MiJamaus 05.06.2009, 20:41 Uhr 3 1

Das Krisenjahr

Der Text ist wahrscheinlich viel zu lang und zu ausführlich, aber das musste sein. Wer Lust hat, kann ja mal alle Fakten auf ihre Richtigkeit prüfen.

Eines vorneweg. Ich bin Fußball-Fan und das mit Leib und Seele. Das bedeutet, man sollte mich an einem Fußballwochenende lieber nicht nach einem Treffen fragen, was nicht heißt, dass ich nie eine Ausnahme machen könnte. Dann sollte man aber damit rechnen mich wahlweise mit dem Radio oder einem Fußballticker für das Handy bewaffnet vorzufinden. Natürlich ist es nervig und vielleicht auch daneben, wenn ich Geburtstage bewusst ignoriere, weil an diesem Tag eben nun mal auch ein Heimspiel stattfindet. Aber so bin ich und wie schon erwähnt, ich mache durchaus Ausnahmen.
Also, was will ich erzählen? Eine Geschichte aus meinem Leben und damit von meinem Verein.
Ich weiß, ich weiß, das Jahr beginnt mit dem Januar und endet mit Silvester, es hat 365 Tage, 52 Wochen und somit 12 Monate. Mein Jahr beginnt Anfang August, umfasst 10 Monate und 34 aufregende Spieltage. Wenn dann der Juni ins Land zieht beginnt die große Leere. Gerade in ungeraden Jahren wie 2009 ist das Sommerloch besonders riesig. Keine WM, keine EM kann trösten, lediglich Testspiele gegen Landesligisten verschaffen Ablenkung.
Viele fragen mich, warum denn ein „Mädchen“ Fußball toll findet. Dafür gibt es keine rationale Erklärung. Entweder der Fußball packt dich oder es wird immer ein Sport bleiben, bei dem 22 Männer einem Ball hinterher rennen. Mich interessiert es nicht durch welche taktischen Raffinessen ein Spiel gewonnen wird, es geht mir nicht um Meistertitel und Champions League-Sieger, für mich zählt meine Heimat. Der F.C. Hansa Rostock ist ein Stück Heimat, von der ich viel bekommen, der ich aber auch viel geben kann.
Hansa-Fan war ich schon immer, das klingt nach einer Standardantwort, ist es auch. Ich kann kein genaues Datum festmachen, ich wurde nicht in das Fansein hineingeboren. Das Interesse am Fußball besteht schon ewig irgendwie, vielleicht zu früheren Zeiten eher leidenschaftslos, wie könnte man sonst eine FCB-Sympathie erklären? Ich war 9, die Bayern der beste Bundesligaclub und Mehmet Scholl war, ist und bleibt der Größte. Ich glaube, dass der VfB Stuttgart erheblichen Anteil an meiner Fußballbegeisterung hat. Schließlich war es ein Spiel dieses Vereins, das mich zum ersten Stadionbesuch meines Lebens veranlasste. Deshalb traf es sich auch gut, dass mein Bruder eine Jahreskarte für den Stehblock des Ostseestadions hatte und ich des Öfteren mitkommen durfte. Das Ganze ereignete sich 2004/05 und mein Verein stieg in die 2. Liga ab. Wer weiß, ob sich der Club ohne diese schmerzliche Niederlage auch in mein Herz gebrannt hätte.
