Der Tag der "Número Doce"
Eigentlich wollten wir uns nur ein Fußballspiel angucken, bekommen haben wir ein Abenteuer. Stadionbesuch auf argentinisch.
Seit zwei Monaten lebe ich nun fest in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, mindestens drei Jahre kommen noch dazu, in denen ich meine Licencadura im Fach Journalismus/Sportjournalismus machen werde.
So war für mich als angehenden Mann vom Fach, der vergange Sonntag ein Pflichttermin: Der „Superclásico“, Boca-River, gelb-blau gegen rot-weiß, „Bosteros“(„Pferdemist”) gegen „Gallinas“ („Hühner“), arm gegen reich, ein Kampf von epischen Ausmaßen, das ewige Duell der beiden mit Abstand größten Clubs Argentiniens.
Dieses Mal sollte der Hassgipfel in der „Bombonera“, dem Stadion der Boca Juniors, stattfinden. Schon bei einem früheren Argentinien-Besuch versicherte man mir, dass der „Clásico“ in der Bombonera ein auf der Welt einzigartiges Ereignis wäre, nur sei es leider absolut unmöglich, Karten für die 57 000 Zuschauer fassende Arena zu bekommen.
Tatsächlich blieben Versuche über die offiziellen Kanäle gänzlich ohne Erfolg, so musste der Schwarzmarkt, die „Revenda“, herhalten. Im Internet fanden sich leicht hunderte von Angeboten, die 450 Pesos (4 Argentinische Peso= ca. 1 Euro) für Ausländer, bis zu 400 Dollar für Amerikaner. Geld, das auch ein europäischer Student in Argentinien nicht hat. So verabschiedete ich mich innerlich von dem Gedanken, das Spiel im Stadion zu verfolgen, und sah mich schon Freunde anrufen und Chips für einen gemeinsamen Nachmittag vor dem Fernseher kaufen. Doch in Argentinien ist alles ein bisschen anders, auch dieses Mal...
Der Freund- eines Freundes- eines Freundes
Der Anruf kam am Samstag morgen, mein Schweizer Freund Mathias, der mir aufgeregt von einem Freund erzählt, der einen Freund hat, der Karten zu einem halbwegs vertretbaren Preis besorgen könne, für vier weitere Freunde sei auch noch Platz. Mit “TIA - this is Africa” erklärte Leonardo Di Caprio in “Blood Diamond” Jennifer Conelly dass dort die Uhren anders ticken, mit “TIA – this is Argentina” verhält es sich ähnlich.
Am Tag des großen Spiel, treffen wir uns sechs Stunden vor Anpfiff mit dem ersten “Kontaktmann”. Auf meine Frage nach den Karten bekomme ich die überraschende Antwort, dass es keine Karten gäbe und wir über einen Freund am Drehkreuz hineingeschleust werden würden.
Nach kurzer Autofahrt machen wir Station auf einem McDonalds Parkplatz in der Nähe des Stadions. Auf der Tour hatte ich von unserem Freund Christian erfahren, dass er ein Bekannter des Anwalts sei, der die berüchtigte “Barra Brava”, die “La 12” (Ultra-Fans der Boca Juniors), vertrete und wir über eben jene Barra Bravas ins Stadion gelangen würden. Bei dem Gedanken wurde mir etwas mulmig, wurden doch erst vor kurzem die wichtigsten Mitglieder der “12” zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.
Die Straße
Immer wieder hatten mir sämtliche meiner argentinischen Freunde eingetrichtert mich nie in die “Popular”, die Kurve, das Hoheitsgebiet der Barra zu wagen, und nun sollten wir also mit deren Hilfe ins Stadion gelangen. Wir, das waren ein blonder Schweizer, eine blonde Schwedin, ein blonder Engländer, zwei blonde Deutsche und ich. Nicht die unauffälligste Truppe, bei gefühlten 100 Prozent schwarzhaariger Bevölkerung.
