11:35
Zum ersten Mal in meinem Leben verstehe ich, was Konfuzius meinte, als er uns darauf hinwies, dass der Weg das Ziel sei.
Alles fing damit an, dass ich mich an meine überaus miserablen Sprint- und Streckenleistungen zur Schulsportzeit erinnerte und mir klar wurde: Wenn du deine beruflichen Ziele erreichen willst, muss du deiner sterblichen Hülle Kondition antrainieren. So stieg ich im Sommer zweimal die Woche in die Turnschuhe und trottete um den Tümpel vor meiner Haustür. Nach 15 Minuten hatte ich einen Stress-, Agressions- und Erschöpfungspegel, der jeder Beschreibung trotzt.
Vor jeder Runde dachte ich: Heute wird es besser. Aber schon nach fünf Minuten konnte ich es nicht mehr leugnen: Ich fand das Laufen zum Kotzen. Es war anstrengend, ich wurde nicht besser und Spaß hatte ich schon gar keinen. Und trotzdem konnte ich meinen inneren Schweinehund Woche für Woche bezwingen - wenigstens das gab mir ein gutes Gefühl.
Als ich mal wieder unter besonders großer Unlust litt, wies mich ein sporterfahrener Freund darauf hin, dass ich gar nicht wissen könne, ob sich meine Leistung verändert, wenn ich sie nicht messe. Also schleppte er mich auf die Aschebahn unseres Vertrauens und nahm die Stoppuhr in Betrieb. Zwei Kilometer wollte ich in maximal 11:40 Minuten hinter mich bringen. Ich hatte regelrecht Angst vor dem Ergebnis, das ich mir selbst zutraute: 15 Minuten, schneller würde ich nicht sein, da war ich mir sicher. Schon vorher war ich deprimiert und suchte verzweifelt eine Antwort auf die Frage, wie um alles in der Welt ich 3:20 Minuten schneller werden sollte.
All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich meine Runden um den Platz drehte. An der 2000 Meter-Marke traute ich mich kaum, nach meiner Zeit zu fragen und doch überraschte sie nicht nur mich: 11:35 Minuten! Ich beschloss sofort, nie wieder mit dem Laufen aufzuhören. Jetzt hatte ich Blut geleckt, jetzt wollte ich schneller werden - schnell wie der Wind. Was sich anhört wie ein Märchen war auch eines. Denn das Hochgefühl über meine unerwartet gute Leistung hielt genau von zwölf bis mittags. Schon beim nächsten Lauftraining hatte ich ebenso viel Spaß wie in den Monaten davor: Gar keinen.
Als ich dieses Leid einem bekennenden Sportfanatiker klagte, sagte dieser glatt: "Ich bringe dir das Laufen so bei, dass du Spaß daran hast." Ich höre mich noch heute über seine Aussage lachen. Und doch war ich derart darauf erpicht, diese Behauptung zu widerlegen, dass ich es zumindest versuchen wollte. Mein Laufagent hatte uns eine schöne Strecke ausgesucht: durch den Tiergarten, am Kanal im neuen Regierungsviertel entlang, an Schloss Bellevue und diversen Botschaften vorbei und über die Straße des 17. Juni zurück zur Goldelse. Insgesamt knapp 9 km.
Wir liefen, quasselten, lachten. 90 Minuten (inklusive Gehpausen) später konnte ich kaum glauben, dass ich tatsächlich so lange durchgehalten hatte und wie sehr mir die Füße qualmten. Ich sag euch eines: Otto-Normal-Turnschuhe eignen wirklich gar nicht zum Laufen! So stand ich drei Tage später in einem Fachgeschäft für Sportbekleidung. Noch nie hatte ich Schuhe an, die so bequem waren, dass ich meinte, kleine Wolken an den Füßen zu tragen.
Mit meinen Laufschuhen lief ich fortan wie eine junge Göttin, so mein Gefühl. Mein Laufpartner eröffnete mir unterdessen, dass er uns für den Berliner Halbmarathon am 1. April anmelden wird. Mir wurde kurz schwindelig, dann war ich wieder kurz davor laut aufzulachen - und erinnerte mich an die letzte vergleichbare Situation. Ich muss wohl zustimmende Geräusche von mir gegeben haben, denn mein Gegenüber grinste wohlwollend.