Nun ja: Es ist wieder eine Saison vergangen, 34 Spieltage an denen ich mit gezittert habe. Angefangen hat diese so: Mein Abitur hatte ich erfolgreich abgelegt und wartete nun auf den Beginn meines Studiums. So hatte ich genügend Zeit zum ersten Heimspiel der Saison zu gehen. Hansas Ambitionen waren klar, der direkte Wiederaufstieg galt als Saisonziel. Man hatte sich scheinbar gut verstärkt und mit Gledson einen „Helden“ als Kapitän gewählt. Also kam Aachen an die Ostsee und die Erwartungen waren hoch. Das Auftaktspiel gegen Duisburg war bis zuletzt spannend, gleich zweimal glich die Mannschaft einen Rückstand aus, so unterstrich der 1 zu 0-Sieg gegen die Alemannia durch einen herrlichen Lupfer von „Regina“ auch alle Aufstiegserwartungen. Das nächste Spiel verlor der FCH unglücklich durch einen Sonntagsschuss der Freiburger, die Niederlage gegen einen Aufstiegskonkurrenten wurde schnell abgehakt. Zum nächsten Heimspiel gegen Mainz 05 konnte man auch mich wieder auf der Südtribüne antreffen. Ich war Zeugin eines verrückten Spiels. Die Jungs schienen am Ende ihrer Kräfte, aber vor allem unser Kapitän erkämpfte ein Remis nachdem man 0 zu 2 zurückgelegen hatte. Es folgte ein weiteres 2 zu 2 in Ahlen. Bevor man zum bis dato wichtigsten Spiel der Saison, dem Heimspiel gegen St. Pauli übergehen konnte, stand die 2. Pokalrunde an. Man hatte das Auftaktspiel gegen Holstein Kiel nur mit Mühe und Not 2 zu 0 gewonnen und seit dem letzten Spieltag der vergangenen Saison kein Auswärtsspiel mehr, so dass kaum ein Hansa-Fan an einen Erfolg in Frankfurt glaubte. Nach der 1. Halbzeit sprach auch vieles gegen uns, bis Enno in der 2. Hälfte zum 1 zu 1 traf. Frankfurt drückte und als alles sich auf die Verlängerung eingestellt hatte, pfiff der Schiri einen Elfer gegen uns. Am Radio fand ich mich schon mit dem Ausscheiden meiner Mannschaft ab, als Jockel zum Helden mutierte und hielt. In der Verlängerung schoss Enno sein 2. Tor an diesem Abend und durfte später mit der Mannschaft den Einzug ins Achterfinale begießen. Nun aber zurück zum Bundesligaalltag. Wie schon erwähnt kam der F. C. St. Pauli an die Ostsee. Die beiden Vereine verbindet seit Jahren ein großer Hass, den ich noch nie teilen konnte, umso schöner fiel der Jubel über den 3 zu 0-Sieg aus. Ich war nicht im Stadion, dies sollte sich später als kluge Idee herausstellen, da es zu Flaschenwürfen und Schlägereien zwischen den Fans kam und 50 Personen festgenommen werden mussten. Es reichte anscheinend nicht aus seine Mannschaft gegen den Erzfeind siegen zu sehen, einige Chaoten mussten sich selbst beweisen. Eine Woche später, der Verein bekam eine Geldstrafe und keinen Punktabzug, musste man in Ingolstadt antreten. Das Spiel verlief alles andere als optimal, kurz nach der Pause verlor Hansa seinen Kapitän durch eine überflüssige rote Karte. Infolgedessen musste Gledson nicht nur Geld, sondern auch die Kapitänsbinde abgeben. Ach ja und das Spiel wurde auch 2 zu 4 verloren. Zum nächsten Heimspiel musste also nicht nur ein Sieg, sondern auch ein neuer Kapitän her. Dieser wurde mit dem teuersten Neuzugang der Saison, dem Dänen Martin Retov, auch schnell gefunden. Mittlerweile hatte nun auch mein Studium begonnen und genau wie dieses plätscherten auch die Spiele Hansas vor sich hin. Wir dümpelten im Mittelfeld herum, waren weder richtig schlecht, noch richtig gut, aber dann kam der 19.Oktober. Eigentlich wollte ich gar nicht zum Spiel, als arme Studentin muss man schließlich Prioritäten setzen und dazu kam, dass mein Lieblingsspieler