HerrNils 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 0

Der Ostfriesen-Alemao

Seinen Spitznamen hatte er schnell weg. Ostfriesen-Alemao. Später wurde er zum Eisen-Dieter und mit ihm Deutschland Europameister. Heute wird er 42.

Als die Nacht einbrach an jenem 22. November 1989 da war Otto Rehhagel der wohl meist gefragte Mann bei den Journalisten. Gerade eben hatte „sein“ SV Werder den Titelverteidiger mit 3:2 (2:0) aus dem Hexenkessel „San Paolo“ gefegt. Wie denn die „No names“ von der Weser das große Team des SSC Neapel mit so großen Spielern wie Careca, Andrea Carnevale, Alemao und nicht zuletzt dem Größten seiner Zeit, Diego Maradona, derart demütigen konnten, wollten die Pressevertreter wissen? Rehhagel schmunzelte mit stolzer Brust, antwortete dann spitzfindig: „Neapel hat Alemao, wir haben unseren Ostfriesen-Alemao“.

Gemeint war ein meist unauffälliger Fußballer, ein steter Arbeiter. Nie im Rampenlicht. Und doch so wertvoll. Seit jener Novembernacht hat Dieter Eilts, der am heutigen 13. Dezember seinen 42. Geburtstag feierte, seinen Spitznamen weg.

Debakel für den SSC Neapel

Das Rückspiel gegen den amtierenden UEFA-Cup-Sieger am Nikolaustag 1989 wurde zu einer Fußball-Demonstration, zum italienischen Desaster und eben zu einer unvergesslichen Europapokal-Nacht wie sie sie an der Weser gerne feiern. Die Grün-Weißen fertigten Neapel sensationell mit 5:1 ab. Kleinlaut schlichen Italiens Helden um Maradona und Co. vom Feld. Kleinlaut blieb auch Dieter Eilts. Große Töne waren nie sein Ding, auch das Toreschießen hatte er nicht gerade erfunden. Obwohl der „Ostriesen-Alemao“ bei jenem glanzvollen 5:1 gar den fünften Treffer beigesteuert hatte, als wolle er sich bei seinem Coach für dessen Huldigung bedanken.

Eilts für Völler

Geboren am 13. Dezember 1964 im ostfriesischen Upgant-Schott begann Eilts Karriere bereits als Fünfjähriger 1970 beim SV Werder. Er war eines der frühen Paradebeispiele wie eine konsequente Jugendförderung auszusehen hat. Technisch nicht sonderlich beschlagen entdeckte Otto Rehhagel schnell die anderen Qualitäten des Fußballers bei den Werder-Amateuren. Kompromisslos und staubtrocken räumte Dieter Eilts bald schon vor der Werder-Abwehr auf, ließ gegnerische Angriffe so im Keim ersticken. Sein Ligadebüt feierte der stumme Ostfriese fast auf den Tag genau drei Jahre vor dem glamourösen Auftritt im Weserstadion gegen Neapel. Am 5. Dezember 1986 warf Rehhagel den damals erst 21-Jährigen beim 0:3 in Köln ins kalte Bundesliga-Wasser. In der 79. Minute wurde Eilts für Rudi Völler eingewechselt.

Sein wichtigstes Tor: Der Endspieltreffer in Berlin

Auch eine Saison später, Werder gewann seine zweite Meisterschaft, zählte der „Ostfriesen-Alemao“ noch nicht zu Bremens erster Garde, kam auf gerade einmal zwei Einwechslungen und somit Bundesligaspiel Nummer zwei und drei. Auf seiner Position spielte noch Mirko Votava, der Werder-Kapitän. Doch schon in der Spielzeit 1988/99 ging es stetig bergauf. Immer öfter vertraute Rehhagel auf seinen „Staubsauger“ vor der Abwehr. Am Ende sollte es Dieter Eilts auf 390 Ligaspiele bringen und dabei sieben Tore erzielen. Seinen wohl wichtigsten Treffer indes schoss der stille Star in einem anderen Wettbewerb. Werder Bremen hatte die beiden Finalniederlagen im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund und den 1. FC Kaiserslautern nicht verdaut. Doch „drei Mal ist Bremer Recht“ - so machten sich die Hanseaten vor ihrer dritten Endspiel-Teilnahme in Folge selber Mut. Im Elfmeterschießen gegen den 1. FC Köln hatten die Bremer 1991 endlich den Pott an die Weser geholt. Dieter Eilts hatte kurz nach der Pause das immens wichtige 1:0 gegen Bodo Illgner erzielt, das Maurice Banach später noch ausglich, um die Rheinländer in die Verlängerung zu retten.

Geplatzte Currywürste – die EM 96

Für Dieter Eilts sollten zwei weitere Pokal-Siege (1994/1999) und eine Meisterschaft (1993) folgen. Und auch bei Werders größtem Triumph, dem Europacup-Sieg der Pokalsieger (1992), war er einer von Bremens Euro-Helden. Womit wir beim Stichwort wären. Längst war auch Bundestrainer Berti Vogts auf Bremens Ehrenspielführer aufmerksam geworden. Für die EM 1996 in England benötigte Vogts noch einen, der Matthias Sammer den Rücken freihalten würde. Genau der Job für Eilts also, der bei Deutschlands EM-Sieg mit seinen Grätschen Kult-Status erlangte. „Der Star ist die Mannschaft“ wurde Vogt nicht müde, das Team in den Vordergrund zu stellen. „Eisen-Dieter“ hingegen hatte mit seiner Art des ehrlichen Fußballs längst die Fans erreicht. Und trotz dieses Rummels um seine Person, trotz der größten Momente in seiner Karriere, reagierte der Abräumer, der Werder stets die Treue hielt, bisweilen barsch, wenn es ihm zu viel wurde. „Das interessiert mich wie eine geplatzte Currywurst im Wattenmeer“ ließ er sensationshungrige Journalisten nicht selten mit seiner trockenen Art abblitzen.

Auch als Trainer erfolgreich

Bis 1997 absolvierte Eilts 31 Länderspiele (natürlich ohne Torerfolg), ehe er seine zweite Karriere ebenfalls beim DFB begann. Zunächst für die U 19-Junioren zuständig, ist er seit dem 6. August 2004 Trainer der U 21-Nationalmannschaft und verrichtet dort einen exzellenten Job. Ohne laute Töne, dennoch gewissenhaft und akribisch, so wie es immer seine Art war. Und sollte wieder einmal einer der Sorte Journalisten auftauchen, die ihm zu aufdringlich erscheinen, dann wird Dieter Eilts ihm gewiss noch einmal die Geschichte der Currywurst im Wattenmeer erzählen. Die Blut-Grätsche beherrscht er eben immer noch in Perfektion – und sei es nur die verbale.

Nils Reschke

2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    wunderbar!!!
    lesen, lesen, lesen!
    ich danke dir für diesen wieder einmal perfekten artikel
    liebe grüße nadine

    13.12.2006, 13:33 von bellflower
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