen in diesem Stadion sein und Spiele Deiner Kinder ansehen. Geht aber nicht. Ich komme aus Hannover, trotzdem wage ich zu behaupten, dass ich Dich "liebe" wie ein Dortmunder. Für mich gibt es keinen anderen Verein, bei dem ich so mitfiebere, so fühle - bei dem es so kribbelt...

Und wenn Du den Text bis hierhin gelesen hast, dann frage ich Dich, kann das zwischen mir und Borussia Dortmund "echte Liebe" sein? Oder ist es nur ein kreativer Imageslogan einer Werbeagentur? Entscheide selbst, ich bin mit ziemlich sicher, dass es Liebe ist...


Tags: Borussia Dortmund, Fußball, Vorfreude
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6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Gänsehaut.. ja, es kribbelt.

    10.05.2013, 19:39 von Tora
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  • 0

    Auch wenn es um Dortmund geht: starker Text!

    03.05.2013, 14:45 von Max-Jacob_Ost
    • 0

      Weil es um Dortmund geht ;)

      03.05.2013, 18:27 von Herz.Bube
    • 0

      Aus meiner Sicht kann ich Herz.Bube nur zustimmen, dabei hat jeder Fan seine eigenen Erlebnisse. Auf der Such im Sportteil fehlte mir sowas (vll. weil ich auch neu bin und mich noch nicht so auskenne), also haute ich selbst mal in die Tasten... ;)


      Danke für die Kritiken @ all! Freut mich, hab ich nicht so erwartet... ;)

      03.05.2013, 22:32 von Boerje
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  • 1

    April 1997. Kurz vor meinem achten Geburtstag zusammen mit Opa im Championsleague-Halbfinale auf der Nord. Da war es um mich geschehen.

    Toller Text!

    03.05.2013, 10:36 von Herz.Bube
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  • 1

    Ganz klar echte Liebe.
    Kann mich nur anschließen.
    Es kribbelt z.B. auch bei mir, wenn ich ans Stadion, Auswärtsfahrten oder Berlin 12 zurückdenke.
    Und nun: auf nach Wembley!
    SG-Grüße...

    03.05.2013, 05:45 von trari
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