Inzwischen vergeht kein Tag, an dem ich nicht ans Laufen denke. Ich kann den 1. April kaum abwarten, bin gespannt und doch wieder am Zweifeln: Will ich da wirklich mitmachen? Kann ich das schaffen? Noch vor einem halben Jahr hätte ich meine Schuhe am liebsten an den Nagel gehängt und jetzt will ich einen Halbmarathon laufen? Bin ich denn von allen guten Geistern verlassen? An dieser Stelle meldet sich eine leise Stimme, die stark an die des chinesischen Philosophen erinnert und ermahnt mich, den Weg als Ziel zu sehen. Nie hat mich ein Projekt glücklicher gemacht, nie habe ich aus mir selber soviel Kraft schöpfen können. Ich wette, Konfuzius wäre stolz auf mich, wenn er das lesen könnte."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
Deine Erfahrungen sind sehr ermutigend und ich bin beeindruckt von deiner Disziplin.
07.07.2007, 13:03 von GoodCharlotteIch nehme mir auch ständig vor, in den Ferien jeden Tag ein paar km zu laufen, um meine Form während der sportfreien Zeit (ich trainiere normalerweise 3x die Woche 2 Stunden Volleyball) nicht vollends zu verlieren. Bisher hat das aber noch nie geklappt, wegen mangelnder Selbstdisziplin. Diese Sommerferien versuche ich es wohl noch mal...
@GoodCharlotte ein bekannter von mir hat da ein ziemlich hilfreiches konzept entwickelt: er als computer-nerd mit hang zum waschbärbauch wegen zu vieler nächte am rechner wollte sich zur fitness treiben, was mangels fähigkeit sich selbst in den arsch zu treten zunächst scheiterte. was machen computernerds in so einem fall? richtig! sie entwickeln ein computerprogramm, dass ihnen hilft, sich selbst in den arsch zu treten. entstanden ist daraus www.endorphinum.de, eine plattform auf der man sein eigenes trainingsprofil abspeichern kann, sich mit anderen usern messen kann und sich ränge und titel erlaufen kann... das ganze 100% kommerzfrei und einfach nur aus spaß an der freud und durch den zuspruch vieler weltweiter user entwicklet... check das mal aus!
11.10.2007, 14:01 von touristich find die idee super.mit dem per pedes.
17.01.2007, 21:46 von snopstardiese leidenschaft besteht seit der 3. klasse.
aber ich habe laufen auch nie gehasst.
und ich weiß nicht wie lange sie noch anhält,nur...es ist mir auch irgendwie egal.
es überkommt mich eben immer einfach so.
und bei dir scheint das ja auch somehow der fall zu sein-deshalb solltest du dir lieber keine sorgen mehr machen darum,dass die leidenschaft dich irgendwann eventuell verlässt,sondern eher dass dich sicher irgendwann die kraft verlässt.
(klingt fies ich weiß)
also,lass uns die straßen weiter erhitzen solange wir noch können baby!!
@geistesblitz
16.01.2007, 18:00 von QuergedachtNaja, das Futtern ist ja ganz normal. Schau, dein Körper stellt sich auf den höheren Energieverbrauch ein und sagt: "hoppla, da muss ich auch mehr essen!" Wenn du ein bißchen darauf achtest, was du alles isst, nimmst du aber ab, trotz höherer Kalorienzufuhr, denn dein Grundumsatz steigt zusätzlich zum Trainingsverbrauch durch die trainierten Muskeln. Die arbeiten weiter, auch wenn du Pause machst. Abnehmen im Schlaf! Wer träumt nicht davon??
*lach*
Also nicht übertrainieren! Erst Regelmässigkeit, danach Umfang und als letztes intensität, sprich schneller werden. Dann klappt's auch mit dem Marathon!
(Sportschule Warendorf lässt grüßen! )
@Quergedacht Das ist ein wunderbarer Nebeneffekt. Und noch schöner ist: selbst wenn ich nicht an Masse verliere, bleibe ich dabei, weil das gar nicht das Ziel ist. Vor allem Kohlenhydrate könnte ich kiloweise schaufeln: Pasta für Geistesblitz!