Tobi Rathgeb sich wenige Tage vor dem Spieltag verletzte. Aber mein Bruder, der kurz vor dem Spiel absagen musste, weil er im Schichtdienst arbeitet, wollte auch mal wieder Fußball live erleben. Ich hatte keine Erwartungen an das Spiel, schließlich ist Koblenz keine Spitzenmannschaft und Hansa… lassen wir das lieber. Den Ausgang des Spiels konnte keiner vorhersehen. Wir gewannen 9 zu 0. Es war ein wirklich toller Tag, den ich nicht so schnell vergessen werde. Pagelsdorfs Satz: “ 9mal 1 zu 0 wäre mir lieber, als einmal 9 zu 0!“ hallte noch lange nach. Die Euphorie war nach dem schwachen Null zu Null gegen den Tabellenletzten Frankfurt gänzlich verschwunden, ebenso der Erfolg. Wenn ich an das darauffolgende Heimspiel gegen Greuther Fürth denke, fallen mir zwei Worte ein: Acht Euro! Soviel Geld hatte ich für mein Fernbleiben gespart. Es lief eigentlich alles wunderbar, Hansa führte 1 zu 0 durch Finni, hatte 90% Ballbesitz, die Abwehr stand felsenfest, doch dann brach die 2te Minute an. Hansa verlor das Spiel 1 zu 2 und ich war glücklich über meine 8 Euro. „Alles oder nichts“ war das Motto gegen Rot-Weiß Oberhausen. Der Trainerstuhl wackelte gewaltig, das Denkmal Pagelsdorf ebenso. Fragt mich nicht wie das Spiel konkret verlief, das kann man ja heutzutage in zahlrechen Datenbanken nachlesen. Ich weiß nur noch, dass wir 0 zu 1 verloren und an das Gefühl von Niederlagen erinnere ich mich nur allzu gut. Nächstes Heimspiel, neues Glück? Gekämpft hatten sie ja meine Jungs, doch leider war die Abwehr so schlecht wie der Sturm stark war. 2 zu 2 lautete das ernüchternde Ergebnis. Am Montag nach dem Spiel saß ich mit Radio in der Straßenbahn, als mich die Nachricht von Frank Pagelsdorfs Entlassung erreichte. Traurig war ich zu keinem Zeitpunkt, im Gegensatz zu anderen Fans wünschte ich mir später auch nie den „Dicken“ zurück. Ich hätte eine Trennung direkt nach dem Abstieg klug gefunden, dann ein kompletter Neuanfang. Aber hinterher kann jeder schlaumeiern. Während der Suche nach einem neuen Trainer übernahm vorrübergehend Juri Schlünz das Amt, eine weitere Hansa-Legende. Warum er diese Aufgabe nur widerwillig antrat, bewies die Mannschaft am 17.11.08. Schlünz musste vor 3 Jahren nach einer 0 zu 6- Klatsche gegen den HSV seinen Hut nehmen und am besagten Abend gewann Kaiserslautern ebenfalls in dieser Höhe. Das tat nicht nur Juri und der Mannschaft weh, es schmerzte ganz M-V. Schlünz fand damals die passenden Worte: „ Die Mannschaft soll sich mal überlegen, was sie heute angerichtet hat.“
Nur eine Woche später versuchte die Mannschaft unter dem neuen Trainer Dieter Eilts Schadensbegrenzung zu betreiben, was ich mir nicht entgehen lassen wollte. Die „Löwen“ liefen im Ostseestadion auf, wie Löwen wollten eigentlich die Rostocker kämpfen, doch Verunsicherung und Ideenlosigkeit bestimmten die Partie. Die Fans ließen ihrem Unmut freien Lauf und beschimpften nicht nur Eilts, sondern nachdem Benny Lauth der Siegtreffer für die Gäste gelang, auch die Mannschaft. Es kam zum endgültigen Bruch, so dass die Spieler ohne Dank für die (fehlende) Unterstützung der Südtribüne in die Kabine schlichen. Gegen Augsburg blieb der Verein wieder ohne Tor, doch leider nicht die Heimmannschaft. Nach dem 2 zu 0 sollte endlich gegen Nürnberg der erste Auswärtssieg der laufenden Saison her. Ich kann gar nicht alles aufzählen, was gegen uns sprach, die schlechte Auswärtsstatistik, der „Montagsspielfluch“, die plötzliche Torflaute.
Nach 90 Minuten waren all diese Dinge erneut bestätigt durch ein 0 zu 4.
