2:2 gewonnen
Frauen, Fußball, Iran. Drei Worte, die nicht zusammenpassen? Von wegen!
Bei der Landung wird’s ernst. Fast unbemerkt haben die Frauen in den vorderen Sitzreihen während des Anflugs auf Teheran ihre Kopftücher angezogen und sich in waschechte Iranerinnen verwandelt. Nur wenige von ihnen schieben allerdings das Stück Stoff so streng bis über den Haaransatz, wie es die Mullahs gern hätten. Zögerlich ziehe nun auch ich einen knielangen Mantel über und lege mein „Kopftuch“ (es ist ein Schal von H&M) um. Meine ganze Mannschaft amüsiert sich prächtig bei der ungewohnten Verwandlung, und jede gibt der anderen Modetipps für das richtige Aussehen. Paros, unsere Torhüterin, muss lachen, als Zuzu ihren Schal um den Kopf bindet. Die Vollblutstürmerin trägt zu Hause in Kreuzberg nie ein Kopftuch, selbst wenn ihr tunesischer Vater sich drüber freuen würde. Nun muss sie aber zugeben, dass ihr der Look steht. Trotzdem meint sie: „Das ist nix für mich. Viel zu viel Aufwand.“
Unsere muntere Truppe fällt auf zwischen den anderen Reisenden am Flughafen, die immer wieder zu uns herübergucken. Die Frauen wirken abweisend, die Männer amüsiert. Sie fragen: „Wer seid ihr? Was wollt ihr hier? Warum kommt ihr nach Iran?“ Und grinsend antworten wir: „Zum Fußball spielen.“ Wir scharen uns um unseren Vereinspräsidenten Herr Karaduman, der unbedingt mitkommen wollte. „Diese Mannschaft, gute Mannschaft“, sagt er stolz, wenn er über uns redet. Er wird sich in den nächsten Tagen viele neue Freunde machen und dennoch immer wieder den Kopf schütteln. „Iran, eine komische Land,“ murmelt er dann.
Wie komisch, das merken wir im Hotel. Denn dort angekommen lernen wir gleich unsere Anstandsdamen kennen. Die zwei jungen Mädchen im langen schwarzen Gewand, dem Hijab, wurden vom iranischen Fußballbund abgestellt, um auf uns zu achten. Für die nächsten Tage versuchen sie, sich wie Schatten an unsere Fersen zu heften, haben aber bald Blasen an den Füßen. „Zwei Mädchen laufen nach rechts, zwei nach links. Ich kann nicht allen folgen“, beklagt sich eine der „Ninjas“, wie wir sie heimlich nennen. Trotzdem versuchen beide, ihrer Aufgabe nachzukommen und erheben ständig mahnend den Zeigefinger: Nicht so laut lachen. Nicht so laut reden. Das Kopftuch schön fest ziehen. Und bitte keinen Körperkontakt zu anderen. Die Herzen der Ninjas zu erobern, schaffen letztendlich nur Zuzu und Paros. Sie laden die beiden kurzerhand zu einer Tasse Kaffee aufs Hotelzimmer ein. Bei der Abfahrt fünf Tage später entlocken sie den strengen Ordnungshüterinnen sogar ein paar Abschiedstränen.
Mehr als ein Jahr haben die Vorbereitungen für unserer Reise nach Teheran gedauert. Und mehr als einmal wurden uns Steine in den Weg gelegt. Aber jetzt ist es soweit. Was anfangs ein schlichtes Freundschaftsspiel zwischen einer iranischen und einer deutschen Frauenmannschaft werden sollte, ist nun das erste öffentliche Frauennationalmannschaftsspiel auf dem Boden der Islamischen Republik. „Die Sache musste solche großen Ausmaße annehmen. Ansonsten hätte es nie geklappt“, erklärt Valerie, die zusammen mit ihren Geschwistern das Projekt ins Leben gerufen hat. Ihr Traum ist es, einen Dokumentarfilm über die ganze Unternehmung zu drehen. Daher war eine Kamera von Anfang an dabei. „Football under Cover“ heißt das Filmprojekt, das bald in deutschen Kinos zu sehen sein wird. Der Iranische Fußballbund verspricht sich vom Spiel hingegen ein besseres Image, als fortschrittlicher und offener Staat. Die Spielerinnen meines Berliner Vereins Al-Dersimspor wollen einfach nur kicken. Nein, nicht nur das. „Wir sind hier, um so den iranischen Spielerinnen zu helfen“, erklärt unsere Trainerin Safiye der Mannschaft. „Damit die auch endlich richtig spielen dürfen.“ Bis vor kurzem war es den Fußballerinnen der insgesamt etwa 20 iranischen Frauenmannschaften nämlich nur erlaubt, in der Halle zu spielen. Beim so genannten Futsal feierten sie allerdings schon Erfolge, vor allem bei den Vierten Islamischen Frauenmeisterschaften, die im vorletzten Jahr in Teheran statt fanden. Im Herbst 2005 durfte eine Auswahl schließlich zu den Westasiatischen Fußballmeisterschaften. Zum ersten Mal mit elf Spielerinnen an frischer Luft und auf Rasen. Die Mädels belegten prompt den zweiten Platz hinter ihren Gastgeberinnen aus Jordanien.