17.01.2007, 10:17 von GeistesblitzZuerst regelmäßig, dann längere Strecken und dann schnelle, lange Strecken. Guter Tipp, danke!
Die Rollwende würde ich auch gern können - ein bißchen angeben, wenn sonst nix besonderes kann im Wasser (und mit meiner Schwimmbrille auch noch zum schießen aussehe ...) :-)
Und das geile Körpergefühl habe ich zum Glück schon während des Sports (zumindest beim laufen). Beim Schwimmen habe ich es immer danach (wenn die Haut und sämtliche Problemzonen beim eincremen so straff sind wie noch nie).
Hallo Geistesblitz,
15.01.2007, 12:47 von PipiLongStockingsehr inspiriender Artikel. Ich hasse naemlich Laufen und bin beim letzten Versuch klaeglich gescheitert. Dein Beitrag bringt mich aber dazu, nochmal darueber nachzudenken.
Du erwaehntest Internetforen. Kannst du mir eine gute Seite empfehlen?
@PipiLongStocking Tach Pipi!
17.01.2007, 10:12 von GeistesblitzWoher kam dieser Hass? Ich meine, was fandest du besonders schlimm am Laufen? Vielleicht kommen wir dem Übel mit einer Fehleranalyse näher ... ;-)
Schau mal hier: www.laufen-aktuell.de, www.laufforum.de, www.lauftreff.de
Ich würde dir auch die Zeitschrfit "aktiv laufen" ans Herz legen, eine Leseprobe kannst du auf deren Seite anfordern: www.aktiv-laufen.de
ich liebe diesen text.
14.01.2007, 19:17 von snopstarund ich liebe laufen.
ich könnt den ganzen tag laufen.
vom einen zum anderen ort und wieder zurück und drum herum und oben drüber,unten drunter durch,in großen oder kleinen schritten,immer den weg als ziel vor augen,immer weiter,weiter,weiter...ist wie eine sucht.
und:
der text beschreibt das alles so grandios,
ich denk ich lauf schnell nochmal los.(reim)
@snopstar Wielange besteht diese Liebe schon? Ich habe große Angst, dass ich eines Tages aufwache und keine Lust mehr auf das Laufen habe. Ich würde meine momentane Ausgeglichenheit schmerzlich vermissen. Heute Abend steige ich wieder in die Laufeschuhe und kann es kaum erwarten - lieber Gott, bitte erhalt mir meine Leidenschaft.
17.01.2007, 10:06 von GeistesblitzIch habe auch schon überlegt, dass ich die 6 km (à Strecke) meines wöchentlichen Wochenendbesuchs bei meinen Eltern fortan weder mit dem Auto, noch auf dem Rad, sondern per Pedes zurücklegen werde... Die werden mich für verrückt erklären =)
Hey, also mal ehrlich, Jungs & Mädels, ihr könnt einem Sportler doch nicht "viel Glück" wünschen. Das geht doch echt net... "Glück haben andere - wir haben Erfolg"! Dummer Spruch? Ich find, der hat nen wahren Kern. Wie auch immer, ich drück dir die Daumen für Deinen Halbmarathon und viel - ja *trommelwirbel*- Erfolg. Darüberhinaus: Ich find es echt toll, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich dazu entschließen laufen zu gehen. Noch viel besser würde ich es finden, wenn sich der ein oder andere auch mal auf die Mittelstrecke verirren würde. schönen abend, lasst es krachen. es grüßt ein leichtathletik-tobitobi *der heute übrigens ne neue persönliche besteleistung über 800 aufgestellt hat*angebangeb*
13.01.2007, 23:41 von tobitobi@tobitobi *Grins* Ich wünsche generell nie Glück, es sein denn, eine Aufgabe ist nicht anders zu schaffen. So gesehen fühle ich mich schon ziemlich erfolgreich. Und noch eine gute Nachricht: diesen Sonntag begebe ich mich auf eine Mittelstrecke von 3,2 km zum Winterwaldlauf und bin schon sehr gespannt. Mal sehen, ob meine gelaufene Zeit es würdig ist, hier veröffentlicht zu werden.