Warum ich mich an den 14.12.08 so gut erinnere? Da muss ich ausholen. Der Verein sah die einbrechenden Zuschauerzahlen mit Besorgnis und ließ sich, da ja schließlich bald Weihnachten war, etwas ganz Spezielles einfallen. Hansa entschied sich für eine Freikarten-Aktion. Dafür verteilten Hansaspieler auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt Gratistickets. Man musste wirklich kein Geld bezahlen, sondern jeder der 2 Karten ergattern wollte, musste sich in kompletter Fanmontur zum Stand begeben und den Spieler mit freundlichem Gesicht „Ich stehe zu Hansa!“ sagen. Ich konnte der ganzen Sache nichts Gutes abgewinnen, da ich die Meinung vertrat, niemanden, schon gar nicht den Spielern beweisen zu müssen, wie sehr ich am Verein hänge und sprach mich dafür aus, dass wohl eher die Spieler während des Verteilens eben diesen schönen Satz sagen sollten. Dennoch trieb mich die Neugier zum Stand und was ich dort sehen musste, ließ die Wut in mir nicht im Geringsten abschwellen. Wurden in der Zeitung noch groß „Starspieler“ angekündigt, vergaben nun Amateurspieler die Eintrittskarten. Spieler, die für Hansas Krise genauso verantwortlich waren, wie der Weihnachtsmann für die Geschenke. Aber ich sah bald ein, dass die Stammspieler nicht eine Stunde in der Kälte stehen konnten, da sie sonst wohlmöglich die nächste Niederlage versäumt hätten. Nun aber zum Gegner, Wehen-Wiesbaden. Man könnte sagen, an diesem besagten Tag spielte in Rostock Not gegen Elend. Hansas Bilanz unter Dieter Eilts war bis dato erschreckend, Hansa schoss kein einziges Tor und holte keinen einzigen Punkt. So war es fast schon zu erwarten, dass der 1 zu 0-Sieg durch ein Eigentor der Wiesbadener erreicht wurde, trotz allem ließ sich Retov, der am Treffer erheblichen Anteil hatte, feiern. Wahrscheinlich ist der Torschütze bis heute nicht geklärt, aber am diesem 17.Spieltag zählten nur die 3 Punkte. Damit ging man als 15ter in die Winterpause und hoffte dass in der Rückrunde der Neustart gelang. Immerhin überwinterte man im DFB-Pokal.
Eilts griff dass Sprichwort „ Neue Besen kehren gut“ auf und holte 4 neue Spieler. Svärd aus Gladbach, der bisher mit vielen Verletzungen zu kämpfen hatte, Myntti aus Finnland, der zum 2ten Agali werden sollte, Lisztes aus Ungarn, der zuletzt ein Restaurant in seiner Heimat betrieb, aber immerhin 2004 Deutscher Meister wurde und Kevin Schöneberg aus Köln, den ich für den besten Neuzugang der Winterpause hielt. Es war nun auch unverkennbar, dass der Kader verkleinert werden musste, also wurden Rahn, Cetkovic und Menga verkauft, andere wie Langen zur 2ten Mannschaft geschickt. Die Testspiele versprachen keine große Besserung, aber immerhin konnte Stefan Wächter nach langer Verletzungspause, wenn auch nur für wenige Wochen, wieder spielen.
Die Rückrunde startete am 28.01.09 mit dem DFB-Pokalspiel in Wolfsburg. Es stand unter keinem guten Stern, da der VfL zu Hause noch ungeschlagen war. Zwischenzeitlich ließ Filli kurz Hoffnung aufkeimen, als er zum 1 zu 2 traf, doch vor allem Grafite schoss Hansa mit 5 zu 1 ab. Einen Tag zuvor verlor der VfB ebenfalls mit 1 zu 5, ich konnte nur froh sein, dass der Januar sich dem Ende neigte.
Am 18.Spieltag, dem 01.02.09, konnte 80. Minuten auf einen Punkt gehofft werden, leider hatten die Duisburger etwas dagegen und trafen ins Tor der Rostocker. So wurde der Druck auswärts auf dem Tivoli nicht geringer. Ich verfolgte das Spiel am PC und sah, wie Hansa 2 zu 0 führte. Nach lautem Schreien, ausgiebigen Jubel und einem Kneifen in dem Arm stand es auch schon 3 zu 1 für meine Jungs. Ich konnte es noch gar nicht fassen, freute mich schon über sichere 3 Punkte, doch Aachen kämpfte mit 10 Mann gegen die Niederlage an und traf zum Unentschieden. Außer einem Punkt blieb lediglich die Erkenntnis, dass man doch noch Tore erzielen konnte. Als Freiburg an die Ostsee kam erhoffte ich mir nichts, träumen tat ich dagegen von 3 Punkten. Freiburg schoss die 1 zu 0-Fühung, aber wenige Minuten später traf Filli für Hansa, für die Fans und zur Beruhigung meiner Nerven. Hätte man die 2te Halbzeit nicht angepfiffen, hätte man mit dem Ausgang zufrieden sein können, aber da alles regelrecht ablief, zählten die 2 Treffer der Freiburger in der 2. Hälfte des Spiels selbstverständlich. Eine Woche später erlebte ich ein Déjà-vu. Das Spiel am Mainzer Bruchweg glich dem Spiel der vorherigen Woche sehr. Mainz führte wiederrum 1 zu 0, abermals schoss Filli den Ausgleich, doch am Ende jubelten die Mainzer über einen 3 zu 1- Sieg.
