derWaschbaer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 44 14

Das Comeback

Noch zwei Stunden bis zu den Kämpfen. Zwei Stunden bis zum größten Comeback in der Geschichte des Kampfhamstersports.

Ich sitze am geöffneten Fenster eines semischäbigen Nichtraucherhotelzimmer in Cork, Irland, rauche Achteurofünzigzigaretten und vermisse meine Frau, meine gewohnten Magentabletten sowie meine Kreditkarte, die ich wohl am Vorabend bei Molly oder Dolly liegen ließ. Ich überlege, ob ich da wirklich wieder runtergehen soll in den übel beleumundeten Pub am Ende der Straße, wo mein Kamerakollege Paddy - die Iren heißen tatsächlich alle Paddy - und sein Tonmann "Handsome Dave" sich gerade bei, genau, Murphy's und Jameson-Whisky für die bevorstehende Nacht einrichten und dabei wahrscheinlich mit Inbrunst traurige irische Volkslieder mitsingen, deren Text kein Mensch versteht. Man sagte uns, das gehöre nunmal dazu.

Ja, scheiße, hat sich was mit Folklore und Irenseligkeit. Ich also eben schnell das, was mir aus der Nase wieder auf den Tisch gefallen ist, aufs Zahnfleisch geschmiert, den Hut aufgesetzt und die Straße runter zum Pub. An der Theke nur noch zwei Hartproleten, ein hutzeliges Männchen unbestimmbaren Alters mit wenigen roten Haaren (echt!) und ein knapp vierzehnjähriger Bodybuilder (ganz ohne Haare). Die Musiker (er Fiedel, sie Yamahasynthesizer) packen ihre Werkzeuge gerade in schwarze Koffer. Von Paddy und Handsome Dave (kein Mensch weiß übrigens, woher der Namenszusatz "Handsome" seine Berechtigung bezieht) keine Spur. Die Luft ist zum Schneiden. Der Wirt hat wohl meinen Gesichtsausdruck - in tiefe Falten gelegte Stirn, suchende, nervöse Augen - gesehen und erkennt, dass ich erwäge, ein schnelles Gnadenbier zu bestellen. Er mustert mich aus eng zusammenstehenden Irenaugen und schraubt provozierend langsam den betreffenden Zapfhahn ab. Also zurück ins Hotel. Mein in langen Jahren geschärfter Instinkt empfiehlt mir einen kurzen Abstecher in die Hotelbar, und tatsächlich: Dave und Paddy krümmen sich über zwei Portionen Heineken. Heineken! Und ich so: Sachma, was'n mit euch los? Und Dave so: Ach, lass.

Die beiden arbeiten sehr viel miteinander, und ich hab das schon bei vielen Kamerateams erlebt: Ehekrise. Da mischt man sich besser nicht ein. Paddy zieht sein Bier in einem kräftigen Zug ab und rülpst uns das Zeichen zum Aufbruch.

Wir haben es nicht sehr weit. Der Kampf wird im Hof hinter der Hotelküche ausgetragen. Wir also jeder noch ein Bier in die Hand (ja, auch für mich Heineken, mein Magen, ihr wisst schon), durch die Küche, nur ein kurzes Nicken an der Hintertür und raus in den Hof, wo schon eine ganze Menge los ist. Kalt ist es auch.

Ich sehe Molly (oder Dolly), sie sieht mich und winkt. Ob ich meine Kreditkarte bei ihr liegen gelassen habe, frage ich sie. Sie lacht: Na, du kannst Fragen stellen. Dass ich ihr ja nicht wieder Löcher in den Bauch frage, ermahnt sie mich und legt mir ihren Finger auf die Lippen. Und wirklich, die letzte Nacht war mir das Ficken irgendwann schnuppe, zumal sie nur und einzig und allein auf Anal steht, weil sie das inspiriere, wie sie mir erklärte, weil sie male, weil sie unglaublich viel schreibe, und sie macht Schmuck (macht Schmuck?). Kein Küssen, nichts. Weil mich das irgendwann langweilte, fing ich an mich für sie zu interessieren. Ihre Biografie liest sich wie ausgedacht: Vor ein paar Jahren flüchtete sie auf einem Kamel vor der Zwangsheirat mit einem sodomitischen Mullah nach Ostafrika, erlegte in der Serengeti einen Elefanten mit südamerikanischem Pfeilgift, nachdem sie den diensthabenden Wildhüter mit einem 35 Kilo schweren XXL-Koran aus südkoreanischer Massenproduktion erschlagen hat, riss dem toten Elefanten mit bloßen Händen einen Stoßzahn aus, schnitzte daraus mit Hilfe einer Nagelfeile, die von einer blonden schwedischen Stewardess stammte, deren Flugzeug vom Typ Boeing 767 südlich der Sahel-Zone nach einem Angriff von Freischärlern mit Bazookas abgestürzt war, eine Mohammed-Statue, die gerade einmal 3,5 Millimeter groß war und ihr nach Fertigstellung prompt aus den Fingern glitt, um sich dem Blickfeld des Mullahs zu entziehen, der gerade zu Erholungszwecken in Kampen auf Sylt weilt, weil er es mit den Bronchien hat und... Naja, vielleicht bringe ich auch gerade etwas durcheinander.

