Zwei Hände für ein Halleluja
Rufus Wainwright gibt sich auf seinem 6. Album "All Days Are Nights: Songs For Lulu" ungewohnt genügsam - nur Stimme und Klavier. Weniger ist mehr.
. Rufus Wainwright, Meister der Opulenz, der vertonten Kristall-Kronleuchter und des prunkvoll ausstaffierten Broadway-Arrangements, gibt sich auf seinem sechsten Studioalbum "All Days Are Nights: Songs For Lulu" ungewohnt genügsam. Kein Orchester wie auf "Want One", "Want Two" oder "Release The Stars", noch nicht einmal eine zaghaft untermalende Violine ist zu hören. Keine Backing Vocals, kein Schlagzeug, kein Bass, keine Gitarre. Nur Klavier und Stimme. Und man vermisst den abwesenden Pomp kein bisschen.
"All Days Are Nights: Songs For Lulu" muss als Liederzyklus verstanden werden, etwa wie Franz Schuberts "Winterreise". Diese zwölf Stücke sind eher Kunstlieder als Popsongs, eher E-Musik als U-Musik. "Ich glaube definitiv, dass Kunstlieder zu den verführerisch schönsten und poetischsten Musikstücken zählen, die jemals geschrieben wurden - besonders die von Schubert", schwärmt Wainwright. "Die Beziehung zwischen Klavier und Stimme kann so wirkungsvoll, so berührend sein. Nina Simone ist ein perfektes Beispiel für diese Tradition. Es geht auch darum, keine Angst davor zu haben, kompliziert und außergewöhnlich zu sein - gleichzeitig können Kunstlieder aber auch sehr simpel sein. Aber sie haben nie Angst davor, musikalisch intensive Ideen entsprechend zu illustrieren. Und dieses Prinzip versuche ich, mir zu eigen zu machen. Aber ich würde mich niemals auf eine Stufe mit Schubert stellen."
Dass Wainwright an anderer Stelle verkündete, ein einfaches Klavierstück könne größer sein als eine sechsstündige Oper, wirkt allerdings schon etwas kokett - vor allem angesichts der Tatsache, dass er letztes Jahr mit "Prima Donna" sein Debüt als Opern-Komponist gab. Eine Arie daraus, "Les Feux D'Artifice T'Appellent", hat nun auch ihren Weg auf sein neues Album gefunden, und sogar das Feuerwerk aus der Original-Fassung wurde beibehalten - man kann einem Klavier schließlich nicht nur mittels der Tasten Töne entlocken. Mit einem anderen Stück revanchiert sich Monsieur Wainwright bei einer fiesen Opern-Kritikerin: "I will eat you / Your folks and your kids / For breakfast", verkündet er in "Give Me What I Want And Give It To Me Now!", das allerdings weniger durch seinen undiplomatischen Text als durch sein wahrlich furioses und geradezu halsbrecherisches Piano-Arrangement auffällt. "Während all dieser gigantischen Projekte wurde das Klavier mein Kokon", bekennt Wainwright. "Da fand ich Zuflucht und konnte reflektieren, was emotional in den Songs steckte. Bei so vielen Musikern, Produzenten und willkürlichen Deadlines braucht man Kraft und Durchsetzungsvermögen. Hin und wieder muss man sich aber auch auf seine Gefühle rückbesinnen können. Außerdem machte mir die Krankheit meiner Mutter zu schaffen. Das Klavier war mein Beschützer."
Während "Rufus Does Judy At Carnegie Hall" den Fokus auf Wainwrights herausragende stimmlichen Fähigkeiten legte, konzentriert sich das neue Werk nun hauptsächlich auf seine Qualitäten als Pianist und Komponist. Natürlich ist sein Gesang nach wie vor erstklassig, aber auffällig oft stehlen ihm die brillanten Piano-Arrangements die Show. Und schon wieder wirkt es etwas kokett, wenn er bezüglich seiner Qualitäten als Intrumentalist zu Protokoll gibt: "Die neue CD ist für mich eine Möglichkeit, mich dem Klavier anzunähern. Uns verbindet eine seltsame Geschichte. Ich habe unzählige Stunden genommen, aber nicht genug geübt und nie ein bestimmtes Level überstiegen. Diesen Dämon musste ich packen und meine Gefühle auf diesem Instrument ausdrücken."
A propos Dämon: Wainwright bezeichnet das Album als Opfergabe an Lulu, die "dark lady" aus der gleichnamigen Oper von Alban Berg. Eine Metapher für die düsteren Themen des Lebens: "Ich hatte Schwierigkeiten, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Da war ständig so eine dunkle Macht, die mich auf ihre Seite ziehen wollte. Diese Kraft identifizierte ich als Lulu. Von der gegenüberliegenden Straßenseite meines Lebens lockte sie mich, alles abzuwerfen und zu vergessen. Es war eine destruktive, starke Frau, die ich immer im Augenwinkel hatte. Statt sie zu ignorieren oder ihr zu folgen, beschloss ich, ihr diese Songs zu opfern. Das war eine Form von Akzeptanz dieser dämonischen Kraft, um mich nicht selbst opfern zu müssen."