Gott sei Dank, ich hatte meinen Griechisch-Ferienkurs nicht erfolgreich, aber immerhin bestanden. Zur „Belohnung“ ließ ich den Freitag mit dem Spiel Hansa gegen Ahlen ausklingen. Ich war wohl im Tiefschlaf oder der Verdrängungsmechanismus setzte direkt nach Spielende ein, sicher ist nur das Ergebnis, 0 zu 0.
„Es wird dringend davon abgeraten ohne Karten nach Hamburg zu fahren!“, daran hielt ich mich auch, konnte ich das Spiel doch live am PC verfolgen. Die Partiel war von besonderer Bedeutung, sieht man vom Hass zwischen den Fans mal ab, vor allem für den Trainer. Neumanager René Rydlewicz, ein weiterer Publikumsliebling, verkündete das Ultimatum: Siegen oder fliegen! Ich traute ein weiteres Mal kaum meinen Augen, Held der 1. Halbzeit war durch seine 2 Tore der kleine Finni. Mit diesem Vorsprung von 2 Toren war doch eigentlich alles super bis erste Bengalos aus dem Rostocker Block flogen. Irgendwann gelang es dem Manager und dem Torwarttrainer Bräutigam die Fans zu beruhigen, so dass mit 10minütiger Verspätung die 2. Halbzeit beginnen konnte. Was auch immer in der Kabine passiert war oder auf dem Platz, was auch immer der Ausraster der „Fans“ für eine Rolle spielt, was Hansa in Hälfte zwei anbot, strotze nur so vor Überheblichkeit. Die Niederlage schmerzte sehr, gegen den Todfeind zu verlieren war schlimm, Eilts gehen zu sehen absehbar, aber von gegnerischen Fans den Abstieg gewünscht zu bekommen zerbrach mir fast das Herz. Mittlerweile befand sich mein Verein auf Platz 17 der 2ten Bundesliga, 4 Punkte trennten uns vom rettenden Ufer. Es musste etwas geschehen, dass die Mannschaft, aber auch die Fans glauben ließ, glauben an das Unmögliche. Ein Missverständnis könnte man Eilts Zeit bei Hansa nennen, eigentlich fand ich seine Verpflichtung richtig. Wenn ich daran denke, wer alles im Raum stand. Doll, Slomka, Geier, Lorant, alle entweder unbezahlbar oder zu lange aus dem Geschäft. Warum man an den Mann, der ab dem 8. März die Mannschaft übernehmen sollte nicht früher gedacht hatte, vielleicht weil sich manche Dinge nicht wiederholen lassen. Sein Name: Andreas Zachhuber. Unter seinem Kommando erneut der Nichtabstieg erzielt werden. Schon im Jahre 1999 rettete uns Zacher vor dem Abstieg, damals aus der 1.BuLi, in Bochum gelang am letzten Spieltag der wichtige 3 zu 2-Sieg. Ein echter Hansa-Fan wird diesen Tag auf ewig in Erinnerung behalten und wenn er noch nicht geboren war, mit Sicherheit ständig zu Hören bekommen. So stand Zachers zweite Amtszeit unter dem Motto: „Mach’s nochmal, Zacher!“
6 Tage hatte die Mannschaft unter Zachhuber trainiert, als gegen Ingolstadt immerhin 1 Tor und zum Ende des Spiels ein Unentschieden gelang. Mittlerweile kam den Fans schon das wie ein Sieg vor. Die Länderspielpause wurde genutzt, um intensiv an der Kondition der Truppe zu arbeiten, denn gerade in der Schlussviertelstunde brach die Mannschaft oft auseinander. In Koblenz sollte nun der erste Auswärtssieg der Saison, ja das stimmt wirklich, errungen werden. Mit einem 1 zu 1 wurde dies nur knapp verfehlt. Das nächste Heimspiel gegen den FSV Frankfurt war gut besucht, schließlich waren zahlreiche meiner Freunde und Kommilitonen auf den Rängen, ohne an mich zu denken. Traurig darüber war ich schon, obwohl Hansa endlich gewann. Ein 2 zu 0 das schöner klang, als es wirklich erspielt wurde.