17.01.2007, 10:00 von GeistesblitzÜbrigens: Glückwunsch zu deinen 800 Bestgelaufenen!
Ich hadere noch mit mir selbst, hab bei einem Halbmarathon meinen Trainingspartner, seinen Kumpel und einfach alle angefeuert. Tee getrunken und Kekse gegessen und hab schon begeistert davon gesprochen, das nächstes Jahr wieder zu tun, als er sagte, "wieso, nächstes Mal läufst du doch mit..."
13.01.2007, 22:04 von frolleinmuellerBin eigentlich eher ein Anti-Läufer und seh keinen Sin darin, ohne ein Ziel (auf etwas zu, Bestzeiten interessieren mich mal gar nicht) zu laufen.
Naja, vielleicht. Bis Dezember hab ich ja noch Zeit...
@frolleinmueller Ich habe auch nie nach einem Sinn gesucht. Aber die Bewegung, die frische Luft, die Strecke - das alles ergibt in meinen Augen Sinn. Und mein Körper Wohlgefühl bestätigen mir das. Wage es doch einfach, hast ja nichts zu verlieren! Viel Erfolg.
17.01.2007, 09:57 von GeistesblitzDeine Reaktionen auf die Einladung, das Laufen "neu zu lernen" deckt sich ziemlich mit meiner vor sieben Jahren. Ein Freund meiner Eltern hatte meinen Vater von dem Vorschlag, er und ich sollten uns doch mal zu einem Halbmarathon anmelden, überzeugt und er freute sich riesig darauf.
13.01.2007, 20:12 von MarkesIch selbst konnte mich nie zuvor für das joggen begeistern, war im Schulsport ziemlich schlecht. Dennoch nahm ich die Idee an - als Herausforderung. Der Halbmarathon als Aufgabe, die ich bewältigt haben wollte. Dann ging ich durch's Ziel und war noch nicht mal völlig erschöpft - da war noch mehr drin. Nach drei Halbdistanzen wollte ich dann auf's Ganze gehen: Berlin Marathon 2001, dann sollte Schluss sein. Und so war es auch. Aber auch wenn laufen für mich heute meistens nur noch Aufwärmtraining im Fitness-Studio ist, bin ich doch noch stolz auf meine Leistung von damals...
@Markes Glückwunsch, Markes! Diese Worte möchte ich hier spätestens am 3. April auch posten können ... Aber warum hast du aufgehört?
17.01.2007, 09:54 von GeistesblitzMuss man sich mal vorstellen, die erste Blase am Fuß fängt schon an zu bluten und die Otto-Normal-Turnschuhe fangen an mit deinen Füßen zu verwachsen, doch es geht weiter, die Kniee knacken alle 10 m und auch der Rücken scheint eine ungesunde Krümmung zu bekommen, doch es geht weiter. Ich liebe laufen, ich hab es früher mal als Leistungssport gemacht, denn auch ich (danke an all die Elemente der Biologie, die das ermöglicht haben) habe das Laufen eher in die Wiege gelegt bekommen (10km in 42min). Doch dann (der Schmerz war groß) bin ich die Treppe runtergefallen und aus war es mit dem laufen, denn jetzt bluten nicht nur die Füße und der Rücken verschiebt sich, nein auch die Lunge wird kleiner und kleiner, bis sie irgendwann auf Rosinengröße geschrumpft ist.....
13.01.2007, 14:47 von Hohes-Caber ich bewundere alle Schweinehundbezwinger, ich könnte nach solchen Texten echt meine Abneigung gegenüber dem Mernschengeschlecht ablegen :-)
Macht weiter, egal was kommt, denn ich laufe auch noch, auch wenn es jetzt kaum zu einem finish kommt .
Gruß an den Gruß
@Hohes-C Ach du lieber Himmel. Life's bitch, hm?
17.01.2007, 09:53 von GeistesblitzIch laufe weiter, immer weiter, bis zum Horizont ... Heute Abend hat der Winterwind mich wieder!