Die erfolgreichen iranischen Spielerinnen sehen wir aber sobald nicht. Stattdessen trainieren wir zum ersten Mal in unserer echten Spielkleidung. Die Trikothosen reichen bis zu den Waden, und die weiten Hemden verdecken alle Körperrundungen. Und ja, wir tragen auch auf dem Platz Schleier; ein Stirnband hält alles am rechten Platz. Entgegen aller Erwartungen behindert das Kopftuch aber kaum. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, es bei der Begegnung zu tragen. Eigentlich könnten wir auch ohne, da wir nur vor weiblichem Publikum und zudem in einem armenisch-christlichen Stadion spielen werden. Aber wir wollen beweisen, dass der Schleier kein Grund dafür ist, Mädchen den Fußball zu verbieten. Und wir wollen, dass die iranischen Medien groß über das Spiel berichten, was sie niemals täten, wenn wir uns unsittlich kleideten.
Unsere Aufregung vor dem Spiel ist riesig, und die Frage nach der Spielstärke der gegnerischen Mannschaft brennt uns auf dem Herzen. Wir haben keine Ahnung, was wir erwarten sollen. Wir sind nicht hier, um unbedingt zu gewinnen, aber blamieren wollen wir uns auch nicht. Unser Umfeld hilft nicht wirklich dabei, uns zu beruhigen. Alles ist höchstoffiziell. Wir treffen führende Persönlichkeiten der iranischen Sportwelt, teilen uns das Hotel mit der Herrennationalmannschaft und bekommen sogar Besuch von Vertretern der FIFA, die uns zu unserem Engagement beglückwünschen. „It’s a historical moment“, sagt Christina Ramos, die sich weltweit für den Frauenfußball einsetzt. Urs Zanitti, verantwortlich für das Entwicklungsprogramm des Weltfußballverbands, lobt ebenfalls die „großartige Initiative“, doch meint mit Blick auf den iranischen Frauenfußball: „It’s still a long way to go.“
Am Spieltag, einen Freitag, ist die Spannung so erdrückend, dass ich fast zerspringe. Beim Aufwärmen im Ararat-Stadion sehen wir zum ersten Mal die andere Mannschaft. Ich schaue hinüber auf die andere Spielfeldhälfte. Dort flanken sich die Iranerinnen lange Bälle zu. Aha, das können sie also schon mal. Nicht schlecht. Zurück in der Kabine werden wir von der Schiedsrichterin und Frau Ramos kontrolliert. Wir zeigen unsere Pässe. „Position: Player, Jersey Number: 15, Country: Germany”, steht auf meinem. Zwei Minuten später stehen wir im Kabinentunnel neben den Iranerinnen in Reih und Glied. Sie sind konzentriert, aber manch eine kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Mahdavikia, Hamburg“, sagt das Mädchen neben mir Augen zwinkernd. „Ali Daei“, sage ich und weise stolz auf meine Stutzen, wo der Name des Rekordnationalspielers prangt. Er hat diesen Trikotsatz für uns gesponsert. Die Iranerin lacht, als sie sieht, dass ich meine Hose in die Stutzen gestopft hat. So streng sind die Sittenegeln wohl doch nicht. Sogar die Hemdsärmel darf man lässig hochschieben.
Wir treten aufs Spielfeld. Es muss genau 15:52 Uhr sein, denn so wurde es zuvor im offiziellen Protokoll festgelegt. Die Zuschauerinnen jubeln. „Iran, Iran, Alman, Alman“. 2000 begeisterte Frauen, die entschlossen sind, 90 Minuten lang durch zu singen. Um 15:55 liest ein kleines Mädchen aus dem Koran vor. Die Nationalhymnen sparen wir uns. 16:00: Kick – off. Auf dem Platz ist keine Zeit für vorsichtiges Annähern. Die Iranerinnen steigen gleich voll ein, aber wir halten uns gut. Und tatsächlich gehen wir bald in Führung. Ecke, Kopfball, Tor. 1:0. Kurz darauf ein Schuss aus dem 16-er, 2:0. In der zweiten Halbzeit aber reicht die Kondition nicht mehr. Die Iranerin holen auf. Sie sind fitter, jünger, ehrgeiziger. 20 Minuten vor Schluss schießen sie letztendlich den Ausgleich. Das Publikum ist außer sich vor Freude und lässt sich auch von den Ordnerinnen und Polizistinnen den Spaß nicht vermiesen. Es wird getanzt, gesungen und gelacht. „Schwestern, wenn ihr nicht aufhört, könnt ihr ja gleich in die Disko gehen.“ sagt drohend die Stadionsprecherin. „Prima,“ rufen die vergnügten Zuschauerinnen und fügen mit einem ironischen Augenzwickern hinzu: „Wo wäre denn da die nächste?“ Schwerlich kann ich mir vorstellen, hier unterdrückte Bürgerinnen eines Folterstaats vor mir zu sehen.