Meine erste Woche des 2. Semesters hatte ich überstanden und wollte dies gleich mit Freunden begießen. Auf Hansa verzichten konnte dennoch ich nicht und war entsetzt darüber, dass ich anscheinend die Einzige war, die vom Spiel in Fürth an diesem Gründonnerstag wusste, grün die Farbe der Hoffnung. Ich glaubte weiterhin nicht an das Zacher-Wunder, wollte natürlich trotzdem ein Sieg sehen und als dann irgendwann das Handy klingelte und ein breites Grinsen folgte, wusste ich alles ist gut. Man sah die Erleichterung in der gesamten Bar. Erst jetzt spürte ich wie viel Hansa für die Region bedeutet, wie viel Menschen wirklich um den Verein zitterten und sich genauso wie ich über den 1 zu0-Sieg durch Filli freuten.
Trotzdem konnte ich niemanden überzeugen mit zum Heimspiel gegen Oberhausen zu kommen. Ich blieb also daheim, da Fußball erst Freude macht, wenn man diese mit jemand teilen kann. Es trafen Enno, Kevin und Filli, der sich nicht nur, weil er Sachse ist, sondern auch da er Treffer um Treffer erzielte, in mein Herz spielte. Der 3 zu 1-Sieg ließ verloren geglaubte Hoffnung wiederbeleben. Hansa stand nun nicht mehr auf einem Abstiegsplatz, man hatte alles wieder in der eigenen Hand, die Mannschaft war unter Zachhuber noch ungeschlagen und die Euphorie so groß wie lange nicht mehr.
So ging man mit breiter Brust in das wichtige Spiel gegen Osnabrück. Die Mannschaft von Trainer Wollitz trennte nur ein Punkt vom rettenden Ufer, es ging für beide Mannschaften ums Überleben.
Es handelte sich um ein Montagsspiel, das bedeutete für mich aber nicht automatisch mich vor den Fernseher zu setzen. Ich konnte nur schwer das Spiel verfolgen, ich sah Bälle im Tor von Jockel, die es noch nicht einmal in seine Hälfte geschafft hatten. Wahrscheinlich stellt man erst in Krisenzeiten fest, wie sehr man seinen Verein liebt. Das 0 zu 0 machte mich glücklich, immerhin einen Punkt hatten die Jungs erspielt. Der Nichtabstieg noch immer erreichbar. Glücklich war ich auch darüber, dass sich endlich jemand fand, um ins Stadion zu gehen. Das Spiel gegen Kaiserslautern war wohl das schönste für mich in dieser Saison. Natürlich war das 9 zu 0 gegen Koblenz einmalig und kaum wiederholbar, aber gegen Kaiserslautern ging es um Wiedergutmachung, das 0 zu 6 unter Schlünz schmerzte noch gewaltig und der Klassenerhalt war zum Greifen nahe. Ich fand mich also im Fanblock ein, dem ich noch in der Abstiegssaison den Rücken gekehrt hatte ein, um sogleich allem von meinem unguten Bauchgefühl zu erzählen. Hansa belehrte mich eines Besseren, Kevin Schönebergs Einwürfe wurden zur Waffe, sodass Filli gleich 2mal in Halbzeit 1 per Kopf einlochen konnte. Der Junge war plötzlich Gold wert. Kurz nach dem Wiederanpfiff kam das Bauchgefühl bedingt durch den Anschlusstreffer kurzzeitig zurück, aber Enno und Finni konnten meine Bauchschmerzen nicht mit ansehen und machten den 5 zu 1-Endstand perfekt. Ein perfekter Tag ging zu Ende, das ausverkaufte Stadion demonstrierte seine Freude durch die „Ola“. Ich wurde endlich nicht mehr schief angeguckt, als ich mit meinem Schal des tollsten Fußballvereins durch die Straßen hüpfte.