Sie flüstert mir ins Ohr, aber ich bin nicht ganz bei ihr, muss wieder an meine verfluchte Kreditkarte denken und bin froh, dass ich an den Dosierer gedacht habe. Ich also unauffällig in eine ruhige Ecke und drehe den Hahn auf. Die Hälfte fällt mir wieder aus der Nase, ich hasse das. Wie ein Irrer ziehe ich den Rest nach oben und rette, was noch zu retten ist. Handsome Dave empfiehlt mir mit dieser typischen Handbewegung den Ball flach zu halten. Ich scheiße auf ihn. Ich scheiße auf alle hier. Ich scheiße auf den bescheuerten Kampfhamstersport! Frankreich, England, Aserbaidschan, Malaysia, Russland und jetzt Irland. Ich lebe nur noch aus dem Koffer. Und seine Heiligkeit Christian ibn Bin Hamster, der wohl giftigste dsungarische Zwerghamster aller Zeiten, macht mit jedem Hamster, der sich ihm in den Weg stellt, kurzen Prozess. Heute geht es um den WM-Gürtel, na und? Bin Hamster wird auch heute keine Zweifel aufkommen lassen. Ein täuschend putziges Tierchen, dessen IQ ungefähr seiner Körpergröße entspricht, denn wenn man ihn auf einen Tisch setzt, fällt er runter. Platsch. Tisch. Platsch. Immer wieder. Aber kämpfen kann er, das muss man sagen.

Wir begleiten den Champ seit nunmehr fünf Monaten, um den Sport auch bei uns populärer zu machen. Es ist schließlich DAS Comeback der Kampfhamstersportgeschichte. Und der Hessische Rundfunk schmeißt für diesen Mist das Geld aus dem Fenster. Ich kann das nicht verstehen, aber das ist mir auch egal. Ich vermisse meine Frau, ich vermisse meine Kinder, Herrgott, ich vermisse sogar meine Eltern.

Alles begann vor etwa einem Jahr. An einem einzigen Kampfhamstersamstag (die Titelkämpfe finden immer samstags statt) hat er all die überfütterten, sumo-ähnlich aufgeplusterten Kampfhamster durch reine Finesse, Chuzpe und stilistisch-taktische Überlegenheit in Grund und Boden gehampfkamstert. Leider wurde er nach dem Finale disqualifiziert, weil er angeblich vor dem Turnier mit leistungssteigernden, warmen Hanf/Kampfer-Umschlägen gedopt worden war. Seinem Trainer und Besitzer Humphrey S. Dumpston, ist es leider nie gelungen, seine und Bin Hamsters Unschuld zu beweisen und so seine Reputation wiederherzustellen. Humphrey hat das übrigens nie verwunden, das Kampfhamstern war, ach, was sag ich, es war sein Leben! Er starb einsam und verbittert, in dem luxuriösen Hamsterstall hinter seinem Anwesen "Hamster House" (Grafschaft Hampshire). Sein Butler fand ihn leblos in einem der überdimensionalen Laufräder. Herzanfall. Danach war für fast alle der Kampfhamstersport irgendwie durch, doch Bin Hamster schwor Rache und so nahm alles seinen Lauf.

