ina-simone 02.03.2009, 11:59 Uhr 23 8

Zuhause, da war ich schon

Es gibt Alben, auf die kann man nicht warten. Weil man gar nicht wüsste, wann und wo.

. Diese Alben erreichen den Kopfbahnhof zu einer Uhrzeit, die sekundengenau hält, was keine Ansage versprochen hat, und fahren auf einem Gleis ein, dessen Existenz keiner Ordnungszahl bedarf. Dann sind sie einfach da, und man weiß, dass man einsteigen muss, in diesen Zug, der das Ziel kennt. Er heißt weder ICE Bruchsal noch Regionalexpress 5, sondern trägt einen würdevolleren Namen. Einen, der nach Verschwörungstheorie klingt und nach Weihrauch riecht. Zum Beispiel "Monday's ghost" - so heißt das Zweitwerk von Sophie Hunger. Dreizehn Abteile, keines davon überfüllt, die Sitze weich gepolstert, manche ein bisschen aufgeschlitzt. Der Blick zur Gepäckablage wechselt sich ab mit dem Blick aus dem Fenster, auf eine Landschaft, die schneller rast, als die Gedanken im Kopf. Wer Hunger finden will, braucht gar nicht erst im Speisewagen zu suchen - ihre Lieder leben alleine von der Sehnsucht nach dem Aufbrechen und Ankommen.

Hungers Zuhause ist überall, wo es genügend Raum für ihre betörende Stimme gibt, die schwerelos und trotzdem tief verwurzelt wirkt - in einer Seele, der man nicht glauben mag, dass sie erst seit 1983 auf dieser Welt sein soll. "We engage and we dissolve / For nothing but the change", singt sie scheinbar nüchtern, aber im Hintergrund kocht die Melancholie, auf allen Feuerstellen. Es kann kein Nebenbei geben während dieser Lieder, man muss sich ihnen ganz und gar hingeben. Von verstummten, beinahe erstarrten Menschen bei ihren Konzerten ist zu lesen, nicht nur in ihrer Heimat, der Schweiz, sondern auch in Frankreich und England. Man hört von einem umjubelten Auftritt beim berühmten Montreux Jazz Festival, von Kollaborationen mit Erik Truffaz und Stephan Eicher, aber auch davon, dass Madame Hunger nur sehr ungern über ihre Lieder spricht. Es wird schnell klar, warum: Was in Musik ausgedrückt werden kann, muss nicht in Worte gefasst werden. Und was nicht in Musik ausgedrückt werden kann, ist es gar nicht erst wert, in Worte gefasst zu werden. So einfach ist das.

Ihre Songs hingegen, allesamt selbst geschrieben, sind keineswegs einfach. Aber sie tun so, als ob, und das ist die Kunst. Die Melodien, die Arrangements, die Atmosphäre - alles wirkt so natürlich und wahrhaftig und gleichzeitig so verwunschen und weitgereist, dass man es kaum fassen kann. Schon gar nicht in Worte. Diese Lieder haben etwas Naturgewaltiges, da ist Lava zwischen den Tönen und jede Phrasierung eine Jahrhundertflut, auch wenn sie ganz leise ist. Hunger schleicht und umschmeichelt, hält inne und dann von hinten die Augen zu. Sie knüpft ein Netz aus den Saiten ihrer Akustikgitarre, webt eine Endlosschleife aus den Worten "and we dream" und lockt eine Horde Posaunen in ihren selbstgebastelten Traumfänger. Die Bläser wittern Drama und Festakt zugleich, und plötzlich reißt der Himmel auf und gibt "Shape" seine Form, die vor allem eines ist: flexibel.

Diese Dame singt nicht von Häusern. Sie singt von Hinterhöfen und Vorgärten und nutzt das Dazwischen für fundamentale Gedanken: "In the backyard I grew a statue / Overwhelming and high / And I thought it was a virtue / To gaze at it and sigh." Zum Seufzen schön ist auch der Titeltrack: Klavier und Querflöte spuken durch die blickdichte Nacht, bis Hungers Stimme so hell illuminiert klingt, dass alles außer Andächtigkeit unmöglich erscheint. Aber dann: Ein Bläserensemble inszeniert eine Treibjagd, so dramatisch und authentisch, dass man erleichtert ist, als die Protagonistin die rettende Lichtung erreicht. Hunger ist ohnehin eine überaus brillante Dramaturgin - alleine schon, wie sie bei "Rise and fall" den Bogen spannt, von honigsüßem Chanson mit Bienenschwarm-Streichern über einen tollwütigen Piano-Vibraphon-Galopp hin zu einer A-Capella-Exkursion ins Schwyzerdütsche. Und als wäre nichts gewesen, singt sie direkt danach den zauberhaften "Walzer für niemand", der nur zweieinhalb Minuten braucht, um zu Tränen zu rühren: "Bald bin ich nichts / Und das, was dann bleibt / Ist Deine Wenigkeit." Was von diesem Album bleibt, passt in keinen Güterzug.

Sophie Hunger:
"Monday's Ghost"
Universal Jazz / Universal
VÖ: 27.02.2009


Konzerttermine:

30.03.2009 CH-Cully - Cully Jazz
28.04.2009 A-Dornbirn - Spielboden
29.04.2009 Reutlingen - Jazzfrühling
09.05.2009 Köln - Gebäude 9
10.05.2009 Hamburg - Übel & Gefährlich
11.05.2009 Berlin - LiveAtDot
12.05.2009 Darmstadt - Centralstation
13.05.2009 Karlsruhe - JuBeZ
14.05.2009 München - Ampere

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23 Antworten

Kommentare

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    Dieser Text hat wahrlich neugierig gemacht!

    06.03.2009, 17:20 von tie.he
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    ach die sophie. seit einem jahr zähle ich mich schon zu einem ihrer fans. kaufen leute, kaufen!
    der text ist ein bisschen süffig und zu caramelschokoladisch, aber zum beispiel der satz: "Es kann kein Nebenbei geben während dieser Lieder, man muss sich ihnen ganz und gar hingeben.", passt.
    übrigens: da ist keine horde posaune am werk, einzig allein der ach so wunderbare michael flury fegt einem liebevoll vom hocker.

    05.03.2009, 11:30 von Lena-Maria
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      @[Benutzer gelöscht] Aaaaaahhhh... ich krieg so einen zuviel!!!

      Liebe Leute, es IST eine Rezi, es ist eine GUTE Rezi. Sie findet die Platte gut und dann gibt es eine gute Rezi. Wenn sie sie scheisse finden würde, würde es entweder einen 2-zeiler der zermalmt, geben, oder aber einfach keine.
      Was hier so losgelassen wird, ist echt der hammer.
      Schleichwerbung.. OMG! Wenn jemand über seinen lieblingspub in berlin schreibt ist das was??? Häää???

      AUFWACHEN!
      Und aufhören mit beschimpfungen.
      Und liebste Autorin, da ich die Plattenfirma kenn und auch mit ihnen zusammen arbeite (NEIN, ich bin KEIN Hunger-Fan) werd ich das direkt weiterleiten, damit Fr. Hunger das liesst udnd sich freut.

      Also schnabel halten und nur noch über Themen schreiben die nichts und niemanden und schon gar nicht einen selber betreffen? Idiot! Echt!

      05.03.2009, 11:14 von estreja
    • 0

      @estreja
      Aber wirklich mal. Hier jagt eine Paranoia die nächste...

      05.03.2009, 14:24 von LudwigMartin
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    Die Frage ist natuerlich, ob diese Rezension nicht etwas zu gekuenstelt und daher der Musik keinen Gefallen tut.

    Der Text wirkt wie ein Stapel gefrorenes Ejakulat. Eigentlich soll es befruchten, aber man liest und erkaltet an der Rezensentin. Sorry.

    04.03.2009, 23:43 von zunburnt
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    Wie recht du hast!

    04.03.2009, 19:55 von nina90
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    ACHTUNG Schleichwerbung!
    Oder bekommt Neon doch Geld dafür und es ist nur eine als "Information" getarnte Werbung?

    04.03.2009, 19:47 von nina90
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      @nina90 Liebe nina90,
      nein, wie bekommen kein Geld dafür. Und Schleichwerbung ist dies mit Sicherheit nicht, hier schreibt eine Autorin auf, wie ihr die neue Platte einer Künstlerin gefällt - nämlich gut. Die Zusatzinformationen unter dem Text, die dir offensichtlich nicht gefallen, finde ich sehr hilfreich. Viele Grüße, Sophie

      04.03.2009, 20:20 von sophie_servaes
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    brilliant geschrieben.

    04.03.2009, 19:26 von Apfelohring
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    Der Text ist m.E. zu speziell, zu subjektiv, um der Startseite "würdig" zu sein. Es war doch vorhersehbar, dass sich der Kreis der Kommentatoren in zwei Lager aufspalten wird: das, derjeniger Personen, die die Musik zu schätzen wissen, und das eben jener, die beim Hören mit den Schultern zucken und dem Ganzen nichts abgewinnen können.

    Und, um mir quasi auf einer anderen Eben selbst zu widersprechen: Ich vermag wiederum das wahrhaft Spezielle bzw. Markante der Musik nicht zu erkennen (durch den Text wohlgemerkt). Die Beschreibung passt auf duzende und aber duzende Künstler, die einen ähnlichen Stil pflegen. Auf mich wirkt der Hintergrund des Schaffens Hungers' nicht einzigartig, sondern vielmehr banal... normal... eben dem Standard entsprechend.

    04.03.2009, 17:05 von weltaufgang
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