Wenn Hansa gegen die Löwen spielt, wurde es Zeit für einen Cocktailabend. So saß ich also als Nervenwrack in meinem Lieblingsmexikaner und ließ mir von der Kellnerin den Spielausgang wiedergeben, „3 zu 3, Ausgleich in letzter Minute!“. Die Enttäuschung war groß, man hatte schließlich geführt, aber ich verinnerlichte Zachers Spruch „Das war ein Punkt zum Klassenerhalt!“ und ließ dennoch ordentlich Trinkgeld im Restaurant. Es blieb auch keine Zeit zum Trübsal blasen, da am Dienstag der folgenden Woche schon Augsburg auf uns wartete. Da saß ich also und sah das 1 zu 0 der Gäste und das seit langem schwächste Spiel meiner Mannschaft. Irgendwie schaffte es Hansa doch 3 Tore zu schießen, Enno machte seinen 3ten Doppelpack in Folge, aber das nützte alles nichts. Augsburg gelang in der 85. Minute der Ausgleich. Ich war wirklich frustriert, erneute Zweifel drangen in meinen Kopf, aber die Konkurrenz patzte ebenfalls. Es war immer noch alles drin für uns.
Das letzte Heimspiel der Saison stand an. Ich hatte mir schon Wochen vorher Karten besorgt, was sich als weise Entscheidung herausstellte, da das Stadion, bis auf den Gästefanblock, ausverkauft war. Vor dem Ostseestadion suchten Menschen verzweifelt nach letzten Karten. Bei mir blieben sie erfolglos, nicht für eine Million hätte ich am diesem 17.Mai 2009 meine Eintrittskarte hergegeben. Man stelle sich mal vor mein Verein, der seit Monaten gegen den Abstieg kämpft, würde das Wunder an diesem Spieltag schaffen und ich säße nicht im Stadion, sondern im Auto auf dem Weg zur nächsten Kneipe mit Premiere. Das Gefühl hätte ich nicht erleben wollen. Okay, Hansa gewann am besagtem Tag nicht gegen Nürnberg, spielte 0 zu 0, doch das konnte man (zum Glück) nicht vorhersehen. Die Ergebnisse aus den anderen Stadien wurden bewusst nicht angezeigt, vielleicht war dies auch gut, da Hansa zwischenzeitlich auf einen Abstiegsplatz rutschte. Nach dem Spiel stand zwar noch nicht der Nichtabstieg fest, aber dafür hatte man noch alle Möglichkeiten aus eigener Kraft den Klassenerhalt zu sichern. Was nach dem Spiel zählte war die Zuversicht. Das Stadion brüllte „Auswärtssieg!“ und glaubte fest an die Jungs, die unter Zacher wie ausgewechselt spielten und jetzt schon vor dem letzten Spieltag Großes geleistet hatten. Ich sah in die Gesichter der Jungs, die ich noch vor ein paar Monaten verflucht hatte, aber an die ich nie aufgehört hatte zu glauben, und wusste nicht, ob ihnen die Enttäuschung oder die Unsicherheit und der Druck vor dem letzten Spiel ins Gesicht geschrieben standen.
‚Wer ist Wehen-Wiesbaden? Die sind doch eh schon abgestiegen, da können sie uns ja auch gewinnen lassen! ‘ Solche Gedanken schwirrten wohl nicht nur mir in der Woche vor dem 24. Mai im Kopf. Am Samstag feierte Wolfsburg die erste Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte, meine zweite Liebe Stuggi wurde Dritter, aber das war am Tag darauf unwichtig. Ich saß also am PC, schaute die Konferenz und war nur mäßig beunruhigt, als in Wehen der Treffer für die Heimmannschaft fiel. Osnabrück, von denen uns ein Punkt trennte, lag schließlich in Duisburg zurück. Ich will es gar nicht unnötig spannend machen, die Absteiger sind wohl bekannt, auch dass Hansa am Ende den Ausgleich schoss und so sogar den 13ten Platz der 2. Bundesliga erreichte.