„Salamat xeyr kömak edin istardim. Ohmasa hesabi qal xeyr miradim!“, so lautet ein aserbaidschanische Sprichwort, was so viel heißt wie „Dopst du den Hamster vor dem Kampf kriegt das Tierchen einen Krampf!“ Man sollte einen gedopten Hamster also nicht zu streng beurteilen. Bevor man über einen Hamster (oder einen Menschen, das spielt keine Rolle) urteilt, sollte man sich überlegen, ob er nicht vielleicht als Findelkind in einem pakistanischen Terrorcamp aufgewachsen ist, wo er von einer 97jährigen libanesischen Bauchtänzerin erzogen wurde. Es kann ja sein, dass dieser Mensch (oder Hamster) im Zuge einer von der CIA fingierten Geiselnahme später unter Mitwirkung des Mossad nach Ostwestfalen gelangte, wo er als Straßenkind lebte. Möglicherweise geriet er von dort aufgrund einer Fehlbuchung des örtlichen Reisebüros in die Wirren des Falkland-Kriegs, überlebte den Untergang eines undichten U-Bootes dadurch, dass ihn ein unter panamaischer Flagge fahrendes holländisches Walfangmutterschiff aufgriff und schließlich von moldawischen Menschenhändlern nach Nepal verkauft wurde, wo er Reinhold Messner als Sherpa diente, ehe er bei dichtem Nebel über die Schneegrenze taumelte und in chinesische Gefangenschaft geriet. Es kann ja sein, dass Opiumhändler aus Laos ihm zur Flucht verhalfen. Unter Umständen endete diese im Rahmen einer von Interpol organisierten Drogen-Razzia im Hafen von Rotterdam. Da dieser Hamster (oder Mensch) womöglich unrasiert und nachlässig gekleidet war, kam es zu einer Verwechselung mit einem seit längerem gesuchten Al-Kaida-Mitglied, woraufhin er erst nach Guantanamo und von dort aus später in eine Spezialeinrichtung in der Ukraine verbracht wurde. Und irgendwann wurde er entlassen und fristet heute ein zufriedenes und ruhiges Dasein auf Grönland. Falls er sich nun mit der Absicht trägt, Straftaten zu begehen, sollte er sich jedenfalls keine allzu großen Hemmungen auferlegen. Viel passieren kann ihm da nicht. Angesichts der zu erwartenden mildernden Umstände (schwere Kindheit und Jugend) könnte er wahrscheinlich einen Doppelmord verüben, ohne dafür in den Bau zu müssen. Therapeutisches Morden, sozusagen. Wie dem auch sei, ich schweife gerade ein bisschen ab.

Noch eine Stunde bis zu den Kämpfen. Eine Stunde bis zum größten Comeback in der Geschichte des Kampfhamstersports.

Ich sitze in der ersten Reihe, rauche Achteurofünzigzigaretten, trinke mein sechstes Bier und schwitze wie ein Schwein. Ich überlege, ob ich später nicht doch lieber direkt in meinem Zimmer verschwinden soll, Molly (oder Dolly) wird immer unattraktiver. Gerade unterhält sie sich angeregt mit Paddy, der mit roten Ohren unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutscht. In Gedanken halte ich den Bitch-O-Meter an diese Szenerie, doch ich komme nicht mehr dazu irgendetwas auszuwerten, denn die Hamster werden in den Hof gebracht. In ihren Hamsterkäfigen machen sie sich im Laufrad warm.

Sein erster Kampf fand in Malaysia statt. Er stand so unter Strom, dass sich das Rad wie von selbst drehte. Ein Hamster namens Alfred, ein schwarzweiß gestreifter malayischer Kampfhamster, eine Spezialzüchtung, die ursprünglich aus Aserbeidschan stammt und im Zuge der Völkerwanderung auch den malayo-polynesischen Sprach- und Siedlungsraum eroberte, war sein erster Gegner. Mit Rücksicht auf die ethnischen Wurzeln hatte der Erstbesitzer den Hamster auf den schönen alten aserbeidschanischen Namen Dağsiçanı getauft, was im Deutschen so viel wie Hamster bedeutet. Es hat dem Zweitbesitzer viel Zeit und Mühe und auch Geld gekostet, ihm beizubringen, dass er fortan Alfred hieß. Denn der zu Rate gezogene Hamsterlogopäde war ein echter Halsabschneider. Apropos Hals: Alfred verlor seinen letzten Kampf, wie erwartet, gegen den Champ, weil ihm der Champ die Halsschlagader durchbiss, was einen klaren Verstoß gegen das Reglement der Internationalen Kampfhamster- und Hamsterkampforganisation (IKHHKO) darstellte, jedoch ungeahndet blieb, weil der Besitzer sich aufgrund der hohen Kosten für den Logopäden keinen teuren Rechtsstreit mehr leisten konnte. Zum Glück! Wir hätten gerade wieder heim fahren können, alle Mann!