Es geht auf "All Days Are Nights: Songs For Lulu" vor allem darum, emotionale Herausforderungen zu meistern. Alles beginnt mit perlenden Klavierläufen à la Débussy, einem Spaziergang durch den Big Apple, der Suche nach sich selbst und dem Mut, einfach mal zurückzufragen: "Who are you New York?" Das bewegendste Stück ist zweifelsohne "Martha", die gesungene Anrufbeantworter-Nachricht für Wainwrights Schwester, nicht lange vor dem Tod der Mutter im Januar: "Martha / It's your brother calling / Time to go up North / And see mother / Things are harder for her now." Es ist ja eine alte Familientradition bei den Wainwrights, Privates in Liedern öffentlich zu machen. A propos Tradition: "True Loves" und "What Would I Ever Do With A Rose?" könnten glatt dem Great American Songbook entstammen. Und "Zebulon", das letzte der zwölf Stücke, ist zwar wahrlich kein Lied, das einen mit seinen in Zeitlupe tropfenden Klavierklängen sofort anspringt. Aber wenn der Hall von sich wiederholenden Akkorden Glockengeläut modelliert, wird Wainwrights außergewöhnliche Musikalität in all ihrer Intensität deutlich.
Wenn es auf "All Days Are Nights: Songs For Lulu" ein Lied gibt, das man tatsächlich als Popsong bezeichnen könnte, dann ist das "The Dream". Ansonsten mäandrieren die Melodien zauberhaft zwischen Dur und Moll - am deutlichsten zu hören bei den drei vertonten Shakespeare-Sonetten, deren Musik ursprünglich für eine Inszenierung des Theaterregisseurs Robert Wilson am Berliner Ensemble komponiert wurde. Für Shakespeare findet Wainwright Worte der Bewunderung: "Ich bin vielleicht ein wenig altmodisch, halte ihn aber für den größten Schriftsteller, der jemals lebte. In sein Material abzutauchen, ist ein konstantes Wunder. Seine Sonette sind mystisch, relevant, unsterblich sowie gleichermaßen verstörend und hoffnungsvoll. Das ist wirklich große Literatur." Und auch Wainwrights künstlerische Vorsätze sind groß: "Ich will einer dieser wenigen Komponisten sein, die Shakespeare packen, so wie Verdi. Musik und Shakespeare haben eine lange und schwierige Beziehung. Ich verstehe auch warum. Man kann ihm nur gerecht werden, wenn man ihm etwas Gleichwertiges entgegensetzen kann. Es kann niemals gleich kraftvoll sein, aber man muss viel Arbeit investieren. Ich war mir bewusst, dass diese Songs ein besonderes Statement ein müssten."
Ohnehin darf "All Days Are Nights: Songs For Lulu" als Statement verstanden werden und als Plädoyer für die Rückbesinnung auf das Essentielle. Oder wie Wainwright es ausdrückt: "Die moderne Popkultur konzentriert sich auf Fragen wie Image, Produktion und Marketing. Die Musik selbst gerät gegenüber dem ganzen Drumherum ins Hintertreffen. Meine CD erinnert mich an David und Goliath. Ich stehe mit meinem winzigen Album, das nur aus Stimme und Klavier besteht, dieser gigantischen Pop-Maschine gegenüber. Wenn jemand den Riesen erlegen kann, dann dieser Zwerg."
Interviewzitate: Pressefreigaben Decca/Universal, mein Interview mit Rufus Wainwright vom 16.11.2005
Rufus Wainwright
"All Days Are Nights: Songs For Lulu"
Decca/Universal
VÖ: 30.04.2010
Tourdaten:
17.05. MÜNCHEN, Muffathalle
19.05. BERLIN, Volksbühne
31.05. HAMBURG, Kampnagel
02.06. KÖLN, Tanzbrunnen"Wichtige Links zu diesem Text"
Offizielle Website





Kommentare
Das ist virales Marketing für einen Universal-Künstler, wie auch schon in all den anderen Artikeln der Autorin zuvor.
20.05.2010, 00:07 von holo...Frau Mautz (darf ich doch schreiben, da ja nur aus dem Profil entnommen, oder?) hat ja auch mal nen Universal-Künstler für Stern (online) mit nem Artikel bedacht...
Diese Lobhudelei jetzt als normalen User-Artikel auf die Startseite zu heben hat schon "a Gschmäckle", nicht wahr?
@holo... "Diese Lobhudelei jetzt als normalen User-Artikel auf die Startseite zu heben..."
20.05.2010, 23:48 von UllaRullaGenau DAS finde ich scheiße. Und affig. Und unnötig.
Aber warum loeschst du dann den Kommentar? Stehst du nicht dazu, deine Texte in abgewandelter Form auf verschiedenen Plattformen zu veroeffentlichen? Oder soll das hier etwa keiner erfahren?
17.05.2010, 15:35 von quatzat@quatzat Wie? Den Text gibt es auch bei "www.plattentests.de"? Ein Skandal!
18.05.2010, 18:54 von zzebra:D
@zzebra Die Regeln in der hinsicht sind _dich_ betreffend sowieso schon hart strapaziert, Streifenpferd.
18.05.2010, 19:52 von quatzat@quatzat Ob rund, gestreift, gefleckt, mit Kanten,
21.05.2010, 09:12 von zzebradie Vielfalt macht's, und die Varianten.
Wenn ich schon lese: "Rufus Wainwright". Nee...*kotz*
17.05.2010, 13:20 von UllaRulla@UllaRulla Ahahahahahaha! *thumbs up*
17.05.2010, 14:29 von Lenulitschkahttp://www.plattentests.de/rezi.php?show=7510
17.05.2010, 12:13 von quatzatWas soll das denn?