ZitronenTee 26.05.2012, 21:47 Uhr 24 11

Es ist mein Spiel

Gewinnen, verlieren, Schmerzen, Wohlbefinden, böse Dämonen, ein klarer Kopf. Alles liegt näher beieinander, als wir denken.

Ich nehme nichts mehr wahr. Ich höre nur noch, wie ich, im immer gleichen Rhythmus, einen Fuß vor den Nächsten setze. Wie ich ein- und ausatme. Jeder Kilometer, den ich während meiner Laufstrecke vernichte, bohrt sich wie ein Nagel in meinen Körper. Mit jedem Kilometer ein neuer Nagel, an einer neuen Stelle meines Körpers. Wozu tue ich mir all das Leid, all die Schmerzen an? Nun, dies liegt alles im Rahmen der Vorbereitung auf den nächsten Wettkampf. Jegliche Sessions alleine, jegliche Sessions im Mannschaftstraining, die mit harter Arbeit und Hingabe verbunden sind, bewegen sich im Rahmen der Vorbereitung. 

Ich will einfach Tag für Tag mein Bestes geben. Besser werden. Besser sein. Besser als die Konkurrenz. Wenn ich auf das Feld gehe, meinen Schläger umfasse und den Naturfederball zum Aufschlag nehme, bin ich auf den Punkt fokussiert. Jedoch auch frei. Freier als ich es an jedem Platz der Erde sein könnte. Das ist mein Platz. Das ist mein Netz. Es sind meine Linien. Mein Himmel auf Erden beläuft sich auf 13,40 m Länge und 6,10 m Breite (Im Fall des Wettkampfs eben nur die Hälfte davon). Dort renne ich, hechte ich, springe und fliege ich. Von links nach rechts, von rechts nach links, von vorne nach hinten, von hinten nach vorne und das immer ausgehend von meiner zentralen Position in der Mitte des Feldes. 

Jedes Spiel gegen einen Gegner, egal ob man verliert oder gewinnt, macht einen weiser, reifer, souveräner. Jeder Spielzug, jeder Laufweg und jeder Schlag beeinflusst das Spielgeschehen. Es ist ein Quasi-Modell des Lebens. Wählt man den falschen Spielzug, den falschen Laufweg oder den falschen Schlag, wird man ausgespielt und verliert den Punkt, möglicherweise auch das ganze Spiel. Ganz wie im Leben abseits des Platzes und der Halle. Falsche Einzelentscheidungen können, unter gewissen Umständen, den Gesamtverlauf eines Ereignisses, oder generell den Gesamtverlauf des Lebens beeinflussen und zum Guten oder zum Schlechten wenden.

Abseits des Platzes ist mein Leben von tristen Elementen, Fehlschlägen und einem launischen Schicksal bestimmt. Ich find´s eigentlich okay. Ich lebe gern auf der Seite, auf der das Gras ein bisschen welker ist als auf der anderen Seite. Ich bin es gewohnt, dass hier, auf meiner Seite, die Körper mit Blei gefüllt sind, die Träume zu Asche verbrannt werden, alle Lieder und Gesänge verstummen, Farben ausgeblichen werden oder ergrauen. All diese Eindrücke und Empfindungen sind für mich als Athlet hilfreich. Sie stumpfen mich ab gegen körperlichen Schmerz. Natürlich spüre ich körperliche Schmerzen wie Muskelkater, in den Körper eindringendes Laktat, Krämpfe und vieles Andere, aber erst der Schmerz triggert bei mir. Erst dann sind Bestleistungen möglich. Ich habe eine hohe Leidensgrenze. Aufgeben kommt nicht in frage. Ich gehe dahin,wo es wehtut und weiter. Überschreitet man dieses "Weiter", kommt man an den Punkt, wo alle unwichtigen Empfindungen ausgeschaltet werden. Schmerzen werden gegen Null gesetzt. Man spürt weder seinen Körper noch Raum und Zeit. 

Man hört letzten Endes nur noch, wie man im immer gleichen Rhythmus einen Fuß vor den Nächsten setzt. Wie man ein- und ausatmet. Selbst die Nägel spürt man nicht mehr. Nicht in dieser Sphäre.

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24 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ohne Sport bin ich nur ein halber Mensch..
    Gefällt mir sehr der Text!