So fuhren wir also danach nach Frankreich (an Frankreich kann ich mich kaum erinnern, wir waren nur am Saufen), wanderten über die Metaebene nach Russland und kamen dann irgendwann letzten Monat in Großbritannien an. Über England kann ich wirklich nicht viel erzählen, da war das Wetter die ganze Zeit nur so mittel. Irgendwann hat es dann sogar angefangen zu Nieseln. Ach, scheiß was auf den Regen, meinte Paddy und erinnerte mich an Malaysia. Dort sagen sie: "Lebih baik hamster mati di roda sebagai tukang pos di ransel." Das heißt so viel wie: "Besser einen Hamster im Rad als einen toten Briefträger im Rucksack." Ja, in Malaysia hat es mir definitiv am besten gefallen.

Der Rest ist Geschichte.



Tags: Hamster, Kampf
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44 Antworten

Kommentare

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    Genial! :D

    23.04.2013, 15:51 von Sommerschein
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    :D herrlich bescheuert. Fein.

    12.04.2013, 16:46 von nyx_nyx
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  • 1

    Kampfhamster ?!?!? Hier bin ich !!

    11.04.2013, 09:20 von Sambre
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  • 0

    Stand in Deinen Grundschulzeugnissen immer: ...außerdem hat er eine sehr große Vorstellungsgabe, seine Phantasie ist unbegrenzt. ???

    11.04.2013, 08:38 von cosmokatze
    • 1

      nee, so was Nettes stand da glaub ich nicht. mehr so "...und hat Schwierigkeiten dem Unterricht zu folgen."

      11.04.2013, 09:19 von derWaschbaer
    • 0

      Stand bei mir auch drin....aber wie sollte ich mich auch konzentrieren wenn die Katze neben mir saß

      11.04.2013, 09:21 von Sambre
    • 0

      habt ihr euch nicht erst in der Krabbelgruppe "neon" kennen gelernt?

      11.04.2013, 09:22 von derWaschbaer
    • 0

      nope


      11.04.2013, 09:23 von Sambre
    • 0

      hach, schön.

      11.04.2013, 09:24 von derWaschbaer
    • 0

      wir wollten halt beide was " Richtiges "......und nicht nur nen Wochenendfick !! ;o)

      11.04.2013, 09:26 von Sambre
    • 0

      ach, aus "was Richtiges" kann aber auch "sonntags zwischen Tagesschau und Tatort" werden.

      11.04.2013, 09:29 von derWaschbaer
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      der Film is noch nicht ganz fertig geschnitten. Erstaustrahlung voraussichtlich: Oktober 2014 (im HR-Fernsehen).

      das is doch nur ne Geschichte. mich gibts gar nicht.

      10.04.2013, 13:35 von derWaschbaer
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      das kann nur jemand daherreden, der noch nie in der Drogenhölle war.

      11.04.2013, 08:37 von cosmokatze
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  • 1

    Ich liebe es. Und ich kauf mir nen Hamster.

    10.04.2013, 12:20 von Freulein_Taktlos
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    Liest sich zwar ganz gut, aber mir fehlt die Prise echter  Irrsinn, mir ist das grad zu abgeklärt und ironisch, aber ein Lob für die Waschbärfantasie.

    10.04.2013, 10:35 von EliasRafael
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    • 1

      Google-Übersetzer, Scheißendreckmaschine.

      10.04.2013, 10:21 von derWaschbaer
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    hach, cork

    10.04.2013, 07:49 von MaasJan
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      wenn man unbedarft ist, kann man "herz" und "symbol" googlen und dann ganz galant copy paste;)

      10.04.2013, 11:15 von MaasJan
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    • 3

      nach diesem verfahren (ich lass es patentieren) kann man auch viel anderen nützlichen kram einfügen!

      10.04.2013, 11:22 von MaasJan
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