Draußen-nur-Kännchen-Remix
Oder: Der Im-Halbfinale-Rausgeflogen-Remix
Ich war im Supermarkt und hab mir neben dem üblichen auch eine lecker Buttermilch für "gleich auf die Faust" gekauft. Umgehend hinter der Kasse ist der Becher auf. Das ist rituell.
Ich gehe Richtung nach Hause und kam wie immer an einem Café vorbei und die Idee eines Latte Macchiato erschien mir grandios. Übrigens: vermutlich, weil ein Latte Macchiato eh schon so groß ist, kam das berühmte Kännchen aus der Mode. Ich setzte ich also daußen hin – mit dem halbvollen Buttermilchbecher. (Man wird mit dem Alter vermutlich etwas schrulliger, so daß es einem egal ist, mit einer Supermarkt-Plastiktüte in Cafés zu sitzen. Und in zehn Jahren mache ich das wahrscheinlich sogar mit einer Vorratspackung Klopapier, 4-lagig.)
Vorgestern memmten uns die Italiener mit 0:2 vom Platz und wagten es somit, unsere massen-Autosuggestion, Weltmeister zu werden, zu zerschießen. Eine Schmach, zumal Deutschland gegen Italien noch nie … ach, lassen wir das.
Nachdem ich bei der Bedienung den Latte bestellt habe, legte er mir nahe, "das nächste Mal bitte keine eigenen Getränke" mitzubringen, natürlich nur, wenn ich ihm einen Gefallen tun wolle. Wollte ich natürlich nicht, denn eigentlich sollte er im Sinne des Café-Betreibers begrüßen, daß ich mir sein Café aussuchte und nicht ein paar Straßen weiter eines wählte, weil dann erst meine Buttermilt alle wäre.
"Ich trinke doch etwas bei euch"!
"Das ist egal, wir sehen das nicht so gerne."
"Aber der Sinn, eigene Getränke nicht zu wünschen, ist doch, damit man etwas bestellt."
"Egal, es ist verboten. Was soll ich denn sagen, wenn jetzt ein anderer mit seiner Colaflasche kommt?"
"Dann frag' ihn, was er trinken möchte."
"Es ist aber verboten …"
Es scheint, daß das Verfehlen des deutschen WM-Ziels uns Teutonen wieder zurück zu unseren … nunja, Tugenden führt. Die Bahnen fahren wieder pünktlicher, Kännchen-Interpretationen werden wieder ins Angebot gehievt, in der taz steht auch wieder öfter "typisch deutsch" und ähnliches und eine Ironie dabei ist dort nur mit größter Anstrengung zu erkennen. Die Fahnen werden wieder eingeholt und alles setzt seinen muffeligen Gang fort: die ewige Selbstgeißelung, die immer noch schwere Last der braunen Kacke.
Aber hat die Welt nicht gesehen, daß es auch anders geht?
Ich bin stolz. Ich spüre noch ein leises Erschrecken in meinen Gesichtsmuskeln, wenn ich "stolz" sage, aber ich bin wirklich wahnsinnig stolz auf dieses Volk … ähm, also diese Gemeinschaft, die ein relativ friedliches Fest ausgetragen hat, bei dem mit dem Schlimmsten gerechnet wurde. Ich freue mich, daß die Welt zuschauen konnte, wie sich in Deutschland endlich auch der mentale Generationswechsel vollzogen hat.
So kann sich die Welt nun endlich mit unseren wirklich schrulligen Eigenarten beschäftigen, dem Hotelhandtuch mit nur für Deutsche Urlauber eingebauter Reservierungsfunktion, den Lederhosen unserer Bavarianer (mußte das bei der WM-Eröffnung wirklich sein???) und unserem unentspannten Perfektionswillen.
Diesem wird es zu verdanken sein, daß Deutschland wieder über sich selbst herfällt, wenn es die WM Revue passieren läßt. Vermutlich steht dann ein Alt-68-er vor dem Bundesverfassungsgericht und klagt "aus Prinzip" sein Recht auf ein WM-Ticket ein. Irgendwo waren jemandem die Bratwürstchen zu kalt, der Security schaute einen Südländer vermutlich allzu grimmig an und der gesamten (Medien-)Nation klatschte Unser Angie zu kleinkindhaft in die Hände. Nicht zu vergessen das Versagen der Deutschen Elf.
Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß sich dieser Text genau dort perfekt einfügt.





Kommentare
Kollege kommt gleich!
25.02.2010, 13:28 von Der_Misanthrophehee wie geil
25.02.2010, 13:14 von TNT