    02.06.2012, 10:21 von Zimtmohn
    • 0

      Ohne Sport bin ich gar kein Mensch,aber danke für deine Anteilnahme :)

      02.06.2012, 12:05 von ZitronenTee
    • 0

      Gern geschehen ;)

      03.06.2012, 15:12 von Zimtmohn
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  • 1

    Großartig. Bin wieder verstärkt dabei zu Joggen (wobei ich nicht gegen körperlichen Schmerz antrainiere, ist mir zu riskant). Aber dieses Gefühl, welches ich bekomme wenn ich nur noch meinen Atem (durch die Nase ein, durch den Mund wieder aus) wie eine Lokomotive und meine Schritte höre ist wirklich wunderbar.

    30.05.2012, 20:26 von Dahumm
    • 0

      Schön,dass du das Joggen anfängst ! Es ist nur gut für dich :) Ja,das mit der Lokomotive geht mir auch so :) Es ist sehr,sehr rhythmisch ;)

      31.05.2012, 10:03 von ZitronenTee
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  • 0

    Ich habe übrigens gerade festgestellt, dass die einzigen Laufschuhe, die ich besitzte, zehn Jahre alt sind und aussehen wie NEU!

    30.05.2012, 09:39 von Wortschatztruhe
    • 1

      Dann hast du aber eine sehr,sehr Gute Technik :D

      30.05.2012, 15:05 von ZitronenTee
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  • 1

    Wer nen Penis hat, braucht keine Nikeees.

    30.05.2012, 01:29 von JackBlack
    • 1

      Das ist das Zitat des Tages! Danke ;)

      30.05.2012, 08:50 von ZitronenTee
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  • 1

    Been there. Seen it. Done it.

    29.05.2012, 21:10 von Elisa_ilm
    • 0

      Neis ;)

      29.05.2012, 23:09 von ZitronenTee
    • 0

      Jeß:)

      29.05.2012, 23:10 von Elisa_ilm
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  • 0

    Schade, dass dein Text es erst mit Verzug nach vorne geschafft hat.

    Mein Platz ist einmal in der Woche das Schwimmbad, um mich zu verausgaben und wenigstens einmal vom Schreibtisch wegzukommen. In der 1 Stunde, die ich zum Schwimmen Zeit habe, lege ich dann auch keinen Wert darauf, mit den anderen Leuten im Verein zu reden. Das kommt erst hinterher dran, weil ich lieber mit meinen Gedanken alleine bin und ungestört Kilometer vernichte. :D

    29.05.2012, 18:46 von wordmage
    • 0

      Interessante Tatsache. Hauptsache du ziehst diese Stunde konsequent durch ;) Ich unterstütze dein Los-Kommen vom Schreibtisch,bueno!

      29.05.2012, 23:08 von ZitronenTee
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Pabberlapapp :) Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben :) Jeder so wie er mag!;)

      29.05.2012, 23:08 von ZitronenTee
  • 0

    Interessant finde ich, daß bei Ausdauersport die größten Leistungen nicht im anaeroben Bereich, wo es kritsch mit dem Laktat wird, stattfinden.

    Ständige Kurzzeit-Siege sind nicht möglich.

    27.05.2012, 09:42 von Nem
    • 0

      @Nem: Cool, hab ich wieder was gelernt! - Vielen Danke! Jetzt weiß etwas mehr! :)

      27.05.2012, 12:18 von ZitronenTee
    • 0

      sollte eine Metapher zu dem "quasi-Modell des Lebens" sein.

      02.06.2012, 10:53 von Nem
    • 0

      Ahh,okay :) Jetzt habe auch ich es kapiert :)

      02.06.2012, 12:06 von ZitronenTee
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  • 0

    Mag ich, weil... kenn ich!

    26.05.2012, 23:03 von LillyIdol
    • 0

      @LillyIdol: Hey, erst einmal, cooler Nutzername! - Wahnsinn! Und dann, du kennst es, du magst es, du fühlst es oder hast es gefühlt ;)

      ganz liebe Grüße

      27.05.2012, 12:19 von ZitronenTee
    • 1

      Thx... mir gefällt der auch. ^^ Aber das eigentliche: Im Sport ist es wie hier bei der Auszeit und auch sonst überall im Leben: es ist gar nicht so wichtig, ob man gewinnt oder verliert. Mich ärgern nur die knappen Niederlagen, die haushohen stecke ich weg... war halt nicht meine Liga und gut is. Aber das Wesentliche ist doch nicht der Platz auf dem Siegertreppchen, sondern dass man stetig seinen eigenen Score verbessert... ein gutes Gefühl!

      27.05.2012, 13:42 von LillyIdol
    • 0

      Amen!

      27.05.2012, 14:02 von ZitronenTee
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