2:2 lautet das Endergebnis. 2:2 gewonnen.
Nach dem Abpfiff habe ich kaum Zeit durchzuatmen, schon klemmt ein Mikro unter meiner Nase. „How is our Iranian team?“, will die Reporterin eines Fernsehsenders wissen. Jetzt bloss nichts Dummes sagen. „Sie haben toll gespielt. Es war eine große Ehre für uns, gegen sie anzutreten. Sie haben unheimliches Potential und müssen unbedingt weiter gefördert werden.“ - „Wie war es mit Schleier zu spielen?“, fragt die Reporterin weiter. „Ich habe fast vergessen, dass ich ein Kopftuch trage“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Das Kopftuch ist auf jeden Fall kein Grund, weshalb Frauen hier nicht spielen könnten.“ Von der Journalistin weg zieht es mich zur Tribüne. Scharen von Mädchen klemmen am Absperrgitter und wollen ein Autogramm. Während ich ein wenig befangen in Notizbücher und auf Zettelchen meinen Namen schreibe, reden sie auf mich ein, auf deutsch, auf englisch, mit Händen und Füßen. „I love you! I love you!“, sagen sie ohne Unterlass. „I love you, too“, antworte ich, völlig überwältigt von so vielen unerwarteten Liebesbekundungen.
Auf der Heimfahrt zum Hotel schäumen wir vor Emotionen über. Begeistert erzählen wir unseren männlichen Begleitern, die nicht zugucken durften, von unseren Eindrücken. Sie wiederum haben die Stimmung vor dem Stadion eingefangen, wo Ehemänner, Brüder und Väter geduldig auf ihre Frauen, Schwestern und Töchter warteten, die beim Fußballfest waren. Am nächsten Morgen können dann schließlich alle in der Zeitung lesen, wie die Begegnung gelaufen ist. Man redet über das Spiel und zeigt sogar Bilder. In mindestens fünf Zeitungen sieht man uns in Aktion, und auch in den Abendnachrichten ist von der Fußballpremiere die Rede. Zusammen mit der iranischen Mannschaft feiern wir den Erfolg am Abend bei einem großen Essen. Wir haben es geschafft. So sehr geschafft, dass es in diesem Sommer zu einem Rückspiel in Berlin kommt. Inshallah. So Gott will.






Kommentare
inshallah.
12.05.2007, 02:29 von PDK(sehr schönes projekt, sehr guter artikel, schön das... wann findet denn das rückspiel - im falle des falles statt? )
lg
*p
Es kommt wirklich zu einem Rückspiel: 1. Juni, 18.30 Uhr im Katzbachstadion (Dudenstr. 44-46) in Berlin-Kreuzberg. Mehr Infos und Tickets unter. http://www.bsv-aldersim.eu/bsv_vs_iran/
11.05.2007, 08:52 von Novemberkindumlaute? unleserlich? hä?
10.05.2007, 16:14 von yngvisuper text, voll angenehm zum lesen!!!
der Artikel ist wirklich interessant!
27.09.2006, 15:33 von stellalunaWeiterhin viel Spass beim Kicken :-)
Ich fand deinen Artikel echt klasse. Das Besondere der ganzen Reise hast du gut eingefangen.
29.08.2006, 02:53 von HippolyteIch bin mal deinen Links gefolgt und habe mir die Bilder angesehen. Die haben mich an ein Wintertraining im Freien erinnert, denn wir haben ab und zu die Leibchen der Männer (und die sind uns zu groß...)abgesehen von den Kopftüchern, die wirklich exotisch wirken.
Was ich mich fragte: Wieviele Mädchen und Frauen haben im Iran überhaupt nicht die Möglichkeit, Fußball zu spielen. Wieviele dürfen nicht mal auf ein Frauenspiel?
Und wieviele haben es schon mal geschafft, sich bei einem Männerspiel ins Stadion zu schmuggeln?
Wieviel Kraft kostet es, die kleinen erlaubten Freiräume für sich zu erschließen - und wieviel Geld? Und wer sind die Frauen, die sich sogar an das Verbotene wagen?
Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass kickende Mädchen im Iran nur auf positive Reaktionen seitens ihres direkten Umfeld stoßen. (wenn selbst wir in Deutschland immer wieder dämliche Sprüche zu unserem Lieblingssport hören müssen...)
Ich hoffe, dass es zu einem Rückspiel kommen wird - irgendwann.
Superinteressant!!! Vielen Dank dafür!
28.08.2006, 20:40 von barcafan