Nach etwa zwanzig Minuten fährt ein silberner Luxus-VW mit getönten Fensterscheiben vor. Der Mensch, der aussteigt, und der Wagen passen nicht zusammen: Ein großer, kräftiger Glatzkopf mit Kappe und T-shirt auf dem riesengroß die 12 prangt. Freundlich begrüßt er uns und bittet dem Wagen zu folgen.
Wir tuen wie uns geheißen und immer näher kommen wir an die Bombonera heran, passieren eine Sicherheitsschranke nach der anderen und stoppen schließlich in einer kleinen Straße.
Als ich aussteige, wird mir und den anderen ein wenig bange: Soweit das Auge reicht tätowierte, muskulöse oder einfach nur fiese Kerle. Es war offensichtlich nicht der Bücher Club Buenos Aires der sich dort traf. Ich bin mitten im Herzen der “Chorros”, mit fünf Blonden. Christian hatte sich längst mit unserem Geld verabschiedet, und die Erwartungshaltung bei uns war von “ins Stadion kommen” auf “überleben” umgeschlagen, das Geld hatten wir längst abgeschrieben.
Der Glatzkopf platzierte uns dann an einen Zaun, mit dem Hinweis alles was Gold, Handy oder Fotoapparat ist, schnell zu verstecken, falls uns jemand anspräche, sollten wir auf einen gewissen “Hugo” verweisen, mit dem wir da seien.
Und so warteten wir an unserem Zaun, es musste ungefähr eine Stunde gewesen sein, genau wusste man es sich, weil sich keiner traute auf sein Handy zu schauen. Dann plötzlich Aufruhr, eine riesige Reisegruppe trifft ein, Sonnenbrillen, kurze Hosen, Kameras- Amerikaner. Wir freuen uns und hoffen, dass der Aufwand diese große Gruppe auszurauben uns ein kleines Zeitfenster zur Flucht öffnet.
Doch nichts dergleichen passiert, sogar das schwedische Mädchen wird mit mehr Respekt behandelt als vermutlich jemals zuvor in den Straßen von Buenos Aires. Es scheint, als sei das Geschäft mit dem Zuschauerschmuggel ein lukratives Geschäft, die Kunden auszurauben kann man sich nicht erlauben.
Nach einer weiteren halben Stunde passieren wir das erste Drehkreuz, ohne Karte dreht sich jedoch nichts, “Quetscht euch vorbei” rät uns der Glatzkopf und schickt ein freundliches “Rapido, pelotudos!” (“Schnell, ihr Trottel!”) hinterher.
Einige Polizisten und feine Herren in Anzügen laufen vorbei, das Geschäft der Kurve kümmert sie nicht - oder wahrscheinlicher - sie sind selbst involviert.
Das finale Drehkreuz
Wir sind nun direkt an der Bombonera, ein letztes Drehkreuz muss noch überwunden werden.
Wieder sollen wir warten. Nach ungefähr 15 Minuten bittet uns der Glatzkopf die Positionen zu Wechseln, das wiederholt sich zwei Mal. Man legt keinen Wert darauf aufzufallen, wohl aus gutem Grund.
Wir sitzen gut getarnt hinter dem Stand eines Souvenirverkäufers, als uns der Glatzkopf hektisch zu sich ruft. Los gehts, durch das letzte Drehkreuz, jeweils zwei Mann pro Umdrehung, alles ohne Karte und unter freundlichen Anweisungen des Ordners. Als ich das Drehkreuz passiere, drehe ich mich nochmal um und bemerke den Grund für die Hektik unseres Begleiters, vor einem anderen Drehkreuz war es zu Ausschreitungen gekommen, die Masse hatte die Barriere durchbrochen und drängte nun Richtung Stadion. Doch wir waren drin. Trotz aller Hindernisse hatte es tatsächlich geklappt: Superclásico in der Bombonera und wir waren dabei.





Kommentare
Es hat mir gut gefallen. außerordentlich gut. jetzt hab ich mir fest vorgenommen, die regeln des fussballs zu lernen. vllt verstehe ich beim nächsten mal ein bisschen mehr :)
20.04.2007, 20:13 von aaaahdgdl