Da saß ich nun, meine Mannschaft war nicht abstiegen, in die dritte Liga wohlgemerkt und ich fühlte nichts. Ich konnte und wollte mich nicht freuen. Es kam mir plötzlich albern vor den Klassenerhalt zu feiern, zumal es mir schien als wenn man gerade die Champions-League gewonnen hatte, so wie einige ausrasteten. War ich nun ein schlechter Fan, sollte mir das bescheidene Spiel in Wehen nicht egal sein, da schließlich das Märchen vom Nichtabstieg wahr wurde? Ich denke nicht. Mir wurde bewusst, was ich einfach nicht wahrhaben wollte. Der F.C. Hansa Rostock wird in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich um die Plätze 7 bis 12 der 2. Liga kämpfen. Der Aufstieg wird wohl ein Traum bleiben. Das zuzugeben tut weh, aber wenn der Verein dies endlich erkannt hat, muss der Fan es auch schaffen. Was nun bleibt ist der Mut zum Neuanfang. 7 Spieler wurden freigestellt, darunter mein Lieblingsspieler Tobi Rathgeb, der seit über 8 Monaten mit Leistenproblemen zu kämpfen hat. Hansas Torwartlegende Perry Bräutigam wurde durch einen jüngeren, wohlmöglich besseren Torwarttrainer ersetzt. Spieler, die in den letzten Wochen zum Klassenerhalt beigetragen haben, verlassen den Verein, Kevin Schindler zieht es in die 1. Liga, selbst Enno, Hassfigur und Publikumsliebling, zögert dem Verein die Treue zu halten. Es werden neue Spieler kommen, eigentlich sind sie es nicht. Schied und Sebastian sind alte Bekannte und werden hoffentlich an ihre Leistungen vergangener Spielzeiten anknüpfen können. Zacher bleibt, das ist schön, aber im Moment kein Trost für mich.
Die Saison 2008/09 ist nun vorüber und meine Geschichte nähert sich auch dem Ende.
Was ist also das größere Leiden? Bayerns Jahr ohne Titel, der Abstieg des KSCs, Cottbus‘ Versage in der Relegation, Stuttgarts Verlust von Mario Gomez, Hansas Kampf um den Klassenerhalt? Ich kann nicht behaupten, dass ich am meisten zu leiden hatte, jeder Fan stellt andere Ansprüche an seinen Verein. Ich weiß aber, dass dieses Jahr lehrreich war, dass man nie aufhören darf zu hoffen oder an sich und andere zu glauben. Ich war meinem Verein noch nie so nah, hab noch nie so sehr um 3 Punkte gezittert, hatte noch nie so viele Wutanfälle, Heulkrämpfe und Freudentränen. Denn nach 34 Spieltagen ist zwar die Saison zu Ende, aber meine Liebe zum Verein geht weiter. Im August darf ich dann weiter träumen von Siegen, Aufstiegen oder für den Anfang einfach von neuen 10 Monaten voll spannender Fußballpartien und meiner Heimat, der ich viel geben, von der ich auch in Zukunft viel bekommen kann.

1

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Dankeschön!
    Ohja, mein Bruder belächelt die kleinen Jungs auch immer, wenn sie nach Niederlagen Hansas weinen.
    Aber da bricht eine Welt zusammen, das kann man sich nicht vorstellen.

    07.06.2009, 14:20 von MiJamaus
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Respekt - wie Du die ganze Saison Revue passieren hast lassen!! Es gab ja allerhand Stoff, den Du sehr gut zusammengefasst hast. Der Text gefällt mir gut, vor allem weil er von einem wahren Fan mit Verstand geschrieben ist.

    06.06.2009, 18:46 von SuperSachse
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Stimmt, Dein Text ist vielleicht ein bißchen zu lang, aber ich mag ihn. Da ist so viel Leidenschaft drin...
    Mein Sohn (knapp 11) hat letztens beim DFB-Pokal-Endspiel geweint, weil Leverkusen verloren hat. Er ist kein Fan dieser Mannschaft, aber er hat Angst, dass sein Idol "Adler" nicht die Nr.1 in der Nationalmannschaft wird, weil der einen Ball durchgelassen hat...
    Ich habe das belächelt, aber nach Deinem Text überdenke ich das nochmal!

    06.06.2009, 00:14 von HeikeT.
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare